18.06.2015

Von Schokolade hinters Licht geführt

Kommentar von Rob Lyons

Bitterschokolade führt zu Gewichtsabnahme? Auf diese lancierte Meldung sind viele Medien hereingefallen. Wie konnte dieser Trick funktionieren? Glauben sollte man aber auch „echten“ Forschungsergebnissen nicht einfach, schon gar nicht im Ernährungsbereich

Auf Meldungen über die neuesten genialen Abnehmtricks stößt man so oft, dass man sie nur noch belächeln kann. Die Medien bombardieren uns mit Meldungen, nach denen das Zufügen dieser oder das Weglassen jener Speise zügig zu schwindendem Hüftumfang führe. Der meiste Kram dieser Art ist schnell vergessen. Was heute noch als bahnbrechendes Forschungsergebnis präsentiert wird, landet morgen schon im Altpapier.

So ist es auch kein Wunder, dass es den deutschen Enthüllungsjournalisten Diana Löbl und Peter Onneken bei der Arbeit an einer jüngst erstausgestrahlten Dokumentation über Wissenschaftsmanipulationen der Diätindustrie [1] gelungen ist, eine Geschichte über ein Wundermittel in die Mainstream-Medien zu katapultieren. Der Schwindel spiegelt getreu die gängige Praxis in diesem Bereich wider: Die Schwindler suchten sich einen passenden Kandidaten für ein Wundermittel: Bitterschokolade. Sodann führten sie eine echte klinische Studie durch, die allerdings viel zu klein und zu schlecht kontrolliert war, um ein aussagekräftiges Ergebnis zu erzielen. Anschließend nahmen sie die erhobenen Daten so lange in die Mangel, bis ein statistisch signifikantes Ergebnis dabei herauskam. Mit (nahezu) unbewegter Miene konnten sie daraufhin behaupten, dass Personen auf einer kohlenhydratarmen Diät mehr Gewicht verlören, wenn sie zusätzlich eine kleine Tafel Bitterschokolade essen.


Um die Glaubwürdigkeit dieser „Studie“ aufzupolieren, erkaufte man sich dann deren Veröffentlichung in einer Open-Access-Zeitschrift namens „International Archives of Medicine“. Auch Zuschussverlage wie dieser sollten die von ihnen veröffentlichten Studien eigentlich einer Fachbegutachtung unterziehen. Die Erfahrungen von Löbl und Onneken zeigen allerdings, dass keine nennenswerte Begutachtung stattgefunden haben kann: Zwischen Einreichung und Veröffentlichung des Aufsatzes lagen lediglich zwei Wochen. [2] Als offizieller Hauptautor der Studie fungierte übrigens ein Wissenschaftsjournalist und promovierter Molekularbiologe, der sich anhand einer wenig aufwendigen Website als Leiter eines „Institute of Diet and Health“ präsentierte. [3]

„Man muss sehr aufpassen, was man glaubt“

Nun wurde der Aufsatz durch Pressemitteilungen verbreitet. Und siehe da: Die Geschichte wurde in großem Stil aufgegriffen. In Deutschland titelte die Bild-Zeitung auf Seite 1: „Wer Schokolade isst, bleibt schlank!“ [4] Auch bei Focus und Brigitte, bei der Huffington Post und international im Daily Star sowie in diversen angelsächsischen TV-Sendungen fand die Meldung unkritischen Widerhall. [5] Insbesondere diejenigen Medien, die ihre Seiten mit Copy-und-Paste-Journalismus füllen, machten sich nicht einmal die Mühe, mehr als die Pressemeldung zu lesen. Einige wenige wandten sich an die Autoren; zumeist allerdings nur, um triviale Details zu klären und nicht etwa, um die Studie genauer unter die Lupe zu nehmen.

Dieser Streich hat eine Moral: Bei solchen Geschichten muss man sehr aufpassen, was man glaubt. Derart fragwürdige Forschung fabriziert einen nicht enden wollenden Strom widersprüchlicher Ratschläge, was man nun essen oder nicht essen soll, um seinen Speck loszuwerden und sich gesund zu ernähren. So macht sie es nur umso schwerer, die wahren Ursachen von Fettleibigkeit und Krankheiten zu verstehen.

Ernährungsforschung – letztlich jede Forschung im Bereich „nichtübertragbarer Krankheiten“ – ist mit großer Vorsicht zu genießen. Ihre Ergebnisse müssen schon sehr klar und deutlich ausfallen, damit man sie ernst nehmen kann. Über die klar nachgewiesene Feststellung hinaus, dass aktives Zigarettenrauchen Lungenkrebs und andere Atemwegserkrankungen hervorrufen kann, gibt es in diesem Bereich verschwindend wenige Studien, die verlässliche Schlüsse über unser Leben zulassen.

„Wenn die Wissenschaft mit der Politik ins Bett steigt, werden sowohl die Wissenschaft als auch die Öffentlichkeit die Leidtragenden sein“

Es ist allerdings nicht nur ein Problem der aufmerksamkeitsheischenden Forscher, der wissenschaftlichen Zuschussverlage, der Journalisten, die aus Faulheit oder Inkompetenz bestimmte Behauptungen nicht richtig bewerten oder einer Leserschaft, die nach solchen, scheinbar wissenschaftlichen, Neuigkeiten giert. Solche Boulevard-Meldungen passieren unser Bewusstsein schneller als manches Abführmittel unser Gedärm. (Daher darf man übrigens auch an der Schlagzeile der Geschichte über den Schwindel – „Ich habe Millionen glauben gemacht, dass Schokolade beim Abnehmen hilft“ [6] – zweifeln.)

Das wahre Problem tritt ein, wenn derartiger Wissenschaftsmüll in umfassendere Agenden staatlicher Politik einfließt. So ist beispielsweise die Behauptung, Einheitsverpackungen würden Raucherquoten senken, fehlgeleiteter Unfug, und wird doch herausgekramt, um die Wirksamkeit eines Verbots von Markenabbildungen zu belegen. Die Behauptung, der Zuckerverbrauch eines Landes stehe in direktem Bezug zum Vorkommen von Typ-2-Diabetes hat in etwa das Niveau einer Bierdeckel-Rechnung.

Und doch wirken sich diese fragwürdigen Studien auf unsere Fähigkeit aus, unser Leben nach eigenen Entscheidungen zu leben. Sie sind häufig das Produkt aktivistischer Forscher, die versuchen, wissenschaftliche „Belege“ für von ihnen angestrebte Regulierung zu liefern, ob nun für Rauchverbote oder Zuckersteuern. Wenn die Wissenschaft mit der Politik ins Bett steigt, werden sowohl die Wissenschaft als auch die Öffentlichkeit die Leidtragenden sein.