19.09.2011

Ein-Kind-Politik weltweit?

Analyse von Brendan O’Neill

Die Idee, zu viele Menschen würden die Erde bevölkern, ist inzwischen so sehr gesellschaftlicher Mainstream, dass Öko-Aktivisten mittlerweile offen Loblieder auf Chinas autoritäre Bevölkerungspolitik singen können. Eine Kritik neo-malthusianischer Zwangsmaßnahmen.

Dass man inzwischen in Ländern der westlichen Welt in aller Öffentlichkeit die chinesische Ein-Kind-Politik loben kann ohne Widerworte zu provozieren, ist ein schlagender Beweis dafür, wie sehr Konzepte autoritärer Bevölkerungspolitik in unseren Breiten inzwischen salonfähig geworden sind. Auf der Kopenhagener Klimakonferenz vor zwei Jahren verkündete Zhao Baige, Vizeministerin der chinesischen nationalen Bevölkerungs- und Familienplanungskommission, dass „Bevölkerungskontrolle der Schlüssel zum Erreichen eines Klimaabkommens“ sei, und keiner der anwesenden westlichen Führer oder Vertreter grüner NGOs – die sich sonst über alles dort beschwerten, vom Gebrauch „spritfressender“ Staatskarrosen bis zu Coca-Colas PR-Aktivitäten – zuckte auch nur mit der Wimper. [1]

In Anbetracht der Tatsache, dass Ende Oktober dieses Jahres der siebenmilliardste Erdenbürger das Licht der Welt erblicken soll, lohnt es sich, diese Entwicklung näher zu betrachten. Bereits während der Vorbereitungen des Klimagipfels lobten führende westliche Grüne die chinesische Ein-Kind-Politik. „Hätte es die Politik der ‘Ein-Kind-Familie’ in China nicht gegeben, gäbe es heute 400 Millionen Chinesische Bürger mehr.“, betonte etwa Jonathan Porritt, der ehemalige Vorsitzende der britischen Regierungs- Kommission für Nachhaltige Entwicklung. [2] Eine Öko-Feministin schrieb im Guardian mit einem fast hörbaren Seufzer der Erleichterung, dass es auf der Erde „300 bis 400 Millionen Menschen weniger gebe“, als Folge der chinesischen Ein-Kind-Politik. [3] (Eine Feministin, die ein Loblied auf die autoritäre Kontrolle weiblicher Fruchtbarkeit singt? Sowas kann man sich nicht ausdenken.)

Eine kanadische Kolumnistin fasste die Logik dieser Lobeshymnen auf Chinas Bevölkerungspolitik so zusammen: „[…] die wirklich unangenehme Wahrheit, die über der Kopenhagener Konferenz schwebe“ sei die, „dass die Menschen den Planeten überbevölkern“, und meinte, dass „eine planetare Gesetzgebung wie Chinas Ein-Kind-Politik der einzige Weg zur Umkehrung dieser katastrophalen globalen Geburtenrate [sei], die derzeit bei einer Million Geburten alle 4 Tage liegt“. Sie sagte, dass wir China für seinen „Nur-ein-Kind“-Erlass danken sollten. [4]

Die Komplimente für Chinas Ein-Kind-Politik zeigen, dass die Vorstellung, es leben zu viele Menschen auf der Erde, inzwischen gesellschaftlicher Mainstream ist. Diese Sichtweise ist nicht neu. Ihr wohl bekanntester Vertreter, der britische Ökonom und Philosoph Thomas Malthus, warnte bereits vor zweihundert Jahren vor den katastrophalen Folgen ungehemmten Bevölkerungswachstums und predigte Bevölkerungskontrolle. Die Erde könne unmöglich immer mehr Menschen ernähren, bei anhaltendem Wachstum drohten gigantische Hungersnöte. Auch wenn sich Malthus düstere Prognosen als völlig falsch erwiesen haben, leben seine Ideen bis heute fort. 

Gerade westliche Neo-Malthusianer hatten schon immer ein Faible für Chinas barbarische Ein-Kind-Politik, betrachteten sie sie doch als nützliches Instrument, um die Anzahl (gelber) Menschen auf dem Planeten zu begrenzen. Sie halfen sogar dabei, die chinesischen Programme zur Bevölkerungskontrolle zu finanzieren und zu formulieren, und sie begleiteten das Ganze mit „unterstützendem Diskurs“, um die Ein-Kind-Politik wie eine nachahmenswerte Gesundheitsinitiative aussehen zu lassen, und nicht wie eine alarmierend illiberale Methode der Kontrolle über die Freiheit der Frauen, über ihren Körper und ihre Entscheidungen. [5] Natürlich waren sie schlau genug, die chinesischen Methoden nicht offen zu loben, da sie sonst ihre eigene autoritäre Gesinnung offenbart hätten. Dass ihnen das heute nichts mehr ausmacht, zeigt, in welch besorgniserregendem Maße das misanthropische Credo des Malthusianismus im Aufstieg begriffen ist.

China führte seine Ein-Kind-Politik im Jahr 1979 ein. Sie verbietet verheirateten Paaren, die in Städten wohnen, mehr als ein Kind zu zeugen. Ausnahmen werden für Paare in ländlichen Gegenden gemacht, für ethnische Minderheiten und für Eltern, die selbst keine Geschwister haben. Solche Familien können – mit Erlaubnis – mehr als ein Kind haben, es gibt aber strenge Regeln für den Zeitpunkt, zu dem sie ihr zweites Kind bekommen können: Ein “Geburtenabstand“ von 3 bis 4 Jahren zwischen den Kindern ist einzuhalten.[6] Wenn ein Kind schwer behindert ist oder stirbt, kann man bei den Behörden einen Antrag darauf stellen, ein zweites haben zu dürfen.

Von “Bevölkerungs- Kommissaren” vollstreckt, beinhaltet die Ein-Kind-Politik einen erheblichen Eingriff in die reproduktiven Möglichkeiten von Menschen. Jeder, der mehr als die zugeteilte Anzahl Kinder hat – eins in städtischen, zwei oder vielleicht auch drei in ländlichen Gegenden – wird schwer bestraft. Manche Familien benötigen mehr als eine Generation, um die Strafen abzuzahlen, was im Endeffekt bedeutet, dass sie in die Armut gezwungen werden, weil sie „zu viele Kinder“ haben. [7] Dies schafft eine Situation, in der Reiche eher die Möglichkeit besitzen, mehr Kinder zu haben, als Arme. Wie ein chinesischer Offizieller unlängst bemerkte: Eine arme Familie versteckt sich, wenn sie mehr als ein Kind zur Welt bringt, während der reiche Mann einfach eine Strafe zahlt, um mehr als ein Kind zu haben. Berücksichtigt man die Ausnahmen für die Landbevölkerung und den Umstand, dass manche Städte, allen voran Shanghai, die Ein-Kind-Politik zu lockern beginnen, um das soziale Problem der Überalterung der chinesischen Bevölkerung zu bekämpfen, bleiben immer noch 35,9 % der chinesischen Bevölkerung, etwa 470 Millionen Menschen, unter dem Einfluss der Ein-Kind-Beschränkung.

Für jeden progressiv denkenden Menschen ist die Ein-Kind-Politik eine Abscheulichkeit. Sie macht Individuen verantwortlich für soziale Probleme der Armut und Ungleichheit; sie stellt Chinas sozialen und ökonomischen Fehler als Fehler von Individuen dar, als Fehler von Frauen, die willentlich zu viele Münder zeugen, die es zu füttern gilt. Noch bedeutender ist, dass sie sich in die intimsten Bereiche der Lebensumstände ihrer Menschen einmischt; die Freiheit von Frauen beschränkend, über ihre Körper bestimmen zu können, und die aller Erwachsenen, Familien und häusliches Leben so zu gestalten, wie sie es wollen. Und trotzdem scheinen viele westliche Grüne geradezu grün vor Neid zu werden, wenn sie an die Macht denken, die China über die Familienplanung seiner Bürger entwickelt hat.

Tatsächlich sollten uns die zarten Bande zwischen westlichen Grünen und autoritären chinesischen Behörden in Kopenhagen an eine viel zu wenig diskutierte Tatsache erinnern: Dass westliche Organisationen seit langer Zeit die chinesische Durchsetzung der Ein-Kind-Politik finanziell und moralisch unterstützt haben. Es gibt eine Menge Gemeinsamkeiten zwischen westlichem Malthusianismus und chinesischem Autoritarismus.

Es ist bemerkenswert, dass sich Zhao Baige in Kopenhagen auf den britischen Optimum Population Trust (OPT) berief, um den Umgang ihres Landes mit der Bevölkerungsentwicklung nachträglich als eine „klimafreundliche Initiative“ zu rechtfertigen. Sie zitierte Forschungsergebnisse von Thomas Wire von der London School of Economics, die offenbar ausgerechnet hat, dass „jede 7 $, die für Familienplanung ausgegeben werden, die CO2-Emissionen um mehr als eine Tonne reduzieren”. [8] Diese Forschung war vom OPT in Auftrag gegeben und von diesem am Vorabend von Kopenhagen dazu benutzt worden, „PopOffsets“ zu starten, eine groteske Initiative, die gutsituierte Westler dazu einlädt, ihre CO2-Emissionen dadurch auszugleichen, dass sie Familienplanungs-Stiftungen in der Dritten Welt unterstützten und somit die Entstehung weiteren kohlenstoffemittierenden menschlichen Lebens verhindern. [9] Die chinesischen Behörden werfen schon lange einen genauen Blick auf westliche Gruppen wie den OPT, um die moralische Rechtfertigung ihres malthusianischen Autoritarismus auf dem neuesten Stand zu halten.

Seit 1979 bis heute wird Chinas Ein-Kind-Politik teilweise durch den Bevölkerungs-Fonds der Vereinten Nationen (UNFPA) finanziert, ein Ableger der UN, der regelmäßig dafür gelobt wird, das „Bewusstsein für die Überbevölkerung“ zu schärfen. Die chinesischen Demographen wurden durch die UNFPA ausgebildet. Im Jahr 1983, zu einer Zeit, in der die chinesischen Ein-Kind-Politik noch viel unnachgiebiger war als heute, verlieh der UNFPA den ersten UNFPA-Preis überhaupt an Qian Xinzhong, den damaligen chinesischen Geburtenminister, für seinen „Kampf gegen das Problem des rapiden Bevölkerungswachstums“ [10]. Als Folge von Behauptungen, dass Frauen in China zu Abtreibungen gezwungen würden, forderte UNFPA China auf, weniger Zwang auszuüben – das bedeutet, seinen Bevölkerungs-Autoritarismus auf eine schmackhaftere Weise durchzusetzen. [11] Vermutlich gefällt es dem UNFPA besser, wenn Frauen unter Strafandrohung unter Druck gesetzt, anstatt zu Abtreibungen gezwungen zu werden.

Seit den späten 1980er Jahren hat China den Tenor seiner Ein-Kind-Politik geändert, immer im Einklang mit den sich wandelnden Ideologien des internationalen Malthusianismus. Wie eine wichtige Studie sagt: „Der internationale Diskurs versorgte den chinesischen inländischen Diskurs mit den wichtigsten Argumenten, um die Geburtenbegrenzung einzuführen und aufrechtzuerhalten – in den 1970er und 1980er Jahren war es die ‘Bevölkerungskrise’, in den 1990er Jahren war es ‘nachhaltige Entwicklung’.[12] „Ideen von außerhalb erreichten China auf unterschiedlichen Wegen,“ betont die Studie, über den UNFPA, die Weltgesundheitsorganisation, und „ausländische Nichtregierungsorganisationen und private Stiftungen“, die allesamt „entscheidende Quellen für Ideen und Argumente, technische Ressourcen und politische Unterstützung waren“. [13] Beispielsweise lobte im Jahr 1991 die International Planned Parenthood Federation, eine von so vielen amerikanischen Linken besonders geliebt NGO, die „chinesischen Erfolge in der Geburtenbegrenzung“, paradoxerweise forderte sie von China aber gleichzeitig die Diskussion von „Frauenrechten anstatt Geburtenkontrolle“. 1991 führte die Rockefeller Foundation neue Technologien der Empfängnisverhütung in China ein, gemeinsam mit der Idee der „informierten Entscheidung“, und so weiter. [14]

Ein entscheidender Wendepunkt war die internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung 1994 in Kairo, an der China intensiv beteiligt war, und die den Fokus der internationalen Bevölkerungs-Community von der Ausübung staatlicher Macht zur Kontrolle der Bevölkerungspolitik auf die Unterstützung von Frauen beim “Management” ihrer eigenen Fruchtbarkeit lenkte. [15] In anderen Worten legte das Projekt des Malthusianismus die allzu eindeutige Sprache staatlichen Kontrolle ab und begann sich nun des Kauderwelschs aktueller „Empowerment“-Konzepte zu bedienen. Als ob es irgendetwas mit Freiheit oder weiblicher Selbstbestimmung zu tun hätte, Frauen mit Kondomen zu versorgen und sie gleichzeitig zu warnen, dass ihr Land zusammenbrechen und zukünftige Generationen zugrunde gehen würden, wenn sie sie nicht auch benutzen. Für Entscheidungsfreiheit zu sein, bedeutet das Recht von Frauen zu unterstützen, selbst zu wählen, ob sie Kinder haben wollen, ob sie keine Kinder haben wollen, Verhütungsmittel zu benutzen oder eine Abtreibung durchzuführen – der Witz liegt in der Überschrift: Die Wahl zu haben. Dank der Vereinten Nationen, der NGOs und des westlichen intellektuellen Inputs wird Chinas Ein-Kind-Politik, die als eindeutiges staatliches Programm zur Einschränkung der Wahlfreiheit seines Volkes begann, nun unehrlicherweise neu verpackt als „regierungsgeführter Prozess weiblichen Empowerments“, geschaffen, um „nachhaltige Entwicklung“ und „Klimastabilität“ sicherzustellen. [16] Durch Versorgung mit Ideen und Argumenten zur politischen Unterstützung der Ein-Kind-Politik haben sich westliche Kräfte zu Komplizen Chinas bei der massiven Einschränkung der reproduktiven Freiheiten seiner Bürger gemacht.

Was wir also in Kopenhagen im Endeffekt erlebt haben, war die Wiederkehr des Malthusianismus. Westliche Bevölkerungs-Hysteriker waren zwischen 1960 und 1980 ziemlich in der Defensive. Isoliert und marginalisiert sahen diese Misanthropen ihre düsteren Träume nur im undemokratischen China verwirklicht, wo sie ihre Ideen von den Behörden willkommen geheißen und rücksichtslos durchgesetzt wussten. Nun allerdings lautet der menschenfeindliche Tenor unserer Zeit, dass man über eine planetare Ein-Kind-Politik reden kann, darüber, das west-östliche Projekt der Geburtenbegrenzung in China auf den ganzen Globus auszuweiten, um den „Planeten zu retten“.

Oft wird unterstellt, dass die Menschen im Westen und die Chinesen zutiefst unterschiedliche Interessen hätten: Wenn jeder Chinese ein Auto hätte, würde das zwangsläufig zur Klimakatastrophe führen, hört man bei uns immer wieder. Umgekehrt zwinge die westliche Gier nach billigen Konsumgütern angeblich chinesische Arbeiter in menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse. Dabei gibt es aber ein gemeinsames Interesse, dass alles andere überwiegt: Wir im Westen und die Menschen in China sollten uns gemeinsam gegen die Herrschaft der Malthusianer stellen, die überall nur Grenzen sehen wollen, Freiheit und Autonomie verabscheuen, in China bereits so viel Entbehrung und Furcht verbreitet haben und hier bei uns gern das Gleiche täten.