01.07.2006

Wider die moderne Menschenverachtung!

Analyse von Frank Furedi

Die Frage, der wir uns heute stellen müssen, lautet nicht: Überlebt die Menschheit das 21. Jahrhundert, sondern: Wird unser Glaube an die Menschheit überleben?

In allen Diskussionen über die Zukunft steht mehr und mehr ein Thema im Vordergrund: Wird die Menschheit überleben? James Lovelock, Mitbegründer der Gaia-Hypothese, schreibt: „… noch vor dem Ende dieses Jahrhunderts werden Milliarden von uns sterben, und die wenigen übrig gebliebenen, fortpflanzungsfähigen Paare werden in der Arktis leben müssen, wo allein das Klima halbwegs erträglich bleiben wird.“[1]

Immer mehr Bücher sagen eine unabwendbare Katastrophe voraus, beispielsweise James Howard Kunstlers The Long Emergency: Surviving the Converging Catastrophes of the Twenty-First Century, Jared Diamonds Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen oder Eugene Lindens The Winds of Change: Weather and the Destruction of Civilisations. Kunstler behauptet, wir lebten in einer dunkleren Zeit als 1938, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. [2] Die Medien sind voll von Geschichten über das nahende Massensterben sowie über Städte, die infolge des Klimawandels im Meer versinken werden. Statt der vier Reiter der Apokalypse haben wir es heute mit einem Kavallerieregiment von Weltuntergangspropheten zu tun. Viele ihrer Szenarien erinnern an die Visionen aus der Offenbarung des Johannes – mit dem Unterschied, dass wir auf keine Erlösung hoffen dürfen. Die Menschheit, so scheint es, wird einfach verschwinden.
 

„Im Vergleich zu den heutigen Weltuntergangspropheten war Malthus ein optimistischer Menschenfreund.“



Die Angst vor dem Weltuntergang ist so alt wie die Menschheit. Die Sintflut oder das Ende von Sodom und Gomorrha waren religiöse Versionen solcher Ängste. Heute kommen die Fantasien vom Ende der Welt meist im Gewand der Wissenschaft einher. Glaubt man den neuen Propheten, so ist die Zukunft der Menschheit durch unseren übergroßen Konsum gefährdet oder dadurch, dass „Menschen versuchen, Gott zu spielen“. Den Platz des Sündenfalls hat die Zerstörung der Natur durch den Menschen eingenommen. Im Remake der Schöpfungsgeschichte ist es nicht der Apfel vom Baum der Erkenntnis, der zum Rauswurf aus dem Paradies führt; in der neuen Version fressen die Menschen Apfel, Baum und Paradies – und nichts bleibt übrig.
Gleich welches Untergangsszenario uns vorgeführt wird – Klimakatastrophe, Ozonloch, atomare Verseuchung oder Vogelgrippe –, immer ist der Mensch die Ursache. Horrorgeschichten, von Lobbygruppen oder Medien in die Welt gesetzt, werden von Politikern, Popstars und Leitartiklern ungeprüft aufgegriffen und weiter verbreitet. Bedenklich ist auch das in solchen Fällen verwendete Vokabular: Immer öfter hört man vom „Ökozid“; mit diesem Begriff werden Umweltschäden den Vernichtungslagern der Nazis gleichgesetzt. Für Jared Diamond ist ein drohender Ökozid inzwischen viel wahrscheinlicher als ein Atomkrieg oder das Auftreten einer neuen, tödlichen Seuche. [3] Für den ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore „vergrößert die Macht der Technologien, die uns zur Verfügung stehen, den Schaden, den jeder Einzelne von uns in der Natur anrichten kann, ungeheuer“, was „zu einem brutalen, zerstörerischen Zusammenstoß zwischen Zivilisation und Erde“ führen wird. [4] 400 Jahre lang galt das, was der Mensch aus der Natur machte und was als „Humanisierung der Natur“ bezeichnet wurde, als eine Errungenschaft. Heute gilt unser Einfallsreichtum als problematisch und destruktiv.
Zivilisation wird als Gefahr schlechthin angesehen. „Zivilisationen haben seit wenigstens 5000 Jahren die Lebenssysteme der Erde zerstört“, heißt es recht typisch in einem Bericht. [5] Die meisten Umweltschützer sehen im Menschen einen Fremdkörper auf diesem Planeten, einen Schädling. Als Wurzel des Übels wird der „Anthropozentrismus“ unserer Spezies ausgemacht, die sich für etwas Besseres halte und, indem sie sich alles unterordne und zu Diensten mache, die Erde zerstöre. Ein ehemaliger britischer Umweltminister, Michael Meacher, ging so weit, Menschen als Virus zu bezeichnen, die den Körper der Erde befallen hätten.


Dem Westen ist alles Menschliche fremd
Der häufig zu hörende Ausdruck „ökologischer Fußabdruck“ zeigt, wie sehr wir davon ausgehen, dass alles, was wir tun, zerstörerisch ist. Die Menschenfeindlichkeit, die sich hinter dieser Formulierung verbirgt, wird fast nie infrage gestellt. In Film, Fernsehen sowie in der gesamten Popkultur werden Zivilisation und speziell Wissenschaft und Technik fast nur noch als Kräfte des Bösen dargestellt, die Umwelt und Gesellschaft zerstören. Dass Menschen durch ihr Handeln Probleme lösen können, ist dabei ganz aus dem Bereich des Vorstellbaren verschwunden. Dieser Antihumanismus gipfelt in der weit verbreiteten Vorstellung, dass, sollte die Erde überhaupt eine Chance haben zu überleben, dies nur möglich sei, wenn sich die Zahl der Menschen dramatisch verringere.
Für Ökologen scheint das sonnenklar. Bereits 1984 schrieben Arne Naess und George Sessions, dass „eine bedeutende Reduktion der menschlichen Bevölkerung notwendig ist, damit auch nicht-menschliches Leben gedeihen kann.“ Dem stimmen heute sehr viele zu. Schon früher gab es solche Warnrufe – am bekanntesten ist der des britischen Ökonomen und Philosophen Thomas Malthus (1766–1834). Vergleicht man Malthus’ Schriften mit dem, was die Befürworter einer Bevölkerungsschrumpfung heute von sich geben, fällt vor allem auf, wie viel Malthus – trotz seines Pessimismus – doch noch der Menschheit zutraute. In seinem Buch Das Bevölkerungsgesetz schrieb er: „Obgleich es um die Aussichten, in Zukunft die Übel, die vom Anwachsen der Bevölkerung herrühren, lindern zu können, nicht zum Besten bestellt ist, sind sie doch alles andere als düster, und keinesfalls schließen sie eine allmähliche, fortschreitende Verbesserung der menschlichen Gesellschaft aus…“ [6]
Malthus’ Ansichten waren gefärbt von seiner Auseinandersetzung mit dem Optimismus der Aufklärung und der Französischen Revolution. Obwohl Malthus pessimistisch war, was das Wachstum der Bevölkerung anging, so hoffte er dennoch, dass „das Ergebnis dieser Untersuchung nicht dazu führt, dass man aus Verzweiflung davon absieht zu versuchen, die menschliche Gesellschaft weiter zu verbessern“.
In den vergangenen 200 Jahren hatten Anhänger von Malthus, wenn sie von Überbevölkerung sprachen, sehr häufig Menschen im Sinn, die ihrer Meinung nach der falschen Klasse oder Rasse angehörten. Nicht die Zahl der Menschen an sich wollten sie reduzieren, sondern die Anzahl der Menschen, die ihrer Meinung nach minderwertig waren. Die Malthusianer von heute teilen solche Vorurteile, haben sie aber ausgeweitet zum Hass auf die Menschheit als Ganzes.[7] Bemerkenswert ist auch, dass Malthus vor Bevölkerungswachstum warnte, weil er glaubte, es sei unmöglich, immer mehr Menschen zu ernähren. Die modernen Bevölkerungsschrumpfer beklagen hingegen, dass sich die Menschheit allzu erfolgreich fortpflanze, zu viel verbrauche und verzehre. Die Findigkeit des Menschen, der Fortschritt wird als Feind und als größte Bedrohung des Planeten ausgemacht.
Wie weit die Verachtung alles Menschlichen schon gediehen ist, zeigt der Ausdruck „Speziesismus“. Dieser soll eine Haltung bezeichnen, die die menschliche Art über alle anderen Arten stellt. Die Erfinder dieses Wortmonstrums glauben, der Mensch sei in nichts besser als andere Lebensformen (eher im Gegenteil). Alle, die anderer Meinung sind, werden von ihnen mit Rassisten und Chauvinisten gleichgesetzt. Der Tierrechtler Peter Singer definiert Speziesismus als „ein Vorurteil oder eine Haltung der Voreingenommenheit zugunsten der Interessen der Angehörigen der eigenen und zu Ungunsten der Interessen der Angehörigen anderer Arten“. Zwar hört man den Ausdruck Speziesismus noch nicht allzu häufig, aber die Ansicht, man dürfe menschliche Interessen nicht über die von Tieren stellen, ist weit verbreitet. Tierversuche gelten vielen als Verbrechen, die Käfighaltung von Hühnern als „inhuman“ (eine interessante Verwendung des Wortes „human“). Die Tatsache schließlich, dass menschliche DNA zu 98,4 Prozent der von Schimpansen entspricht, soll als Beleg dafür herhalten, dass die Grenzen zwischen den Arten fließend seien. [8]
 

„Wer Menschen misstraut, muss demokratische Freiheiten strikt ablehnen.“



Die neue Menschenverachtung
Wie wenig wir heute an uns selbst glauben, findet seinen wohl deutlichsten Niederschlag im ökologischen Denken. Aber auch in vielen anderen Zusammenhängen werden Menschen heute in erster Linie als Mängelwesen beschrieben: Wir haben Süchte, sind gestört oder traumatisiert. Zahlreiche menschliche Beziehungen werden mittlerweile in erster Linie aus pathologischem Blickwinkel betrachtet: als krankhafte Eifersucht, krankhafte Selbstbezogenheit, parasitäres Klammern, gestörte Elternliebe. Das gesamte System zwischenmenschlicher Beziehungen scheint schadstoffbelastet und kurz vor dem endgültigen „Umkippen“ zu stehen. In der Wortwahl unterscheiden sich Artikel über soziale Probleme nur noch wenig von Reportagen über Umweltkatastrophen.
In den USA und Großbritannien ist diese Gleichsetzung schon weiter fortgeschritten; dort wird der Begriff „toxisch“ bereits ganz selbstverständlich auf das Beziehungsfeld übertragen – hier nur eine kleine Auswahl einschlägiger Buchtitel: Toxic Parents, Toxic Bachelors, Toxic People: 10 Ways of Dealing with People Who Make Your Life Miserable, Toxic Relationships And How To Change Them, Toxic Friends, Toxic Coworkers: How To Deal With Dysfunctional People On The Job, Toxic Stress. Die Botschaft ist immer dieselbe: Unsere sozialen Beziehungen sind mindestens so vergiftet und kaputt wie unsere Umwelt.
Menschlichen Beziehungen als „toxisch“ zu kategorisieren, ist Ausdruck einer moralisierenden Haltung. Früher galten Schmutz, Schund und Befleckung als Verstöße gegen religiöse Tabus. Heute gilt der Mensch an sich als kontaminiert, weshalb, so die Logik, notwendig alle menschlichen Handlungen krankhaft, alle zwischenmenschlichen Kontakte ansteckend, giftig und pervertiert sind.
Die verbreitete Misanthropie hat erhebliche Auswirkungen auf Politik und politische Auseinandersetzungen. Wer davon ausgeht, dass Menschen im Wesentlichen vernünftig und dazu in der Lage sind, sich zwischen konkurrierenden Positionen zu entscheiden, tritt in der Regel für Meinungsfreiheit ein, da er Menschen zutraut, eigenständig zu handeln. Wenn man anderen hingegen in erster Linie misstraut, wird man Freiheiten einschränken, möglichst viel strikt regeln und abweichendes Verhalten verbieten wollen.
Zensur ist heute auf dem Vormarsch. In so genannten „Hate-Crime“-Gesetzen werden persönliche oder politische Haltungen kriminalisiert. Es gibt, gerade im anglo-amerikanischen Raum, mehr und mehr „Speech Codes“ – im öffentlichen Raum geltende Sprachregelungen, die dazu dienen sollen, dass sich niemand, nirgends, nie auf den Schlips getreten fühlt. Menschen, so die Annahme, seien empfindlich wie Orchideen und müssten um jeden Preis vor äußeren Einflüssen geschützt werden. Die Vorstellung, Menschen könnten von sich aus zwischen richtig und falsch unterscheiden und dementsprechend handeln, ist völlig abhanden gekommen.
Die Angst vor dem Bösen im Menschen sitzt heute so tief wie schon seit Jahrhunderten nicht mehr. In Europa wie den USA gab es mehrere hysterisch aufgebauschte Skandale über angeblichen satanischen Kindesmissbrauch. Fast selbstverständlich wird mittlerweile davon ausgegangen, dass hinter fast jeder Gardine ein potenzieller Kinderschänder lauert. Die Dämonen scheinen überall zu sein; Menschen misstrauen sich zutiefst. Kann man den Lehrern trauen, den Kindergärtnern? Sollte man die Polizei rufen, weil ein Kind einen blauen Fleck hat? In Großbritannien wird jeder Erwachsene, der mit Kindern auch nur zu tun haben könnte, routinemäßig einer polizeilichen Überprüfung unterzogen. Damit nicht genug: Inzwischen wird erwogen, diese Maßnahmen auf die Universitäten auszuweiten.
 

„Statt uns zu fragen: ‚Was wird mit uns geschehen?‘, sollten wir die Frage beantworten: ‚Was muss getan werden, damit die Zukunft menschlicher wird?‘“



An die Menschen glauben
Es kommt sehr darauf an, welches Bild wir von der Menschheit haben. Wenn Menschen für uns nichts sind als widerwärtige Schädlinge, werden wir jedes Problem, sei es die Vogelgrippe oder die Krise des Schulwesens, als Verhängnis wahrnehmen. Der heute vorherrschende geistige Pessimismus, unsere kulturelle Ortlosigkeit, lenkt die Vorstellungskraft ab und hindert uns, die Aufgaben, denen wir uns stellen müssten, anzugehen. Das Gerede vom Aussterben der Menschheit ist Ausdruck einer Glaubenskrise – der Glaube an die Menschheit ist verloren gegangen. Die Frage, der wir uns heute stellen müssen, ist nicht, ob die Menschheit das 21. Jahrhundert überleben, sondern, ob unser Glaube an die Menschheit überleben wird.
Im Westen wird heute weitgehend übersehen, welches Potenzial in uns Menschen schlummert – und das, obwohl wir heute, mehr als je zuvor die Möglichkeit haben, unser Leben selbst zu gestalten. Wir müssen unseren Glauben an Selbstständigkeit und Selbstbestimmung wiedererwecken; wir müssen erkennen, dass wir die Steinzeit hinter uns gelassen haben und in einer Zeit leben, in der die Möglichkeiten, die Welt zu verändern, so groß sind wie nie zuvor in der Geschichte.
Die Geschichte gibt keine Garantien; die Zukunft ist offen. Wenn wir etwas ändern, ist das immer mit Risiken verbunden. Aber unabhängig davon, ob es uns gefällt oder nicht, etwas zu riskieren, um uns und unser Leben zu verändern: Genau dies ist es, was uns zu Menschen macht. Statt sich Gedanken über den ökologischen Fußabdruck zu machen, sollten wir auf uns setzen und einen Schritt vorangehen – in die Zukunft.


Die Misanthropie droht, uns in ein neues, dunkles Zeitalter zu führen, in dem wir alles, auch uns selbst fürchten. Wir haben die Wahl: Entweder können wir alles Menschliche, all das, was Menschen geholfen hat, die Welt zu verändern, aufgeben und uns mit dem vorherrschenden Fatalismus abfinden. Oder wir tun das Gegenteil: Wir glauben an uns, an unsere Mitmenschen, und wir versuchen, unsere Zukunft selbst zu gestalten. Statt uns zu fragen: „Was wird mit uns geschehen?“, sollten wir die Frage beantworten: „Was muss getan werden, damit die Zukunft menschlicher wird?“
Menschen sind keine Engel, hin und wieder tun sie schreckliche Dinge. Aber die Tatsache, dass wir bestimmte Handlungen als schlecht erkennen, zeigt, dass wir dazu in der Lage sind, Unrecht zu bekämpfen. Und im Großen und Ganzen versuchen wir, Gutes zu tun. Die romantischen Fantasien vom edlen Wilden sind Unfug. Erst die Zivilisation und ihre immer weiter gehende Entwicklung haben uns in die Lage versetzt, die Natur zu begreifen und zu gestalten. Die Hoffnung und der Wille, das Leben zu verbessern – das Grundmotiv menschlicher Geschichte –, hat die Menschheit aus der Steinzeit bis ins 21. Jahrhundert gebracht.
Sollte dies heute als „anthropozentrisch“, als „Speziesismus“ gelten, dann bekenne ich mich schuldig.