24.06.2011

Der Fall Enstrom

Kommentar von Christoph Lövenich

Das Anhörungsverfahren gegen den kalifonischen Epidemiologen James Enstrom zeigt aktuelle Gefahren für die Freiheit der Wissenschaft. Weil er in seinem Spezialgebiet, der Feinstaubforschung, zu abweichenden Ergebnissen kommt, wollen Politik und Umweltverbänden ihn ruhig stellen

James Enstrom ist Professor. Genauer gesagt Forschungsprofessor an der staatlichen Universität Kaliforniens, Campus Los Angeles (UCLA). Schon seit 1976 ergründet der Epidemiologe, der mit wissenschaftlichen Koryphäen zusammengearbeitet hat, auch mit einem Nobelpreisträger, in zahlreichen Veröffentlichungen die Zusammenhänge von Umwelteinflüssen und ihren gesundheitlichen Auswirkungen. Im Juni 2010 teilt ihm der Geschäftsführende Direktor des Institut für Umweltgesundheitswissenschaften, Prof. Richard Jackson, aus heiterem Himmel mit, dass er ab Ende August die Universität zu verlassen habe, was die zuständige Prodekanin im folgenden Juli bestätigt . Als Hauptgrund für die faktische Entlassung wird in beiden Schreiben die Behauptung genannt, dass Enstroms “Forschung nicht im Einklang mit dem akademischem Auftrag des Instituts” stehe. Was damit gemeint sein könnte, ist angesichts des wissenschaftlichen Profils von Prof. Enstrom zunächst nicht erkenntlich, zumal er – genau wie viele seiner Institutskollegen – in den letzten Jahren sich hauptsächlich mit den Zusammenhängen von Feinstaub und Gesundheitsproblemen beschäftigt hat. Sogar die größte Untersuchung zur Korrelation von Sterblichkeit und Feinstaubexposition, publiziert 2005, stammt aus seiner Feder.

Bei näherem Hinsehen deutet sich jedoch an, wo das Problem liegt. Enstrom kam in seiner Untersuchung von 50.000 Kaliforniern zu dem Ergebnis, dass kein statistischer Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastung (PM2,5) und der allgemeinen Sterblichkeit besteht. Damit setzte er sich in einen Widerspruch zu einigen Arbeiten seiner Kollegen und jenen Mantras, auf denen in Kalifornien aktuelle gesetzliche Regularien, etwa für das Transportgewerbe basieren. Dort geht man von mehreren Tausend jährlichen Toten durch Abgasfeinstaub aus, Enstrom zufolge dürfte diese Zahl bei ungefähr Null liegen.

„Die Umweltregulierungsmaschinerie ist mächtig in Kalifornien“ sagt ein Vertreter einer dortigen Bürgerrechtsorganisation, und Enstrom stieß nicht nur durch seine Publikation seinen Stachel in deren Fleisch: Er enthüllte, dass der Hauptautor einer Studie der kalifornischen Luftreinhaltungskommission (CARB), Hien Tran, seinen Doktorgrad nicht wie behauptet ordnungsgemäß erlangt, sondern für 1000 Dollar an einer Pseudo-Universität erworben hatte. Weder wurde Tran anschließend von der CARB entlassen, noch musste deren Direktorin Mary Nichols (ebenfalls UCLA-Professorin), die diesen Umstand verschwiegen hatte, von ihrem Amt zurücktreten. Eine Studie von Geoffrey Kabat, eines New Yorker Kollegen Enstroms, die zu anderen Ergebnissen kam als Tran, wurde ignoriert, die einschneidenden gesetzlichen Maßnahmen hingegen, die unzählige kleine und mittlere Unternehmen existenziell bedrohen, auf Grundlage von Trans Machwerk erlassen, blieben in Kraft. Ein kalifornischer Journalist: “Allem Anschein nach hat [die Luftreinhaltungskommission] Trans Fälschungen nicht nur verdeckt, sondern ihre Sykophanten an der UCLA-Fakultät bestrafen auch noch denjenigen, der darauf aufmerksam gemacht hat.“

Und noch einen weiteren Verstoß brachte Enstrom ans Tageslicht: Prof. John Froines, ein Lobbyist für diese Regulierung, war gesetzeswidrig viel zu lange Beiratsvorsitzender von CARB gewesen und musste diesen Sitz daher aufgeben. Passenderweise ist Froines Enstroms mächtigster Institutskollege und genau diese Kollegen waren es, die in geheimer Abstimmung, ohne Enstrom zu informieren oder ihm Gelegenheit zur Gegenrede einzuräumen, seine Entlassung beschlossen haben. Kritiker sehen in diesem Vorgehen, insbesondere in der Befangenheit Froines‘ (der Enstrom auch mal öffentlich lächerlich gemacht hat), aber ebenfalls in der seiner anderen Kollegen mit gegensätzlichen Auffassungen, einen eklatanten Verstoß gegen das Prinzip eines fairen Verfahrens. Abgesehen von solchen prozeduralen Aspekten bedroht aber vor allem der Umstand, dass missliebige Forschungsergebnisse mit der Entfernung aus einer Universität geahndet werden sollen, die akademische Freiheit und verführt zur Selbstzensur. Wenn solcherart universitäre Forschung zur Knetmasse staatlicher Politik und ideologischer Interessen verkommt, zerfällt die wissenschaftliche Integrität zu (Fein)Staub.

Und löst sich in Rauch auf, denn Enstrom war bereits 2003 einschlägigen Kreisen unangenehm aufgefallen. Mit seinem New Yorker Kollegen Geoffrey Kabat hatte er eine Studie veröffentlicht, der zufolge von keinem ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Einatmen von Umgebungsrauch einerseits und Lungenkrebs sowie Herz- /Kreislaufkrankheiten die Rede sein könne. Ein Resultat, das zum Forschungsstand keineswegs im Widerspruch steht, allerdings sehr wohl zu den allgemeinen politischen und medialen Verlautbarungen zu diesem Thema. Die diese ventilierenden Kreise haben in Kalifornien seit Jahrzehnten eine weltweit operierende Machtbasis, und so kam es, dass Enstrom, der zuvor über 30 Jahre ohne politischen Kontroversen geforscht hatte, sich auf einmal einem Ansturm von Empörung seitens der Antiraucherbewegung ausgesetzt sah. Die Fachzeitschrift, die die Untersuchung publiziert hatte, das British Medical Journal (BMJ), wurde deshalb mit einer Kampagne überzogen, die Autoren sahen ihre Reputation stark in Frage gestellt. Eine wissenschaftssoziologische Untersuchung dieser Vorgänge unter dem Titel „Silencing Science“ legt dar, auf welche Weise hier ein „Wahrheitsregime“ (M. Foucault) gegen Abweichler durchgesetzt werden sollte. Nicht ohne Erfolg, denn die Massenmedien, sonst eifrige Berichterstatter beim Thema Umgebungsrauch, ignorierten fast alle genau diese Studie oder setzten sie voreingenommen in ein schlechtes Licht.

Sowohl die Autoren von Silencing Science als auch Enstrom selbst fühlten sich erinnert sich an den sog. Lyssenkoismus in der Sowjetunion, einer massiven staatlichen Unterdrückung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Pflanzengenetik zugunsten eines Dogmas des Professoren Lyssenko bis in die Sechziger Jahre hinein, mit verheerenden Konsequenzen für die Ernährung der Bevölkerung (siehe auch Dénes Dudits in Novo 110/111: S. 54f. „Grüne Gentechnik in Europa: Lyssenko lässt grüßen“, der diese Zeit noch selbst miterlebt hat). Zusätzlich ließe sich noch eine inhaltliche Parallele anführen: Der Lyssenkoismus überbetonte fälschlich die Rolle von Umwelteinflüssen auf Organismen, nichts anders finden wir in der vorherrschenden Umwelt- und Gesundheitsepidemiologie vor.

Ferner sprach Enstrom in seiner Verteidigung von einem „wissenschaftlichen McCarthyismus“. Dieser drückte sich auch dadurch aus, dass zwei in Antiraucherkreisen namhafte Forscher, darunter Pascal Diethelm aus der Schweiz, 2009 Enstrom und seinen Koautor Kabat wegen ihrer wissenschaftlichen Auffassung zum Passivrauch in eine Ecke mit Holocaust-Leugnern gestellt haben (siehe für Deutschland „Novo als Hort der Leugner, oder: ‚Haltet den Dieb!‘“. Diethelm & Co. war es zuvor gelungen, einen Forscher in der WHO- und Calvin-Stadt Genf wegen unliebsamer Forschungsergebnisse vor Gericht zu zerren.

Außerdem bezeichnete der damalige kalifornische Vize-Gouverneur die Enstrom/Kabat-Studie gegenüber der Universität als staatsschädlich, und die amerikanische Krebsgesellschaft, eine bedeutende Antiraucher-Lobby, beschuldigte Enstrom gänzlich unfundiert des wissenschaftlichen Fehlverhaltens, ein Vorwurf, von dem er seitens seiner Universität dann auch freigesprochen wurde. Der Mediziner Prof. Michael Siegel, vom fanatischen Antiraucher zum differenzierten Kritiker sowohl des (Passiv)Rauchens einerseits als auch der Tabakkontrollbewegung andererseits gereift, sprach in diesem Zusammenhang von „Hexenjagd“ und „Charaktermord“ und verlangte eine Entschuldigung der Krebsgesellschaft bei Enstrom, die aber ausblieb.

Es kann also getrost davon ausgegangen werden, dass die Vorkommnisse um den Feinstaub nicht der einzige Grund waren für den Versuch, Enstrom aus dem universitären Verkehr zu ziehen, sondern sowohl diese Frage als auch das Thema Umgebungsrauch kumulativ dazu geführt haben, dass sich genügend entschlossene Feinde des Epidemiologen zusammenfinden konnten, die diese “völlige Zerstörung wissenschaftlicher Integrität” (Prof. Siegel) bewerkstelligen wollten.

Und wie geht es für Enstrom beruflich nun weiter? Nach Protesten von Bürgerrechtlern und einigen Abgeordneten des kalifornischen Landesparlaments wurde seine Stelle zweimal verlängert, zunächst bis zum 31. März, nun maximal zum 30. Juni dieses Jahres bzw. bis zum Ende eines Anhörungsverfahrens, in dessen Rahmen er sich Anfang April nun doch gegen die abstrusen Vorwürfe verteidigen durfte. Unabhängig vom Ausgang seines Verfahrens dürfte aber ein anonymer Kommentator in einem Blog mit seiner Feststellung Recht behalten: „Der gesamte Staat Kalifornien arbeitet auf der Grundlage von Junk Science”.

Und die Punk-Band The Dead Kennedys hat schon 1979 mit ihrem Song „California Ueber Alles“ ein faschistoides Hippie-Regime für den Sonnenstaat vorhergesehen.