30.07.2014

Überflüssiger Weltuntergang

Rezension von Enno Dittmar

Der Autor David Archibald warnt in seinem Buch nicht vor der Erderwärmung, sondern vor den Schrecken einer drohenden Eiszeit. Dem zufolge lassen sich geeignete Antworten auf künftige Herausforderungen besser ohne solche Weltuntergangsszenarien finden

Als halbwegs aufgeklärter Mensch sollte man sich beizeiten angewöhnt haben, gegenüber Endzeitpropheten und Weltuntergangsszenarien eine gesunde Skepsis zu praktizieren. Wer seine politisch-gesellschaftliche Reifezeit in den frühen 1980er Jahren erlebte, der bekam mit dem viel zitierten Waldsterben quasi das archetypische Beispiel für die Substanzlosigkeit von Horrorvisionen mit auf den Lebensweg.

Und Propheten der Endzeit gibt es bekanntlich auch heutzutage immer noch mehr als genug. Die Profiteure der klimapanischen Angstindustrie überschlagen sich in bizarren Beschreibungen des drohenden Armageddon, dem wir alle anheim fallen sollen, wenn wir nicht innehalten, umkehren, verzichten, „downsizen“ und überhaupt alles lassen, was das moderne Leben ausmacht. Denn am Horizont lauere der Wärmetod, menschengemacht, unabwendbar und durch das IPCC mit absoluter Sicherheit bestätigt. Wir alle kennen dieses Mantra bis zum Erbrechen.

„Archibald verschont den Leser nicht mit detailliert ausformulierten Schreckensszenarien.“

Aus einer völlig unvermuteten Perspektive betrachtet David Archibald, Ex-Angestellter des Ölmultis Exxon und Visiting Fellow des Think Tanks Institute of World Politics in Washington, D.C., die kommenden Jahrzehnte. Zwar kündet auch sein Buch Twilight of Abundance vom Ende des Überflusses, also des Zeitalters, in der es der Menschheit so gut wie noch nie zuvor in ihrer Geschichte ging. Allerdings aus einem gänzlich anderen Grund. Die wissenschaftlich umstrittene Theorie der anthropogenen Erderwärmung (AGW) würdigt er keines Wortes, er erwähnt sie höchstens in einem Nebensatz als „Schwachsinn“ oder „Wahnvorstellung“. Immerhin gesteht er ihr den positiven Effekt zu, dass die Menschheit sich seit einigen Jahrzehnten mit ihrer Adaptionsfähigkeit hinsichtlich sich ändernder klimatischer Bedingungen beschäftigt hat und so auf die Bedrohung aufmerksam wurde, die seiner Meinung nach den Planeten in den nächsten Jahrzehnten in ernsthafte Schwierigkeiten bringen wird: Nämlich auf das Heraufziehen einer neuen Eiszeit.

Hunger im globalen Maßstab

Archibald verschont den Leser nicht mit detailliert ausformulierten Schreckensszenarien. Eine graduell kälter werdende Welt werde, so Archibalds Logik, für zahlreiche Weltregionen existentielle, ja fatale Folgen haben. Da die Getreideerträge der Welt in erheblichem Maße zurückgehen werden, weil die ackerbaulich nutzbaren Flächen drastisch schwinden, würden sämtliche Länder, in denen die Bevölkerung heute um ein Vielfaches über ihrer eigenen „Erhaltungskapazität“ liege, mit Hungersnöten nie gekannten Ausmaßes konfrontiert, da sie alle abhängig von den Getreideimporten aus den Ländern der freien Welt seien. Die meisten Völker in Nordafrika, dem Nahen Osten, Vorderasien und Südamerika würden drastisch reduziert, wenn nicht gar untergehen. Eine Zeit lang, so prophezeit Archibald, würden sie sich noch gegenseitig bekriegen, dann ihr Saatgetreide verzehren und danach verhungern. Bereits an dieser Stelle regt sich die Augenbraue zum Runzeln. Entscheidende Faktoren, die gerade beim Thema Ernährung der Menschheit (also Ackerflächen, Saatgutentwicklung, Anbaumethoden, Getreidesorten) in der Vergangenheit eine große Rolle gespielt haben und so beispielsweise eine weitere apokalyptische Prophezeiung ad absurdum führten – nämlich die der unernährbaren, explosionsartig wachsenden Bevölkerung, wie sie der berüchtigte Club of Rome vorherzusehen glaubte – sollten auch eine gewichtige Rolle in Archibalds Szenario spielen. Tun sie aber nicht. Fast könnte man meinen, er hätte den Namen Norman Borlaug noch nie gehört.

Weltweite Kriege um Ressourcen

Ein weiterer, nicht minder düsterer Aspekt des Buches sind die Gefahren, die der Welt durch Kriege drohen, die durch das oben beschriebene Szenario wahrscheinlicher würden. Unter anderem liegen hierbei China und Pakistan im Fokus. China, so Archibald, wolle einen Krieg, um seine aufsteigende wirtschaftliche Macht weltweit zu festigen und alte Rivalen wie Russland, Japan und die USA zu verdrängen. Die von Pakistan ausgehende Kriegsgefahr, einem Land, das durch die beschriebene Reduzierung der Getreidemenge ebenfalls in Existenznot gerate, bringt Archibald auf die kurze Formel: Ein Land voller Verrückter mit Kernwaffen. Auch in diesem Kontext kann der Rezensent dem Autor nicht recht folgen. Die Konstellationen, die im internationalen Gefüge notwendig wären, damit gleich zwei riesige Länder wie China und Pakistan mit Kernwaffen um sich schießen, ohne dass sich das vorher angekündigt hätte und auf der Weltbühne entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen worden wären, müssen schon arg konstruiert werden.

„Das menschliche Ingenium kann unbeeindruckt von mehr oder weniger künstlichen Szenarien die Entwicklung der Menschheit vorantreiben, wenn man es lässt“

Und um die finstere Zukunft noch finsterer (und unwirtlicher) zu beschreiben, greift Archibald in eine weitere Mottenkiste der Endzeit: der begrenzte Vorrat an fossilen Energieträgern. Aus seiner Sicht sind die weltweiten Vorräte an Öl, Gas und Kohle bei weitem nicht ausreichend, um den steigenden Ansprüchen der frierenden und hungernden Weltbevölkerung zu genügen. Er hält den Boom von Schiefergas und -öl für völlig überbewertet und ist der Auffassung, dass die Erschließungskosten für solche Primärenergieträger so hoch sein werden, dass sich der Abbau nicht mehr lohne. Dies steht im Gegensatz zu einer gängigen Einsicht aus der jüngsten Zeit, wonach die Welt einen schier unerschöpflichen Vorrat nicht nur an konventionellen Brennstoffen wie Kohle oder Öl, sondern noch viel mehr Reservoirs an sog. unkonventionellen fossilen Energieträgern (Stichwort Schiefergas und -öl) aufzuweisen hat. Es drängt sich der Eindruck auf, als spiele Archibald hier einen geschickten Trumpf.

Technischer Fortschritt als Lösung

Man muss Archibalds Drohungen mit dem multiplen Untergang der Menschheit nämlich nicht folgen, um seinem Buch trotzdem einen wichtigen, interessanten und durchaus positiven Aspekt abgewinnen zu können. In Archibalds Augen liegt die Zukunft der Energieversorgung des Planeten in Kernreaktoren der nächsten Generation, sogenannten Flüssigsalz- oder Thorium- Reaktoren. Dem interessierten Laien ist diese Form der Energieerzeugung bereits an einigen Stellen begegnet. Die Thorium-Flüssigsalz-Reaktoren haben das Potential, nicht nur quasi risikofrei Unmengen an Energie zu produzieren, sondern auch noch sämtlichen weltweit vorhandenen radioaktiven Müll und atomare Sprengköpfe in Kernbrennstoff umwandeln und verbrennen zu können. Das wäre also tatsächlich ein echter Beitrag zur Sicherung der Zukunft der Menschheit und man fragt sich beim Lesen des Buches, ob es nötig ist, dafür Hungersnöte, Atomkriege und das Ende der fossilen Brennstoffe (auch als Peak Oil bekannt) zu beschwören. In den Augen des Rezensenten spricht die Kerntechnik der Zukunft für sich allein. Und zwar aus zweierlei Gründen:

Erstens aus der Erkenntnis heraus, dass die Menschheit in ihrer derzeitigen Disposition der übergroßen Sensibilisierung gegenüber möglichen Bedrohungen durch die Entwicklung des Klimas mehr als je zuvor in der Lage ist, technische Alternativen und Strategien der Gefahrenabwehr und des Überlebens zu entwickeln. Und zwar ganz unabhängig davon, ob man der Theorie der AGW anhängt, oder ob man dem Autor folgt, der eine neue Eiszeit mit daraus folgenden Massenhungersnöten und den daraus resultierenden weltweiten sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen prophezeit. Das macht diesen Aspekt des Buches für den Rezensenten so interessant: Dass das menschliche Ingenium im Grunde unbeeindruckt von mehr oder weniger künstlichen Szenarien die Entwicklung der Menschheit vorantreiben kann, wenn man es lässt und seinen Vertretern die Fesseln der Ideologie abnimmt.

„Menschlicher Erfindungsgeist und die Anpassungsfähigkeit moderner Zivilisationen und Gesellschaften funktionieren nicht nur unter Zwang, Druck und Todesdrohung.“

Zweitens erscheint der Aspekt sehr bedeutend, dass die inzwischen weit fortgeschrittene Technik der Thorium-Flüssigsalz-Reaktoren in verstärktem Maße in das Bewusstsein der Öffentlichkeit tritt. Stärker zumindest, als sie das ohne Klimahysterie geschafft hätte (dieser Argumentationslinie Archibalds kann man denn auch problemlos folgen). Die offensichtlichen Vorteile dieser Technologie graben auch den Peak-Oil-/Kohle-/Uran-/Gas-Apokalyptikern das Wasser ab. Und auch dem Autor selbst, wenn man so will: Seiner Meinung nach werden ja die Vorräte an Schiefergas, die die USA inzwischen energieautark gemacht haben, ebenfalls schon bald erschöpft sein (ein wie erwähnt durchaus anzweifelbares Szenario). Ergo ist es egal, wie begrenzt irgendwelche Ressourcen sein mögen (de facto sind sie es alle) – die Thorium-Flüssigsalz-Reaktoren machen jegliches Lamento darüber obsolet.

Fazit: Die freie Welt muss sich in den Augen des Autors gegen dreierlei Bedrohungen wappnen: Eine neue Eiszeit, weltweite Hungersnöte und entsprechend drastische Folgen durch gesellschaftliche Zusammenbrüche und Armutswanderung und zu guter Letzt kriegshungrige bzw. unberechenbare Schurkenstaaten mit Atomwaffen. Es fällt schwer, sich das als plausibles Bild der Zukunft vorzustellen. Am meisten Zweifel jedoch ruft die Argumentation von Archibald hervor, weil sie die drohende Apokalypse als Triebfeder für die Einführung moderner Technologien und die Entwicklung weiterer, fortschrittlicher Methoden für das Überleben der Menschheit sieht. Das hieße, dass der menschliche Erfindungsgeist und die Anpassungsfähigkeit moderner Zivilisationen und Gesellschaften nur unter Zwang, Druck und Todesdrohung funktionieren. Das Gegenteil ist aber der Fall. Auch wenn dieses Gegenteil – also die freie, ungehinderte Forschung und Entwicklung in der modernen, technisierten Welt – ebenfalls eine Utopie darstellt, zumindest in weiten Teilen der Erde.

Ein Land wie Deutschland etwa, welches freiwillig auf sichere, billige und ständig verfügbare Energie aus Kernreaktoren verzichtet und sich auch sonst im Würgegriff der Brüsseler und Berliner Öko-Apokalyptiker befindet, hat bestimmt einige harte Kämpfe vor sich, wenn es im Wettlauf um die prosperierende Zukunft der freien Völker nicht hoffnungslos zurückfallen will. Diese Botschaft ist die eigentlich entscheidende in diesem Buch. Sie ist es wert, gehört und verstanden zu werden.