01.11.1999

Ist das Rentner-Boot bald voll?

Analyse von Phil Mullan

Mit Angst wird gegenwärtig nicht nur die vermeintliche Überbevölkerung, sondern auch die demografische Entwicklung der Bevölkerung betrachtet. Doch steht hohes Lebensalter für den Wohlstand und die Gesundheit einer Gesellschaft. Phil Mullan wehrt sich gegen die Rede von der “Überalterung”.

Während die Jahre an uns vorüber streichen, wächst die Befürchtung, dass wir uns auf eine globale Alterskrise zu bewegen. Gibt es wirklich Grund für diese Befürchtung? Mit dem Schlagwort “demografische Zeitbombe” beschreiben Experten in den industrialisierten Ländern die Erwartung, dass sich das Durchschnittsalter der Bevölkerung weiter erhöhen und diese Alterung früher oder später prekäre Ausmaße annehmen wird. Statistisch misst man sie als Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung. In der Regel geht es um Menschen ab dem 65sten Lebensalter. In zahlreichen Ländern schätzt man, dass der Anteil der über 64-Jährigen an der Gesamtbevölkerung in den nächsten 30 bis 40 Jahren um 50 Prozent ansteigen wird. In Großbritannien beispielsweise, so wird vermutet, wird der Anteil der über 64-Jährigen, der derzeit noch bei 16 Prozent liegt, im Jahre 2040 auf 24 Prozent angewachsen sein. Für Deutschland gibt es ähnliche Prognosen.

Jeder geht heute automatisch davon aus, dass diese Verschiebung der Alterspyramide mit enormen sozialen Krisen einhergehen wird. Man beklagt, die wachsende Zahl der Älteren werde am Tropf des sozialen Systems hängen und einen ebenso stark wachsenden Anteil der öffentlichen Mittel verbrauchen, ohne einen eigenen Beitrag zur Wohlstandsentwicklung beizusteuern. Die größte Sorge gilt dem Rentensystem, das aufgrund der Änderung des Altersaufbaus der Gesellschaft kurz vor dem Zusammenbruch stehe, weil immer weniger junge Menschen für ein menschenwürdiges Leben der Älteren aufkommen müssen.

“Die industrialisierten Länder haben im Laufe dieses Jahrhunderts einen enormen Wohlstandszuwachs erlebt, während sich der Anteil an Älteren über mehrere Jahrzehnte verdreifacht hat, und sie haben diese Alterung problemlos verkraftet”

Die Befürchtungen reichen jedoch noch weiter. So warnen einige Experten vor der Vertiefung einer Gerechtigkeitslücke und einem sich bereits abzeichnenden Generationenkonflikt, weil es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis jüngere Arbeitnehmer es ablehnten, für den Lebensunterhalt der älteren “Schnorrer” aufzukommen. Andere Experten rechnen mit zunehmenden Konflikten zwischen einheimischen und ausländischen Lohnabhängigen, wenn Industrieunternehmen wegen stetig sinkender Verfügbarkeit jüngerer einheimischer Arbeitskräfte dazu übergingen, wieder vermehrt “Gastarbeiter” ins Land zu holen. Peter Peterson, Vorsitzender des Amerikanischen Rats für Auswärtige Beziehungen, meinte kürzlich sogar, dass die globale Altersentwicklung westlicher Gesellschaften erheblich bedrohlichere Folgen zeitigen könne als häufig diskutierte Probleme wie die Verbreitung von nuklearen, chemischen oder biologischen Waffen, der Klimawandel, die Folgen der Globalisierung und zunehmende ethnische Konflikte. “Das globale Altern”, so Peterson, “könnte eine Weltwirtschaftskrise hervorrufen. Diese Krise könnte sogar die Demokratie unter sich begraben”.[1]

Das sind erschreckende Aussichten. Zunächst ist jedoch zu fragen, warum das “Altersproblem” ausgerechnet jetzt einen solchen Stellenwert gewinnt. Denn dass das Durchschnittsalter der Weltbevölkerung zunimmt, ist kein neues Phänomen. Im Gegenteil: es ist ein Trend, der sich im 20ten Jahrhundert kontinuierlich manifestiert. In Europa lag der Anteil der Älteren zu Beginn des Jahrhunderts bei etwa fünf Prozent und wuchs dann stetig. Stellt man die Frage, worum dieser Trend heute so viel Angst erzeugt, erscheint zudem die Tatsache bemerkenswert, dass ausgerechnet die 90er-Jahre das einzige Jahrzehnt dieses Jahrhunderts sind, in dem ein Sinken des Anteils der Älteren zu beobachten ist. Die zunehmende Sorge um demografische Verschiebungen lässt sich demnach mit Zahlen und Statistiken allein nicht erklären.

Fachleute, die vor demografisch bedingten wirtschaftlichen oder sozialen Krisen warnen, begründen diese düsteren Prognosen stets mit der gleichen Bezugsgröße: dem Anteil der über 64-Jährigen an der Gesamtbevölkerung. Sie betrachten gebannt diese Zahl und gehen offenbar davon aus, dass alles andere in der Gesellschaft statisch ist. Betrachtet man jedoch das wachsende Durchschnittsalter im Kontext einer sich dynamisch entwickelnden Gesellschaft, relativiert sich das beschworene Problem beträchtlich. Die industrialisierten Länder haben im Laufe dieses Jahrhunderts einen enormen Wohlstandszuwachs erlebt, während sich der Anteil an Älteren über mehrere Jahrzehnte verdreifacht hat, und sie haben diese Alterung problemlos verkraftet. Warum sollen wir nun auf einmal davon ausgehen, dass es eine solche Wohlstandsentwicklung in den nächsten 30 bis 40 Jahren nicht mehr geben wird, während sich der Anteil der Älteren noch einmal verdoppelt?

Die Warnungen vor der “demographischen Zeitbombe” beruhen auf der fälschlichen Annahme, dass plötzlich, quasi über Nacht, eine Masse von mittellosen Alten heranwächst, deren Bedürfnisse und Erwartungen die Gesellschaft nicht mehr befriedigen kann. Angesichts der schon heute vorherrschenden finanziellen Engpässe in den Rentenkassen und im Gesundheitssystem scheint es aus dieser Perspektive unausweichlich, dass weitere Millionen alter Menschen das angeschlagene System endgültig zum Einsturz bringen werden. Dabei wird außer Betracht gelassen, dass sich die Verhältnisse auch in anderer Hinsicht entwickeln und verändern werden, während das Heer der zusätzlichen Alten langsam heranwächst.

Es gibt keinen Grund, davon auszugehen, dass ein absoluter Ressourcenmangel eintreten wird. Was eine Gesellschaft an Waren und Dienstleistungen als Reichtum produzieren kann, ist keine fixe Größe. Selbst wenn man annimmt, dass in den nächsten 50 Jahren nur eine Fortsetzung der niedrigen Wachstumsraten der letzten 30 Jahre zu erwarten ist, wird sich der Wohlstand verdreifachen. Daraus erwächst für Menschen aller Altersgruppen die Möglichkeit, eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebensqualität zu genießen.

“Die Bevölkerung altert in erster Linie nicht, weil mehr Menschen länger leben, sondern weil weniger Säuglinge geboren werden”

Der Zunahme des Anteils der älteren Menschen an der Bevölkerung steht ein Rückgang des anderen Bevölkerungsanteils gegenüber, der ebenfalls generell als wirtschaftlich abhängig gilt: der Jugend. Warum? Weil der Rückgang der Geburtenraten die Haupttriebkraft der durchschnittlichen Alterung der Bevölkerung ist. Die Bevölkerung altert in erster Linie nicht, weil mehr Menschen länger leben, sondern weil weniger Säuglinge geboren werden. Das reduziert sukzessiv die Größe der aufeinander folgenden Generationen und führt zu einem Anstieg des Durchschnittsalters der Bevölkerung. Demnach wird die “Last” des wachsenden älteren Bevölkerungsanteils fast überall durch einen sinkenden Anteil wirtschaftlich aktiver junger Menschen ausgeglichen.

Das wird aller Voraussicht nach gerade zu dem Zeitpunkt der Fall sein, für den im nächsten Jahrhundert die Explosion der “demografischen Zeitbombe” erwartet wird. In den kommenden 40 Jahren wird die primäre Ursache der Bevölkerungsalterung in den entwickelten Industrienationen der spezifische Wechsel von den geburtenreichen Jahrgängen der fünfziger und sechziger Jahre zu den geburtenschwachen der sechziger, siebziger und folgenden Jahrzehnte sein. Der sehr abrupte Rückgang der Geburtenraten zwischen diesen beiden Perioden wird ab etwa 2015, wenn die Angehörigen der Generation des “Babyboom” in die Jahre kommen, während die nachfolgenden Kohorten schrumpfen, eine signifikante Verschiebung der Alterspyramide zur Folge haben.
Bemerkenswert, aber kaum diskutiert ist allerdings die folgende Tatsache: Für die Zeit, nachdem der Effekt dieser Alterung nachlässt, weil die in den fünfziger und sechziger Jahren geborenen Jahrgänge ab 2030 allmählich in großer Anzahl sterben, weisen die aktuellen Bevölkerungsprojektionen eine Stabilisierung, teilweise sogar einen Rückgang der Alterspyramide aus.

Selbst wenn der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung weiter zunehmen würde, ist nicht einzusehen, wieso dies per se problematisch sein soll. Das Stereotyp, nach dem alle Menschen über 64 krank und behindert und somit vom “produktiven” Teil der Gesellschaft abhängig sind, traf noch nie zu und wird in Zukunft immer weniger zutreffen. Die Lebenserwartung steigt, aber mit ihr steigt auch die aktive Lebenserwartung. Menschen leben nicht nur länger, sondern genießen auch ein gesünderes und aktiveres Alter. Interessanterweise steigt zurzeit nicht nur das durchschnittliche Todesalter, sondern gleichzeitig sinkt die Altersmorbidität. Die gleichen Faktoren, die zur Folge haben, dass Menschen seit dem Zweiten Weltkrieg länger leben und die damit teilweise für unsere heutigen demografischen Ängste verantwortlich sind, haben auch positive Wirkung auf die Lebensqualität älterer Menschen.

“Zahlreiche Demografen und Wissenschaftler weisen darauf hin, dass ältere Menschen heute gesünder sind als je zuvor”

Die Vorstellung, der überwiegende Teil der älteren Jahrgänge werde zwangsläufig zu einer Last für den Rest der Gesellschaft, entspricht schon der aktuellen Wirklichkeit nicht und erst recht nicht der Zukunft. Künftige Generationen gesunder Menschen über 64 werden weniger Anforderungen an die Gesundheits- und Pflegesysteme stellen und einen höheren Anteil potenzieller Produzenten umfassen. Zahlreiche Demografen und Wissenschaftler weisen darauf hin, dass ältere Menschen heute gesünder sind als je zuvor. Das liegt an der besseren Ernährung und dem generellen Anstieg der Lebensqualität sowie an der verbesserten medizinischen Versorgung, die heute lebende Menschen im Unterschied zu früheren Generationen im Laufe ihres Lebens genossen haben. Diese positive gesundheitliche Entwicklung wird erst recht der Generation des “Babyboom” – also der Quelle der “Bevölkerungskrise” – zugute kommen, die in der Wohlstandsepoche nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde und herangewachsen ist.

Die wirtschaftlichen Kosten einer alternden Bevölkerung lassen sich relativ einfach berechnen. Selbst wenn man die düstersten Prognosen der Renten- und Gesundheitskosten zugrunde legt, erhöht sich die Beanspruchung des Bruttosozialprodukts in den nächsten 40 Jahren um etwa fünf Prozent. Dieser Betrag entspricht in etwa der zusätzlichen Belastung des britischen öffentlichen Hauhalts durch die Folgen der letzten Rezession in den drei Jahren von 1989 bis 1992. Seinerzeit haben diese Mehrausgaben weder Wirtschaft noch Gesellschaft ruiniert. Warum also bereitet die “demografische Krise” so große Sorgen?

Das Altern der Bevölkerung ist ein Zeichen für sozialen Fortschritt. Bevölkerungen altern primär von unten (Geburtenrückgang) und zu einem geringeren Anteil von oben (höhere Lebenserwartung). Generell steigt die Lebenserwartung aufgrund gesunkener Sterberaten. Das verdankt sich einer gesünderen öffentlichen Infrastruktur – vor allem besserer Hygiene und sauberem Wasser – sowie höheren Lebensstandards und besserer medizinischer Versorgung. Gleichzeitig begünstigen verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen den Rückgang der Geburtenrate. Die Kindersterblichkeit hat aufgrund des medizinischen Fortschritts dramatisch abgenommen. Außerdem ging die Industrialisierung mit der Entwicklung kollektiver Wohlfahrtssysteme und einer Änderung der Rolle der Frau in der Gesellschaft einher. Beides hat zur Folge, dass die Menschen weniger Kinder haben.

Die aktuelle demografische Entwicklung ist das Ergebnis dieser positiven Faktoren. Dennoch bestimmt das Vorurteil, zu viele ältere Menschen seien eine untragbare Belastung, heute die öffentliche Diskussion. Das traurige Resultat ist inzwischen eine Art Altenphobie. Millionen Alte, so das immer häufiger verbreitete Horrorszenario, warten nur darauf, sich mittels der modernen Medizin möglichst lange am Leben zu erhalten, um zu Lasten der Jüngeren ihre Renten zu kassieren und die Gesundheitskosten ins Unermessliche zu steigern.

Altern gilt gemeinhin als ein natürlicher, biologischer und somit unabänderlicher Prozess. Dies verstärkt die Wahrnehmung, es lasse sich wenig tun, um die “Zeitbombe” zu entschärfen, außer in den nächsten Jahrzehnten unsere materiellen Erwartungen zu senken. Die Annahme, hier gehe es um einen vorgegebenen, natürlichen Ablauf, beruht zumindest teilweise auf einer Verwechslung von demografischem und individuellem Altern.

Generell wird demografisches Altern diffus als Summe des individuellen Alterns verstanden. Man geht davon aus, das kollektive Altern habe, ebenso wie das individuelle, eine gewisse Naturhaftigkeit. Selbst auf der Ebene des Individuums ist das jedoch eine grobe Vereinfachung. Was es für einen Menschen heisst, alt, 65 oder über 65 zu sein, ist in verschiedenen historischen Epochen und unter verschiedenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten sehr unterschiedlich. Man stelle sich einen Menschen vor, der vor 50 Jahren nach einem Leben in ärmlichen Verhältnissen, schlechter Bedingungen im Arbeitsleben, Krieg und bescheidener medizinischer Versorgung in Rente ging. Zum Vergleich stelle man sich einen heutigen Teenager vor, der das Gleiche nach 50 Jahren in erheblich besseren und gesünderen Lebensverhältnissen tut. Wieso soll er mit 65 zwangsläufig krank und schwach sein?

Auf der Ebene der kollektiven demografischen Alterung hat das Altern so gut wie keine natürliche Komponente mehr. Die Alterung der Bevölkerung wird von einer Vielzahl sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Faktoren und Änderungen bestimmt. Die Alterung der Bevölkerung ihrerseits hat schon lange keinen Einfluss mehr auf die finanzielle und wirtschaftliche Entwicklung, sondern unterliegt der gleichen Dynamik wie diese. Vor allem bestimmt sich die Zahl der wirklich wirtschaftlich abhängigen Menschen zu einem gegebenen Zeitpunkt ganz erheblich stärker durch die Lage auf dem Arbeitsmarkt als durch die Altersstruktur.
In den letzten 20 Jahren haben Änderungen auf dem Arbeitsmarkt, darunter vor allem die stärkere Beschäftigung von Frauen, längere Ausbildungszeiten und der Anstieg der Teilzeitarbeit, auf das Verhältnis zwischen dem arbeitenden und dem abhängigen, nicht-arbeitenden Anteil der Bevölkerung einen dreimal so signifikanten Einfluss gehabt wie die Anzahl älterer Menschen.

In Wirklichkeit gibt es keine demografische Krise. Die Panik über das Altern hat weniger mit der Bevölkerungsentwicklung zu tun als mit einem generellen Klima der Zukunftsangst.
Das Thema Altern ist aus verschiedenen Gründen politisiert worden. Seit den achtziger Jahren bietet die Erwartung eines zu hohen Anteils alter, abhängiger Menschen beispielsweise einen nützlichen Vorwand für Kürzungen in den Sozial- und Rentensystemen und für den dazugehörigen Lobgesang auf individuelle Verantwortung. Aber die Reform des Sozialstaats ist nur ein relativ sekundärer Aspekt der aktuellen demografischen Panik. Sie ist das Produkt eines viel umfassenderen Klimas der Angst und der Unsicherheit, in dem Befürchtungen über die Lage auf dem Arbeitsmarkt sich mit Unsicherheiten über die persönliche und familiäre Zukunft verbinden.

Krise zählt zu den Worten, die heute besonders exzessiv verwendet werden. Das liegt nicht daran, dass die Welt wirklich viel unsicherer und gefährlicher geworden ist, sondern weil wir sie so wahrnehmen. Dahinter steht die Einstellung, grundsätzlich nur das Schlimmste zu erwarten. Und welche bessere Metapher ließe sich für dieses Weltbild denken als die Vision einer alten Gesellschaft: abhängig, unproduktiv, zu wenig fähig und am Ende?