19.05.2021

Der Antisemitismus in der „Black Lives Matter“-Bewegung

Von Kai Funkschmidt

Innerhalb der BLM-Bewegung agieren juden- und israelfeindliche Kreise. Deren Ursprünge reichen weiter zurück.

Anders als in Deutschland wird in englisch- und französischsprachigen Medien zunehmend Kritik an starken antisemitischen Zügen der „Black Lives Matter“-Bewegung (BLM) laut. Die BLM-Proteste, die nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei seiner Verhaftung Ende Mai in Minneapolis begannen, führten unter anderem wegen der aktiven Unterstützung der „Antifa“ vielerorts zu Gewaltausbrüchen, bei denen in den USA nicht nur viele Menschen ermordet wurden, darunter eine ganze Reihe (auch schwarzer) Polizisten und eine junge Mutter, die den Slogan „Black Lives Matter“ mit „All Lives Matter“ beantwortet hatte. 1 In ihrem Verlauf artikulierte sich auch Judenhass und jüdische Einrichtungen wurden angegriffen.

BLM wurde 2013 von drei schwarzen Aktivistinnen gegründet. Auslöser ihres Protests war der Freispruch eines Nachbarschaftswächters, der einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen erschossen hatte. Der Protest richtet sich gegen einen ihrer Ansicht nach systemischen, weit verbreiteten Rassismus und gegen rassistisch motivierte Gewalt der amerikanischen Polizei speziell gegen Schwarze. Denn nur Rassismus könne erklären, dass schwarze Amerikaner, bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil, häufiger von der Polizei getötet werden als Weiße, Latinos und Asiaten. Diese Schlussfolgerung ist allerdings aus mehreren Gründen nicht stichhaltig, wie viele Studien zeigen. 2 Zuletzt war die BLM-Bewegung in Straßenprotesten 2016 nach einem weiteren Todesfall aufgeflammt. Im Sommer 2020 erfährt sie erstmals eine große gesellschaftliche, auch kirchliche Unterstützung und verbreitet sich auch international.

Angriffe und Parolen gegen Juden

Die meisten antisemitischen Vorfälle fanden in den USA statt. In Los Angeles wurden jüdische Geschäfte zerstört und geplündert und die Statue des schwedischen Judenretters Raoul Wallenberg (1912-1947) geschändet. Mehrere Synagogen wurden beschädigt und mit „Free Palestine! Fuck Israel!“ besprüht. 3 Am 1. Juli mischten sich bei Demonstrationen in Washington Hasschöre gegen Israel, das „Kinder ermordet“, mit den BLM-Parolen, während in San Diego jüdische Einrichtungen wie das Haus der Studentenorganisation Hillel angegriffen wurden. 4 Der populäre Rapper Ice Cube bekannte sich zu BLM, indem er unter großem digitalen Beifall eine antisemitische Karikatur im Stil des Stürmer postete und dazu schrieb: „Wir brauchen nur [gegen sie] aufzustehen und ihr kleines Spiel ist aus.“ Ice Cube feierte auch Louis Farrakhan, den Gründer der „Nation of Islam“ (auch „Black Muslims“ genannt), einer von Judenhass und antiweißem Rassismus geprägten neureligiösen Gruppe. Zahlreiche Stimmen innerhalb von BLM sehen Parallelen zwischen dem „Genozid“ und den „Lynchings“ der amerikanischen Polizei an Schwarzen und Israels Behandlung der Palästinenser, die sie ebenfalls als Völkermord bezeichnen.

„Am 1. Juli mischten sich bei Demonstrationen in Washington Hasschöre gegen Israel, das ‚Kinder ermordet‘, mit den BLM-Parolen, während in San Diego jüdische Einrichtungen wie das Haus der Studentenorganisation Hillel angegriffen wurden.“

Viele Medien übernahmen die Behauptung, in der Ausbildung amerikanischer Polizisten durch israelische Kollegen werde auch die „Methode“ gelehrt, an der George Floyd bei seiner Verhaftung gestorben sei (ein Polizist hatte minutenlang auf dessen Hals gekniet). Sogar die Evangelisch-Lutherische Kirche der USA (ELCUSA) habe dies in offiziellen Dokumenten verbreitet, bemängelt die Jerusalem Post. 5 Teilweise wird allein die Tatsache der Kooperation von israelischer und amerikanischer Polizei als Kritikpunkt angeführt. Dies impliziere, dass die israelische Polizei routinemäßig menschenrechtswidrige, ja mörderische Gewalt anwende. Durch diese Behauptung wird, kritisiert die Zeitung, eine jüdische Mitverantwortung für die Härte der amerikanischen Polizei insinuiert – eine Variante des alten Gerüchts über die jüdische Weltverschwörung, die hinter allem Übel stecken soll. Die amerikanische Polizei bestreitet im Übrigen, dass ein Verhalten, das in diesem Fall zu einer Mordanklage führte, in der Ausbildung gelehrt werde.

Die Allianz von BLM und BDS

Auch international zeigten sich antisemitische Züge von BLM. Sie sind teils auf den Schulterschluss mit arabischer Israelkritik und deren linksextremen Unterstützern zurückzuführen, die mit dem Slogan „Palestinian Lives Matter“ auf den „Black Lives Matter“-Zug aufsprangen. In Paris schwenkten Demonstranten im Juni auf einer Antirassismus-Kundgebung Palästinenserflaggen und zeigten Plakate mit den Aufschriften „Israel, Laboratorium der Polizeigewalt“, „Wer ist der Terrorist?“, „Palästina den Palästinensern! Boykottiert Israel“. Über den Place de la République scholl wie in den letzten Jahren immer häufiger der Ruf „Dreckige Juden!“. Der Chef der linksextremen Partei „La France Insoumise“, Jean-Luc Mélenchon (mit fast 20 Prozent Stimmenanteil dritter Platz bei der Präsidentschaftswahl 2017), erklärte zum wiederholten Male in solchen Fällen, dies sei nicht antisemitisch zu verstehen.

Neben der engen Verbindung zur „Antifa“ und zur linken Szene fördert auch das Zusammengehen mit der israelfeindlichen BDS-Kampagne („Boycott, Divestment, Sanctions“) die antisemitischen Züge von BLM. Die beiden Bewegungen erklären sich seit Jahren gegenseitig ihre Solidarität und marschieren in den Demos der jeweils anderen mit. Die deutsche BDS-Bewegung setzt den mutmaßlichen Mord an einem wehrlosen Schwarzen mit dem angeblich üblichen Umgang Israels mit Arabern gleich:

„So, wie die israelischen Besatzungstruppen dazu dienen, das Apartheidsystem gegen die Palästinenser*innen weiter zu verfestigen, so dienen die US-Polizeikräfte nur dazu, das System der Vormachtstellung und Privilegien der US-amerikanischen Weißen weiter zu verfestigen […] An unsere schwarzen Brüder und Schwestern: Eure Widerstandsfähigkeit angesichts der brutalen Entmenschlichung ist uns eine Quelle der Inspiration für unseren eigenen Kampf gegen das israelische Besatzungsregime, den Siedlerkolonialismus und die Apartheid.“

Dabei würde „Israels Unterdrückungsregime“ die „indigene Bevölkerung Palästinas mit bedingungsloser Unterstützung der US-Regierung […] enteignen [und] ethnisch […] säubern“. 6

„Neben der engen Verbindung zur ‚Antifa‘ und zur linken Szene fördert auch das Zusammengehen mit der israelfeindlichen BDS-Kampagne die antisemitischen Züge von BLM.“

Antisemitismus bei BLM ist dabei kein neues Phänomen. BLM-Mitgründerin Patrisse Cullors war schon 2015 Mitunterzeichnerin der Erklärung „Black for Palestine“. Darin werden „Solidarität mit dem palästinensischen Kampf um Befreiung“ und ein Ende von Israels „Besatzung Palästinas“ gefordert. Außerdem wird um Unterstützung für die Boykottbewegung BDS geworben. 7 Am 1. August 2016 publizierte BLM eine Programmschrift 8, in der man uneingeschränkte Unterstützung für die „Befreiung Palästinas“ und für BDS sowie die Ablehnung des „Apartheidstaats Israel“ erklärte. Dieser verübe mit US-amerikanischer Unterstützung einen „Genozid“ am palästinensischen Volk. „Black Lives Matter und Palästina: Eine historische Allianz“ titelte der New Yorker Professor Hamid Dabashi dazu auf Al-Jazeera und identifizierte die „Siedlerkolonie in Israel“ mit den amerikanischen Juden in ihrem „imperialen Lebensraum“. 9

Dieses BLM-Palästina-Bündnis bezeichnet sich teilweise als „Weaponized Intersectionality“ (bewaffnete Intersektionalität); seine Forderungen laufen in ihrer Konsequenz auf eine Auflösung des Staates Israel hinaus. Das BLM-Manifest zog 2016 scharfe Kritik jüdischer Organisationen auf sich. Amerikanische Juden waren von der Entwicklung auch deshalb enttäuscht, weil das organisierte Judentum ebenso wie viele einzelne Juden jahrzehntelang zu den aktivsten Unterstützern der Bürgerrechtsbewegung Martin Luther Kings, ihrer Vorläufer und später von BLM gehört hatten. 10

Juden zwischen den Stühlen

Paradoxe Auswirkungen hat die Entwicklung auf schwarze Juden, die sich plötzlich zwischen den Fronten wiederfinden. Sie sind bei BLM unerwünscht, unter anderem, weil Juden angeblich die Medien kontrollieren. Als die englische Journalistin Nadine Batchelor-Hunt einen antisemitischen Tweet der britischen BLM-Bewegung kritisierte, schrieb sie explizit im Duktus der BLM-typischen Identitätspolitik „als schwarze jüdische Frau“. Sie erklärte ihre grundsätzliche Unterstützung von BLM, war aber mit einer bestimmten Äußerung nicht einverstanden. 11 Daraufhin wurde sie als „weiße rassistische, zionistische Hure“ beschimpft. Als sie darüber berichtete, nahmen die Beschimpfungen zu.

Ähnliches erlebte die bekannte Reformrabbinerin Susan Talve aus St. Louis. Sie unterstützt prominent, sogar bei religiösen Feiern im Weißen Haus, BLM und viele andere politisch korrekte Anliegen (gegen Rassismus, „Islamophobie“, „Transphobie“ usw.). Aber als sie sich in Kommentaren zu BLM weigerte, das Existenzrecht Israels infrage zu stellen, wurde ihr aus der Bewegung Unterstützung von Genozid und Apartheid vorgeworfen und sie erhielt Todesdrohungen. 12 Trotz solcher Vorfälle halten viele Juden an ihrer öffentlichen Unterstützung von BLM fest.

„Am 1. August 2016 publizierte BLM eine Programmschrift, in der man uneingeschränkte Unterstützung für die ‚Befreiung Palästinas‘ und für BDS sowie die Ablehnung des ‚Apartheidstaats Israel‘ erklärte.“

Die lange Geschichte jüdisch-schwarzer Spannungen

Für Teile der BLM-Bewegung sind Juden jeder Hautfarbe immer schon „Weiße“ und damit der natürliche Feind. Sie knüpfen dabei an ältere Traditionen von Israelfeindschaft und Antisemitismus in der amerikanischen schwarzen Community an. Das antiisraelische Bündnis schwarzer und arabischer Aktivisten begann mitten im „Civil Rights Movement“ 1967 mit dem Sechstagekrieg. Damals fingen schwarze Bürgerrechtler an, die Araber als „People of Color“ zu betrachten und sich deswegen mit ihnen im Nahostkonflikt solidarisch zu erklären. Martin Luther King kritisierte wenige Tage vor seinem Tod diese Haltung, die einen politischen Konflikt im Nahen Osten zu Unrecht in Rassenkategorien fasse:

„Die Reaktionen der so genannten jungen Aktivisten stehen nicht für die große Mehrheit der Neger. Einige sind farbenbesessen und betrachten das Farbigsein als eine Art Mystik, während alles Nicht-Farbige verdammt wird.“ 13

Ebenfalls 1967 hatte James Baldwin – ein Klassiker der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts, der heute zum Schulkanon gehört – knapp konstatiert: „Neger sind Antisemiten, weil sie gegen Weiße sind.“ 14 Ausdrücklich rechtfertigte er in einem langen, mit antisemitischen Stereotypen durchsetzten Artikel in der linksliberalen New York Times den schwarzen Hass (sic!) auf Juden, da Juden die Ausbeuter und Kapitalisten seien. Er erklärt „den Juden“ zum Teil des allgemeinen Feindes, der „Weißen“. Zugleich aber richtet sich dann auf den Juden ein ganz spezieller Hass innerhalb dieses allgemeinen Hasses auf Weiße.

„Er sticht in den Augen der Neger nicht deshalb besonders hervor, weil er sich im Verhalten von anderen Weißen unterschiede, sondern gerade, weil er dies nicht tut. […] Und er spielt in Harlem die Rolle, die die Christen ihm schon vor Langem zugewiesen haben: Er erledigt ihre Drecksarbeit.“ Besonders wirft Baldwin den Juden vor, den Holocaust und ihr eigenes Leiden zu instrumentalisieren, ein bis heute verbreitetes antisemitisches Motiv: „Der Jude merkt nicht, dass durch das Empfehlungsschreiben, dass er vorweist, nämlich die Tatsache, dass er verachtet und abgeschlachtet worden ist, nicht mehr Verständnis vom Neger erwarten kann. Es befördert vielmehr dessen Wut.“ Juden seien sogar dann hassenswert, wenn sie die schwarze Bürgerrechtsbewegung unterstützen, denn sie seien ja Teil des weißen kapitalistischen Systems – eine Argumentation, die sich in der BLM-Bewegung wiederholt.

Die gespannten Beziehungen zwischen Schwarzen und Juden in den USA boten gelegentlich auch Anlass für gewaltsame Konflikte. In den „Crown Heights Unruhen“ im August 1991 griffen schwarze Mobs in einem schwarz-jüdisch gemischten Stadtteil Brooklyns drei Tage lang fast ungehindert orthodoxe Juden, jüdische Einrichtungen und Geschäfte an, zwei Männer wurden gelyncht.

„Für Teile der BLM-Bewegung sind Juden jeder Hautfarbe immer schon ‚Weiße‘ und damit der natürliche Feind. Sie knüpfen dabei an ältere Traditionen von Israelfeindschaft und Antisemitismus in der amerikanischen schwarzen Community an.“

Baldwins Haltung wirkt bis heute fort. Die „Anti-Defamation League“, die Antisemitismus dokumentiert, resümierte noch 1998 aufgrund von Umfrageergebnissen, dass ausgeprägter Antisemitismus unter Schwarzen viermal stärker verbreitet sei als unter Weißen, wobei auch hier wieder ökonomische Faktoren eine Rolle spielen: Je niedriger der ökonomische Status und der Bildungsgrad, desto ausgeprägter der Antisemitismus – allerdings immer höher als bei vergleichbaren Weißen. 15

In einer nachdenklichen Kolumne fragte kürzlich der amerikanische jüdische Historiker Gil Troy, warum nun auch BLM zu einem „jüdischen“, zu einem Antisemitismusthema geworden sei. Beide Gruppen hätten Diskriminierungserfahrungen gemacht und stünden einander politisch nahe, nämlich fest im Lager der Demokratischen Partei. Er führt also genau jene Parallele ins Feld, die Baldwin 1967 den Juden so vehement vorgeworfen hatte, weil Juden damit zu Unrecht eine Leidenserfahrung beanspruchen, die sie den Schwarzen gleichstellen solle. Troy fragt selbstkritisch auch nach jüdischen blinden Flecken bei der Wahrnehmung des „schwarzen Antisemitismus“ und nach jüdischem Rassismus gegen Schwarze. Er konstatiert aber einen wesentlichen Unterschied: Schwarzer Antisemitismus gehöre zum Mainstream und werde von einflussreichen Eliten gestützt. Beides könne man vom jüdischen Rassismus nicht sagen. Dieser gelte gesamtgesellschaftlich und innerhalb der jüdischen Gemeinde als inakzeptabel. 16

Neureligiöse Quellen des schwarzen Antisemitismus

Neben der rassisch und ökonomisch fundierten Tradition gibt es einen eigenständigen religiös begründeten schwarzen Antisemitismus, der die üblichen antijüdischen Vorwürfe um spezifische Elemente ergänzt und sich von anderen Formen unterscheidet. Neureligiöse Bewegungen wie Farrakhans „Nation of Islam“ (muslimisch inspiriert, gegründet 1930) und die „Black Hebrew Israelites“ (jüdisch-christlich inspiriert, um 1900 entstanden) entwickelten jeweils eine eigenständige ideologische Grundlage dieser besonderen Form des Antisemitismus. Sie behaupten unter anderem, die aschkenasischen (westeuropäischen) weißen Juden hätten ihnen, den Schwarzen, ihr kulturelles Erbe gestohlen. Denn die eigentlichen Nachfahren der alten Israeliten des Nordreichs, der „verlorenen zehn Stämme Israels“ 17, also die wahren Semiten, seien sie selbst – eine Form einer Substitutionstheologie. 18 Teilweise erheben sie Anspruch auf den Besitz des Landes Israel beziehungsweise Palästinas.

Die Nation of Islam publizierte 1991, 2010 und 2016 eine dreibändige pseudowissenschaftliche Studie mit dem Titel „The Secret Relationship Between Blacks and Jews“, in der unter anderem behauptet wird, Juden hätten den transatlantischen Sklavenhandel überproportional dominiert und steckten hinter einer Wiedergeburt des Ku-Klux-Klan. Beides ist nachweislich falsch; insbesondere die Rolle von Juden im Sklavenhandel und in der Sklavenhaltung im amerikanischen Süden ist von Historikern seit den 1960er Jahren untersucht worden, ohne dass Unterschiede zum Durchschnitt feststellbar waren.

„Neben der rassisch und ökonomisch fundierten Tradition gibt es einen eigenständigen religiös begründeten schwarzen Antisemitismus, der die üblichen antijüdischen Vorwürfe um spezifische Elemente ergänzt und sich von anderen Formen unterscheidet.“

Während die Nation of Islam in militanter Tradition steht, sind die Black Hebrews eigentlich eine eher zurückgezogene Gemeinschaft. Nicht immer jedoch: Aus ihrem Umfeld kam der Anschlag auf ein koscheres Lebensmittelgeschäft in Jersey City im Dezember 2019, bei dem ein Ehepaar vier Menschen erschoss. Der Zusammenhang ist hierzulande wenig bekannt, weil fast alle Medien darauf verzichteten, den Bezug zu den Black Hebrews zu erwähnen, die Täter zu beschreiben oder Bilder zu zeigen, sodass der Eindruck entstehen konnte, es habe sich um einen rechtsextremen Anschlag gehandelt. 19 Der Journalist Dov Hikind interviewte und filmte in der schwarzen Menschenmenge, die sich unmittelbar nach den Morden vor dem betroffenen Geschäft versammelte. Mehrere aufgeregte Stimmen äußerten sich schreiend und hasserfüllt über „die Juden“, gaben ihnen selbst die Schuld an dem Anschlag und schienen die Morde zu bejubeln. 20

Schluss

Bei alledem darf man nicht aus dem Blick verlieren, dass es sich beim Antisemitismus in BLM um einen extremistischen Flügel innerhalb der Bewegung und der schwarzen Community insgesamt handelt. Ein Teil davon geht dem Augenschein nach eher auf das Konto weißer linksextremer BLM-Unterstützer. Sie sind eine substanzielle Gruppe, aber vermutlich doch eine Minderheit unter den schwarzen BLM-Aktivisten. Denn auch unter Afroamerikanern sympathisieren fast doppelt so viele mit Israel (48 Prozent) als mit den Palästinensern (27 Prozent), was freilich deutlich unter den Werten für weiße christliche Amerikaner liegt. 21 Diese vermutliche Mehrheit steht in der Tradition Martin Luther Kings, dessen Bewegung auf Gewaltfreiheit setzte und den viele Juden unterstützten. Wiederholt hatte er sich gegen Judenhass ausgesprochen und den jüdischen Beitrag zur Bürgerrechtsbewegung betont: „Es wäre unmöglich, die Leistungen, die das jüdische Volk für den Freiheitskampf des Negers erbracht hat, zu beziffern – sie sind großartig.“ 22

Wie evangelikale weiße Christen fühlen sich auch viele Afroamerikaner aufgrund ihres Glaubens nicht zuletzt religiös mit Israel verbunden. Viele jener Schwarzen, die Israel und Juden hassen, neigen entweder zum Islam oder zum Linksextremismus. Ihr Leitbild ist nicht mehr Martin Luther King, sondern sind schwarze Antisemiten wie Malcolm X und Louis Farrakhan. Deren Bilder und Andenken werden auch 2020 noch von BLM-Demonstranten hochgehalten. Auch in Deutschland. Bis heute steht eine Distanzierung der BLM-Bewegung von ihren lautstarken und gewalttätigen antisemitischen Anteilen sowie von ihren BDS-Unterstützern aus. „Black Lives Matter“ ist eine ambivalente Bewegung, deren breite gesellschaftliche Akzeptanz nicht unproblematisch ist.