22.06.2012

Befreit die Jugend aus den Fängen der Sozialhilfe!

Analyse von Brendan O’Neill

In Großbritannien soll das Wohngeld für unter 25-Jährige gestrichen werden. Das ist gar keine so schlechte Idee – aber es sollte aus dem richtigen Grund geschehen, und nicht bloß, um die Staatsfinanzen zu sanieren. Ein Plädoyer für die Unabhängigkeit junger Erwachsener.

Im Zuge einer Reform der Sozialhilfe beschloss die britische Regierung im April unter anderem auch, dass Arbeitslose unter 25 Jahren von nun ihre Miete nicht mehr vom Staat bezahlt bekommen. Ihre Begründung dafür war allerdings typisch kleinmütig. Da ohnehin viele unter 25-Jährige zu Hause – im vertrauten Familiennest – wohnen blieben (manche Kommentatoren bezeichnen diesen Trend als „Peter Pan Syndrom“), wäre es nicht fair, anderen unter 25-Jährigen durch Wohngeld vom Staat ein unabhängigeres Leben zu finanzieren.

Mit anderen Worten: Die Regierung wollte die unter jungen Menschen weit verbreitete Lethargie und fehlende Risikobereitschaft nutzen, um sie zum Daheimbleiben zu überreden. Anstatt die aufregende Welt des Erwachsenseins zu entdecken, sollte sie lieber bei Papi und Mami bleiben und so den Staat vor der Pleite retten. Zu den unter 25-Jährigen, die ausgezogen sind, aber Wohngeld beantragen, sagt man: „Wieso ziehst Du nicht einfach in die Abstellkammer zurück, in der Du aufgewachsen bist, wie es die anderen in Deinem Alter auch tun?“ Das ist keine gute Begründung für Sozialhilfekürzungen. Es gibt durchaus ein Argument, warum unter 25-Jährige keine Sozialhilfe bekommen sollten: Sie sollen doch bitte für sich selbst sorgen und sich entwickeln wie es für junge Erwachsene nötig ist, anstatt an Mutters Schürzenzipfel hängen zu bleiben!

Momentan beanspruchen 380.000 Jugendliche unter 25 Jahren in Großbritannien Wohngeld. Um die 57 Prozent von ihnen haben Kinder und es wäre natürlich unangebracht, jungen unterbezahlten Müttern und Vätern einfach das Wohngeld zu streichen. Aber die anderen 43 Prozent, von denen viele eine reduzierte Form des Wohngeldes, die sogenannte „Wohngemeinschaftsrate“, beziehen, sind ein anderes Thema. Es ist der Frage wert, ob diese Leute wirklich Wohngeld bekommen sollten. Aber sobald die Regierung diese Frage (schlecht) stellt, drehen die Kritiker durch. Das Wohngeld zu streichen, würde „Tausende verletzlicher junger Menschen“ zurücklassen, die „nicht mehr wüssten, wo sie hingehen sollen“, verlautbarte etwa der Obdachlosenverband. Anscheinend haben viele Menschen unter 25 Jahren „einfach keine Familie“, die ihnen helfen könnte, und sind von daher „vom Wohngeld abhängig, um ein Dach über dem Kopf zu haben“.

Dieser Ansicht waren auch viele britische Journalisten. Einer fragte die Regierung: „Was ist wenn [Wohngeld-]Empfänger keine Familie haben, an die sie sich wenden könnten?“ Doch seit wann haben junge Menschen nur die Wahl, mit ihren Familien zu leben oder vom Staat ausgehalten zu werden? Die Annahme vieler Kritiker des Regierungsvorschlages – dass arbeitssuchende Jugendliche, die ihre Miete nicht durch den Staat bezahlt bekommen, zurück zu ihren Eltern ziehen müssten – wird als selbstverständlich erachtet. Aber so müsste es eigentlich gar nicht sein. Hier äußern sich bloß die eigenen Vorurteile und ein sehr degradiertes Bild junger Erwachsener als abhängige übergroße Kindern, die der Fürsorge bedürfen.

Es gibt andere Wege für junge Leute, die von früheren Generationen innerhalb der Arbeiterklasse (und sogar von sehr armen Jugendlichen) mit Begeisterung beschritten wurden – nämlich sowohl unabhängig von Elternhaus als auch vom Staat zu leben, zu arbeiten und bei Freunden Unterstützung zu suchen und ein soziales Netzwerk aufzubauen, durch das man sich Geld leihen und Arbeit finden kann. Millionen und Abermillionen von jungen Erwachsenen haben diesen Lebensweg in früheren Jahrzehnten gemeistert, manchmal mussten sie um die Miete kämpfen, sicher, aber gleichzeitig wussten sie, dass dieser Kampf einen fast unbezahlbaren Wert hatte: die Freiheit, unabhängig zu leben, ohne die Regeln der Eltern und unabhängig vom Staat. Die Idee, dass Arbeitssuchende unter 25 Jahren entweder zu Hause leben müssten oder in vom Staat bezahlten Wohnungen, ist eine ganz neue. Sie reflektiert den vorurteilsbehafteten Blick der heutigen meinungsbildenden Schichten auf die Jugend der Arbeiterklasse als „unfähig“.

Die Rede des Obdachlosenverbands von „verletzlichen jungen Menschen“ fasst zusammen, wie viele Männer und Frauen in den Zwanzigern heute betrachtet werden. Tatsächlich erleben wir eine Verlängerung der Kindheit bis zum Alter von 25 Jahren, so dass es nun total normal erscheint, dass diese Leute entweder zurück nach Hause ziehen sollten (wie die Regierung es vorschlägt) oder der Staat sich um ihre Bedürfnisse kümmern solle (wie die Regierungskritiker sagen). Was bei dieser beleidigenden Diskussion über zwei verschiedene Formen von Mitleid verloren geht, ist die Idee, dass junge Erwachsene in der Lage sind, ihr Leben selbst zu meistern und ein Dach über dem Kopf zu haben – und das auch in einer Zeit hoher Jugendarbeitslosigkeit.

1970 kamen meine Eltern als junge Erwachsene von Westirland nach London. Sie besaßen nichts und haben alles getan, um Arbeit und eine Wohnung zu finden. Wie viele in dieser Zeit, wären sie empört gewesen, wenn man sie „verletzliche junge Menschen“ genannt hätte. Manche mögen vielleicht fragen: „Aber warum sollte man junge Leute in so eine Situation bringen, in der sie für ein Dach über dem Kopf kämpfen müssen, wenn der Staat im Moment doch für sie zahlen würde?“ Die Antwort ist einfach: Es ist sehr destruktiv und kann sowohl die Gesellschaft als auch das Individuum schädigen, wenn junge Menschen ermutigt werden, von Sozialhilfe abhängig zu sein. Sehr oft wird gefragt, was mit Jugendlichen geschieht, wenn man ihnen die Sozialhilfe nimmt. Allem Anschein nach werden sie verhungern, verrückt werden oder kriminell, etc. Aber darüber, was das bestehende Sozialsystem Jugendlichen antut, wird selten diskutiert, d.h. welch schädigenden Einfluss die Abhängigkeit von Sozialhilfe auf Jugendliche und ihre Erwartungen an das Leben nimmt. Die Sorge, um den Schaden, den Menschen unter 25 Jahren erleiden werden, wenn ihnen die Sozialhilfe gestrichen wird, lenkt von den Schäden ab, die die Staatsknete schon jetzt verursacht.

Es könnte eine gute Idee sein, Sozialhilfe für viele unter 25 Jahren abzuschaffen – nicht weil der Staat so Geld sparen kann, sondern weil es vielleicht hilft, die Bedeutung jugendlichen Tatendrangs und Unabhängigkeit gegenüber einer gesichts- und herzlosen Bürokratie hervorzuheben. Die Jahre zwischen dem 15. Und 23. Lebensjahr sind die Schlüsseljahre im Leben eines jeden Menschen. Es ist die Zeit, in der man im biologischen Sinne erwachsen wird und dafür kämpft, es auch im moralischen und sozialen Sinne zu werden. Es ist nicht einfach. Man muss alte Ketten zerreißen (besonders die zu den Eltern) und Risiken einzugehen, indem man in die Welt hinausgeht und herausfindet, was man machen und wer man sein möchte. Indem man experimentiert, Risiken eingeht, neue Bekanntschaften schließt, und ja, auch episodische Not erlebt, wird man zum Erwachsenen. Man wird stärker und klüger als wenn man abhängig geblieben wäre.

Die Bereitstellung von Sozialhilfe für Menschen unter 25 Jahren verhindert diesen durchaus beängstigenden, aber kreativen Prozess. Sie unterbindet die Entwicklung von Jugendlichen zu unabhängigen Erwachsenen, indem die Sozialhilfe die Abhängigkeit vom Elternhaus durch die vom Staat ersetzt. Schlimmer noch, sie hemmt die Fähigkeit junger Menschen, soziale Kontakte zu knüpfen, weil sie dazu angeregt werden, sich mehr auf den Staat zu stützen als auf neue Nachbarn, Freunde und einfach Fremde, Menschen, die ihnen vielleicht Arbeit oder neue Chancen bieten könnten. Wo man einst von jungen Leuten erwartete, die unbekannte Welt des Erwachsenseins zu entdecken, haben sie heute die Möglichkeit, sich in die bequeme, aber zerstörerische Decke der Sozialhilfe zu kuscheln.

Die Sozialhilfe für unter 25-Jährige zu streichen wird nicht alle Problem der heutigen Unabhängigkeits-Phobie und Anti-Erwachsen-sein-Kultur lösen. Aber es wäre ein guter Schritt in die richtige Richtung, um Risikobereitschaft und den Kampf für Selbstständigkeit zu fördern. Auffällig ist doch, dass es immer die Leute sind, die am wenigsten von Sozialhilfe abhängig sind – wohlbestallte Redakteure oder Think-Tankers –, die sie am leidenschaftlichsten verteidigen. Das liegt daran, dass sie einfach nichts über den schädlichen Einfluss der Sozialhilfe auf Individuen und die Gesellschaft wissen. Ich habe genug Spekulationen darüber gehört, was passieren wird, wenn man Sozialhilfe für Menschen unter 25 Jahren streicht – jetzt ist es an der Zeit, darüber zu diskutieren, wie Sozialhilfe für Jugendliche, die so gedankenlos und gönnerhaft von Politikern und Publizisten unterstützt wird, die Lebenschancen junger Erwachsener untergräbt.