23.10.2026
Angriff auf die französische Zivilisation
Von Frank Furedi
Dass die Randalierer in Frankreich gezielt die Symbole der Französischen Republik ins Visier nehmen, zeugt von ihrer Entfremdung von ihrer Nation. Es gelingt immer weniger, Einwanderer zu integrieren.
Die gewalttätigen Ausschreitungen, die Frankreich in der vergangenen Woche erschüttert haben, werden bewusst falsch interpretiert. Manche behaupten nach wie vor, die landesweiten Ausschreitungen seien Teil eines Protests gegen das Bildungssystem oder die Lebenshaltungskosten. Andere beharren unreflektiert darauf, dass dies einfach Teil der lange gepflegten Tradition der Franzosen sei, auf die Straße zu gehen, um ihren Standpunkt kundzutun. Jean-Luc Mélenchon, der Vorsitzende der islamo-linken Partei „La France Insoumise“ (LFI), hat sogar den Geist der Mai-Unruhen von 1968 – als Studentenrevolten und ein Generalstreik Frankreich zum Stillstand brachten – herangezogen, um die Ausschreitungen zu rechtfertigen. Politische Gegner und Kommentatoren haben sich seitdem gegen Mélenchon gewandt und der LFI vorgeworfen, das gewalttätige Verhalten der Randalierer zu fördern und zu billigen.
In der Tat neigen einige Beobachter dazu, die Gewalt auf die Beteiligung externer Akteure zurückzuführen, von politischen Aktivisten bis hin zu unterschiedlichen Nihilisten. Sie scheinen zu glauben, dass sie das Bild der im Wesentlichen friedlichen Proteste aufrechterhalten können, indem sie die Gewalt kleinen Gruppen von Unruhestiftern zuschreiben – denen, die die Franzosen als „les casseurs“ („Krawallmacher“) bezeichnen.
Das auffälligste Merkmal dieser Ausschreitungen war jedoch, dass sie von Anfang an in hohem Maße von einer zerstörerischen und destabilisierenden Dynamik angeheizt worden sind. Diese Dynamik hat dazu geführt, dass sich verschiedene Gruppen ohne gemeinsame Ziele – von Schülern und Studenten bis hin zu gewalttätigen Banden von „casseurs“ – zusammengeschlossen haben, um gemeinsam auf die Straße zu gehen und Randale zu veranstalten. Und dies wiederum hat zu einem Verlust der Selbstbeherrschung und zur Aushöhlung jener Zurückhaltung geführt, die normalerweise zu zivilisiertem Verhalten gehört. Die Unruhen haben zur Entzivilisierung der Gesellschaft geführt.
Im Gegensatz zu den bekannten Aufständen der Neuzeit scheinen diese Unruhen von einem tiefen Hass auf Frankreich angetrieben zu sein. Von Beginn an hat der Mob seine zerstörerischen Leidenschaften gegen die Symbole der Französischen Republik und die staatliche Autorität gerichtet. Schulen, Polizeistationen und Rathäuser wurden ins Visier genommen und in vielen Fällen in Brand gesetzt – darunter auch das prunkvolle Rathaus von Limoges aus dem 19. Jahrhundert, das vollständig ausbrannte und von Flammen verschlungen wurde.
„Durch das Feiern von Vielfalt und Multikulturalismus haben die Verantwortlichen der politischen und kulturellen Institutionen des Landes vergessen, was es bedeutet, Franzose zu sein.“
Die bewusste Schändung der Institutionen der Französischen Republik zeigte sich deutlich im Verhalten der maskierten Banden, die in das Rathaus von Marseille eindrangen und die Büste der Marianne auf den Boden warfen. Die Schändung der Marianne – der weiblichen Personifizierung der Französischen Republik – war kein zufälliger Akt des Vandalismus. Der Mob vollzog ein Ritual, bei dem er Frankreich ordentlich eins überzog.
Früher marschierten Volksproteste in Paris und anderswo oft unter der französischen Trikolore. Doch während dieser Ausschreitungen fiel die Abwesenheit der Nationalflagge besonders auf. Im Gegenteil: Die Studenten, Randalierer und andere schwenkten viel häufiger die palästinensische Flagge. Ein Video zeigt sogar junge Schüler, die eine Schule verwüsten, während sie in marokkanische Flaggen gehüllt sind. Die Vorliebe der Demonstranten für fremde Flaggen macht ihre kulturelle Entfremdung von der französischen Gesellschaft und ihre emotionale Distanz zu den republikanischen Werten Frankreichs deutlich.
Die Feindseligkeit, die sich gegen die Symbole der Französischen Republik selbst richtet, offenbart den Zusammenbruch einer gemeinsamen Kultur. An ihre Stelle sind kulturelle Spaltungen und Gegensätze getreten. Deshalb erscheint die jüngste Welle der Gewalt wie ein bürgerkriegsähnlicher Angriff auf jene Bürger und Institutionen, die sich entschieden haben, Frankreich treu zu bleiben. Es ist offensichtlich, dass sich ein bedeutender Teil der Gesellschaft – vor allem aus Einwanderergemeinschaften – von Frankreich entfremdet fühlt und dessen Institutionen und Lebensweise mit Hass und Ablehnung begegnet.
Durch das Feiern von Vielfalt und Multikulturalismus haben die Verantwortlichen der politischen und kulturellen Institutionen des Landes vergessen, was es bedeutet, Franzose zu sein. Da sie nicht in der Lage sind, darzulegen, wofür ihre Nation steht, zögern die herrschenden Eliten Frankreichs, sich der Herausforderung zu stellen, Einwanderer zu integrieren und in die französische Lebensweise einzugliedern.
„Die Feindseligkeit gegenüber Frankreich und seinen historischen Werten geht Hand in Hand mit der moralischen Entwaffnung der herrschenden Eliten des Landes.“
Erschwerend kommt hinzu, dass es den Kultur- und Bildungseinrichtungen nicht gelungen ist, junge Menschen sozial zu integrieren und sie dazu zu ermutigen, das historische und kulturelle Erbe Frankreichs anzunehmen. Im Gegenteil: Diese Einrichtungen neigen zunehmend dazu, die Vergangenheit Frankreichs als schädlich und beschämend darzustellen.
Das Versagen der französischen Institutionen und der Erwachsenenwelt, Verantwortung für die Sozialisation junger Menschen zu übernehmen, hat schwerwiegende Folgen. Traditionell lehrt die Sozialisation junge Menschen zu verstehen, dass ihre Welt unabhängig von ihren unmittelbaren individuellen Wünschen existiert. Auf diese Weise lernen junge Menschen, sich mit Regeln, Grenzen und gesellschaftlichen Erwartungen auseinanderzusetzen. Die Verinnerlichung dieser Werte vermittelt den Jugendlichen ein Zugehörigkeitsgefühl und einen informellen Verhaltenskodex, der als selbstverständlich gilt und ihnen auf ihrem Weg ins Erwachsenenalter als Orientierung dient. Befreit von den Konventionen des Gemeinschaftslebens lösen sich die Jugendlichen von heute emotional von ihrer Nation und ihrem Erbe, das über die Jahrhunderte hinweg Generationen von Franzosen geprägt hat. Tatsächlich werden viele von ihnen immer weniger französisch.
Die Feindseligkeit gegenüber Frankreich und seinen historischen Werten geht Hand in Hand mit der moralischen Entwaffnung der herrschenden Eliten des Landes. Sie haben sich moralisch praktisch zurückgezogen und die Werte und Traditionen ihrer Nation aufgegeben. Damit haben sie dazu beigetragen, dass die Jugend des Landes jegliche moralische Bindung an eine spezifisch französische Lebensweise verloren hat. Kein Wunder, dass sich junge Menschen zunehmend der Sache Palästinas zugewandt fühlen.
Die Folgen sind verheerend. In dieser moralisch verwirrenden Ödnis, in der zivilisatorische Hemmnisse auffallend schwach sind, können Straßenproteste schnell eine nihilistische, gewalttätig-zerstörerische Form annehmen. Es scheint nun, als drohe Frankreich, einen Großteil seiner Jugend an Überzeugungen zu verlieren, die seiner Existenz selbst feindlich gegenüberstehen.