20.06.2011

Architektur ohne Risiken und Nebenwirkungen

Essay von Michael Bross

Der Zeitgeist ist nachhaltig und die Architektur ist es auch. Während frühere Generationen mit ihren Bauwerken noch Spuren hinterlassen wollten, scheint es aktuell nur noch um die Verminderung des ökologischen Fußabdrucks zu gehen. Was sagt das über unsere Zeit, fragt Michael Bross

Das neue Ideal unserer Gesellschaft scheint die bedeutungsschwangere Bedeutungslosigkeit in auffälliger Unauffälligkeit zu sein. Beredtes Beispiel für diese neue Strömung, diesen Megatrend ist die Architektur. Gebäude müssen in erster Linie nützlich sein. Aber jenseits der Zweckmäßigkeit eines Bauwerks drücken sich in dem Stil, in dem es errichtet wurde, immer auch der Zeitgeist, der Geschmack der jeweiligen Epoche aus. Von besonderer Bedeutung als Trendsetter sind hier stets öffentliche Bauten. Die Herrschenden und die Oberschicht haben mit ihrem Baustil und den Vorlieben, die darin zum Ausdruck kamen, immer Zeichen gesetzt, die von der Bürgerschaft nachgeahmt wurden.

Frühere Generationen von Baumeistern strebten danach Spuren zu hinterlassen, groß und bedeutend zu bauen, um auf diese Weise das Selbstverständnis ihrer Auftraggeber in Stein gemeißelt dauerhaft in Form zu bringen, dem Geltungsdrang einer Generation Ausdruck zu verleihen. Paläste, Schlösser, Kirchen und Tempel, aber selbst profane Bauwerke wie Lager, Brücken, Hallen oder Bahnhöfe (diese Technik-Kathedralen des Fortschritts!) sollten die Nachwelt beeindrucken und von der überragenden Bedeutung der Epoche ihrer Entstehung künden. Und ganz besonders galt dies in vielen Weltregionen für die Grabmäler, die ja nicht nur im Diesseits, sondern auch im Jenseits für gebührende Aufmerksamkeit sorgen sollten.

Das drückte sich in der Architektur aus. Neuerdings ist dies anders. Gerade in der Sphäre des öffentlichen Baus hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Öffentliche Gebäude sollen vor allem nachhaltig sein! Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung hat dafür bereits 2001 einen „Leitfaden Nachhaltiges Bauen“ veröffentlicht, der in Kürze in erweiterter Neuauflage erscheinen wird. Einen Überblick über die Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien für das Bauwesen bietet der BBSR-Bericht Kompakt 14/2010 des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

Heute muss es in Architektenkreisen als besonders fortschrittlich gelten, beim öffentlichen Bauen nach Möglichkeit keinen „Fußabdruck“ zu hinterlassen: Carbon Footprint, Ecological Footprint – sie müssen so klein wie möglich sein, damit man die Anwesenheit der Menschen auf der Erde möglichst kaum wahrnimmt. Wozu leben wir eigentlich, wenn wir unserer Zeit und unserer Umgebung nicht mehr unseren Stempel aufdrücken wollen? Wenn wir die Welt nicht mehr zu verändern streben, um sie besser und angenehmer zu machen?

Der Mensch und seine Artefakte werden gegenwärtig nur noch von ihren Nebenwirkungen und unerfreulichen Begleiterscheinungen her bewertet. Die Apologeten des einfachen Lebens nennen das Nachhaltigkeit, aber eigentlich spiegelt es Konsumverdrossenheit und ist das Eingeständnis tiefer geistiger Leere: Wer seinem eigenen Leben keinen Sinn zu geben vermag, wer aus sich selbst heraus mit allem nur unzufrieden ist, der sucht sein Heil im Jenseits – oder ersatzweise in der Zukunft. Am besten in einer Zukunft, die er selbst nicht mehr erleben wird, damit ihm erspart bleiben möge, die Kollision der schön gedachten Utopie mit der zukünftigen Realität ertragen zu müssen. Das ganze paart sich mit dem Überdruss vieler Zeitgenossen, in der Optionsgesellschaft ständig Entscheidungen treffen zu müssen, und dem neidischen Gefühl, selber zu kurz gekommen zu sein. Da wird dann schnell geurteilt: Was für mich unerreichbar ist, brauchen meine Mitmenschen auch nicht! Und was ich mir selbst nicht gestatte, gönne ich auch keinem anderen! Damit das alles nicht so missgünstig daherkommt, etikettieren wir das politisch korrekt und moralisch einwandfrei als nachhaltiges Wirtschaften und umweltverträgliches Leben.

Nachhaltigkeit ist allerdings ursprünglich ein betriebswirtschaftlicher Begriff gewesen. Sie beschrieb diejenige Wirtschaftsweise, die das eingesetzte Kapital des Waldbesitzers langfristig sicherte. Eine moralische Verpflichtung zum Vererben eines hübsch anzuschauenden Waldbiotops – damit sich auch künftige Generationen am Anblick unter breit ausladenden Kronen mächtiger Eichen glücklich kopulierender Hasenpopulationen zu erfreuen vermöchten – war daran nicht gekoppelt. Nachhaltigkeit war in höchstem Maße nützlich – für den Menschen. Sonst nichts!

Die Pyramiden in Gizeh sind nachhaltig. Noch 4000 Jahre nach ihrer Errichtung stehen sie im Wüstensand, und die Menschenmassen blicken zutiefst ergriffen zu ihnen auf. Das war ja wohl auch der Zweck der gewaltigen Baumaßnahme: Die Sterblichen sollten zum gottgleichen Pharao aufblicken! Und Gizeh ist sogar ökonomisch nachhaltig: Ein besseres Investment in die Zukunft hätten die alten Herrscher ihren Nachkommen kaum hinterlassen können. Die Pyramiden sind gewiss eine Säule der Tourismusindustrie am Nil. Welch vorausschauende und gütige Vorsorge über Generationen hinweg!

Das Leben an sich ist übrigens nicht nachhaltig. Jede Lebensform nutzt Energieunterschiede aus – sie transferiert ständig Materie vom höheren zu einem niedrigeren Energiegehalt. Wir alle leben von der Energie des Urknalls, bis sie eines Tages verbraucht sein wird. Der Witzbold Otto Waalkes lästerte zwar vor Jahren über Fast-Food, dass erstmals in der Menschheitsgeschichte das, was oben in den Menschen hineingehe, schlechter sei als das, was unten herauskomme. Leider (oder vielleicht auch Gott sei Dank!) ist das kein Trick zur Umkehr der Entropie. Und die steht der Nachhaltigkeit ziemlich final im Weg.