08.05.2013

Im Zweifel für den Zweifel

Rezension von Günter Ropohl

In Merchants of doubt werden Skeptiker vorherrschender Wissenschafts- ideologien als „Leugner“ diskreditiert. Steht solch ein Vorgehen nicht im krassen Gegensatz zur Tradition der europäischen Aufklärung.

Unlängst hat Richard Parncutt, ein australisch-österreichischer Professor aus Graz, die Ansicht geäußert, die „Klimaleugner“, also diejenigen, die an der herrschenden Lehre von der „menschengemachten globalen Erwärmung“ zweifeln, verdienten die Todesstrafe. [1] Diese skandalöse Einlassung – die er dann auch sehr schnell wieder zurücknehmen musste – scheint mir die Spitze eines Eisberges, der unter der Oberfläche der Öffentlichkeit die kritische Rationalität der Wissenschaft bedroht.

Dazu gehört dieses Buch, das allen Kritikern der herrschenden Lehre, sei es in der Klimaforschung, sei es in der Tabakforschung, vorwirft, aus sachfremden Motiven ärgerliche „Krämer des Zweifels“ zu sein und „die Wahrheit zu verdunkeln“ (so der Untertitel). Mit einer Überfülle passend gewählter Zitate versuchen die Verfasser, die Vertreter abweichender Auffassungen als gewissenlose Falschmünzer hinzustellen und auf diese Weise wissenschaftliche Kritik zu verunglimpfen. Auf die wissenschaftsphilosophische Waghalsigkeit dieses Unterfangens ist eine Besprechung des Buches, die in einer deutschen Fachzeitschrift erschien, [2] überhaupt nicht eingegangen.

„Zweifel ‚verdunkelt‘ nicht ‚die Wahrheit‘, er ist im Gegenteil ein unentbehrliches Vehikel auf dem Wege zur Wahrheit.“

Mit den folgenden Überlegungen, die ich der betreffenden Zeitschrift zur Veröffentlichung vorlegte, wollte ich auf jenes Versäumnis hinweisen. Armin Grunwald, der Herausgeber, Professor an der Karlsruher Großuniversität „KIT“ und Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag, hat das abgelehnt. Die Klimaskeptiker würden das wissenschaftliche Prinzip der kritischen Prüfung aus fragwürdigen Gründen missbrauchen, meinte er. Darum wäre es, wegen der wahrscheinlich dramatischen Folgen des Klimawandels für die Menschheit, politisch verantwortungslos, die „Zweifler“ wissenschaftsphilosophisch in Schutz zu nehmen. So werden Grundsätze wissenschaftlicher Rationalität, die Grunwald prinzipiell anerkennt, [3] faktisch außer Kraft gesetzt, wenn das „politisch korrekte“ Dogma verteidigt werden muss.

Wer aber zweifelt, wird sehr schnell zum „Leugner“ abgestempelt. Ursprünglich bezeichnete man mit diesem Ausdruck fehlgeleitete Menschen, die verbürgte historische Tatsachen nicht wahrhaben wollen, etwa die Völkermorde an den Armeniern oder den Juden. Dann aber übertrug man den Vorwurf auf alle, die in der Wissenschaft eine keineswegs gesicherte Mehrheitsmeinung weiterhin mit kritischen Fragen konfrontieren. Das intellektuell seriöse Eintreten für vorbehaltlose Prüfung wird unter der Hand in gewissenlose Realitätsblindheit verfälscht. In dieser Form kommt die Stilfigur des „Leugners“, wie so manche anderen „Segnungen“, aus den USA. [4]

Dazu muss man berücksichtigen, dass Nordamerika bekanntermaßen eine Hochburg der Evangelikalen ist. Ihr Anteil an der Bevölkerung beträgt nach Schätzungen zwischen einem Drittel und der Hälfte. Es handelt sich um Anhänger christlich-puritanischer Religionsgemeinschaften, die sich für besonders bibeltreu und rechtgläubig halten. In dieser Vorstellungswelt gilt der „Leugner“ oder „Renegat“, also jemand, der am „wahren Glauben“ zweifelt, als Verkörperung des Bösen. [5] Diese Mentalität steht, glaube ich, im Hintergrund, wenn in neueren wissenschaftlichen Kontroversen besonders in der angelsächsischen Literatur kritische Minderheiten zunehmend als „Leugner“ bezeichnet werden, die angeblich unberechtigte Zweifel säen würden. Diese Tendenz macht sich schon der Titel des Buches zu eigen. Unschwer erkennt man darin das manichäische Weltbild der Evangelikalen, das auf die Wissenschaft übertragen wird: „Gut“ ist die herrschende Lehre, und wer daran zweifelt, ist „böse“.

Dieses Weltbild steht in krassem Gegensatz zur Tradition der europäischen Aufklärung. Spätestens seit Descartes gilt der methodische Zweifel als hohe wissenschaftliche Tugend, Kant hat in der Unfähigkeit zu kritischem Zweifel eine „selbstverschuldete Unmündigkeit“ gesehen, und die moderne Wissenschaftsphilosophie sieht in der „Wahrheit“ bloß ein regulatives Prinzip, dem man sich durch unaufhörliche methodische Prüfung höchstens annähern kann. Zweifel „verdunkelt“ also nicht „die Wahrheit“, er ist im Gegenteil ein unentbehrliches Vehikel auf dem Wege zur Wahrheit.

„Wo bleibt die Objektivität?“

Die Figur des „Zweiflers“ oder „Leugners“, die mit moralisierendem Zeigefinger eingeführt wird, dient offenkundig dazu, die herrschende Lehre gegen Kritik zu immunisieren und wissenschaftliche Machtpositionen abzusichern. Macht ist aber nicht nur eine Frage von Eitelkeiten, Macht ist auch sehr hilfreich für den Zufluss von Geldern. Wenn aber die „Zweifler“ öffentliche Resonanz fänden, könnten sie die Geldgeber verunsichern und die weitere Förderung von Instituten und Projekten der herrschenden Lehre beschneiden. Wer würde schon noch die Klimaforschung finanzieren, wenn sich herausstellen sollte, dass hier möglicher Weise nichts Anderes betrieben wird als computergestütztes Kaffeesatzlesen? Der Krieg gegen die „Leugner“ ist also auch ein Kampf um das wirtschaftliche Überleben etablierter Institutionen.

Das Verschweigen die Attacken gegen die „Leugner“ natürlich. Sie drehen den Spieß um und unterstellen den Kritikern verwerfliche Motive, weil sie sich von Interessengruppen bezahlen ließen. Das ist das durchgängige Argumentationsmuster des Buches. Auch wenn manche Details, die da akribisch zusammengetragen wurden, richtig sein mögen – fraglos werden etliche Forschungsarbeiten von Wirtschaftskreisen aus nicht immer ehrenwerten Gründen finanziert –, stellt sich doch die Frage, ob die Auswahl der Details tatsächlich ausgewogen ist.

Im Fall der Tabakforschung, in der ich mich ein wenig auskenne, muss ich das bezweifeln. So beruft sich das fünfte Kapitel ständig auf den Kronzeugen Stanton Glantz, dem am Ende des Buches sogar eine besondere Danksagung zuteil wird. Glantz gehört zu denen, die das Märchen vom „Passivrauchen“ erfunden haben, und ist Eingeweihten als „merchand in campaigning“ bekannt, der damit bemerkenswerte Einkünfte erwirtschaftet haben soll. Prominente amerikanische Kritiker dieses Märchens, wie zum Beispiel Enstrom, Gori, Kabat und Siegel, werden dagegen gar nicht erwähnt! Wo bleibt die Objektivität solch einer „Wissenschaftsgeschichte“?

„Nicht selten sind es gerade die Zweifler, die den Erkenntnisfortschritt voranbringen.“

Wichtiger scheint mir das zentrale Vorurteil, dass Forscher, die von den falschen Stellen bezahlt werden, grundsätzlich falsche Ergebnisse hervorbringen. Wieder erkennt man das manichäische Weltbild, das glaubt, eindeutig zwischen den „guten“ und den „bösen“ Geldgebern unterscheiden zu können. Tatsächlich werden natürlich alle Forscher bezahlt, die einen von dieser oder jener Industrie, die anderen von Einrichtungen der nationalen oder internationalen Politik bis hin zur Weltgesundheitsorganisation. Erst im rentengesicherten Ruhestand können sie sich, sofern sie Schreibtischdenker sind, finanziell unabhängige Tätigkeit leisten. Es kommt aber darauf an, ob die Forscher sich dafür hergeben, ihre Arbeit den Zielvorstellungen von Geldgebern zu unterwerfen.

Das betrifft gleichermaßen die Förderung von Seiten der Wirtschaft wie von Seiten staatlicher Ressorts, die auch nicht selten vom Lobbyismus gleich welcher Provenienz angekränkelt sind. Es wäre blauäugig, den Opportunismus einzelner Forscher rundweg zu verneinen, aber es wäre zynisch und destruktiv, damit einen Generalverdacht gegen alle Wissenschaft zu begründen, der die Anhänger der herrschenden Lehre genauso betreffen könnte wie die Abweichler. Es ist unredlich, Forschungsarbeiten allein darum zu verwerfen, weil man deren Geldgeber beargwöhnt, statt zunächst die Methoden und die Resultate vorbehaltlos zu prüfen. Und es ist noch unredlicher, Forscher von vornherein mit der Behauptung zu diskreditieren, sie wären grundsätzlich nicht glaubwürdig, weil sie irgendwann einmal Geld aus einer „verdächtigen“ Quelle erhalten hätten.

Immerhin unterliegen Forscher zunächst und vor allem dem Urteil ihrer Fachgenossen, das sich durchweg auf allgemeine Qualitätsstandards bezieht. Nur wenige Forscher würden es riskieren, gegen diese Standards absichtlich zu verstoßen, bloß weil es ein Geldgeber erwartet. Die Qualität der Forschungsarbeit ist grundsätzlich nicht davon abhängig, wer sie bezahlt, und sie ist ohne Rücksicht auf die Finanzierungsquellen wissenschaftsintern zu beurteilen. Allerdings sollte man nicht verschweigen, dass Fachgutachter, mehrheitlich der herrschenden Lehre verpflichtet, auch nicht immer unparteiisch sind. Wohl gibt es, das sei unbestritten, gelegentlich schwer erkennbare Grauzonen in der Problemdefinition, der Methodenwahl und der Ergebnisbewertung, doch das kommt nicht nur bei industriellen, sondern auch bei öffentlichen Geldgebern vor.

Dieses Buch allerdings, im Stil eines populistischen Enthüllungsjournalismus geschrieben, lastet derartige Ungenauigkeiten allein den Kritikern der herrschenden Lehre an. Es propagiert eine naive Konsenstheorie der Wahrheit; als wenn es nicht schon einmal einen wissenschaftlichen Konsens in der Hexentheorie und in der Äthertheorie gegeben hätte. Alles in allem erweist sich das Buch als ärgerliche Verteidigung einer dogmatischen Wissenschaftsideologie.

Mit einem Wort: Es gibt, dem Himmel sei’s geklagt, einseitige Wissenschaft. Darunter befinden sich „Rechtgläubige“ ebenso wie „Leugner“. Aber nicht selten sind es gerade die Zweifler, die den Erkenntnisfortschritt voranbringen.