14.06.2011

Holzheizungen! Nein Danke?

Von Ruth Berger

Aus Liebe zur Natur werden Risiken hierzulande äußerst selektiv bewertet, meint Ruth Berger: In Deutschland sterben binnen zehn Jahren mehr Menschen durch „klimafreundliche“ Holzheizungen, als die Katastrophe von Tschernobyl insgesamt Opfer hatte und haben wird – und niemanden stört's

Während ein Aufschrei gegen die Atomkraft durchs Land geht, wird die Nutzung von Holz als Energieträger ausgebaut und öffentlich gefördert. Holzheizungen der einen oder anderen Art, ob als Pelletheizung oder als gemütlicher Kamin im Wohnzimmer, finden sich in fast jedem Neubau. Vor fünfzig Jahren assoziierte man Holzöfen mit Gestank und Rückständigkeit. Heute assoziiert man Begriffe wie “regenerativ”, “nachhaltig”, “klimafreundlich”, “umweltfreundlich”, “fortschrittlich”. Nicht zuletzt sind Kamine und Kaminöfen (die dänischen mit der Glasscheibe!) heute bei Hausbauern ein Modeaccessoire und Statussymbol.

Was stimmt: Speziell die neuen Pelletheizungen sind um Klassen besser als der typische stinkige Holzofen von 1930 oder 1950. Doch noch immer sind Holzheizungen die schlimmsten Dreckschleudern, die das Land zu bieten hat. Selbst ein Pelletofen mit Umweltengel bläst bei perfektem Betrieb pro erzeugter Wärmeeinheit etwa fünfmal mehr Feinstaub in die Luft als eine Ölheizung (und tausend Mal mehr als eine Gasheizung). Offene Kamine produzieren sogar das Hundertfache an Feinstaub wie ein Ölofen und die beliebten Kaminöfen gerne das Siebzigfache  (gute neue Modelle erreichen immerhin Werte nahe an den Pelletöfen). So kommt es, dass Holzheizungen trotz der geringen installierten Kapazität schon 2003 für mehr Feinstaub verantwortlich waren als die gesamten Abgase des StraßenverkehrsTendenz steigend: Von 1990 bis 2003 hatte der Dreck aus Holzheizungen sich glatt verdoppelt. Grund: die Kaminmode und die vielen “Niedrigenergie”-Neubauten mit Pellet- und Holzschnitzelheizungen.

Feinstaub ist der Gesundheit abträglich, zumal Holzbrandpartikel krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe enthalten, nicht anders als die geschmähten Dieselabgase. Bei jeder Erhöhung des Feinstoffgehalts der Luft um 10 Mikrogramm pro Kubikmeter steigt die Sterblichkeit in der Bevölkerung messbar, und zwar am stärksten durch Herzinfarkte und Lungenerkrankungen einschließlich Lungenkrebs. (Siehe beispielsweise hier, hier, oder hier.) Die Gesamtzahl der Todesfälle durch Feinstaub liegt in Deutschland laut EU-Angaben bei 75 000 im Jahr. Da der Anteil der Holzheizungen am Gesamtfeinstaubaufkommen 2003 etwa ein Zehntel betrug (24 000 von 227 000, aktuellere Zahlen liegen nicht vor), kann man sich leicht ausrechnen, für wie viele Tote im Jahr die Holzheizungen mit dem Öko-Image verantwortlich sind. Es sind gut 7500, d.h. fast ein Prozent aller Todesfälle in Deutschland gehen auf Holzheizungen zurück. Man kann es auch so ausdrücken: In Deutschland sterben binnen zehn Jahren mehr Menschen durch Holzheizungen, als die Katastrophe von Tschernobyl insgesamt Opfer hatte und durch Spätfolgen in der Zukunft noch haben wird. Und falls Sie jetzt denken, dass ich eine Tschernobylopferschätzung der Atomindustrie verwende, so täuschen Sie sich: Es sind die Zahlen aus The Other Report on Chernobyl, in Auftrag gegeben von der Grünen-Fraktion des Europaparlamentes als Gegengutachten zu den weit optimistischeren Opferschätzungen der UN und WHO. Dieser nuklearkritische Bericht schätzt, dass es durch Tschernobyl-Strahlenfolgen bis 2056 insgesamt dreißig- bis sechzigtausend zusätzliche Todesfälle geben wird. Durch Holzheizungen aber sterben zwischen 2000 und 2010 allein in Deutschland fünfundsiebzigtausend Menschen, die allesamt länger leben könnten, würden die Kaminbesitzer auf ihre gemütlichen Stunden vor dem Kamin verzichten und die Pellet- und Holzschnitzelheizungen durch Gasheizungen ersetzt.

Der gefährliche Schadstoffaustoß von Kaminen und Holzöfen ist nicht obskur oder umstritten, und er ist sogar allgemein bekannt, siehe etwa hier (Spiegel), hier (Zeit), und hier. Natürlich weiß auch das Bundesumweltministerium, dass Holzheizungen gesundheitsschädlich sind und dass der derzeitige Ausbau Menschenleben kostet. Warum tritt man trotzdem so leise und benennt die Holzheizungen nicht als das, was sie sind: gefährliche Dreckschleudern? Grund Nummer eins: Solange kein Aufschrei durch die Bevölkerung geht, ist keine Not am Mann. Und es geht kein Aufschrei durch die Bevölkerung. Presseartikel wie die eben verlinkten aus Zeit und Spiegel hinterlassen keine Wirkung. Wenn die Zeit schreibt, dass durch Holzheizungen in Deutschland jährlich 20 000 Menschen sterben (eine hoffentlich eher zu hoch gegriffene Zahl), nimmt man das zur Kenntnis und blättert weiter. Man stelle sich den Entrüstungssturm vor, falls Atomkraftwerke hier so viele Menschen jährlich auf dem Gewissen hätten. Gegen die unheimliche, “unnatürliche” Atomkraft, die mit der Atombombe assoziiert ist, haben die (West-)Deutschen ein tiefsitzendes Ressentiment. Hier reicht ein Leukämiefall pro Jahr in der Nähe eines einzelnen Atomkraftwerks, um gerechten Zorn zu erregen und Expertenkommissionen jahrelang beschäftigt zu halten; hier werden Wahlen beeinflusst. Gegen den Brennstoff Holz jedoch ist kein Ressentiment vorhanden. Er ist “natürlich” (“natürlich” ist seltsamerweise gleichbedeutend mit gut, als wären nicht auch Erdbeben und die Pest, Arsen und Quecksilber “natürlich”); er ist nicht für Hiroshima verantwortlich, mit der suspekten Großindustrie hat er auf den ersten Blick nichts zu tun, und er hinterlässt keine spektakulären Ruinen explodierter Kraftwerke samt “Todeszonen”. Also steht man Holz erst einmal positiv gegenüber. Die Massenmedien tun ihr Übriges, indem sie am breitesten und marktschreierischsten die Narrative bedienen, die der Leser schon kennt und liebt (Atomkraft = böse, Tschernobyl = größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte). So ruft der Wähler ohne Zögern nach dem Abschalten der Atomkraftwerke, weil es in Japan im Gefolge eines der schwersten jemals gemessenen Erdbeben eine Havarie mit hoher Radioaktivitätsfreisetzung gab.  Maßnahmen gegen die Holzverfeuerung und deren ganz ohne Unfall ständig ausgestoßenen, ebenso gefährlichen Abgase sind dagegen im Zweifelsfall sogar unpopulär. Wer will sich schon seinen Kamin verbieten lassen? Die Gesundheitsfolgen des gemütlichen Feuerchens nehme ich nicht direkt wahr (es sei denn, ich bekomme nach Kaminstunden Asthma oder das Baby hustet, und dann ist der Ofen schnell aus). Die Vorteile aber kann ich am eigenen Leib und Portemonnaie erfahren.

Der Klimaschutz liefert natürlich den Hauptgrund, warum Umweltministerium und Umweltamt betreffs des skandalösen Schadstoffausstoßes von Holzheizungen so still halten (auch die jüngsten, verschärften Richtlinien sind lasch) und Pelletheizungen sogar fördern. Diese Heizungen produzieren zwar mehr Feinstaub pro Kilojoule Wärme als jeder andere Energieträger, auch nach der Gesetzesnovelle, aber sie sind gut fürs Klima!

Aber Moment, wie war das gleich ... War nicht Atomkraft auch “gut fürs Klima”? Hat der Nachbar Frankreich nicht (unter anderem) deshalb einen um fast 40 % geringeren CO2-Ausstoß pro Kopf als Deutschland, weil er den Großteil seines Stroms mit Atomkraftwerken produziert?

Bei der Atomkraft haben Bürger und Umweltlobbyisten mehrheitlich entschieden, der Vorteil der CO2-Ersparnis wiege die Nachteile der Gefahren durch Unfälle und strahlende Abfälle nicht auf. Für Holzheizungen muss aber der gleiche Standard gelten, und die Konsequenzen sind noch weit klarer. Es geht hier nämlich nicht um Eventualitäten (falls in Biblis ein GAU passiert oder falls der Endlager-Salzstock nicht dicht hält, könnte es soundsoviele Tote und soundsoviel Kosten geben), sondern es geht um eine akut hierzulande schon bestehende Gesundheitsbelastung der Bürger samt Abertausenden von Geschädigten und Tausenden von Todesfällen. Wenn eine Technik heute und hier pro eingespartem Kubikmeter CO2 mehr Tote produziert, als sie durch Klimawandelmitigation in der Zukunft vielleicht vermeiden helfen kann, dann liegt nahe, dass man auf diese Form des Klimaschutzes verzichten sollte – bis es bessere Filtersysteme gibt. Es sei denn natürlich, man nimmt es mit dem Gesundheitsschutz nicht so genau (sterben müssen wir alle irgendwann) und will lieber das hübsche Kaminfeuer genießen. Das ist auch eine begründbare Einstellung, denn die Vorstellung, alles Tun und Lassen müsse sich nach Gesundheitserwägungen richten, hat auch etwas Bedrückendes. Wenn man Kamine trotz der Folgen akzeptabel findet, gibt es allerdings erst recht keinen Grund, die teils vom Steuerzahler mitbezahlten alten Atommeiler und ihren billigen Strom nicht bis zum Ende ihrer Lebensdauer weiterlaufen zu lassen. Ersetzt wird der fehlende Atomstrom derzeit übrigens weitgehend durch Steinkohle und Braunkohle aus Frankreich und Tschechien, samt entsprechenden gesundheitsschädlichen Emissionen dort. Die gefühlte Risikominderung hier erkauft man sich also durch Tote in anderen Ländern. Wohl bekomm’s.