09.06.2010

Natürliche Ressourcen gibt’s endlos!

Essay von Thilo Spahl

Geschichtsvergessenes und zukunftsloses Grenzendenken befeuert die Angst vor dem Versiegen der Rohstoffe.

27. März 2010, 21.05 Uhr. Ich sitze am Computer und schreibe diesen Artikel. Eine Pressemeldung macht mich darauf aufmerksam, dass ich dies nicht tun sollte. Seit halb neun ist Earth Hour. Der World Wide Fund for Nature (WWF) möchte, dass weltweit eine Milliarde Menschen das Licht ausmacht. Ich brauche kein Licht, ahne jedoch, dass auch mein Computer gemeint ist, wenn es darum geht, Menschen, Fauna und Flora und Lebensräume vor dem Klimawandel zu retten. Die Universität Southampton, deren Pressemitteilung ich lese, forderte schon gestern alle Mitarbeiter auf, bevor sie nach Hause gingen, „alle unnötigen elektrischen Geräte sowohl am Geräteschalter als auch, falls sicher und zugänglich, an der Steckdosenleiste auszuschalten“. Wir erfahren weiter, dass Forscher der Universität nun gespannt darauf warten, mit dem von ihnen entwickelten iPhone- app, die Kohlenstoffeinsparung der „Erdstunde“ zu messen.

Die nächste Meldung kommt von der Universität Leicester. Geologen sind der Auffassung, dass wir in ein neues erdgeschichtliches Zeitalter eingetreten seien, das sie als Anthropozän bezeichnen, was so viel bedeutet wie „Menschenneuzeit“. Das finde ich gut. Schade nur, dass es gleich im zweiten Satz heißt, der Eintritt in diese neue Epoche könne das sechstgrößte Massensterben der Erdgeschichte mit sich bringen. Wo bleibt da das Positive? Den Begriff „ Anthropozän“ hat der Nobelpreisträger Paul Crutzen vom Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie in einem Aufsatz in der Zeitschrift Nature im Jahr 2002 geprägt. Er schrieb: „Man könnte sagen, das Anthropozän begann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, einem Zeitraum, für den die Analyse von Lufteinschlüssen in Polareis den Beginn von wachsenden globalen CO2- und Methankonzentrationen ergab. Dieser Zeitraum stimmt übrigens auch mit der Erfindung der Dampfmaschinen durch James Watt im Jahr 1784 überein.“ (1) Nun wissen wir, woher der Wind weht: Das neue Zeitalter des Menschen ist das Zeitalter der menschengemachten Katastrophe.

Die Sache mit dem Kofferraum

Man kann es auch einfacher sagen: „Wir gehen mit dieser Welt um, als hätten wir noch eine zweite im Kofferraum.“ Dieses pessimistische Credo aller Umweltbewegten wird der heute 72-jährigen Schauspielerin Jane Fonda zugeschrieben. Es ist, wie sie, in die Jahre gekommen und bedarf einer kritischen Überprüfung. Diese geschieht und fällt sehr unterschiedlich aus. Manch einer wertet das Fonda’sche Verdikt als der mittlerweile gewachsenen Dramatik des Niedergangs nicht mehr angemessen und ist der Meinung, es müsse schon ein Bedarf von mindestens zwei weiteren Welten vor Augen gehalten werden, um die Notwendigkeit der Umkehr zu verdeutlichen. Andere wiederum sind der Auffassung, dass die pessimistische Einschätzung heute so falsch ist, wie sie immer war. Dieser zweiten Ansicht neige ich entschieden zu.

Der natürlich als nicht realisierbar beklagte Ersatzweltbedarf wird meist in dreifacher Hinsicht begründet: durch die fortschreitende Verschmutzung, Vergiftung und mittlerweile vor allem Erwärmung der einen, durch die Ausbeutung derselben, und schließlich auch schlicht durch die übermäßige Bevölkerung der abermals selben, unersetzbaren einen Welt, in der wir leben. Um die Belastung der Erde durch den Menschen zu „messen“, ist eine umfangreiche Pseudowissenschaft rund um „ökologische Fußabdrücke“ und dergleichen entstanden. Und in jahrzehntelanger Arbeit unzähliger Organisationen ist die dreifache Bedrohung argumentations- und präsentationstechnisch derart aufgerüstet und auf allen Kanälen kommuniziert worden, dass sie heute als Gemeinplatz erscheint. Die Behauptung des Niedergangs ist dennoch falsch. Die unterstellte Unvereinbarkeit von Mensch und Natur existiert nicht, sie ist ein die Geisteswelt verpestendes Abfallprodukt ahistorisch naturalistischen Denkens.

Zu viel Mensch?

Es ist jetzt 23.16 Uhr. Die „Earth Hour“ ist vorbei. Die Weltbevölkerungsuhr zeigt 6.853.862.743 Menschen an und tickt unablässig, um pro Minute 158 Seelen zu addieren, auf dass dem Besucher der von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung betriebenen Website angst und bange werde. Wird es mir aber nicht. Ich tippe die Zahl ungerührt in mein Manuskript. Das rasante Bevölkerungswachstum im 20. Jahrhundert verdankt sich in erster Linie dem großen Fortschritt, den die Menschheit vollbracht hat. Die Bevölkerungszahlen schossen nicht in die Höhe, weil die Menschen sich wie wild vermehren, sondern obwohl sie immer weniger Kinder bekommen. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau halbierte sich von 5,0 im Jahr 1950 auf 2,6 im Jahr 2009, während sich die Weltbevölkerung im selben Zeitraum fast verdreifachte. Der Grund für das Bevölkerungswachstum ist die dramatisch gefallene Sterblichkeit. Und diese ist der wichtigste Indikator dafür, dass es den Menschen besser geht als früher.


„Ein Mathematiker hat behauptet,
dass es allmählich an der Zeit sei,
eine stabile Kiste zu bauen,
die tausend Meter lang, hoch und breit sei.
In diesem einen Kubikkilometer
hätten, schrieb er im wichtigsten Satz,
sämtliche heute lebenden Menschen
(das sind zirka zwei Milliarden!) Platz!“ (2)


Die Berechnung des 1932 von Erich Kästner in seinem Gedicht „Ein Kubikkilometer genügt“ zitierten anonymen Mathematikers ist auch heute noch korrekt. Das Volumen der Menschheit beträgt ungefähr 500 Millionen Kubikmeter. Alle auf einen Haufen geworfen, könnten wir zu einem Würfel mit 800 Meter Kantenlänge gestapelt werden. In einer halben Stunde wäre man drum herum spaziert. Mit anderen Worten: Die Erde besteht vorwiegend aus menschenleeren Landstrichen. 1932 gab es tatsächlich erst zwei Milliarden Menschen, da hätte die Kiste noch kleiner ausfallen können, im Jahr 1798, als der Menschenfeind Thomas Malthus in seinem Buch An Essay on the Principle of Population verhungernde Menschenmassen voraussagte und diesen sich unkontrolliert fortpflanzenden, verabscheuungswürdigen Hungerleidern diesen Tod auch ausdrücklich wünschte, lebte erst etwa eine Milliarde Menschen auf der Erde.

Das prozentuale jährliche Wachstum der Weltbevölkerung erlebte Ende der 60er-Jahre seinen Höhepunkt mit 2,1 Prozent und ist seitdem kontinuierlich gefallen. Im Jahr 2009 betrug es noch 1,15 Prozent, und es herrscht Einigkeit, dass in einigen Jahrzehnten, wahrscheinlich noch bevor die Zehn-Milliarden-Marke erreicht wird, die Weltbevölkerung wieder schrumpfen wird. Es werden also aller Voraussicht nach nie mehr Menschen auf diesem Planeten leben, als in Erich Kästners Kubikkilometerkiste passen würden. Diese Tatsache scheint sich allmählich herumzusprechen, sodass die klassischen Malthusianer sich mehr und mehr in Rückzugsgefechte begeben. Noch 1968 schrieben der Schmetterlingsforscher Paul Ehrlich und seine Frau Anne in ihrem Bestseller The Population Bomb: „Die Schlacht, die gesamte Menschheit zu ernähren, ist vorüber. In den 70er- und 80er-Jahren werden Hunderte von Millionen Menschen verhungern, egal welche Krisenmaßnahmen jetzt ergriffen werden.“ (3) Sie forderten, nach einem kontrollierten „Massensterben“ die Weltbevölkerung auf einem Niveau von rund zwei Milliarden Menschen im 21. Jahrhundert zu stabilisieren. Als geeignetes Mittel hierfür schwebte ihnen die Zwangssterilisation der Bevölkerung vor. Das Gegenteil passierte: Die Bevölkerung wuchs um weitere drei Milliarden Menschen, und dennoch stehen heute pro Kopf mehr Lebensmittel zur Verfügung als zu Zeiten von Ehrlichs düsterer Prognose.

Seit den 70er-Jahren wendet sich die Bevölkerungslobby daher zunehmend grünen Ideen zu. Im Zentrum steht nicht mehr die Überbevölkerung, sondern die Übernutzung des Planeten. Auch die Ehrlichs machten diese Wende teilweise mit, um damit den Wert ihres Buches zu verteidigen. Im Jahr 2009 schrieben sie: „Neben seiner generellen Betonung der Gefahren des Bevölkerungswachstums lenkte das Buch auch früh die Aufmerksamkeit auf das Problem des übermäßigen Konsums, der zunehmend als Muster erkannt wird, das noch schwerer zu ändern sein könnte als die übermäßige Fortpflanzung.“ Auf dem Titel Die Bevölkerungsbombe habe zudem der Verlag bestanden. Sie hätten das Buch schon damals lieber „Bevölkerung, Ressourcen und Umwelt“ genannt. (4)

Die Natur, die bei Malthus noch das mächtige Korrektiv darstellte, das die Massen erbarmungslos verhungern lassen sollte, ist nun zum Opfer geworden. Sie werde geplündert, ihre Ressourcen aufgebraucht und der Mensch auf diese Weise doch am Ende seiner gerechten Strafe zugeführt. Denn: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ So die „Weissagung der Cree“, die von einem unbekannten (sehr wahrscheinlich nicht indianischen) Autor Anfang der 80er-Jahre zur Verbreitung auf Autoaufklebern erfunden wurde (für ethische Konsumenten zum Preis von 1,80 Euro erhältlich auf linke-t-shirts.de). Laut dem vom amerikanischen Worldwatch Institute und der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung vorgelegten Report „Zur Lage der Welt 2010“ könnte die Erde gerade einmal 1,4 Milliarden Menschen ernähren, sofern diese einen Lebensstil wie US-Amerikaner beanspruchten. Ehrlich wird heute also um 30 Prozent unterboten, und Jane Fonda braucht drei weitere Kofferräume. Der Denkfehler zeigt sich allerdings schon in der Formulierung. Die Erde ernährt keine Menschen, Menschen ernähren sich selbst.

Was heißt hier Ressourcenknappheit?

Zumindest meinem subjektiven Empfinden nach sind in Deutschland Autoaufkleber, die das Umhauen des letzten Baumes vorhersagen, erfreulicherweise auf dem Rückzug. Die Anzahl der Bäume hingegen hat erheblich zugenommen. Die Waldfläche in Deutschland ist in den letzten 20 Jahren um rund 175 Quadratkilometer pro Jahr gewachsen; dies entspricht etwa der Fläche der Stadt Karlsruhe. (5) Etwa 30 Prozent Deutschlands sind heute mit Wald und 53 Prozent mit Wiesen, Weiden und Feldern bedeckt. Auch wenn neuerdings Pelletheizungen in Mode kommen, bin ich guter Dinge, dass wir auch in Zukunft noch über solch ausgedehnte Waldgebiete verfügen werden. Dies verdanken wir der Tatsache, dass die Ressourcen und Techniken von gestern nicht die von morgen sind. Wäre das Verbrennen von Holz die einzige Möglichkeit, Energie zu gewinnen, wäre unser nahes Ende in der Tat eine ausgemachte Sache. Doch bereits im Jahre 1882 wurde in den USA erstmals mehr Kohle als Holz verbrannt und so, mit dem Eintritt ins Zeitalter der fossilen Energien, die „Weissagung der Cree“ 100 Jahre vor dem Höhepunkt ihrer Popularität vom Fortschritt überholt. Gewiss, der landläufigen Meinung zufolge war dieser Eintritt erst recht der Anfang vom Untergang. Doch längst ist klar, dass auch die Abhängigkeit von fossilen Energien nicht von Dauer sein kann. Wir wenden uns heute neuen Quellen zu, deren Unerschöpflichkeit niemand mehr ernsthaft infrage stellt. Möglich wird das nicht, weil die Natur uns nun plötzlich etwas schenkte, was sie uns bis dahin vorenthalten hatte, nämlich Sonnenlicht, Wind, Uran, etc., sondern dadurch, dass wir die nötigen Techniken entwickelt haben, um auf verschiedenste Art und Weise die vorhandene Energie für uns nutzbar zu machen.

Ebenso unnötig sind die Versiegensängste in Hinblick auf die lange Liste an Metallen und anderen Stoffen, für die uns in dem 30 Millionen Mal verkauften Buch Die Grenzen des Wachstums im Jahr 1972 vorgerechnet wurde, wie lange sie noch halten werden. Die bekannten Reserven seien in neun (Gold) bis 95 Jahren (Chrom) aufgebraucht. (6) Heute wissen wir, dass das erstens nicht der Fall war. So wurden etwa für Gold im Jahre 1972 Reserven in Höhe von 11.000 Tonnen angegeben. Heute werden sie mit 100.000 Tonnen beziffert. Die Zinnreserven in Höhe von 4,35 Millionen Tonnen sollten noch 15 Jahre reichen. Im Jahr 2009, also 37 Jahre später, betragen die Reserven noch immer 5,6 Millionen Tonnen. Zweitens hat Zinn seine beste Zeit ohnehin hinter sich. Ein wirklich begehrter Rohstoff war es in der Bronzezeit (2200 bis 1200 v. Chr.). Dann ging man dazu über, Werkzeuge aus Eisen herzustellen, Bronze und damit dessen Bestandteil Zinn verloren an Bedeutung. Mitte des 19. Jahrhunderts brachte die industrielle Herstellung von Weißblech einen Wiederaufstieg. Heute wird Zinn vor allem bei der Herstellung von Lebensmittel- und Getränkeverpackungen verwendet. Wenn es irgendwann tatsächlich knapp wird und der Preis entsprechend ansteigt, werden wir ohne jeden Zweifel weiter in der Lage sein, unsere Getränke zu verpacken. Schon seit Langem spielen die Kinder mit Playmobil statt mit Zinnsoldaten. Andere Substanzen haben eine andere Geschichte. Aber keine ist die ultimative unverzichtbare Substanz. Hinzu kommt, dass Metalle und auch alle anderen Stoffe, die nicht bei der Nutzung chemisch umgewandelt werden, im eigentlichen Sinn nicht verbraucht, sondern nur genutzt werden, also grundsätzlich auch recycelt und wieder und wieder genutzt werden können. Das gilt beispielsweise auch für Wasser. Es befindet sich in einem geschlossenen Kreislauf, die Erde verliert kein Wasser. Man kann es verschmutzen, aber nicht verbrauchen.

Die eigentlich recht abstrakte Idee, die Natur sei eine Art Warenlager, das irgendwann leer geräumt sein werde, ist im Denken der westlichen Mittelschicht zu Beginn des 21. Jahrhunderts offenbar dennoch fest verankert. Wenn der Zeitpunkt gekommen sei, stünden unsere Enkelkinder dumm da. Dem ist nicht so. Wenn wir sie nur dazu ermutigen, sich das menschliche Wissen und Können anzueignen und es ad infinitum zu mehren, werden unsere Nachkommen keineswegs dumm, sondern wissender sein als wir.

Natur und Technik

Ein Weggefährte Ehrlichs ist John Holdren, der heute als Direktor des „White House Office of Science and Technology Policy“ Barack Obamas Chefberater für Wissenschaft und Technik ist. Er verfasste gemeinsam mit Ehrlich 1968 den Aufsatz „Population and Panaceas. A Technological Perspective“, in dem argumentiert wurde, dass die technische Entwicklung niemals mit der Bevölkerungsentwicklung mithalten könne und dass die Anstrengungen zur Steigerung der landwirtschaftlichen sowie der Fischereierträge, zur Wasserentsalzung sowie zur Nutzung neuer Energiequellen, wenn sie nicht mit Bedacht eingesetzt würden, „leicht zum ultimativen Desaster“ führen könnten und selbst bei nie dagewesenen Anstrengungen ohne Maßnahmen zur Bevölkerungskontrolle zum Scheitern verurteilt seien. Ihre Geringschätzung menschlicher Möglichkeiten brachten die beiden zum Ausdruck, als sie die Frage stellten, wie viele Männer für die 1,8 Milliarden US-Dollar sterilisiert werden könnten, die ein einziger „agro-industrieller Komplex“ koste. (7)

Ehrlich und Holdren sind auch die Urheber der Formel I=PAT. I steht für Umweltbeeinträchtigung (Impact), P für Bevölkerung (Population), A für Wohlstand (affluence) und T für Technologie. Schlecht ist also, wenn es vielen Leuten gut geht und sie Technik einsetzen. Dass I katastrophale Ausmaße annehmen könnte, wurden die beiden bis heute nicht müde zu verkünden. 1971 brachten sie es fertig, uns gleichzeitig vor einer gefährlichen Abkühlung und einer katastrophalen Erwärmung des Planeten zu warnen. In dem Lehrbuch Global Ecology von 1971 skizzierten die beiden in diesem Zusammenhang zunächst das Gegenstück zur heute populären Bedrohung der schmelzenden Polkappen. Aufgrund der hereinbrechenden Eiszeit sollten demnach die immer schwerer werdenden Eismassen der Antarktis ins Meer rutschen und eine Flutwelle über den Planeten schicken. Falls der Mensch diese Katastrophe überleben würde, drohe ihm neues Ungemach in Form der globalen Erwärmung. Als Ursache der globalen Erwärmung, die in „ungefähr einem Jahrhundert“ zu „drastischen globalen Konsequenzen“, beispielsweise dem „Schmelzen der Polkappen und einem Anstieg des Meeresspiegels um 150 Fuß“ führen könnte, sahen die beiden damals noch nicht im CO2-Anstieg, sondern schlicht in der Wärmeproduktion durch menschlichen Energieverbrauch. (8)

Tatsächlich ist die Technologie der entscheidende Faktor. Weit davon entfernt, per se zur Umweltzerstörung beizutragen, ermöglichen uns die in den letzten Jahrzehnten entwickelten Techniken einen hohen Lebensstandard, einschließlich des Genusses in unterschiedlichem Maße gestalteter oder auch kaum berührter Natur, und darüber hinaus die wachsende Unabhängigkeit von der Natur. Seine Kulturfähigkeit und infolge derselben Wissenschaft und Technik machen den Menschen fundamental unabhängig von natürlichen Beschränkungen. Wir haben es geschafft, dass Milliarden von Menschen auf diesem Planeten ein angenehmes, sicheres, gesundes und produktives Leben führen können. Wir sollten uns hüten, den Ehrgeiz zu desavouieren, allen Menschen dieses Privileg zu ermöglichen. Es ist falsch, Armut zu naturalisieren und damit zu zementieren, indem man vermeintliche Ressourcenknappheit und ungezügelte Fortpflanzung verantwortlich macht. Diese Form der Armut gilt schon seit über 10.000 Jahren nicht mehr. Damals begannen die Menschen damit, dank der Erfindung der Landwirtschaft ihre Nahrung selbst zu erzeugen. Die nächste Stufe des Heraustretens aus der Natur erreichten wir mit der industriellen Revolution. Diese war nicht der Anfang der Ausbeutung der Natur, sondern der Anfang vom Ende der Ausbeutung. Sie markiert den Übergang von einer Menschheit, die noch recht weitgehend von dem lebte, was sie der Natur unmittelbar abgewinnen konnte, zu einer Menschheit, die ihren Wohlstand im Wesentlichen selbst schafft und damit nicht mehr wie das Tierreich in direkter Weise von der Umwelt abhängig ist. Natürliche Grenzen sind im 21. Jahrhundert keine Entschuldigung mehr für Armut. Wohlstand ist in globalem Maßstab machbar.

Die Idee der Grenzen des Wachstums ist nur als mathematische Abstraktion unangreifbar. Die Ehrlichs entlarven sich in der Verteidigung ihrer Bevölkerungsbombe selbst, indem sie Kritikern vorwerfen, simple Arithmetik nicht zu beherrschen. „1994 wuchs die Weltbevölkerung mit 1,4 Prozent jährlich. Bei dieser Rate würde es lediglich rund 6000 Jahre dauern, bis die Masse der Menschheit so groß wäre wie die Masse des Universums.“ (9) Eine schöne Rechenübung. Sie hat nur leider mit der Realität nichts zu tun. Wenn es um konkrete Probleme in dieser Welt geht, sollten wir das Argument der begrenzten Ressourcen in den Mülleimer der Geschichte knallen. Aber Vorsicht: nicht in die gelbe Tonne zum Recycling!

Es ist jetzt Sonntag, 29. März, 0.30 Uhr. Die Bevölkerungsuhr zeigt 6.854.090.105 Menschen. Ich freue mich über 227.362 neue Erdenbürger. (Sie meinen, es müssten in 25 Stunden und 14 Minuten doch etwas mehr dazu gekommen sein. Richtig. Aber letzte Nacht wurde auf Sommerzeit umgestellt.)