01.05.2004

Brüsseler Synthetophobie

Kommentar von Walter Krämer

Walter Krämer über die neuen Chemiegesetze der EU.

Die EU-Kommission plant ein neues Gesetz zur Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien (REACH). Dieses Gesetz zwingt Unternehmen, die mehr als eine Tonne einer chemischen Substanz pro Jahr herstellen oder importieren, diesen Stoff einer zentralen Datenbank zu melden und einen Sicherheitsbericht („Chemical Safety Report“) an eine Überwachungsagentur zu übermitteln. Mögliche Risiken sind vorab festzustellen und, wenn möglich, auszuschalten. Gefährliche Substanzen werden nur noch nach Genehmigung durch die EU-Kommission zugelassen und bleiben bei Nichtzulassung für den europäischen Markt verboten. REACH, so EU-Umweltkommissarin Margot Wallström, sei ein „bahnbrechender Vorschlag“, der der Industrie und den Bürgern gleichermaßen nutze – ein Meilenstein auf dem Weg in eine bessere Zukunft für alle Europäer.

Nun will und wird sich niemand gegen Maßnahmen zur Verminderung von Risiken für Leib und Leben wehren. Darauf allerdings scheint es der EU-Kommission, auch wenn sie noch so sehr den Gesundheitsnutzen ihrer Chemiegesetze in den Vordergrund zu rücken sucht, nur am Rande anzukommen. Ginge es ihr wirklich um das Wohlergehen und das Leben ihrer Bürger, wäre das REACH-Programm mit geschätzten Kosten von 10 bis 20 Milliarden Euro nicht nur die wohl teuerste Art und Weise, dieses Ziel anzustreben, sondern auch die unwirksamste. Die größten Gesundheitsrisiken für die Bürger der EU sind immer noch Alkohol, Tabak, Fett und mangelnde Bewegung. Ebenfalls sehr weit oben auf dieser Gefahrenliste stehen Luftverschmutzung, hoher Blutdruck, Drogen oder Sexualverhalten – alles Risikofaktoren, die ein Vielfaches dessen an Krankheit und Behinderung verursachen, was selbst bei optimistischster Schätzung durch REACH verhindert werden könnte. So lässt sich etwa nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation allein durch eine bessere Sexualerziehung das Zwanzigfache an Lebensjahren gewinnen als durch REACH. Der Gesundheitsnutzen, der entstünde, wenn man gesunden Menschen verböte, in öffentlichen Gebäuden einen Aufzug zu benutzen, oder auf eine andere Art die Bevölkerung zu mehr Bewegung anregte, wäre 48mal so hoch wie der mögliche Nutzen des gesamten REACH-Programms – und erheblich preiswerter.

Weitere leicht zu vermeidende, von REACH vernachlässigte Gesundheitsrisiken sind UV-Licht, Selbstmord, Feuer (über 500 Menschen verbrennen jedes Jahr in Deutschland), Wasser (über 500 Menschen ertrinken jedes Jahr in Deutschland), Kriminalität, Ansteckungen in Krankenhäusern, plötzlicher Kindstod (über 1000 Fälle jedes Jahr in Deutschland), Depressionen, Funktelefone, lange Luftreisen in engen Sitzen, natürliche radioaktive Strahlung, Lebensmittelvergiftungen aus natürlichen Quellen, gesundheitsschädliches Freizeitverhalten, Verkehrsunfälle, Arbeitsunfälle, Unfälle in der häuslichen Wohnung, Lärm (soll in Deutschland mehr als 2000 Todesfälle jährlich verursachen) sowie Sport: Bei Frauen unter 20 ist einer der häufigsten Gründe für Tod und Invalidität der Sturz von einem Pferd.

Die meisten dieser Gesundheitsrisiken sind sowohl gefährlicher als auch leichter zu beseitigen als die von REACH ins Auge gefassten Gefahren. Selbst zu der am meisten gefürchteten Todesursache Krebs tragen künstliche Chemikalien vergleichsweise wenig bei. Jeweils ein Drittel aller Todesfälle durch Krebs gehen auf Rauchen oder falsches Essen und nicht einmal jeder Hunderste auf Industrieprodukte oder Nahrungsmittelzusätze zurück. Nach der Wissenschaftszeitschrift Nature nimmt der ohnehin kleine Anteil der auf Industrieprodukte oder auf Belastungen am Arbeitsplatz zurückzuführenden Todesfälle, also diejenigen, die durch REACH eventuell verhindert werden könnten, seit Jahrzehnten kontinuierlich ab.

Wir haben es also bei REACH mit einem Beispiel der „Stigmatisierung“ synthetischer Chemikalien zu tun, eines von sachlichen Gegebenheiten völlig losgelösten Herausgreifens eines kleinen Gauners bei gleichzeitigem Laufenlassen aller wirklich großen Kriminellen, mithin einer extremen Scharfsichtigkeit auf dem einem bei völliger Blindheit auf dem anderen Auge. Die geplanten Chemiegesetze der EU sind nichts als ein weiterer Ausfluss einer weltweit zu beobachtenden Synthetophobie („synthetic risk bias“), einer Neigung von Regulierungsbehörden, weniger auf die von einer Risikoquelle ausgehende Gefahr als auf die Natur der Risikoquelle abzustellen und vor allem dann Alarm zu schlagen, wenn diese Quelle synthetisch ist.

Diese Synthetophobie teilen staatliche Regulierungsbehörden mit dem Bürger auf der Straße. Wie zahlreiche Studien weltweit zeigen, werden menschgemachte im Vergleich zu natürlichen Gefahren für Leib und Leben dramatisch überschätzt. Nach einer Untersuchung des amerikanischen Biochemikers Bruce Ames sind über 99 Prozent aller Gifte und Schadstoffe in Pflanzen und Nahrungsmitteln von Natur aus darin enthalten, weniger als ein Prozent wird künstlich zugefügt. Aber dieses eine Prozent macht in den Medien mehr Wirbel als die restlichen 99 und erzeugt eine teure Tunnelsicht der Dinge sowie das Bestreben, mit großem Aufwand auch das kleinste Quentchen Risiko bei bestimmten Gefahrenquellen, aber eben nur bei diesen, auszumerzen.

Der US-amerikanische Bundesrichter Stephen Breyer, der sich dieses Themas in seinem viel beachteten Buch zur Risikoregulierung Breaking the vicious cycle angenommen hat, bewertet dieses Phänomen wie folgt: „Die Jagd nach diesem letzten Prozent kostet mehr, als sie nützt.“ Seiner Ansicht nach wird damit der öffentlichen Gesundheit und der Sicherheit der Bürger ein Bärendienst erwiesen: „Die Beseitigung dieses letzten Prozents bringt nichts als sinnlose technische Zwänge, hohe Kosten, beträchtlichen Überwachungsaufwand und endlose Debatten.“ Genau das ist es, was wir von REACH zu erwarten haben: Sinnlose technische Zwänge, hohe Kosten, beträchtlichen Überwachungsaufwand und endlose Debatten.