01.06.2011

Echte Innovation lässt sich nicht herbeizwingen

Analyse von Paul Reeves

Paul Reeves, Leiter für Softwareentwicklung bei Dassault Systèmes, benennt die falschen Annahmen hinter dem aktuellen Konzept ökologischer Innovation und plädiert für Arbeit, die der Menschheit Möglichkeiten nicht verschließt, sondern öffnet. Echte Innovation ist risikofreudig und kompromisslos

Es scheint, als stünden wir heute unter dem Zwang, zwei Welten miteinander in Einklang zu bringen: ökonomisches Wachstum auf der einen und Reduzierung unseres ökologischen Fußabdrucks auf der anderen Seite und müssten zwischen Fortschritt und Selbstbescheidung wählen. Folglich erheben viele Ingenieure und Institutionen im Technologiesektor immer häufiger ein mit möglichst geringen Belastungen verbundenes Wachstum zur Tugend. Dieser scheinbar attraktive Ansatz könnte jedoch langfristig in Wirklichkeit innovationshemmend wirken und echte Innovationen in Projekten, Produkten und Prozessen eher behindern.

Vom Held zum Zauderer

Im Ingenieurwesen war man früher bestrebt, Neues zu schaffen, das weitreichende positive Veränderungen für die Gesellschaft mit sich brachte. Heute hingegen beschränkt man sich zumindest in Großbritannien darauf, alte Infrastrukturen wie das Abwassersystem oder Schienennetz auszubessern. Nachdem der Autobahnbau in den 1960er und 1990er Jahren boomte, geht es bei den heutigen Infrastrukturprojekten in erster Linie um Wartung, Ausbesserungs- und Verbreiterungsmaßnahmen, um die Straßensicherheit zu gewährleisten und Nadelöhre, insbesondere in den Ballungsgebieten, zu entlasten (1). Als Entschuldigung für den Mangel an größeren und verbesserten Verkehrskapazitäten wird auf Alternativen wie den Schienenverkehr verwiesen – doch nur, weil man das Autofahren möglichst eindämmen möchte. Die Erschließung neuer Flächen auf der grünen Wiese oder gar in Grüngürteln stößt auf Ablehnung. Und obgleich die in unsere Städte führenden Straßen im Allgemeinen zu eng oder kurvenreich sind, sollten wir in das Schnellstreckenprojekt der Bahn „High Speed Two“ keine allzu hohen Erwartungen stecken – und an neue Start- und Landebahnen – oder gar neue Flughäfen – ist erst gar nicht zu denken!

Im Maschinen- und Flugzeugbau ist Effizienz heute das maßgebliche Leitbild. Das heißt, die technische Leistung wird gleichgesetzt mit effizientem Materialeinsatz und maximaler Energieeffizienz in der Produktherstellung. Auch wenn Parameter wie Design und Entwicklung oder auch ästhetische Faktoren eine Rolle spielen, so heißt das Ziel im Allgemeinen „effizientes Design“. Da in den letzten 20 Jahren „schlanke“ Prinzipien, zusammen mit dem Umweltschutzkonzept „Cradle to Grave“, welches besagt, dass: „Umweltgefährdende bzw. -schädigende Stoffe grundsätzlich während ihres gesamten Produktions-, Verwendungs- und Beseitigungsprozesses kontrolliert werden“ müssen (12), forciert wurden, meinen viele, höhere Effizienz sei schon Realität und ohnehin vernünftig. Der Druck, Energie und Material effizienter einzusetzen wurde von Umweltschützern durch das Konzept der „Nachhaltigkeit“ sogar fetischisiert. Darin spiegelt sich ein Trend zur sogenannten „nachhaltigen Innovation“ zunehmend „nachhaltiger Produkte“ wider, was dann – so die Annahme – schließlich zu „nachhaltigem Wachstum“ führen soll.

Kritische Kommentatoren betrachten diese Art Innovation als „Wettlauf nach unten“: Zulieferer und Mitarbeiter werden ausgepresst; und die Produkte gleichen sich immer mehr an. Andere hingegen bewerten Entwicklungen wie Elektro- und Hybridfahrzeuge, die durch Umweltüberlegungen forciert werden, als echte Innovationen in Design und Infrastruktur. Und auch dafür gibt es neue Schlagworte wie „Green Tech” oder „Clean Tech“ – „Grüne” oder „Saubere Technologien”.

Der Elektrosportwagen von Tesla wird oft als Beispiel dafür herangezogen, wie ein modernes Produkt entstehen kann, das möglicherweise sogar leistungsstärker ist als die traditionellen Alternativen, wenn man vorhandene Technologien unter neuem Blickwinkel betrachtet (2). Internetseiten wie Greentech, Smartplanet oder The Engineer machen dem Besucher immer wieder klar, dass sinnvolle und bewusste Produktinnovationen in technischen Diskussionen eine zentrale Rolle spielen und es auch in die Produktion schaffen (3). Auch weniger spektakuläre Technologien (bis vor Kurzem noch als vergeudete Innovationsbemühungen abgetan), wie zum Beispiel aus „Hundehaufen“ erzeugtes Methan als Energieträger für den Einsatz in Straßenlaternen zu verwenden, werden ernsthaft diskutiert und können produziert werden (4). Geotechnische Projekte, angetrieben durch die Sorge um den Klimawandel, werden von der öffentlichen Hand und der Privatwirtschaft finanziell gefördert.

Viele “bekehrte” Grüne wie der Öko-Guru Stewart Brand haben in ihren Positionen zu gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln und zur Atomenergie eine Kehrtwende vollzogen (5). In einem aktuellen Interview erklärt Stewart Brand, warum er die Atomkraft heute für unentbehrlich hält (13). Demgegenüber steht eine neue politische Führungsgeneration, vertreten durch Leute wie Ed Miliband in Großbritannien, dem neuen Vorsitzenden der Labour-Partei und früheren Energieminister, die massiv auf die Haltung der Öffentlichkeit zum Klimawandel einwirken. Sein Bruder, der frühere Außenminister David Miliband, hob immer wieder die Bedeutung einer positiven Sicht auf eine kohlenstoffarme Zukunft hervor und zitierte dabei einen Satz aus der Einleitung zu dem Buch “Break Through: From the Death of Environmentalism to the Politics of Possibility” von Ted Nordhaus und Michael Shellenberger: ‘Wenn Martin Luther King gesagt hätte „Ich habe einen Albtraum“, dann wäre ihm niemand gefolgt.’ (6)

Der Zwang zu nachhaltiger Innovation

An vielen britischen Universitäten gibt es Studiengänge zum Thema nachhaltige bzw. umweltfreundliche Technik (7). Sie folgen dem Grundsatz, dass die “…Sicherstellung einer nachhaltigen Zukunft ein treibender Faktor der Politik, Unternehmensstrategien und technischer Innovationen“ sei. (8) Nachhaltigkeit ist zum Mainstream geworden und ist heute eine zentrale ethische Norm in vielen beruflichen Bildungseinrichtungen (9). Auf grünen Technologien basierende Innovationen – für ein bewusstes oder sauberes Wachstum – können zwar als dringend nötige Wachstumsquelle begrüßt werden, aber die „Zwanghaftigkeit”, mit der grüne und nachhaltige Innovation betrieben wird, birgt eine Reihe von Problemen.

Sie orientiert sich zum einen zu stark an der Lehre „Notwendigkeit ist die Mutter der Erfindung“, die sich mit einem einfachen Beispiel widerlegen lässt: Es war niemals notwendig für die Menschheit, fliegen zu können. Doch als es dann soweit war, dass wir fliegen konnten, hat sich die Welt mit der Erschließung der Luft- und Raumfahrt, Telekommunikation, Fernerkundung und vieler anderer damit verbundener Möglichkeiten positiv verändert. Wir können nun an fernen und interessanten Plätzen dieser Welt Urlaub machen, arbeiten, an Konferenzen teilnehmen und über große Entfernungen wesentlich schneller Waren austauschen. Ob bewusst oder nicht – die nicht durch eine Notwendigkeit herbeigeführte Fortbewegung per Flugzeug hatte echt demokratisierende Wirkung.
Ein anderes Beispiel sind die digitalen Innovationen im Bereich der sozialen Medien. Über soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, oder Blogs können wir blitzschnell weltweit miteinander kommunizieren, Massen mobilisieren und weitreichende gesellschaftliche und politische Veränderungen anstoßen, wie die jüngsten Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent und den arabischen Staaten zeigen. Auch die diese Folgen zeitigenden Erfindungen in der IT wurden nicht aufgrund irgendeiner „Notwendigkeit“ gemacht, sondern weil eifrige Tüftler sich ab den späten 1960er-Jahren neue Anwendungen für ursprünglich im militärischen Bereich angestoßene Entwicklungen ausdachten.

Zweitens basieren Innovationen, die durch grüne Technologien und Nachhaltigkeit angetrieben werden, auf einer viel zu engen Vorstellung von Innovation und Kreativität. Wenn wir uns nur auf „Probleme“ konzentrieren und „Lösungen“ anhand einer Liste entwickeln wollen, die – eingegrenzt auf den Umweltaspekt – aufzeigen, was „möglich“ oder „notwendig“ sein mag, verlieren wir die Fähigkeit, unbehindert neue Ideen zu entwickeln. Die Erschließung unerforschten oder unerlaubten Terrains kann mitunter an den ursprünglich selbst gestellten Aufgaben vorbeiführen. Um möglichen technischen Lösungen offen gegenüberzustehen, ist einfach das Selbstvertrauen erforderlich, Forschungsanstrengungen über die vordefinierten Grenzen dessen, was notwendig, umweltfreundlich oder „verantwortlich“ ist, hinauszutreiben. Kurz, es bedarf des Vertrauens in die positiven Potentiale unbehinderten menschlichen Handelns.

Das Konzept einer zwanghaften „ökologischen“ Innovation hingegen fußt auf einer misstrauischen Haltung gegenüber menschlichem Handeln, das laut der heute beherrschenden Sicht als eher destruktiv für den Planeten angesehen wird. Dieses Konzept geht also von einer düsteren Perspektive auf die Zukunft aus. Und die wiederum begrenzt unsere Vorstellungen darüber, wie die Zukunft aussehen und welche Rolle die Technik dabei spielen sollte, massiv. Das gegenwärtige Innovationsdenken ist folglich in doppelter Hinsicht von Engstirnigkeit geprägt, denn es besagt, dass wir unsere Erwartungen so niedrig ansetzen müssen, dass Innovation auf absehbare Zeit sich um das drehen müsse, was wir nicht haben dürfen, statt darum, was wir zumindest die Wahl haben sollten, haben zu können, also zum Beispiel:

  • Mehr Optionen für bessere und schnellere Mobilität
  • Mehr Möglichkeiten für modernes Wohnen
  • Mehr Auswahl an „saisonunabhängigen” Nahungsmitteln
  • Mehr Freizeit und Zeit für intellektuelles Engagement außerhalb der beruflichen Arbeit.

Heutzutage heißt es leider immer gleich „Nein, man darf – oder sollte – nicht immer noch mehr wollen“. Immer wieder wird uns gesagt, Überfluss sei schädlich und maßlos. Wenn es um grüne Technologien geht, wird das „Nein“ mitunter leicht abgeschwächt in ein „Ja, aber …“. Eine wirklich innovative und kreative Gesellschaft würde jedoch eine ganz andere Prämisse wählen und mit einem uneingeschränkten „Ja“ an die Sache herangehen.

Es ist vernünftig, sich der Ressourcenknappheit bewusst zu sein, doch dann geht es darum, solche Engpässe zu überwinden. Das erfordert unbehinderte Kreativität. Wir sollten uns nicht einfach der Lage anpassen. Innovation, die zentral auf Nachhaltigkeit setzt, schränkt unser Vorstellungsvermögen ein. Sie basiert einerseits auf blindem Vertrauen in die Planbarkeit der Zukunft (d.h. illusorischen Regulationsideen) und unterschätzt gleichzeitig die echten Potenziale unserer Vorstellungskraft (will sie eindämmen).

Dort, wo der Nachhaltigkeitsgedanke die Vorstellungskraft prägt, fehlt die Fähigkeit, aus dem Innovationsdenken der Vergangenheit zu lernen, das uns gezeigt hat, wie es der Menschheit gelingen kann, ihre Bedürfnisse zu befriedigen und dabei sogar einen Schritt weiter zu gehen und die gegebenen Schranken physischer Ressourcen und aktueller technischer Möglichkeiten zu überwinden. Beispiele hierfür sind die Agrar- und die industrielle Revolution sowie die soziale Revolution weg von Feudalismus und Sklaverei hin zu einer kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsform. Hier fanden keine „natürlichen“ Entwicklungen, sondern gesellschaftliche Umwälzungen statt. Allzu oft wird die Zukunft heute als statische Fortsetzung der Gegenwart betrachtet. Hier ist unbedingtes Umdenken erforderlich. Wir müssen beginnen, die Zukunft als dynamischen Prozess zu begreifen, dessen Endpunkt nicht bereits am Anfang des Prozesses festgeschrieben ist.

Beherrschung – nicht Zerstörung – der Natur

Was bedeutet dies nun für den Technologie- und Ingenieursektor? Sicher mag es verlockend sein, mit dem klangvollen Begriff der „Nachhaltigkeit“ und dem aktuellen grünen Boom junge Leute für technische Berufe zu gewinnen. Aber wir sollten dabei nicht vergessen, dass die Welt, zumindest ihre Oberfläche, weitgehend das künstliche Produkt sowohl unserer Landwirtschaft als auch der Industrialisierung ist. Mit anderen Worten: Sie ist eine Schöpfung der Menschheit. Das ist gut. Und wir sollten stolz darauf sein.

Die Natur zu beherrschen heißt nicht sie zu zerstören. Wir können von der Natur lernen und uns von ihr inspirieren lassen. Dennoch ist der Großteil der bedeutenden Errungenschaften in unserem praktischen Alltag und kulturellen Leben kein Produkt der Natur. Sie sind das Ergebnis unserer menschlichen Anstrengungen. In diesem Prozess haben wir nach und nach auch unsere eigene „romantische“ Sicht auf die (künstliche) Naturwelt entwickelt. Unsere heutige Existenzangst könnte man auch als Luxusprodukt betrachten.

The Institution of Civil Engineers, die erste Vereinigung von Bauingenieuren in Großbritannien, gegründet 1818, erhielt 1828 eine Royal Charter, die folgenden Passus enthielt: ...für die Förderung des Erwerbs jener Art Wissen, die den Beruf des Ingenieurs ausmacht, also der Kunst, die großen Kräfte in der Natur zum Nutzen und Wohle der Menschheit zu lenken… (10)

Heute würde man dieser Aussage eine gewisse Arroganz zuschreiben. Sie impliziert eindeutig, dass die Ressourcen der Natur zum „Wohle der Menschheit“ erschlossen und genutzt werden sollen und können. Dieser Standpunkt hat heute Außenseiterstatus. Es ist soweit gekommen, dass kaum einer noch das so zu denken oder zu sagen wagt. Deshalb sollten wir auch neuen Öko-Technophilen wie Stewart Brand mit einer gewissen Zurückhaltung begegnen, wenn sie ihr „neues Bekenntnis“ zu Technologien wie Atomkraft und genveränderten Produkten beteuern. Nicht nur, weil es nach wie vor in eine von ökologischem Grenzendenken geprägte Argumentation eingebettet ist, sondern auch, weil wir nicht vergessen sollten, dass, wie Brand selbst einräumt, dass Leute wie er mit ihrer früheren Ablehnung dieser Technologien den Fortschritt in diesen Bereichen möglicherweise um Jahrzehnte blockiert haben (11).

Ingenieure haben gerne ein Projekt, auf das sie dann ihre Kunst des Kompromisses und ihren Erfindungsgeist anwenden können. Das Ergebnis ist die bestmögliche Lösung innerhalb der Rahmenbedingungen, die ihnen durch die physikalische Welt und wirtschaftliche Vorgaben gesetzt sind und für die sie möglicherweise innovative und mutige Ansätze gewagt haben. Wir sollten jedoch lernen, keine Kompromisse einzugehen, was die Reichweite und den Anspruch von Projekten betrifft. Wir sollten uns vielmehr die Freiheit nehmen, Projekte anzustoßen, die nicht durch die zusätzliche Bürde der Angst vor einer unsicheren Zukunft belastet werden.