03.07.2015

Abschied von der Aufklärung

Analyse von Reinhard Szibor

Die Bevölkerung wird über Gentechnik fehlinformiert. Das ist politisch gewollt. Die Irreführung ist ein Vorbote für esoterische Heilslehren, die politisch gefördert werden. Europa und vor allem Deutschland verabschieden sich von der Aufklärung

Der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat Ende des Jahres 2014 die Institution der Wissenschaftsberatung für die EU-Kommission abgeschafft. [1] Der Grund war Anne Glover, die unter Junckers Vorgänger José Manuel Barroso zur wissenschaftlichen Chefberaterin berufen worden war. Glover hatte die Grüne Gentechnik befürwortet. Die Abschaffung der Institution „Wissenschaftlicher Berater der EU“ wurde von Organisationen wie Greenpeace, Corporate Europe Observatory und anderen Gruppen durchgesetzt, die sich weder durch eine demokratische Legitimation noch durch Fachwissen auszeichnen. [2] Teils aus Unkenntnis, teils wider besseres Wissen verbreiten sie Angst vor der Grünen Gentechnik.

Schon ziehen weitere dunkle Wolken am Horizont auf. Sie verweisen auf die Gefahr der Deformierung unserer Demokratie in eine Laienherrschaft ohne demokratische Legitimation. Eine deutsche Plattform von Umwelt- und Entwicklungshilfeverbänden drängt auf eine „demokratische Forschungswende“. [3] Demokratisch ist die angestrebte Wende in keiner Weise. Vielmehr sollen von der Bevölkerung überhaupt nicht gewählte „Umweltschützer“ und Kirchenleute mitentscheiden dürfen, welche Forschungsprojekte öffentlich gefördert werden und welche nicht. [4] Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) geht gleich noch einen Schritt weiter: „Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit müsse bei ihrer Risikoforschung die gentechnik-kritischen Forschungen [!] stärker gewichten. Dies gebiete der Vorsorgegrundsatz.“ [5]. Aus der Sicht der Wissenschaft zeichnet sich Forschung aber dadurch aus, dass sie ergebnisoffen ist. „Gentechnik-kritische Forschung“, für die nach dem Wortsinn offenbar eine negative Beurteilung der Gentechnik schon vorher feststeht, ist keine Forschung– sondern eine Propagandaveranstaltung. Wer in der DDR gelebt hat, mag sich an die politische Indoktrination an den Instituten für Marxismus-Leninismus erinnert fühlen.

„Man nimmt Kindern und Jugendlichen die Chance auf eine umfassende naturwissenschaftliche Bildung“

Gewissermaßen ist die Förderung von Forschung, die keine Forschung ist, nur konsequent. Bildung soll nämlich auch keine wirkliche Bildung mehr sein. Und ohne Bildung kann niemand mehr beurteilen, was echte Forschung ist. In Niedersachsen hat die rot-grüne Regierung, unmittelbar nachdem sie im Frühjahr des Jahres 2014 an die Macht gekommen war, das Projekt „HannoverGen“ beendet. [6] Bei dem Projekt der Universitäten Hannover und Bielefeld konnten sich Schüler Bildung zum Thema Gentechnik erarbeiten. [7] Die Grünen erklärten das Bildungsprojekt der Universitäten kurzerhand zu einer „einseitige[n] Gentechnikpropaganda“. [8] Kindern und Jugendlichen wird die Chance auf eine umfassende naturwissenschaftliche Bildung genommen, mit der sie Urteilsfähigkeit erwerben könnten. Das Urteil wird vielmehr politisch vorgegeben. Die bloße Information der Bevölkerung über Gentechnik sei bereits „Propaganda“.

Da verwundert es nicht, dass den Grünen und der SPD auch der Biologieunterricht suspekt ist. In Baden-Württemberg wurde für die Jahrgangsstufen 5 und 6 der Gymnasien der Biologieunterricht als eigenständiges Fach abgeschafft. „Es ist sicherlich kein Zufall, dass ausgerechnet Regierungen mit grüner Beteiligung die Wissenschaft vom Leben zurechtstutzen wollen. Schließlich ist es fester Bestandteil des grünen Dogmenkanons, gegen alles zu sein, was irgendwie mit Genforschung oder gar mit Gentechnik oder mit Reproduktionsmedizin zu tun hat“, schreiben Dirk Maxeiner und Michael Miersch in der Welt zum Thema. [9] Damit wird ein „Bildungswesen“ zementiert, bei dem die Bürger nicht länger die notwendige Grundbildung erhalten, die sie befähigen würde, wissenschaftspolitische Fragen wie jene nach der Gentechnik informiert zu beantworten.

Stattdessen wünschen sich die Öko-Aktivisten offenbar uninformierte wie sendungsbewusste Bürger, die ihnen selbst gleichen. Auf Demonstrationen halten dann noch mehr Teilnehmer Schilder hoch, auf denen man Slogans wie diesen lesen kann: „Für das Leben! Gegen Gene!“ [10] Offenbar wissen die Protestierenden nicht, dass Lebewesen auf genetischen Bauplänen beruhen – dass Leben nur auf der Basis von Genen möglich ist.

Unterstützung von Pseudowissenschaftlern

Im Lichte dieser Ereignisse ist es dann auch nicht erstaunlich, dass unsere Politiker bei ihrer Positionierung zur Grünen Gentechnik mehrheitlich die Empfehlungen sämtlicher namhafter Wissenschaftsgesellschaften ignorieren. Einige übertragen die Deutungshoheit sogar gleich an Pseudowissenschaftler wie Christoph Then und Gilles-Eric Séralini. Then promovierte zu einem Thema aus der Homöopathie. [11] Seralini ist ein französischer Professor, der Studien über Pflanzenpräparate für eine „Entgiftung“ des Menschen veröffentlichte. Er berät die Pharmafirma Sevene Pharma, die Homöopathika und „entgiftende“ Pflanzenpräparate herstellt. [12] Diese Esoteriker empfehlen pseudowissenschaftliche Methoden zum Anbau von Pflanzen. So sollen „Vibrationen“ der Erde notwendige „Energie“ zum Pflanzenwuchs verleihen.

Seralinis Publikation zur angeblichen krebsverursachenden Wirkung von Gv-Mais NK603 erregte Aufsehen mit weitreichenden Konsequenzen für politische Entscheidungen. Der Mais wäre beinahe europaweit verboten worden. Die Bundesregierung hatte sich bei der Abstimmung des zuständigen EU-Ausschusses enthalten. [13] Die spektakulär in Szene gesetzte Publikation zeigte Ratten, die mit Tumoren übersät waren und behauptete eine Verursachung der Tumore durch eben diesen Gv-Mais. Tatsächlich wurde hier aber ein Rattenstamm herangezogen, der ohnehin hochgradig krebsanfällig ist. Die statistische Bewertung verdient die von Gerd Gigerenzer, Thomas Bauer und Walter Krämer geprägte Bezeichnung „Unstatistik“. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) haben eindeutig klar gemacht, dass die Studie nichts wert ist. [14] Im November 2013 zog die Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology die Publikation zurück. [15] Wissenschaftler sprechen solchen Studien den Wert ab, aber Greenpeace [16] und andere NGOs [17] sowie viele Politiker, für die ohnehin schon längst feststeht, dass Gentechnik Teufelszeug ist, verwerten diese Unredlichkeiten gerne in ihrer Argumentation.

Genkritisches Neusprech

Alle Lebewesen beruhen auf den Bauplänen, die in den Genen kodiert sind. Demzufolge enthalten alle Lebewesen Gene. Das trifft auch für Lebensmittel biologischen Ursprungs zu. Ausnahmen sind nur Produkte wie Zucker, Öle, Alkohol usw., die keine Zellbestandteile enthalten. Wenn sich Parteien und verschiedene NGOs zu einer „genkritischen Bewegung“ erklären, bedeutet das nach dem Wortsinn, dass sie mit diesen Fakten nicht zufrieden sind. Nach dieser Logik könnte man sich auch eine kosmoskritische Bewegung vorstellen, die mit kosmischen Daten hadert. Man könnte zum Beispiel Umlaufzeiten des Mondes fordern, die mit dem Monatszuschnitt unseres Kalenders kongruent sind. Natürliche Gegebenheiten haben sich dem menschlichen Willen zu beugen! Nun könnte man wohlwollend annehmen, dass die „Genkritiker“ eigentlich Gentechnikkritiker sind und nur einen knapperen Begriff gewählt haben. Wenn man sich länger mit den „Genkritikern“ befasst, kommen einem allerdings ernsthafte Zweifel.

„Als seriös geltende Medien adeln Figuren ohne anerkannte Expertise zu Experten“

„CSU-Genkritik in Bayern ganz groß, in Berlin und Brüssel winzig“ titelte das Umweltinstitut München beispielsweise. [18] Ebenfalls erwähnenswert sind zahlreiche Aussprüche, die den Begriff „genfrei“ als positives Markenzeichen für Pflanzen und Tiere, ja sogar für ganze Landstriche und Biosphären deklarieren. Selbst als seriös geltende Medien, wie die Tagesschau, übernehmen absurde Wortschöpfungen. Abgesehen davon, dass sie Figuren ohne anerkannte Expertise zu „Experten“ adeln, senken sie ihre Sprache auf das Niveau einer „Babysprache“ herab, die zu einem Hund „Wawau“ und zu gentechnisch verändertem Mais „Genmais“ sagt.

Der Titel eines von der Tagesschau archivierten Videos spricht Bände: „Christoph Then, Gentechnik-Experte von Test Biotech, zum Anbauverbot von Genpflanzen“. [19] Tilman Kluge hat einige weitere Stilblüten, die den Begriff „Gen“ in Wortzusammensetzungen zum Gegenstand haben, in einer Zitatensammlung zusammengestellt. [20] Beispiele: „Es gab industriegelenkte Kampagnen gegen genkritische WissenschaftlerInnen, die an Bösartigkeit nicht mehr zu übertreffen waren“ [21], „Mensch darf gespannt sein, bis zu welchem Gen-Anteil Lebensmittel als ‚genfrei’ verkauft werden dürfen“ [22]. Letzteres wurde übrigens an einer deutschen Universität geschrieben. „Hopfen und Malz – Genfrei erhalts” [23]. Wenn Hopfen und Malz da nicht schon verloren sind.

„Doch noch muss der deutsche Hobbygärtner nicht fürchten, dass sich sein Obst und Gemüse mit Genpflanzen kreuzen, denn die deutschen Äcker sind fast genfrei.” [24]

Die Bezeichnung „Genexpertin“ die das ZDF in diesem Zusammenhang für Heike Moldenhauer benutzt, könnte von den Kabarettisten Dieter Nuhr oder Vince Ebert stammen. Sie gehören zu den Wenigen, die die groteske Szene satirisch begleiten. „Dann bliebe ihnen nur, so Härlin, der jährliche Zukauf von getestetem genfreien Saatgut.“ [25] Das Wichtigste am Saatgut sind aber dessen Gene. Sie entscheiden darüber, ob aus Samen überhaupt etwas wächst und ob sich Sonnenblumen, Kürbisse oder andere Pflanzen entwickeln. Die Absurdität des Begriffs „genfreies Saatgut“ ist nur noch von „wasserfreiem Mineralbrunnen“ einzuholen.

„Esoterische Weltanschauungen und Okkultismus beeinflussen zunehmend die Politik, das Bildungswesen und sogar die Wirtschaft“

Die Gentechnik ist nur ein Beispiel für einen größeren Trend. Man kann geradezu einen Paradigmenwechsel beobachten. Galten noch Ende des vergangenen Jahrhunderts ein hoher Bildungs- und Wissenstand junger Menschen und wissenschaftsbasierte Politik als Voraussetzung für künftigen Wohlstand, beeinflussen heute zunehmend esoterische Weltanschauungen und Okkultismus die Politik, das Bildungswesen und sogar die Wirtschaft. Dazu passt dann auch die Kritik an Wachstum und Wohlstand, die man dieser Tage allerorten vorfindet. Bestrebungen, die Produktion landwirtschaftlicher Güter auf dem Boden des obskuren Gedankengebäudes eines Rudolf Steiners zu stellen und mit beträchtlichen Steuermitteln zu subventionieren, waren erfolgreich. [26] Das umfangreiche Warenangebot mit dem Demeter-Siegel bezeugt es. [27]

Esoteriker unterwandern auch die deutschen Hochschulen. „Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Unsinn verwischt“, schrieb Bernd Kramer von der ZEIT bereits im Jahr 2011, ohne dass sich etwas am Trend verändert hätte. [28] Die Internetplattform Psiram (ehemals Esowatch) hat die Zahl der Hochschulen mit pseudowissenschaftlichen Lehr- und Forschungsinhalten deutschlandweit auf inzwischen 21 beziffert. [29] Die SPD-Politikerin Gesine Schwan agierte als eine der Wegbereiterinnen der Einnistung von Pseudowissenschaften in unsere Hochschulen. [30] Vor ihr hatte sich schon Renate Künast in ihrer Rolle als Verbraucherschutzministerin erfolgreich darum bemüht, den Okkultismus an der Kasseler Uni zu verankern. [31]

Abschied von der Aufklärung

Herkömmliche wissenschaftliche Schulbildung kollidiert mit Esoterik. Was geschieht? Wie autoritäre politische Systeme mit einer Bedrohung ihrer Ideologie durch Fakten umgehen, wissen wir aus historischer Erfahrung. Lehrpläne werden umgeschrieben, Fächer und Inhalte werden an das angepasst, was politisch gewollt ist. Dass so etwas auch in einer freiheitlichen Demokratie geschehen kann, ist bisher kaum ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen. Aber wo liegt der Unterschied, wenn Regierungen den Biologieunterricht und Bildungsprojekte für Schüler abschaffen, weil sie ihren ideologischen Vorstellungen widersprechen?

Derweil enthält sich die Bundesregierung bei der Abstimmung über die Genehmigung einer, wie man es formuliert, „Gen-Mais-Sorte“ im zuständigen EU-Ausschuss – und das aufgrund einer einzelnen, nachweislich schlechten Studie von einem Gentechnik-Gegner, die von führenden wissenschaftlichen Organisationen verurteilt wurde. In vielen Medien wird heute mit einer haarsträubenden Selbstverständlichkeit alles verurteilt, was „Gene“ enthält. In Deutschland streitet man nicht etwa darüber, ob der Anbau gentechnisch verbesserter Pflanzen verboten werden soll. Meinungsverschiedenheiten gibt es in der Regierungskoalition nur noch darüber, wie ein Verbot rechtssicher gestaltet werden kann. Es entsteht sogar eine politisch angepasste Sprache, eine Art „Gensprech“. Der Obskurantismus ist auf breiter Front auf dem Vormarsch.

Da verwundert es nicht mehr, wenn esoterische Heilslehren, wie gezeigt, auch im Bildungswesen politisch gefördert werden. Was das für die Bildung hierzulande bedeuten kann, soll dieses Beispiel verdeutlichen. Bauern, die für den Verband „Demeter“ tätig sind, vergraben „magische Kuhhörner mit Mist gefüllt im Acker“. [32] Der passende Zauberspruch von Demeter-Vordenker und Waldorfschulen-Gründer Rudolf Steiner lautet:  „Oh Kuh, Deine Kraft aus der Sprache, die die Sterne in mir offenbaren. Kuh, die Hörner hat, um in sich hineinzusenden dasjenige, was astralisch-ätherisch gestalten soll.“ Solcher Unsinn ist heute für staatliche Hochschulen kein Tabu. [33] Man mag nicht ahnen, was da noch kommen mag.