05.08.2026

Der CSD-Anschlag und die Paradoxien des Queerfeminismus

Von Gerfried Ambrosch

Titelbild

Foto: mathiaswasik via Flickr / CC BY-SA 2.0

Die islamistische Terrorattacke auf dem Berliner Christopher Street Day offenbart Widersprüche der Woken. Realitätsverleugnung schützt vor Tod und Verletzungen nicht.

Der islamistische Anschlag auf den CSD in Berlin, bei dem ein Mensch starb und 29 verletzt wurden, unterstreicht: Minderheitenstatus und vermeintliche Unterdrückung reichen entgegen queerfeministisch-postkolonialen Narrativen nicht als Grundlage für einen Schulterschluss aus. Doch wo Realitätsverweigerung Programm ist, vermögen selbst eklatante Widersprüche das ideologische Weltbild nicht zu erschüttern.

„Queers for Palestine“ ist nur die Spitze des Eisbergs. Dass man sich auf jene Seite stellt, auf der Homosexuelle verfolgt werden, statt auf jene, auf der sexuellen und anderen Minderheiten Rechte zugesichert werden, weil man – frei nach Edward Said, dem postkolonialen Vordenker – Israel als weiß-westlich-kolonialen Unterdrücker und die Palästinenser als unterdrückte Orientalen einordnet, spricht Bände. Selbst offener Antisemitismus ist dabei längst kein Hindernis mehr. Und was soll das für ein Feminismus sein, der die brutalen Vergewaltigungen israelischer Frauen und Mädchen durch die radikal-islamische Hamas am 7. Oktober 2023 unter den Teppich kehrt oder gar unter „Widerstand“ subsumiert? Woher rührt ein derart kaputter moralischer Kompass?

Es kommt nicht von ungefähr, dass die queerfeministische Vordenkerin Judith Butler, die einst die Hamas und die Hisbollah als Verbündete in einer globalen Linken verortete, es nicht schaffte, deren Massenmord und -vergewaltigung an Zivilisten als Terrorismus zu verurteilen, sondern als „Akt des Widerstands“ legitimierte. Schließlich besteht ihr intellektuelles Projekt – und das der Queer Theory ganz im Allgemeinen – schon immer darin, bestehende Bedeutungskategorien poststrukturalistisch aufzulösen.

„Und wenn das Geschlecht nicht vom Körper abhängt, warum dann geschlechtsangleichende Medikation und Chirurgie?“

Dem Feminismus am abträglichsten war wohl die Auflösung des Begriffs „Frau“. Frauen gibt es im modischen Queerfeminismus nur noch mit Gendersternchen, um biologische Männer, die sich „als Frauen fühlen“, miteinzubeziehen – oder als sogenannte Flinta*-Personen. Das Akronym mit Anhängerkupplung – hier steht das Sternchen für queere Identitäten ohne eigenen Buchstaben – soll Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nonbinäre, Transgeschlechtliche und Agenderpersonen zu einer politischen Front vereinen, indem geschlechtliche, sexuelle, medizinische und psychologische Kategorien zu einer in Teilen widersprüchlichen Identität vermengt werden.

Anders als bei der Abkürzung LGBTQ+ (für Lesbisch, Schwul, Bi, Trans, Queer und weitere) werden Männer ganz ausgeschlossen, egal ob schwul oder hetero – es sei denn, sie fühlen sich einer der obigen Kategorien zugehörig. Denn dann sind sie – der queerfeministischen Logik zufolge – keine Männer mehr, können sogar lesbisch sein, während Frauen, die sich „als Mann fühlen“, Männer sind. Als Transgeschlechtliche bleiben sie dennoch im Team. Nur Lesbe sein geht sich dann nicht mehr aus. Woher eine gebürtige Frau wissen soll, wie sich Mannsein anfühlt, bleibt offen. Letztlich werden althergebrachte Geschlechterstereotype bedient. Und wenn das Geschlecht nicht vom Körper abhängt, warum dann geschlechtsangleichende Medikation und Chirurgie? Bei so viel Widersprüchlichkeit gerät offenbar selbst die Frauen- und Homosexuellenfeindlichkeit vermeintlicher Bündnispartner aus dem Blick.

Dass klassische Feministinnen wie Alice Schwarzer gegen diese Bewegung auf die Barrikaden steigen, darf nicht verwundern. Schließlich haben sie jahrzehntelang für selbstbestimmte gesellschaftliche Schutzräume für aufgrund ihres biologischen Geschlechts oder ihrer gleichgeschlechtlichen Neigung benachteiligte oder misshandelte Frauen gekämpft – zu denen nun biologische Männer Zutritt haben sollen. Grund genug für den neuen queeren Feminismus, der bis heute keine nichtzirkuläre Definition des Begriffs „Frau“ vorzuweisen hat, solche „Transphobie“ lautstark zu diffamieren.

„Je absurder der Glaubenssatz, desto stärker das Signal.“

Ein solcher Umgang mit Kritik erinnert an ein trotziges Kind, das schreit und sich gleichzeitig die Ohren zuhält – Eingeständnis eines fragilen Welt- und Selbstbildes. Darin gibt es die Frommen, und es gibt die Sünder und Ketzer. Mit inquisitorischem Gusto wird „gecancelt“ statt mit Neugier debattiert. Das gebetsmühlenartige Skandieren dogmatischer Losungen fungiert als Glaubensbekenntnis. Je absurder der Glaubenssatz, desto stärker das Signal. So werden Islamisten zu missverstandenen Kämpfern gegen Unterdrückung, und das grundlegendste Faktum unserer Säugetierbiologie – dass es nun einmal Männlein und Weiblein gibt – wird mit esoterischer Theorie aufgehoben.

Beim Thema Gewalt gegen Frauen weicht die Komplexität der Geschlechtertheorie jedoch interessanterweise plötzlich wieder einem simpleren Bild: Es gibt ein Opfergeschlecht und ein Tätergeschlecht. Das ist nicht falsch – blendet aber vieles aus. Aus falschverstandener Solidarität wird beispielsweise die Erwähnung der Tatsache, dass bestimmte Migrantengruppen in der Kriminalitätsstatistik bei Gewalttaten, sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen teils um ein Vielfaches überrepräsentiert sind, als himmelsschreiender Rassismus verteufelt. So tugendhaft sich diese Meinung auch anfühlen mag: Sie fordert reale Opfer.

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