27.09.2016

Arbeitende Rentner – kein Grund für Trübsal

Kommentar von Alexander Horn

Titelbild

Foto: Thomas8047 via Flickr (CC BY 2.0 / bearbeitet)

Dass immer mehr ältere Semester arbeiten wollen und können, ist ein Zeichen für gesellschaftlichen Fortschritt.

Als „Maloche bis zum Tode“ gilt dem rentenpolitischen Sprecher der Linken im Bundestag, Matthias W. Birkwald die zunehmende Erwerbstätigkeit von Rentnern. Kurz zuvor hatte ihm das Bundesministerium für Arbeit und Soziales mitgeteilt, dass Ende 2015 fast eine Million Senioren ab 65 Jahren einen Minijob ausübten, ein Anstieg um etwa 35 Prozent seit 2005. Dieser „dramatische Anstieg“ zeige, dass sich immer mehr Rentner die Renten aufbessern müssten, weil „die Rente nicht zum Leben reicht“, so Birkwald.

Die Behauptung, alte Menschen seien aufgrund niedriger Renten zum Arbeiten gezwungen, ist falsch. Sofern die Rente nicht reicht, wird das soziokulturelle Existenzminimum durch die Grundsicherung im Alter abgedeckt. Diese Sozialleistung erfolgt bedarfsorientiert, wenn die gesamten Altersbezüge dieses Existenzminium nicht abdecken. Aufgrund der Sozialgesetzgebung sind alte Menschen inzwischen ohne finanzielle Inanspruchnahme ihrer Kinder (sofern diese nicht über ein sehr hohes Jahreseinkommen verfügen) so abgesichert, dass sie nicht arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt auf einem – allerdings dürftigen –  Existenzminimum zu sichern.

Zudem ist der von Birkwald diagnostizierte Anstieg arbeitender Senioren tatsächlich wesentlich dramatischer, als man es angesichts der Entwicklung der Altersarmut vermuten würde. Seit 2005 sind etwa 190.000 Menschen zusätzlich auf Grundsicherung im Alter angewiesen, das sind insgesamt etwas mehr als 500.000. Bei heute über 17 Millionen Menschen oberhalb der Rentenaltersgrenze sind dies etwa drei Prozent. Trotz dieser negativen Entwicklung liegt die Quote der alten Menschen, die auf dem Niveau des Existenzminimums leben, noch immer deutlich niedriger als beim Rest der Bevölkerung.

„Sofern die Rente nicht reicht, wird das soziokulturelle Existenzminimum durch die Grundsicherung im Alter abgedeckt.“

Die Entwicklung der Erwerbstätigkeit von Älteren und auch Rentnern zeigt eine enorme Dynamik. Seit 2005 hat sich der Anteil der Erwerbstätigen unter den 60 bis 64-Jährigen fast verdoppelt, ein Plus von fast 1,4 Millionen Erwerbstätigen. Im Rentenalter ist die Erwerbstätigkeit ähnlich stark angestiegen. Von 2005 bis 2014 hat sich die Erwerbstätigenquote der 65- bis 69-Jährigen sogar mehr als verdoppelt, nämlich von sechs auf 14 Prozent. Auch die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten oberhalb der Altersgrenze hat sich – trotz Einführung der Rente mit 63 – seit 2008 mehr als verdoppelt auf inzwischen 238.000 Personen. Zur hohen Erwerbstätigenquote tragen auch die Selbständigen erheblich bei. Im Jahr 2011 waren sieben Prozent der Landwirte, 16 Prozent der Handwerker, 24 Prozent der Gewerbetreibenden, 25 Prozent der sonstigen Freiberufler und sogar 33 Prozent der verkammerten Freiberufler (das sind im Wesentlichen Anwälte, Notare, Ärzte) im Alter ab 65 Jahren noch erwerbstätig. 1

Als Motiv zur fortgesetzten Erwerbstätigkeit oberhalb der Rentenaltersgrenze überwiegen Untersuchungen zufolge tatsächlich und wenig überraschend materielle Gründe. Dazu gehört der Wunsch, Armut zu vermeiden anderseits aber auch der Anspruch, einen gewohnten oder gewünschten Lebensstandard zu sichern. Allerdings ist für jeden zehnten Minijobber im Rentenalter das Geld eher unwichtig und mehr als die Hälfte ist nach eigener Aussage auf das Geld nicht angewiesen, sondern erfüllt sich damit Extrawünsche. Lediglich ein Drittel braucht das Geld, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, also um ein den persönlichen Wünschen angemesseneres Lebensniveau zu sichern. 2

Die steigende Erwerbstätigkeit zeigt also auch, wie die Älteren ihre zusätzlichen Möglichkeiten als Chancen begreifen und nutzen. Die in den letzten Jahren verbesserte Verfassung des Arbeitsmarktes ist offenbar ein wesentlicher Beweggrund zur Arbeitsaufnahme. Dass die Verfügbarkeit von Jobs ein wesentlicher Treiber der Arbeitsaufnahme ist, belegt die regionale Verteilung der Minijobber. In wirtschaftlich dynamischeren Regionen, ist die Quote der Minijobber am höchsten und nicht etwa in den ärmsten.

Trotz der meist materiellen Gründe ist auch die bemängelte Zunahme der Minijobs unter dem Strich eine positive Entwicklung. Betrachtet man sie im Kontext der insgesamt sehr kräftigen Zunahme der Erwerbstätigkeit der über 60-Jährigen, steckt dahinter nämlich eher ein arbeiten „können und wollen“ als ein arbeiten „müssen“, wie der Linkenpolitiker Birkwald suggeriert.

„Für die übergroße Mehrheit der Menschen im Land geht es um die Chance, die eigenen materiellen Lebensverhältnisse zu verbessern.“

Möglich wird diese dynamische Entwicklung bei der Erwerbstätigkeit nicht zuletzt durch die selbst in hohem Alter meist noch gute Gesundheitsverfassung. Inzwischen kann ein 60-jähriger Mann im Durchschnitt erwarten, dass er noch mehr als 21 Jahre lebt. Vor 130 Jahren waren es nur 12 Jahre. Mit dieser Lebensverlängerung hat sich auch der Zeitraum, in dem die Menschen gesund leben, entsprechend nach oben verschoben. So liegt der Anteil der abhängigen Beschäftigten, die aus gesundheitlichen Gründen die Erwerbstätigkeit aufgeben, seit Jahrzehnten relativ stabil bei etwa 25 Prozent. Trotz des hohen Alters aber fühlen sich drei Viertel der über 65-Jährigen fit und nicht gesundheitlich beeinträchtigt. Bei den 65- bis 69-Jährigen, fühlen sich sogar nur 18 Prozent gesundheitlich beeinträchtigt. 3

Die steigende Erwerbstätigkeit der Älteren ist daher schließlich auch ein Beleg dafür, dass die Heraufsetzung des Rentenalters und damit die Verlängerung der Lebensarbeitszeit für diejenigen, die nicht, wie viele echte „Malocher“ – etwa auf dem Bau oder in der Krankenpflege – tatsächlich mit fünfzig oder sechzig Jahren körperlich nicht mehr können, ein sinnvoller und logischer Schritt ist. Für die übergroße Mehrheit der Menschen im Land geht es gerade nicht um „Maloche bis zum Tod“, wie Birkwald uns unter zu Hilfenahme von Rhetorik aus dem 19. Jahrhundert weismachen will, sondern um die Chance, die eigenen materiellen Lebensverhältnisse zu verbessern.

Was spricht gegen eine verlängerte Lebensarbeitszeit, wenn wir – wie Experten vermuten – auch weiterhin mit jedem Jahrzehnt durchschnittlich etwa ein Jahr länger leben? Schon heute ist die überwiegende Mehrheit mit 70 Jahren noch so fit wie 60-Jährige vor 130 Jahren.