25.04.2018

Eis Eis Bärli

Von Matthias Kraus

Titelbild

Foto: robynm via Pixabay / CC0

Der Eisbär soll vorm Aussterben stehen und die Pole sollen abschmelzen. Die Zahlen vom ewigen Eis aber sprechen eine ganz andere Sprache.

Charlottes Lieblingstiere sind Eisbären. Sie sehen ja auch wirklich aus wie lebendig gewordene Kuscheltiere. Im Kunstunterricht zeichnet sie gerade einen Comic mit sich als Superheldin. Sie ist „Polargirl“ mit der Mission, die Eisbären zu retten, die bekanntlich vom Aussterben bedroht sind. Kürzlich wurde jenes Stück Allgemeinwissen mal wieder kindgerecht serviert, in der Märzausgabe von Dein Spiegel (dem Spiegel-Kindermagazin). Die Beste Lehrerin der Welt™ hat dieses Magazin natürlich abonniert. Auch unsere Kinder sollen sich schon mit kritischen, warnenden oder einfach interessanten medialen Themen befassen. Aufmacher-Bildmontage auf der Titelseite: Eine Eisbärenmutter, ihr Junges ängstlich ans Bein gekauert. Beide balancieren auf drei sich auflösenden Eisschollen in Form der Buchstaben SOS.

In der Titelstory bleibt vom düsteren Sinnbild nicht viel übrig. Vage heißt es: „Einige Forscher glauben, dass es im Jahr 2050 ein Drittel weniger Eisbären geben wird.“ Aha. Und was glauben die anderen Forscher so? Dabei liegen Zahlen vor. Ende der 1960er-Jahre, als sie noch gejagt werden durften, gab es geschätzte 12.000 Eisbären, 2005 waren es etwa 22.500 und 2017 tummeln sich bereits 30.000 der putzigen Tapse auf der zerrinnenden Scholle, obwohl in Kanada jedes Jahr 600 Tiere ganz legal erschossen werden. Seit den 80er Jahren schmilzt das arktische Eis im Sommer tatsächlich jedes Jahr ein bisschen mehr ab (wobei sich der Trend nun möglicherweise umkehrt). Das ist nichts Neues — von 1922 bis 1940 war es am Nordpol im Schnitt 1,7 °C wärmer als noch 1910 — aber für uns Progressive ein weiterer Grund zur Panik. Den Eisbären (offiziell: Ursus maritimus, Meeresbär) kommt der derzeitige Trend ganz gelegen, denn so gelangen sie besser zu den leckeren Robben. Trotz der erfreulichen Populationsentwicklung gab es 2006 ein Upgrade auf der IUCN-Liste der bedrohten Tierarten, nämlich von „least concern“ (ungefährdet) zu „vulnerable“ (gefährdet). Den Status „least concern“ erhalten übrigens sämtliche Arten, die nicht vom Aussterben bedroht sind, die allermeisten also. Das ist so, als würden Mediziner alle Gesunden als „noch nicht tot“ bezeichnen: faktisch richtig, seltsamer Blickwinkel.

Dabei hatte die Polar Bear Specialist Group (PBSG) den Eisbären gerade erst zehn Jahre vorher erstmals bescheinigt, es ginge ihrer Art wieder gut. Diese Einschätzung war natürlich ziemlich unüberlegt. Um sich nicht im nächsten Schritt mangels Bedarf selbst auflösen zu müssen, blieb den Spezialisten gar nichts anderes übrig, als 2006 zurückzurudern zum gewohnten „vulnerable“. Einzig PBSG-Mitglied Mitch Taylor gab das Kameradenschwein und stimmte gegen das Upgrade. Er wurde sofort ausgeschlossen und fortan gemieden und gemobbt. Eine harte, aber richtige Entscheidung. Sie hielt für Groß und Klein das fotogene Bedrohungsszenario aufrecht. Unser Lieblingskuscheltier ist nun doch wieder auf unsere Fürsorge angewiesen, die wir ihm so gerne schenken, es kann weiterhin aus dem Himmel fallen, für Fertighäuser werben und Demos anführen.

„Vielleicht lockt selbst die tägliche Halbwahrheit, dass alles noch schlimmer wird als ohnehin schon befürchtet, so langsam kaum noch jemanden hinter dem Ofen vor.“

Was den anderen Pol betrifft: Eine Story, die kurz darauf im Spiegel für Erwachsene erschien, hat mich gleich wieder verwirrt. Die Antarktis erlebe ein nie da gewesenes Pflanzenwachstum. Im Bild sehen wir Pinguine, die traurig auf kargen Felsen hocken müssen, statt lustig übers Eis zu watscheln. Im Hintergrund grünt es bereits kräftig. Diese Information passt so gar nicht zu dem, was ich mir ein Jahr zuvor zu Ohren gekommen war, nämlich, dass die Antarktis schneller Eis dazugewinnt, als es am Nordpol schmilzt. Liest man den Artikel, sieht es ganz anders aus, es ist wohl bald vorbei mit der majestätischen Pracht. „Dramatische Auswirkung“ habe der Temperaturanstieg, er würde „die Biologie und die Landschaft dieser einmaligen Region umkrempeln“. Im allerletzten Absatz dann stellt sich für das Häuflein verbliebener Leser heraus, dass der gesamte Artikel von nur 0,4 Prozent der Antarktis handelt, einer Teilregion der „antarktischen Halbinsel“, welche ein einziges Mal beiläufig erwähnt wird.

Wer sich jetzt wundert, wieso denn Halbinsel, die Antarktis ist doch ein Kontinent, dem sei gesagt, dass jener kleine Wurmfortsatz, der nach Südamerika zeigt, so genannt wird. Er macht vier Prozent der gesamten Antarktis aus. Leser, die nicht von Berufs wegen Geologen sind, müssen das selbst herausfinden, die Story mit der Überschrift „Klimawandel macht Antarktis grüner“ setzt diese Information scheinbar als bekannt voraus. Das Klima dieser Halbinsel unterscheidet sich übrigens schon immer vom Rest des Eiskontinents. Das liegt unter anderem am größeren Einfluss der El-Niño-Meeresströmung (ENSO) aufgrund der relativ nördlichen Lage. Sagen jedenfalls die Wissenschaftler des deutschen Forschungsschiffs „Polarstern“. Möglicherweise spielen neben menschlicher Missetat und pazifischer Oszillation (PDO) auch die 91 neu entdeckten Vulkane unter dem Eis eine Rolle. Das wäre natürlich keine Neuigkeit à la Mann beißt Hund (bzw. Planet).

Andererseits, vielleicht lockt selbst die tägliche Halbwahrheit, dass alles noch schlimmer wird als ohnehin schon befürchtet, so langsam kaum noch jemanden hinter dem Ofen vor. Charlotte alias Polargirl ist wie alle unsere Kinder eine glühende Streiterin für die Weltenrettung, aber die Eisbären-Endzeit-Story hat sie trotzdem nicht gelesen. Sie sagt, sie wisse sowieso schon vorher, dass da immer das Gleiche drin steht.

Dieser Text erscheint als Teil der Reihe „Losing my religion” von Matthias Kraus.