22.04.2020

Barca Nostra – ist das Kunst?

Von Wendy Earle

Titelbild

Foto: Jean-Pierre Dalbéra via Flickr / CC BY 2.0

Ein Boot, bei dessen Untergang hunderte Migranten starben, wurde als Kunstobjekt ausgestellt. Doch eine moralische Botschaft allein bietet noch keine Kunsterfahrung.

Was ist der Unterschied zwischen einem Kunstwerk und einem moralischen Imperativ? Für Angehörige der zeitgenössischen Kunstwelt ist das möglicherweise ein und dasselbe. Während der Biennale, die 2019 in Venedig stattfand, sorgte der isländisch-schweizerische Künstler Christoph Büchel für Schlagzeilen. Seine Installation „Barca Nostra“ (Unser Schiff), ist das Wrack eines Fischerboots, das im Jahr 2015 im Mittelmeer sank. Die meisten seiner Insassen, Migranten, die aus Libyen nach Europa einreisen wollten, ertranken, weil sie im Schiffsinneren feststeckten. Das Werk verlangt von uns eine unzweideutige, moralische Reaktion. Aber sollte es als Kunst angesehen werden?

Das Wrack wurde 2016 an Land gebracht, um die in ihm verbliebenen Leichen zu bergen. Seither lagerte es auf einem Nato-Gelände in Sizilien. Laut einer Pressemitteilung wurde es in Venedig ausgestellt, um die Tragödie der vielen toten Migranten im Mittelmeer in den Fokus zu rücken. Die Intention sei, es wegen seiner sozio-politischen, ethischen und historischen Bedeutung als ein wichtiges Vehikel zu nutzen. Es solle nicht nur dieses eine, schockierende Unglück repräsentieren, sondern für die vielen Migranten sprechen, die ihr Leben verloren haben, weil sie auf ein besseres Leben in Europa gehofft haben. 1

„Wir leben in einem tragischen Moment, ohne Erinnerung. Wir alle schauen die Nachrichten an und es wirkt alles weit weg: Jemand stirbt auf See und wir schalten um“, sagte Büchels Mitstreiterin, die Kuratorin Maria Chiara di Trapani. 2 Sie hoffte, dass die Besucher der Biennale Respekt für das Werk verspüren, es in aller Stille anschauen, um dabei darüber zu reflektieren. All diejenigen also, die zu der Gruppe gehören, die umschalten, wenn sie von Katastrophen hören, konnten dies wiedergutmachen, indem sie nach Venedig pilgerten, um dieses Objekt zu betrachten.

Es gibt zahlreiche große Kunstwerke, die katastrophale Schiffbrüche darstellen. Es lohnt sich, Büchels Installation mit einem Gemälde zu vergleichen, das vor 200 Jahren das erste Mal gezeigt wurde. Théodore Géricaults „Floß der Medusa“ (Original: Le Radeau de la Méduse) von 1819 stellt die skandalöse Geschichte eines Schiffsuntergangs vor der Küste des heutigen Mauretaniens dar. Schuld an der Katastrophe hatte der inkompetente Kapitän des Schiffs. Die meisten der 400 Passagiere und Besatzungsmitglieder starben. Die wenigen, die überlebten, kämpften gegen das Verhungern und Verdursten und praktizierten Kannibalismus, bis sie endlich gerettet wurden.

„Bei diesem Bild gibt es keine Trennung zwischen Kunst und Moral.“

Géricault wählte das Motiv teilweise als Reaktion auf die öffentliche Entrüstung, die das Ereignis in Frankreich ausgelöst hatte, aus. Seine Gemälde waren bewusst provokativ, sowohl aus künstlerischer als auch aus politischer Sicht, und sein Werk sorgte für eine heftige Kontroverse. Der brutale Realismus und die implizite Kritik am damaligen Establishment wurden von einigen verurteilt, von anderen gelobt. Manche Kritiker beklagten sich über die ekelerregenden Leichenberge und dunklen Farben, während andere die sozialkritische Botschaft sowie Géricaults Fantasie und Innovationsfähigkeit priesen.

Das Gemälde transzendiert den einen historischen Moment, den es abbildet, und fesselt den Betrachter bis heute. Noch Generationen später beeindruckt seine dunkle, dynamische Ausdrucksstärke. Es zwingt den Betrachter durch seine graphische Darstellung, sich den Horror des Schiffbruchs vor Augen zu führen. Museumsbesucher, die Géricaults „Floß“ betrachten, können über die Bildkomposition, den Symbolismus, die Kunst der Darstellung und die vielen Facetten der Gedanken, Gefühle und Erfahrungen, die hier zum Ausdruck kommen, nachdenken. Jeder kann sich aussuchen, wie er reagiert. Wir können uns von der Vorstellung des Moments des Horrors mitreißen lassen – oder wir können einen Schritt zurücktreten und einfach nur die Technik der Pinselführung bewundern. Wie wir uns zu dem Bild verhalten, ist uns freigestellt. Wir können zwanglos darüber nachdenken, was uns an ihm gefällt, und können, wenn wir das wollen, auch von seiner politischen Botschaft absehen.

„Barca Nostra“ dagegen scheint uns diese Freiheit nicht zu gewähren. Das Werk wirft einen kritischen Blick auf uns, die Betrachter. Es will alle dazu bringen, sich mit dem ihm zugrunde liegenden Thema auseinanderzusetzen. Als Menschen mit einem Gefühl für Moral bleibt uns nichts anderes übrig, als schockiert auf den Tod der Migranten zu reagieren. Diejenigen, die sich nicht auf diese Weise mit dem Werk auseinandersetzen, die z.B. ihren Latte Macchiato trinkend vorbeilaufen und es ignorieren oder gar ein Selfie von sich und dem Boot machen, werden implizit als moralisch defizitär betrachtet. Will man nicht herzlos erscheinen, muss man moralistisch auf das Werk reagieren. Mit anderen Worten: Es gibt keine Trennung zwischen Kunst und Moral.

„Der Versuch, sich daran wie an einem Kunstobjekt zu erfreuen, scheint abstoßend.“

Auch die Kommentierung des Werks reflektiert dies: Es ist nie wie ein Kunstwerk diskutiert worden. Jeder scheint sich angesichts seiner moralischen Botschaft zu schämen, seinen künstlerischen Wert zu hinterfragen. Dort, wo es kritisiert wurde, ging es nur darum, dass hier das Leiden von Menschen im Namen der Kunst ausgenutzt wurde. Die Wahrheit ist, so ein Kommentator, dass die Erinnerung an eine solche Tragödie trotz Büchels guter Intentionen herabgewürdigt wird, wenn aus ihr und dem Leid der Migranten ein Spektakel gemacht wird. 3 Anderen zufolge ist es makaber und Ausdruck eines moralischen Bankrotts, wenn die Kunstelite ein solches Wrack braucht, in dem 800 Menschen starben, um ihre Tränen über das Flüchtlingsschicksal vergießen zu können.

Sich mit Kunst auseinanderzusetzen verlangt von uns oft, dass wir uns von den unmittelbaren Anforderungen der realen Welt distanzieren und uns auch der Spekulation und der Fantasie öffnen. Dadurch können wir beginnen, uns mit den unbeschreiblichen Erfahrungen der menschlichen Existenz durch die Kunst auseinanderzusetzen. Aber wir können das Kunstwerk auch als physisches Objekt genießen. Susan Sontag formulierte es so: „Sich mit einem Kunstwerk zu beschäftigen, beinhaltet sicherlich die Erfahrung, sich von der Welt zu lösen. Aber das Kunstwerk ist auch ein lebendiges, magisches und exemplarisches Objekt, das uns in gewisser Weise offener und bereicherter in die Welt zurückbringt.“ 4

Géricaults Floß bietet uns diese Art von nachdenklicher Erfahrung – es bietet uns eine Bereicherung durch Kunst. Barca Nostra hingegen ist eine moralische Botschaft, die wir nicht ablehnen können. Der Versuch, sich daran wie an einem Kunstobjekt zu erfreuen, scheint abstoßend. Es gibt viele Möglichkeiten, wie sich die zeitgenössische Kunst produktiv mit der Migrantenkrise und den so tragisch verlorenen Leben auseinandersetzen kann, aber das ist keine davon.