05.10.2010

„Ideo-Biologie“ und neu-deutsche Naturromantik

Analyse von Reinhard Szibor

Reinhard Szibor über die Pervertierung des „Bio“-Begriffs.

Es gibt wieder ein Biosiegel mehr: Im Dezember 2009 wurde das Bio-Gütesiegel der EU vorgestellt. Laut dem Marktforschungsinstitut „YouGovPsychonomics“ begrüßen 81 Prozent der Deutschen die Idee einer europaweit einheitlichen Kennzeichnung, doch 79 Prozent geben gleichzeitg an, „eher nicht“ oder „überhaupt nicht“ zu verstehen, nach welchen Kriterien das Biosiegel der EU vergeben wird. 70 Prozent aller Befragten fühlen sich mit dem Thema Biosiegel derart überfordert, dass sie die Medienberichterstattung zu diesem Thema nicht mehr aufmerksam verfolgen. [1]

Verstehen denn wenigstens Biologen die Biosiegel? Die Vorsilbe „Bio“ bezeichnet eigentlich alles, was mit der belebten Natur zusammenhängt. Sie könnte gebraucht werden für alle tierischen, pflanzlichen und mikrobiellen Produkte, unabhängig davon, ob dem Produktionsverfahren eine bestimmte Philosophie zugrunde liegt. Stünde „Bio“ wirklich für biologisch, brauchten wir keine Kennzeichnung, denn in diesem Sinne kann man „Bio“ fast immer auch so erkennen. Betrachtet man die Praxis der Biosiegelvergabe, erkennt man, dass Anspruch und Wirklichkeit nicht übereinstimmen. Gemäß „Bio Suisse“, einer Vereinigung Schweizer Bio-Landbau-Organisationen, gelten für die Bio-Landwirtschaft folgende Grundsätze: „Möglichst schonungsvoller Umgang mit Natur, Umwelt und Ressourcen; möglichst geschlossener Nährstoffkreislauf; hoher Anteil an Ökoausgleichsflächen (z.B. Hecken, Blumenwiesen usw.); Erhaltung und Förderung der natürlichen Bodenfruchtbarkeit; vorbeugender statt direkter Pflanzenschutz; artgerechte Nutztierhaltung; Qualität erzeugen und erhalten, garantiert ohne Gentechnik; Lebensmittel von hohem gesundheitlichem Wert; Landwirtschaft mit Zukunft“. [2]

Ganz fraglos sind viele dieser Forderungen vernünftig. Aber andere erweisen sich zur Erreichung der eigenen Ziele als kontraproduktiv. Richtig grotesk wird es, wenn man schaut, wofür Biosiegel tatsächlich vergeben werden. Ein Landwirt erhält sie zum Beispiel auch dafür, dass er seine Felder nach anthroposophischen Regeln bestellt. Rudolf Steiner, Vater des „biodynamischen Landbaus“ erklärt, wie das geht: „Nehmen wir Dünger [gemeint ist Kuhmist] ... stopfen wir damit ein Kuhhorn aus und geben wir ... das Kuhhorn in die Erde ... Dadurch, dass das Kuhhorn äußerlich von der Erde umgeben ist, strahlen alle Strahlen in seine innere Höhlung hinein ... und man bekommt dadurch eine außerordentlich konzentrierte, belebende Düngungskraft in dem Inhalte des Kuhhorns ... Da ist eine ungeheure Kraft darin an Astralischem und an Ätherischem.“ [3] Weitere Absurditäten wie ackern nach dem Mondkalender und die Anwendung der Homöopathie in der Tiermedizin ließen sich ergänzen – sie alle gelten als „biologisch“.

Und wodurch verspielt man den Anspruch auf ein Biolabel? In einer wissenschaftsskeptischen Gesellschaft natürlich dadurch, dass man biowissenschaftlich fundiert handelt. Justus von Liebig hat vor etwa 150 Jahren den Bedarf der Pflanzen an Mineralien erforscht und erkannt, dass eine mineralische Düngung die Erträge optimiert. Diese wissenschaftliche Großtat führte dazu, dass der Hunger als Massenphänomen in Europa und sogar im bevölkerungsreichen China der Vergangenheit angehört. Unter dem Begriff „Grüne Revolution“ zusammengefasst, wurden ab etwa 1956 die Erträge durch mineralische Düngung, chemischen Pflanzenschutz und die Bereitstellung leistungsfähiger Sorten in Asien und Lateinamerika drastisch gesteigert. Ohne die Grüne Revolution würden sich für Entwicklungsländer heute um 22 Prozent niedrigere Erträge, um 14 Prozent geringerer Pro-Kopf-Kalorienkonsum sowie zusätzliche 187 Millionen hungernde Menschen ergeben. [4]

Natürlich gab es auch Fehlentwicklungen insofern, dass ökologisch problematische oder humantoxische Präparate eingesetzt wurden und Gewässer durch Überdüngung eutrophierten. Kinderkrankheiten treten aber bei jeder neuen Technologie auf. Doch ebenso, wie unsere Autos seit der Einführung von Katalysatoren nicht mehr tonnenweise Blei und Stickoxide ausstoßen und unsere Kohlekraftwerke die waldgefährdenden SO2-Emissionen gegen null zurückgefahren haben, setzt auch die Landwirtschaft Agrochemie wissenschaftlich kontrolliert ein. So bleiben die Schäden in der Natur im Vergleich zum Nutzen verhältnismäßig, und Gesundheitsrisiken gibt es so gut wie gar nicht mehr. Die Nahrungsmittelqualität und -sicherheit ist in den entwickelten Ländern so hoch wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte.

Aber Landwirten, die biowissenschaftlich fundiert mineralisch düngen und moderne Schädlingsbekämpfungsmittel anwenden, wird das Biolabel versagt. Als größte Sünde gilt den falschen Bioaposteln gar ein innovatives und konsequent ökologisches Handeln unter Einsatz der Gentechnologie. Bt-Pflanzen, wie der kürzlich mit einem Anbauverbot belegte Mais MON810, produzieren ein bakterielles Bt-Protein, das ganz selektiv nur gegen die Schadinsekten wirkt, die auch tatsächlich von der Kulturpflanze fressen. Eigentlich ist leicht zu erkennen, dass dies eine sehr umweltfreundliche Art des Pflanzenschutzes ist. Sogenannte Biobauern beharren aber unter Anwendung von Ausnahmeregeln darauf, chemisch identisches, aber industriell produziertes Bt-Toxin ungezielt in die Landschaft zu sprühen und damit geschützte Insekten in einem viel höheren Maße zu gefährden, als dies mit Bt-Pflanzen jemals möglich wäre.

Vergleichbar wird sich die Entwicklung im Kartoffelanbau vollziehen. Während wahrhaft ökologisch orientierte Bauern darauf setzen, möglichst bald die gentechnisch gezüchtete, gegen Krautfäule resistente BASF-Kartoffel „Fortuna“ anbauen zu können, die nicht gegen diesen Pilz gespritzt werden muss, wollen Biobauern am Versprühen von Kupferspritzmitteln festhalten, die nachweislich die Bodenflora und -fauna beachtlich schädigen. [5] Es wird klar, dass das Biosiegel nur sehr eingeschränkt ein Ausweis für umweltfreundliche Landwirtschaft ist.

Biosiegel gibt es für esoterische Spinnereien und sogar für ökologisch nachteilige Methoden. Dagegen werden Produzenten, die wissenschaftlich fundiert nach guter fachlicher Praxis arbeiten, davon ausgeschlossen. Nachdem die Einführung der „Bio-Landwirtschaft“ ursprünglich sicher gut gemeint war, soll heute nach dem Willen interessierter Kreise die Bevölkerung zu einem grünen Spießertum erzogen und mit den Begriffen „Bio“ und „Öko“ verwirrt werden, um wissenschaftlichen Fortschritt zu blockieren. Es gibt zu diesem Zweck inzwischen professionelle Bio-Funktionäre, die von dem organisierten Unfug leben. Das alles wird unter dem Mantel vermeintlicher Gemeinnützigkeit sogar steuerlich begünstigt. Biosiegel sind somit zu Markenzeichen einer ideologischen Bewegung, der „Ideo-Biologie“ verkommen.

Bedenkt man, dass die Biologie spätestens seit Jean-Baptiste de Lamarck und Charles Darwin ein Feld weltanschaulicher Auseinandersetzungen darstellt, verwundert es nicht, dass heute die Ideo-Biologie mitunter Züge klassischer Klassenkampfparolen annimmt. Sie steht sowohl in der Tradition des Lyssenkoismus (womit die von Trofim Denissowitsch Lyssenko während des Stalinismus begründete agrarische Zwangslehre mit katastrophalen Ernteverlusten gemeint ist) als auch von Teilen der 68er-Bewegung: Der Kampf gegen Großkonzerne wie BASF, Bayer und Monsanto erhitzt die Gemüter. Überraschend ist, dass selbst die ehemals wissenschafts- und wirtschaftsorientierte CSU im populistischen Kampf um Wählerstimmen auf der mystischen Bio-Modewelle mitschwimmt, sich in die Einheitsfront gegen Gentechnik einreiht und sich eine merkwürdige Künast-Gabriel-Wagenknecht-Söder-Seehofer-Koalition gebildet hat. Da fällt es dem Normalbürger immer schwerer, sich zu orientieren.

Man sollte fordern, dass alle zu Rationalität und Vernunft befähigten Kräfte unserer Gesellschaft gemeinsam eine Trendwende herbeiführen. Der „Bio“-Begriff darf nicht durch die Esoterikindustrie vereinnahmt und mit nicht zu rechtfertigendem Humbug verquast werden. Die Strategie, mit der Pervertierung des „Bio“-Begriffs ideologisch motivierte Ziele durchzusetzen und Markvorteile für Produzentengruppen zu erlangen, die biologische Zusammenhänge und gesellschaftliche Notwendigkeiten allzu oft ignorieren, hat uns und andere in eine Sackgasse geführt. Es hat sich bei zahlreichen Tests immer wieder herausstellt, dass „Bio“ im Vergleich zu konventionellen Produkten weder besser schmeckt noch gesünder ist. [6] Im Gegenteil sind wegen des Verzichts auf Schädlingsbekämpfung Bio-Produkte nicht selten durch das eigentlich vermeidbare Auftreten von Pilzkrankheiten in den Kulturen höher mit krebserregenden Giften (Fumonosine, Aflotoxine) belastet als die konventionellen Alternativen.

Wenn Produktionsziele verfolgt werden, die eine Ernährung der Weltbevölkerung ermöglichen sollen, sind Produktionsweisen erforderlich, die von der sogenannten „Ökobewegung“ und leider auch von immer mehr Politikern diffamiert werden. Bedenkt man, dass die Bio-Produktion wegen ihrer geringeren Erträge von der knappen Ressource Ackerland mehr verbraucht, als notwendig wäre, ist dies gerade in Zeiten einer rapide wachsenden Weltbevölkerung und wegen des fortschreitenden Verlusts an nutzbaren Flächen ein Luxus, der auf keinen Fall gefördert werden sollte. Stattdessen ist es ökologisch sinnvoll, die Nahrungsmittelproduktion auf einer möglichst kleinen Fläche zu realisieren – auch, um den Anbau von Energiepflanzen zu ermöglichen, mit denen man den Verbrauch fossiler Brennstoffe reduzieren kann. Wer davon ausgeht, dass die anthropogene CO2-Emission den Klimawandel bewirkt, müsste diesen Weg eigentlich unterstützen. Denn die Landwirtschaft ist heute schon mit zehn bis zwölf Prozent am gesamten anthropogenen Ausstoß von Treibhausgasen beteiligt. Wenn wir die Nutzfläche ausweiten, um künftig neun Milliarden Menschen zu ernähren, wird es einen weiteren Zuwachs geben. Gegensteuern kann man hier nur durch eine Ertragsoptimierung [7], mit innovativen Techniken der Biokraftstoffproduktion [8] und nicht mit dem sogenannten Bio-Anbau.

Natürlich ist es in der Marktwirtschaft des reichen und übersättigten Europas naheliegend, elitäre Bedürfnisse zu wecken und zu befriedigen. Mit dem Argument der Arbeitsplatzsicherung akzeptieren wir schließlich auch, dass die Industrie wohlhabende Kreise mit Nobelkarossen versorgt und dazu mehr Ressourcen verbraucht, als zur Gewährung von Automobilität nötig ist. Der Unterschied ist aber, dass sich die Besitzer von Luxuslimousinen dem Vorwurf des unsolidarischen Verhaltens ausgesetzt sehen, während die gleichen Kritiker uns einreden wollen, dass sich Käufer sogenannter Bio-Produkte moralisch überlegen fühlen dürfen. Werbeslogans wie „Natürlich mit gutem Gewissen“ (Marktkauf, gemünzt auf Bio-Produkt-Konsumenten) wollen ein schlechtes Gewissen erzeugen, wenn wir die teuren Bio-Lebensmittel ignorieren. Auf dem Lebensmittelmarkt wiederholt sich eine Situation, die wir aus Apotheken schon kennen: Dort wird ahnungslosen Patienten unter dem irreführenden Namen „Biochemie“ viel Geld für sogenannte Schüssler-Salze abgenommen, die mit „Bio“ so wenig zu tun haben wie Eisenbahnschienen. Die Schulmedizin hat die Wirkungslosigkeit längst bewiesen. [9]

Immer wenn die Silbe „Bio“ auftaucht, ist zu prüfen, ob hier nicht wieder einmal die Wahrheit auf den Kopf gestellt wird. Aber ein diesbezügliches Problembewusstsein existiert nur bei einer Bevölkerungsminorität. Selbst junge Menschen sind ganz offensichtlich nicht ausreichend durch Wissensvermittlung im schulischen Biologieunterricht gegen die trügerischen Botschaften esoterisch dominierter Medien immunisiert. Um Missverständnisse zu vermeiden: Gerade auch biologisch Gebildete hegen Sympathien für Bauern, die Produkte in kleinen Betrieben herstellen und im direkten Kontakt mit den Kunden vermarkten und bei denen wir und unsere Kinder Haustiere in möglichst artgerechter Haltung als liebenswerte Geschöpfe und nicht als geschundene Kreaturen erleben können. Nur braucht es dazu keinen esoterischen Firlefanz, sondern nur gesunde Emotionen und Menschenverstand. Der moderate Einsatz von Agrochemie und modernen Methoden der Pflanzenzucht mindert den Wert dieser Wirtschaftsform nicht. Hier wird eine idyllische Nische mit uneingeschränkter Daseinsberechtigung besetzt. Zur Lösung existenzieller Menschheitsprobleme wie der Ernährung von neun Milliarden Menschen, der Lösung der Energiefrage, der Beherrschung bestehender und aufkommender ökologischer Probleme und der Sicherung des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts mit einer Wertschöpfung, die allen Bevölkerungskreisen zugute kommt, brauchen wir eine Bio-Initiative, die diesen Namen verdient: intensive Erforschung der Biosphäre, effektive und umweltfreundliche Produktion von Nahrungsmitteln und innovativen Roh- und Wirkstoffen, Erschließung von Wüsten- und Steppengebieten für die Produktion mittels durch Gentechnik angepasster Pflanzen usw. Dafür wäre dann auch der Begriff „Bio“ wirklich gerechtfertigt.