30.07.2018

2084 – eine Vision

Von Reinhard Szibor

Titelbild

Foto: Neil Palmer / CIAT (CC BY-SA 2.0 / bearbeitet)

Deutschland geht einer positiven Zukunft entgegen, wenn rückschrittliche Irrwege in der Energie- und Agrarpolitik durch technische Innovationen ersetzt sein werden.

Wir schreiben das Jahr 2084. Der Planet Erde beherbergt über 11 Milliarden Menschen. Sie alle haben satt zu essen und Wasser sprudelt allerorten frisch und rein. Für alles und jeden steht ausreichend Energie zur Verfügung. Versorgungsprobleme sind Vergangenheitsphänomene, die in Geschichtsbüchern und Erzählungen aufgeschrieben sind. Wissenschaft und Technik ermöglichten die Überwindung von Hunger und Energieproblemen.

In Sachsen-Anhalt erhält am 5. Juni, also am „Weltumwelttag der Vereinten Nationen“, die grüne Wirtschaftsministerin den Umweltpreis vom „United Nations Environment Programme“, weil sie als erste in einem Bundesland allen Windkraftanlagen die Betriebsgenehmigung entzogen hatte. Die Rotmilanpopulation ist wieder auf den Stand vor der Windkraftära gewachsen. Dem Sterben weiterer Arten, z.B. Fledermäuse, wurde Einhalt geboten. Der größte wirtschaftliche Ansiedlungserfolg ist der Neubau einer Windrad-Entsorgungsfabrik in Magdeburg-Rothensee. Hierher werden die kaum recycelbaren Anlagen über das europäische Wasserstraßennetz, wozu auch der lange Zeit verhinderte Elbe-Saalekanal gehört, transportiert. Wenn man den Windmühlenschrott schon nicht recyceln kann, so hat man doch wenigstens eine umweltfreundliche Deponierung entwickelt. Nördlich von Magdeburg ist eine über 200 Meter hohe Deponie entstanden, die eine wintersportliche Nutzung erlaubt. Energiewende 2.0 ist das Zauberwort der Zeit.

Revival der Atomkraft

Nach Stilllegung der Atomkraftwerke (AKWs) im Jahre 2021 trat ein, wovor Fachleute gewarnt hatten: Es gab keinen funktionierenden, grundlastfähigen Kraftwerksverbund mehr. Und so kam es zu einzelnen großflächigen Zusammenbrüchen der Stromversorgung – den so genannten „Black outs“– mit Milliardenverlusten für Wirtschaft und Gesellschaft. Dazu kamen die Todesopfer, die es unvermeidlich bei einem landesweiten Komplettausfall der Stromversorgung gibt. Wie gut, dass andere Länder nach dem Fukushima-Unglück nicht aus der Kerntechnik ausgestiegen waren. Denn ausländischer Atomstrom half bei der Überbrückung der „Black outs“, zudem wurden in anderen Ländern auch AKWs einer neuen Generation entwickelt.

„Menschen sind kreativ und können, wenn sie denn dürfen, die meisten Probleme lösen.“

Vor kurzem ist in Deutschland eine ganze Serie von in den USA und China hergestellten Reaktoren vom WAMSR-Typ ans Netz gegangen. Das Kürzel steht für Waste Annihilating Molten Salt Reactor (Müll vernichtender Salzschmelzereaktor). Der WAMSR ist in der Lage, den gesamten vorhandenen Atommüll zu „verbrennen“, ihn damit zu entsorgen und Strom im Überfluss zu erzeugen. Dass Deutschland es nicht geschafft hat, seinen Atommüll unrückholbar einzulagern, erweist sich nachträglich als Glücksfall. Somit gibt es ausreichend spaltbares Material, das zur Stromerzeugung eingesetzt werden kann. Wenn ein WAMSR-Reaktor aus irgendeinem Grunde beschädigt wird, der Betriebsstrom ausfällt, das ganze Personal am Norovirus erkrankt auf dem Klo sitzt oder der Betrieb durch beliebige andere Gründe gestört wird, passiert trotzdem nichts. Weder steht der Reaktorkern unter Druck, noch ist eine aktive Kühlung erforderlich. Er explodiert nicht und es kann nicht zur Kernschmelze kommen, da es gar keinen festen Kern gibt. Der Brennstoff zirkuliert im flüssigen Salz. Der menschliche Geist hat eben Ideen. Menschen sind kreativ und können, wenn sie denn dürfen, die meisten Probleme lösen.

Erfreulich ist, dass sich jetzt immer mehr Jugendliche ausbilden lassen, um in zukunftsorientierten Industrien arbeiten zu können. Anstatt Fächer wie „Grundlagen des körperbasierten Entspannungstrainings“, „Angewandte Freizeitwissenschaften“ und Eurythmie studieren sie wieder Ingenieurswissenschaften, Chemie, Mathematik und Physik. Biologie als Studienfach war nie ganz out, aber heute gibt es einen Andrang auf die Studienplätze wie nie zuvor. Denn, wie von vielen Experten vorausgesagt, begann zum Ende des 21. Jahrhunderts „das Zeitalter der Biotechnologie“. Die Fortschritte in Medizin und Landwirtschaft werden als „biotechnologische Revolution“ bezeichnet. Auch das Ökologiebewusstsein hat sich verfestigt und zu konkreten Maßnahmen geführt.

Agrarfortschritt und Umweltschutz

Die Agrarwende, die im Jahr 2017 die Partei Die Grünen im Wahlkampf gefordert hatte, ist gelungen. Nur ist sie völlig anders verlaufen als damals prophezeit. Ein großer Teil der Ackerflächen wird nicht mehr bewirtschaftet. Fünfzehn Prozent davon dienen als ökologische Vorrangflächen. Das sind Brachland, Blühstreifen, Hecken und Wasserlöcher, die zwischen Äcker eingestreut sind. Möglich ist das, weil die verbliebenen Nutzflächen mehr Ertrag abwerfen. Der „Biolandbau“ der Vergangenheit wird nicht mehr subventioniert und ist wegen Ertragsarmut eingestellt worden. Die Grünen wollten ihn verbieten, aber das war nicht mehr nötig, weil er von selbst eingegangen ist. Heute existiert überhaupt nur noch ökologischer Landbau, der den Namen verdient. Stickstoffdüngung ist für viele Kulturpflanzen obsolet. Die meisten Nutzpflanzen wie Mais, Getreide, Raps und Rüben sind jetzt zur Symbiose mit Knöllchenbakterien fähig, die ihre Wirtspflanzen mit Stickstoff aus der Luft versorgen. Sojabohnen, die dank gentechnischer Optimierung jetzt auch in unserer relativ kalten Region wachsen, haben die Fähigkeit sowieso natürlicherweise.

Die Gentechniker haben darüber hinaus die wichtigsten Agrarkulturen mit Enzymen ausgestattet, die eine Steigerung der Photosynthese-Effektivität um 60 Prozent erbracht haben. In den Tropen und Subtropen, zum Teil auch bei uns in Mitteleuropa, besitzen viele Agrarpflanzen Eigenschaften wie eine Trockenresistenz. Das bedeutet, dass sie längere Perioden ohne Regen überstehen. Allerdings brauchen natürlich auch sie während der entscheidenden Wachstumsphasen Wasser. Aber da helfen in vielen Teilen der Welt Meerwasserentsalzungsanlagen. Die ungeheuren Energiemengen, die man dazu braucht, kommen aus AKWs und Sonnenkraftwerken, die in südlichen Ländern sehr ertragreich arbeiten. Wo sich einst Wüsten befanden, breiten sich heute blühende Landschaften aus. Die Sinaihalbinsel und große Gebiete Afrikas gehören dazu.

„Im Jahr 2084 haben die Menschen in Deutschland begriffen, dass der beste Umweltschutz derjenige ist, der auf technologischen Erfindungsreichtum setzt – nicht auf rückwärtsgewandte Naturromantik.“

Viele Pflanzen sind gentechnisch verändert worden, so dass z.B. Futterpflanzen viel mehr essentielle Aminosäuren enthalten als vor 50 Jahren. Deren Nährwert steigerte sich dadurch derart stark, dass Tiere im Vergleich zu früher 15 Prozent weniger Kraftfutter brauchen. Gegen die am häufigsten auftretenden Virus- und Pilzschädlinge sind die meisten Pflanzen immun. Sie produzieren RNA-Sequenzen, die die Schädlingsvermehrung unterbinden.

Bt-Pflanzen, die Insektengifte produzieren, so dass Schadinsekten davon sterben, gibt es kaum noch. Vielmehr produzieren die gentechnisch verbesserten Pflanzen für Menschen nicht wahrnehmbare Duftstoffe (Pheromone), die Schädlinge vertreiben. Sollen sich doch Raupen, Blattläuse und -wanzen zum Nutzen der Feldvögel auf den Blühstreifen und Brachflächen tummeln, nicht aber auf den Kulturpflanzen! Sollte es plötzlich eine Schädlingsinvasion geben, bietet eine „Gentechnik von außen“ einen Ausweg. Hierbei werden kurze RNA-Moleküle versprüht, die jeweils ein lebenswichtiges Gen der Organismen abschalten. Man nutzt die gleichen Regulierungsmechanismen, die auch in der Natur wirken.

Das funktioniert gegen Insekten, Pilzkrankheiten, Bakterien und sogar gegen Unkräuter. Die gesprühten RNA-Moleküle treffen nur die Schädlingsart, die gemeint ist. Alle anderen Lebewesen merken nichts davon. Genauso wie man mit der richtigen Telefonnummer nur das gewünschte Handy anspricht, docken die RNA-Moleküle nur an die Gene an, zu denen sie passen. Es ist eine Kombination aus wissenschaftlich-technischem Fortschritt und kluger Politik, die dazu geführt hat, dass einst vom Aussterben bedrohte Arten wie Rebhuhn, Braunkehlchen und Kiebitz wieder reichlich vorhanden sind und die Lerchen wieder über den Feldern jubilieren. Landwirte erhalten Subventionen nicht mehr, um Überproduktionen zu finanzieren, sondern sie bekommen ihre Dienste in der Landschaftspflege bezahlt. Das ist ihnen auch lieb, denn sie sind Naturfreunde! So befleißigen sie sich eines umweltverträglichen Pflanzenschutzes und schützen Nester von Bodenbrütern wie Lerchen, Rebhühner, Kornweihen usw. Sie stationieren Roboter, die über Bilderkennung Füchse, Waschbären, Elstern, Krähen usw. erkennen und vergrämen, indem sie schmerzhafte Laserstrahlen aussenden. Im Jahr 2084 haben die Menschen in Deutschland begriffen, dass der beste Umweltschutz derjenige ist, der auf menschliche Kreativität und technologischen Erfindungsreichtum setzt – nicht wie zu Beginn des Jahrhunderts allzu oft auf rückwärtsgewandte Naturromantik und irrationale Technikängste.