08.04.2019

Das Wir der Nation

Von Boris Kotchoubey

Nationalismus genießt heute zu Unrecht einen zu schlechten Ruf. Seine Gegner richten sich oft gegen nationalstaatliche Demokratie und sind Andersdenkenden gegenüber intolerant.

Die Idee des Nationalismus hat heute einen schweren Stand. Das nationale Bewusstsein sei eng, konservativ, an unsinnige Ideen vom „Blut und Boden“ gebunden, gehöre der Vergangenheit an – so die gängige Meinung. Von der allerhöchsten Kanzel wurde uns erklärt, „Nationalismus und Egoismus“ hätten keinen Platz in der modernen Gesellschaft, was natürlich den billigsten Propagandatrick darstellt, bei dem man einen Begriff, der noch zu bestimmen wäre, einfach neben einen negativen Begriff stellt und so den Eindruck erzeugt, auch der erstere sei unbedingt etwas Schlimmes. In den Medien wird weiterhin Nationalismus systematisch mit Nationalsozialismus in Verbindung gebracht, was natürlich kein bloßer Begriffsfehler, sondern eher vorsätzliche Diffamierung ist, weil der Unterschied zwischen diesen zwei Ideologien bereits so weit untersucht wurde (u.a. von Hannah Arendt1), dass ich an ein solches Analphabetentum der antinationalistischen Publizisten gar nicht glauben kann. Was ist aber dieser an die Wand gemalte Teufel? Zu Beginn der Erklärung brauchen wir eine kurze Einführung in die Grundlagen der Sozialpsychologie.

Wir und Sie

Jede menschliche Person identifiziert sich mit einer oder mehreren Gruppen, die sie als „wir“ bezeichnet. Die anderen, die nicht zu der Identifikationsgruppe gehören, sind „sie“. Diese Wir-Sie-Unterscheidung ist ein unentbehrlicher Teil der menschlichen Natur. Die Kriterien, nach denen die Grenze zwischen einem Wir und einem Sie verläuft, können vollkommen beliebig sein; oft sind es eine Volkszugehörigkeit, der soziale Stand, Sprache oder Beruf, aber jedes andere Kriterium ist ebenso möglich. Es reicht bereits, wenn eine Studentengruppe regelmäßig in einem Raum arbeitet, und die andere Gruppe in einem anderen; dann bezeichnen sich alle, die sich im gleichen Zimmer einfinden, als „wir“ und ihre Kommilitonen in dem Raum nebenan als „sie“; eine Gipsplattenwand zwischen den zwei Räumen eignet sich für die Wir-Sie-Unterscheidung genauso gut wie ein Bergkamm oder Ozean.

Mit der Entstehung der Wir-Sie-Unterscheidung werden alle, selbst die minimalen, Differenzen zwischen „uns hier“ und „denen da drüben“ immer stärker betont. Solange Jugoslawien eine föderale Republik war, merkte man die Differenzen zwischen Serbisch und Kroatisch nicht. Sie galten als die eine serbokroatische Sprache mit zwei verschiedenen Schreibweisen. Mit dem Zerfall der Föderation 1992 drangen die bis dahin ignorierten kleinen Unterschiede zwischen Serbisch und Kroatisch sofort mit ganzer Wucht ins Bewusstsein der Sprecher dieser Sprache (Sprachen?) ein. Es ist nicht die Größe der beobachtbaren Unterschiede zwischen zwei Gruppen, die die psychologische Wir-Sie-Unterscheidung fördert, sondern genau umgekehrt: Es ist die Stärke des Wir-Sie-Gefühls, die den beobachtbaren Unterschied groß macht. Diese Beeinflussung der tatsächlichen Differenzen durch die psychologische Gruppenzugehörigkeit ist eine wichtige Komponente der sogenannten Wir-Verzerrung. Eine noch wichtigere Komponente ist eine systematisch positivere Beschreibung der eigenen Gruppe im Vergleich mit den anderen. „Wir“ sind immer besser als „sie“. Der Grund, warum wir besser sind, ist nicht von Belang. Man kann auch per Münzenwurf eine größere Gruppe in zwei kleinere teilen. Z.B. bin ich zufällig in der Gruppe, bei der die Münze auf dem Kopf lag. Wir gehen jetzt rechts, die anderen links. In wenigen Minuten sind für mich diejenigen, die wie ich den Kopf geworfen haben, bessere – zumindest etwas bessere Menschen. Sie sind im Allgemeinen klüger, gütiger, positiver als jene Armen, bei denen die Münze auf die Zahl fiel.

„Der Mensch kann nicht so erzogen werden, dass er die Welt nicht in ‚wir‘ und ‚sie‘ unterscheidet.“

Die Wir-Sie-Unterscheidung und die damit verbundene Wir-Verzerrung sind das Fundament der menschlichen Sozialpsychologie. Negative Erscheinungen wie der Hass auf alles Fremde wachsen aus diesem Keim. Diese bösartigen Gewächse der menschlichen Psyche müssen natürlich bekämpft werden. Der Mensch kann und sollte so erzogen werden, dass er keinem Fremdenhass verfällt. Aber der Mensch kann nicht so erzogen werden, dass er die Welt nicht in „wir“ und „sie“ unterscheidet. Die Wir-Verzerrung kann zivilisiert, aber nicht zum Verschwinden gebracht werden. Sie gehört zu unserer Natur wie der Blinddarm. Eine ideale menschliche Psyche ist genauso eine Utopie wie ein idealer Körper. Bei manchen Menschen entzündet sich der Blinddarm, und diese Erkrankung kann, wenn nicht rechtzeitig behandelt, weiter zur Bauchfellentzündung und schließlich sogar zum Tod führen. Viele Menschen erleben jedoch ihr ganzes Leben lang keine solche Entzündung. Einen Blinddarm haben sie trotzdem. Die Geschichte zeigt uns tatsächlich leuchtende Gestalten, die dem Ideal eines kosmischen Bewusstseins, das laut dieser Utopie die Partikularität unseres Wir-Bewusstseins einst überwinden sollte, sehr nah waren. Dennoch kannten auch diese Personen ihr eigenes Wir und dessen Unterschied von einem „Sie“. Mahatma Gandhi näherte sich zwar diesem Ideal, aber kann jemand zweifeln, dass ihm die Interessen der Inder näher am Herzen lagen als die z.B. der Engländer? Martin Luther King hat sein Leben geopfert, damit jeder schwarze Amerikaner die Möglichkeit hat, seinen American Dream zu verwirklichen – einen American Dream allerdings, keinen African Dream.

In anderen Worten: Alternative zu einer nationalen Identifikation kann nur eine andere Identifikation sein. Menschen, die uns einreden, dass man überhaupt ohne Wir-Sie-Teilung umgehen könne, betrügen uns. Eine Annäherung an ein Welt-Wir wäre nur als eine Intersektion mehrerer Wir-Identitäten (wodurch jede einzelne Identität relativiert wird) möglich, aber nicht als Auflösung aller Wir-Identitäten. Das Streben nach dieser Auflösung ist ähnlich dem Streben nach Unsterblichkeit, nach der ewigen Jugend, nach dem Perpetuum mobile oder nach einer perfekten und harmonischen Gesellschaft, in der es keine Konflikte mehr zwischen den Interessen verschiedener sozialer Gruppen gibt. Der Fortschritt besteht in einer immer besseren Ausnutzung der Naturgesetze, nicht aber in der Hoffnung, diese Gesetze außer Kraft zu setzen.

Die Geburt des Nationalismus

Nationalismus gab es weder in der Antike noch im Mittelalter. Im Altertum identifizierte sich der Mensch mit seinem Stamm, mit seinen Stammgöttern, mit seiner Polis, im besten Fall sah er sich als Vertreter der Kulturvölker im Gegensatz zu den kulturlosen „Barbaren“. Das Identifikationszentrum der mittelalterlichen Person war natürlich ihre Religion. Auch außerhalb Europas war eine nationale Identifikation unbekannt. In Asien konnte man 5000 Kilometer reiten und immer noch im Großreich ein und desselben Monarchen bleiben. Das bedeutete natürlich nicht, dass alle Menschen innerhalb dieses riesigen Raums miteinander sich als „wir“ bezeichnen konnten.

Als Geburtsjahr des Nationalismus kann 1589 gelten, als Heinrich IV. aus der damals neuen Familie Bourbon den französischen Thron bestieg. Er war der erste, der explizit der König aller Menschen sein wollte, die in seinem Land wohnen, unabhängig von der Religion. Diese Entscheidung traf er nicht aus theoretischen Überzeugungen, sondern aufgrund der eigenen Erfahrung.

„So wie man uns heute zu einer ‚gesamteuropäischen Identität‘ aufruft, rief man damals die Franzosen zu einer ‚gesamtkatholischen Identität‘ auf.“

Zu dieser Zeit identifizierten sich Europäer nach ihren konfessionellen Überzeugungen. In der russisch-orthodoxen Kirche ist es üblich sich zu bekreuzigen, wenn man an einer Kirche, einer Ikone oder einem anderen heiligen Objekt vorbeikommt. Im 17.Jahrhundert brachten orthodoxe Christen, die sich dabei mit drei Fingern bekreuzigten, die anderen um, die sich mit zwei Fingern bekreuzigten. Die letzteren ließen sich zu Tausenden bei lebendigem Leib verbrennen, aber nicht dazu zwingen, sich mit drei Fingern zu bekreuzigen, denn ihre Überzeugung, nur das Kreuzen mit zwei Fingern sei richtig, machte ihre religiöse Identität aus (siehe letzten Absatz). Der kulturelle Rückstand Russlands hat damit wenig zu tun. Zur gleichen Zeit beschrieb im fortschrittlichen England Jonathan Swift unter dem Eindruck der seit der Reformation in Europa tobenden Konfessionskriege in Gullivers Reisen einen blutigen Krieg anlässlich der Frage, ob man ein gekochtes Ei von einem scharfen oder stumpfen Ende essen soll. Wer diese Prinzipien und Überzeugungen lächerlich findet, sollte sich die Frage stellen, wie die unsrigen in 300 Jahren angeschaut werden.

Heinrich IV. Bourbon kam an die Macht, nachdem er (mit viel Glück) die Bartholomäusnacht überlebt hatte. Er erklärte, dass ihn die Ansichten und Überzeugungen seiner Untertanen nicht mehr interessierten; es reiche, wenn die Menschen das gleiche Territorium teilten, sich miteinander sprachlich verständigen könnten und denselben Monarchen als ihren Herrscher anerkannten. Sie sollten minimale gemeinsame Normen teilen, um zu verhindern, dass jedes Missverständnis zu einem bewaffneten Konflikt geriete. Dann gehörten sie alle zu einem großen Wir: die Franzosen.

Das war nicht selbstverständlich. So wie man uns heute zu einer „gesamteuropäischen Identität“ aufruft, rief man damals die Franzosen zu einer „gesamtkatholischen Identität“ auf. Die Kirche argumentierte, dass das große Wir der Katholiken dem Sie des protestantischen Nordeuropas als eine ungeteilte Einheit entgegentreten sollte, genauso wie heute das große Wir der Europäer dem Sie der Anderen (die USA, China) als eine ungeteilte Einheit gegenübergestellt werden sollte. Heinrich meinte aber, dass die Interessen Frankreichs nicht den Interessen anderer katholischer Länder (vor allem den des Habsburger Weltimperiums) gleich sind, und dass sie nicht in jenem Wir aufgelöst werden können.

Nach der Ermordung Heinrichs durch François Ravaillac 1610 (mutmaßlich ein katholischer Fanatiker) wollten viele Mächte diese Entwicklung zurücknehmen (u.a. die in Florenz herrschende Familie Medici, aus der die Witwe Heinrichs stammte, die nach seinem Tod Regentin Frankreichs wurde). Politisch entscheidend waren die Tage zwischen dem 10. und 12. Dezember 1630, als Kardinal Richelieu zuerst aller seiner Ämter enthoben, dann aber von Ludwig XIII. persönlich wiederhergestellt wurde (der mutmaßlich todkranke Sohn und Nachfolger Heinrichs, der aber noch 13 weitere Jahre lebte) . Der katholische Kardinal war der entschiedene Befürworter der nationalen – nicht der konfessionellen – Identität, und nach den zwölf Jahren seiner Regierung war das Wir-Gefühl der Französen nicht mehr rückgängig zu machen.

„Dass die stärksten Kritiker des Nationalismus in der Regel auch erbitterte Gegner der direkten Demokratie sind, ist kein Zufall.“

Descartes, ein Zeitgenosse von Richelieu, war der erste große europäische Denker seit der Antike, der seine Philosophie in seiner Nationalsprache formuliert hat und nicht (nur) in der eigens dafür entwickelten Gelehrtensprache Latein. Das war im 17. Jahrhundert unvorstellbar – würden Sie heute einen modernen chinesischen Philosophen, selbst einen sehr berühmten, auf Chinesisch lesen? Ludwig XIV., der Enkel von Heinrich, versuchte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts allerdings, die nationale mit der konfessionellen Identität zu vereinen, was natürlich nicht ganz gelang, weil man dem Volk schwer erklären konnte, warum „der katholischste König aller Zeiten“ stets Kriege gegen andere katholische Könige führt.

Jenes nationale Gefühl kannte keine „ethnische“ Komponente. Und was könnte das überhaupt sein? Das Wort „Ethnos“ war gänzlich unbekannt, von der Ethnologie als Lehre über Ethnien gar nicht zu sprechen. Es gab auch keinerlei Vorstellung von etwas Mystischem, Übernatürlichem, Unaussprechbarem wie der „Volksseele“ oder dem „nationalen Geist“. Genau andersrum: Alles Seelische und Geistliche war eindeutig der Gegenstand der alternativen Identität, die der Nationalismus zurückwies. Die Nation bedeutete einfach einen Zusammenhalt der Menschen in einem gemeinsamen Raum mit bestimmten gemeinsamen Verhaltensnormen und unter der Führung eines gemeinsamen Königs.

Frankreich als Nation

Die große Revolution von 1789 setzte die Ausbildung der französischen Nation als einer überbrückenden Einheit fort und gab ihr eine weitere Komponente der demokratischen Entscheidungsfähigkeit hinzu: Von nun an bedeutete nationale Einheit nicht bloß die Einheit des Raums und des steten Miteinanders, sondern vor allem die Souveränität des Volkes, d.h. sein Recht, selbst Entscheidungen zur gemeinsamen nationalen Zukunft zu treffen und das gemeinsame Leben nach eigenem Willen und eigener Vernunft aufzubauen. Dies gipfelte 1882 in der berühmten Aussage des französischen Gelehrten Ernest Renan, die verdient, hier vollständig zitiert zu werden: „Die Nation ist eine große Solidargemeinschaft, die durch das Gefühl für die Opfer gebildet wird, die erbracht wurden und die man noch zu erbringen bereit ist. Sie setzt eine Vergangenheit voraus und lässt sich dennoch in der Gegenwart durch ein greifbares Faktum zusammenfassen: die Zufriedenheit und den klar ausgedrückten Willen, das gemeinsame Leben fortzusetzen. Die Existenz einer Nation ist (man verzeihe mir diese Metapher) ein tägliches Plebiszit, wie die Existenz des Individuums eine ständige Bekräftigung des Lebens ist.“

Wir sind eine Nation, weil wir täglich gemeinsam über unser gemeinsames Leben, über unsere gemeinsame Zukunft entscheiden können. Das zeigt, wie wichtig die Elemente der direkten Demokratie für die lebendige nationale Einheit sind. Dass die stärksten Kritiker des Nationalismus in der Regel auch erbitterte Gegner der direkten Demokratie sind, ist kein Zufall.

„Unser ‚Wir‘ kann nicht die Menschen ausschließen, die in unserer Gemeinschaft sind, aber bestimmte Inhalte nicht teilen.“

Der Fortschritt der Revolution hatte aber seine rückschrittliche Kehrseite: Das Wir-Gefühl bekam eine inhaltliche Komponente. Denn die Überzeugung von den Idealen der Freiheit und Gleichheit sind auch Überzeugungen, die den anderen, z.B. den aristokratischen, gegenübergestellt werden können, womit eine erneute Spaltung der Gesellschaft droht, mit der früheren konfessionellen Spaltung zwar nicht identisch (da mit realen Interessen verbunden), aber ähnlich. Das „ideale“ (in der Geschichte kaum erreichbare) nationale Wir-Gefühl ist aber so inhaltsleer wie die Grundrechte der Menschen. So wie diese ja nicht auf die guten Menschen beschränkt sein können (wie etwa die Meinungsfreiheit nicht die Freiheit sein kann, richtige Meinungen zu äußern), so kann auch unser Wir nicht die Menschen ausschließen, die in unserer Gemeinschaft sind, aber bestimmte Inhalte nicht teilen.

Die Geschichte der französischen Nation zeigt mit voller Klarheit, dass die nationale Einheit nichts mit Konfliktlosigkeit zu tun hat. Das Blut auf den Pariser Straßen von 1789–1794, vom Juli 1830, von 1848–1851, von 1870–1871 und (wie konnte ich daran denken, als ich den Text begonnen habe?) von 2018–19 beweist das genaue Gegenteil. Und dennoch vermochten es sämtliche Spaltungen der französischen Gesellschaft nicht, das nationale Wir zu zerstören. Trotz dem ganzen Hass der Republikaner auf die Royalisten, der Bonapartisten auf die beiden, der Bürgerlichen auf den Adel, der Kommunarden auf die Bürgerlichen, der Kleinverdiener auf die Absolventen der ENA, usw. usf. war jeder für jeden vor allem ein Franzose; ein schlechter, böser, verhasster, aber Franzose; er gehörte zu demselben großen Wir. Interessant ist auch, dass die französische Nationalhymne – die Marseillaise – mit Straßburg in einer Stadt geschrieben wurde, die zum damaligen Zeitpunkt erst seit 100 Jahren zum französischen Staatsgebiet gehört hatte und deren Bewohner im Alltag überwiegend kein Französisch, sondern Deutsch sprachen. Das zeigt den Sog des nationalen Wir sowie die geringe Rolle, die damals in dieser Identität der Sprache zukam.

Mit Ernest Renan war sich (ohne sich dessen bewusst sein) mein estnischer Freund einig, mit dem ich 1988 gemeinsam durch den Süden seines Heimatlandes wanderte. Viele Häuser auf dem Land standen offen, was mich verwunderte, da Diebstahl in der Sowjetunion sehr verbreitet war. Als ich dem Freund meine Bedenken mitteilte, sah er mich mit Erstaunen an: „Sind wir so dumm, einander zu bestehlen?“ Eine bürgerliche Nation ist eine Gemeinschaft der Menschen, die verstehen, dass es dumm ist, einander zu bestehlen.

Nation, Rasse, Identität

Im Geiste des Romantismus und im Zusammenhang mit der Entwicklung der Sprachwissenschaft entstand Anfang des 19. Jahrhunderts die Vorstellung, dass das Nationale etwas anderes sein kann als bloßes Zusammensein, etwas Gehobenes und Besonderes, was über die Oberfläche des menschlichen Miteinanderseins hinausgeht und in die seelische Tiefe hinabsteigt. Dieses Besondere einer Nation zeige sich in ihrer einzigartigen Sprache. Die Sprache drücke spezifisch nationales Denken aus. Die prinzipielle Neuheit, ja, der revolutionäre Charakter dieser Vorstellung darf nicht unterschätzt werden. Denn die Entwicklung der Nationalsprachen im 18. Jahrhundert beruhte auf der genau entgegengesetzten Idee, dass man eben jeden tiefen gedanklichen (philosophischen, wissenschaftlichen) Zusammenhang in jeder (entwickelten europäischen) Nationalsprache allgemeinverständlich ausdrücken kann. Aus dieser aufklärerischen, d.h. vorromantischen Sicht wäre so etwas wie spezifisch deutsche oder spezifisch britische Gedanken, die nur in der entsprechenden Sprache richtig verkörpert werden können, völlig unvorstellbar: Welche Nation sollte dann bitteschön spezifisch lateinische Gedanken denken?

„Auch wenn die nationale und die ethnische Angehörigkeit teilweise übereinstimmen, ist der Unterschied zwischen ihnen grundsätzlicher Natur.“

Der nächste Schritt in der Verzerrung der ursprünglichen bürgernationalen Idee erfolgte etwa ein halbes Jahrhundert nach der romantischen Epoche. So wie ein ehrlicher Christ, ohne seine Glaubensgrundsätze zu verlassen, die zahlreichen Verbrechen der christlichen Kirche in der Geschichte anerkennen kann und soll, so kann und soll auch ein ehrlicher Naturwissenschaftler die manchmal erschreckenden geschichtlichen Nebenwirkungen naturwissenschaftlicher Entdeckungen anerkennen. Ja, die beiden Lichtgestalten, denen man den gigantischen Durchbruch der biologischen Wissenschaft in der Mitte des 19. Jahrhundert am meisten verdankt – Charles Darwin und Claude Bernard – waren scharfsichtig genug, um die Gefahr der möglichen Ideologisierung ihrer biologischen Entdeckungen mindestens vorauszuahnen. Diese Ideologisierung anzuhalten vermochten sie nicht. Sie begann gleichzeitig mit ihren Arbeiten und war und bleibt das Unheil der westlichen Kultur, das Geschwür unserer Zivilisation. Ohne den biologischen Rassenbegriff gäbe es keine Rassenselektion.

Die ideologisierte Biologie baute die Brücke zwischen zwei eigentlich unvereinbaren Prinzipien: der Identität der bürgerlichen Nation (gemeinsamer Raum, gemeinsame Standards im kommunikativen Miteinander, gemeinsame Entscheidungen über die gemeinsame politische Zukunft) und der ethnischen Identität der gemeinsamen genetischen Herkunft. Sogar wenn die nationale und ethnische Angehörigkeit teilweise übereinstimmen, ist der Unterschied zwischen ihnen grundsätzlicher Natur. Die Merkmale der nationalen Identität sind oberflächlich, sie sind direkt einsehbar und erlebbar. Die Merkmale der ethnischen Identität sind dagegen hypothetisch, mutmaßlich, „theoretisch“ im schlechten Sinne des Wortes (man hat ja viel über die menschlichen „Rassen“ spekuliert, die es gar nicht gibt), und wenn sie auch empirisch überprüfbar sind (z.B. Herkunftsland), liegen sie in der Vergangenheit und können zwar, aber müssen sich nicht aktuell ausdrücken.

Der große deutsche Psychologe Kurt Lewin, der wegen der Judenverfolgung in Europa nach Amerika auswandern musste, wurde dort mit dem Rassenproblem konfrontiert. Er bemerkte einen Fakt, den eigentlich jeder hätte bemerken können (aber keiner tat es): dass es „Farbige“ mit weißer Haut gibt. Eine Person kann äußerlich ununterscheidbar von ihren Nachbarn sein, aber in einem Ort wohnen, in dem alle wissen, dass z.B. eine Großmutter dieser Person afrikanischer oder indianischer Herkunft war. Wegen dieser Oma wird die Person als „farbig“ bezeichnet und entsprechend behandelt. Ob ein Amerikaner „weiß“ oder „farbig“ ist, wird also nicht nur von der Hautfarbe bestimmt, sondern von der Kategorisierung durch die soziale Umgebung.2

Die Frage nach der jüdischen Identität kann als gutes Beispiel dienen. In Israel gelten zwei verschiedene Definitionen des Judentums. Einerseits darf jeder, der mindestens einen Großelternteil jüdischer Abstammung hat, ein Bürger des jüdischen Staates mit allen entsprechenden Bürgerrechten (aktives und passives Wahlrecht usw.) werden. Andererseits gilt für mehrere Domänen des öffentlichen Lebens (z.B. Eherecht) die religiöse Definition, wonach nur die Kinder jüdischer Frauen Juden sind. Es gibt also nach der ersteren Definition viel mehr (rein rechnerisch viermal mehr) Juden als nach der letzteren. Aber warum so? Warum Großeltern und nicht Eltern oder Großgroßeltern? Warum Mütter und nicht Väter?

"Einer Nation gemeinsam ist nicht die genetische Herkunft, sondern das gemeinsame Schicksal.“

Die bürgerliche Definition bezieht sich explizit auf die Rassengesetze des Dritten Reiches, nach denen eine Person mit einem jüdischen Großelternteil als „Vierteljude“ diskriminiert wurde. Mit anderen Worten besagt die Definition, dass jeder ein israelischer Bürger sein kann, der im Dritten Reich als Jude verfolgt worden wäre. Die religiöse Definition stammt aus der Zeit der Judenverfolgung durch die Römer nach den Aufständen 66–73 und 132–135 n. Chr. Insbesondere der letzte Aufstand hat mit über 500.000 getöteten jüdischen Männern zehntausende Kinder hinterlassen, deren Väter einfach nicht bestimmbar waren. Die Entscheidung der jüdischen Autoritäten, alle Kinder jüdischer Mütter unabhängig von der Vaterschaft als Juden anzuerkennen, war vollkommen rational. (Die Römer kannten noch keine Rassentheorie und waren daher keine Nazis; ihre Vernichtungsbefehle gegen Juden betrafen fast ausschließlich waffentragende Männer, keine Alten, Frauen oder Kinder; auch die Rabbiner blieben von den Römern unbehelligt, es sei denn, sie unterstützten den Aufstand direkt.).

Diese Beispiele zeigen, dass die Identität der Juden nicht von ihren „jüdischen Eigenschaften“ bestimmt wird, deren Existenz immer noch nicht nachgewiesen ist, sondern von dem, was sie als Gemeinschaft erlebt haben. Im Falle der jüdischen Geschichte bezieht sich das bestimmende Erlebte vor allem auf die Epochen der Judenverfolgung. Selbstverständlich kann dies auf andere nationale Einheiten nur mit wesentlichen Modifikationen übertragen werden. Dennoch gilt das daraus abgeleitete Prinzip von Kurt Lewin auch im Allgemeinen: Was eine Nation gemeinsam hat, sind weder die gemeinsamen Eigenschaften der Menschen, noch die gemeinsame (genetische) Herkunft, auch nicht unbedingt die gemeinsame Sprache (Beispiel Schweiz), sondern das gemeinsame Schicksal.

Die Verschiebung der Intoleranz

Die gegenwärtige Abkehr vom nationalen Wir-Gefühl ruft andere Wir-Identifizierungen hervor, die wesentlich fragwürdiger sind. Im Artikel „Die Schlacht um Europa tobt“ riefen der Politikwissenschaftler André Wilkens und der Pulse-of-Europe-Gründer Daniel Röder die Leser zum Kampf für die von Russland, den USA und China belagerte Festung Europa auf. Der Artikel stand offen im Forum, und zahlreiche Kommentatoren bemerkten, dass die Autoren, ohne dies einzusehen, die kriegerischen Slogans der europäischen Nationen anno 1914 benutzen („alle auf die Verteidigung des Vaterlandes!“) – mit dem einzigen Unterschied, dass „das Vaterland“, zu dessen Verteidigung gegen böse Feinde alle guten Patrioten bis zur Aufopferung des eigenen Lebens gehen sollten, nun nicht mehr Deutschland, Frankreich oder Italien heißt, sondern „Europa“. Die gemeinsame „europäische Identität“, die uns als Alternative zum „kriegerischen Nationalismus“ verkauft wird, kann genauso kriegerisch und aggressiv sein, nur die Feinde sind andere.

„Menschen werden gegenüber fremden Ansichten immer weniger tolerant und immer aggressiver.“

Untersuchungen in den USA zeigen eine stets zunehmende Toleranz der US-Bürger gegenüber fremdem Aussehen, fremden Sitten, fremder Lebensweise sowie anderen „Rassen“. Diese Veränderung könnte man ausdrücklich begrüßen, wenn Menschen nicht gleichzeitig gegenüber fremden Ansichten und vor allem fremden politischen, sozialen, ethischen Überzeugungen immer weniger tolerant, immer aggressiver würden. Mit diesem allgemeinen Ergebnis stimmen die Daten von Untersuchungen unter amerikanischen Universitätsprofessoren überein. Die überwiegende Mehrheit von ihnen hält sich für linksliberal (entspricht etwa dem Mainstream der Sozialdemokratie in Europa) und stellt sich definitiv gegen jegliche Diskriminierung etwa nach Herkunft, Geschlecht oder Hautfarbe. Gleichzeitig geben die meisten gerne und offen zu, dass sie bei der Einstellung oder bei der Begutachtung von Manuskripten und Forschungsanträgen ihrer Kollegen nicht nur auf Sachqualitäten, sondern auch auf soziale und politische Ansichten der Autoren achten. Die Korrelationsanalyse zeigte: Je „linksliberaler“ sich eine Person einschätzt, je deutlicher sie sich im Allgemeinen gegen Diskriminierung positioniert, umso bereitwilliger ist sie, Mitarbeiter und Kollegen nach ihren politischen Ansichten zu diskriminieren, umso unfähiger ist sie, dieses Verhältnis zwischen Toleranzanspruch und Ausgrenzungsbereitschaft als paradox zu erkennen.3

Während politische Studien des 20. Jahrhunderts davon ausgingen, dass in den USA die Angehörigkeit zu einer politischen Partei erst eine sekundäre Folge von anderen, wichtigeren Identitätsstrukturen ist (z.B. Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Farbige usw.)4, kommen die Studien der letzten Jahre zu dem entgegengesetzten Schluss, nämlich dass heute in den USA die Parteizugehörigkeit zur primären Identität geworden ist. Diese Identität übersteigt bei Weitem die für die amerikanische Geschichte so übliche Identifizierung mit der Hautfarbe und findet sich selbst in Bereichen, die von der Politik weit entfernt sind. So lösen alle Reize, die mit der gegnerischen Partei assoziiert werden, unwillkürlich negative, aggressive Emotionen aus. In Spielen, in denen ein Spieler eine Geldsumme zwischen sich und einem anderen Spieler aufteilen soll, unterscheidet sich der dem anderen zugewiesene Betrag dramatisch – je nachdem, ob der Andere zur selben politischen Partei gehört wie der erste Spieler. Im Gegensatz dazu macht die Frage, ob der zweite Spieler dieselbe oder eine andere Hautfarbe hat, keinen Unterschied in der Teilung der ursprünglichen Summe.5

Obwohl mir entsprechende Studien aus Deutschland nicht bekannt sind, wage ich zu vermuten, dass sich die Lage nicht viel anders verhält, zumal man hierzulande über zwei Zaubersprüche verfügt: „Mit Nazis reden wir nicht“ und „Wer Nazi ist, entscheiden wir“. Jede dieser zwei Aussagen könnte zwar diskutiert werden; in der Kombination aber erlauben diese zehn kurzen Wörter, jede politische Ansicht, die nur ein bisschen von der eigenen abweicht, zu zerschmettern und den Halter dieser Ansicht zu entmenschlichen. Der Sozialpsychologe Philipp Tetlock spricht in diesem Zusammenhang von einem neuen Modell der menschlichen Natur: Neben Homo oeconomicus (der Mensch als intuitiver Kosten-Nutzen-Rechner) und Homo cognitans (der Mensch als intuitiver Wissenschaftler, der über seine Umwelt Hypothesen formuliert und diese überprüft) sieht er die Ankunft des Homo accusans (der Mensch als intuitiver Staatsanwalt, dessen primäre Lebensfunktion darin besteht, die Schuldigen zu identifizieren, zu verfolgen und zu bestrafen).6

„Die Grundlage für den unglaublichen Erfolg Europas war nicht seine Einheit, sondern im Gegenteil der Wettbewerb verschiedener größerer und kleinerer Nationen.“

Wer meint, dass die Abkehr von der nationalen Identität uns nach vorne, zu Weltoffenheit und zum „kosmischen Bewusstsein“ führt, kann sich gewaltig irren. Viel wahrscheinlicher ist der Weg zurück, in die französische Gesellschaft vor Heinrich IV., in die Epoche der Religions- und Überzeugungskriege. Wir werden toleranter gegenüber oberflächlichen Zeichen der „Fremde“ wie Hautfarbe oder Musik- und Essensvorlieben, aber der Preis dafür ist unsere stets wachsende Intoleranz gegenüber dem Wesen des anderen: seine Gedanken, Meinungen, Prinzipien, Glaubensbekenntnisse, Attitüden, ausgetragenen Ansichten, sozialen und persönlichen Interessen. Ein Rassist kann einen anderen hassen, weil er anders aussieht; wir neigen immer stärker dazu, einen anderen zu hassen, weil er anders ist.

Die Grundlage für den unglaublichen Erfolg Europas in der Geschichte war nicht seine Einheit, sondern im Gegenteil der Wettbewerb verschiedener größerer und kleinerer Nationen, jede mit eigenem Wir, mit eigenen Vorteilen, eigenen Erfindungen, jede eine andere. Die Gegner des Nationalismus haben natürlich Recht, wenn sie anmerken, dass dieser Wettbewerb auch zahlreiche blutige Kriege verursacht hat. Aber zum einen waren die Kriege in anderen Kontinenten keinesfalls milder; die Geschichte Asiens ist z.B. eine ununterbrochene Serie furchtbarer Massaker, und wenn wir Europäer davon nichts wissen, so gilt: „Ignorantia non est argumentum“. Zum anderen ist die Aufgabe, den Wettbewerb zwischen verschiedenen Sichtweisen und Lebensentwürfen gewaltfrei zu erhalten, nicht unlösbar. Schließlich herrscht in einer demokratisch und rechtstaatlich organisierten Marktwirtschaft eine harte Konkurrenz, ohne dass Marktakteure einander die Kehlen durchschneiden – zumindest passiert es in zivilisierten kapitalistischen Ländern nicht oft.

Wer sich nicht mit seiner Nation identifiziert, identifiziert sich in der Regel mit seinen Überzeugungen. Feodossija Morosowa (1632–1675) war Vertreterin einer russischen hochadligen Familie und Anhängerin einer orthodoxen Sekte, zu deren Glaubenssätzen es gehörte, dass man sich mit nur zwei, und niemals mit drei Fingern bekreuzigen sollte. Auf einem Gemälde von Wassili Surikow (1887) ist zu sehen, wie die Bojarin in einen Kerker abgeführt wird (in dem man sie später verhungern ließ); sie zeigte dem Volk, dass sie trotz des sicheren Todes von ihren Prinzipien nicht abtritt.