04.02.2022

Einmal Zuwanderung und zurück

Rezension von Jörg Michael Neubert

Migration steht im Mittelpunkt des Theaterstücks „Zwischen den Welten“ von Sophie Delest. Es geht um Liebe, alte und neue Heimat.

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise 2015 ist der Thema Migration in aller Munde. Es wird über Ursachen, Folgen, Quoten und vieles mehr gestritten. Wobei sich die Hauptdiskussion um Asylsuchende aus Afrika oder failed states wie etwa Afghanistan zu drehen scheint. Gänzlich übersehen wird, dass es bereits seit vielen Jahren innerhalb der EU Wanderungsbewegungen von Ost nach West gibt. Oft sind es wahrscheinlich wirtschaftliche Motive, die Menschen in die Emigration treiben, doch das ist natürlich nur ein Aspekt. Von einem anderen, nämlich dem der Liebe zu einem anderen Menschen, handelt das Theaterstück „Zwischen den Welten“ von Sophie Delest.

Im Zentrum des Stücks steht der Dialog zweier Frauen, die zwei verschiedenen Generationen angehören und doch sowohl das gleiche Motiv für die Migration als auch die gleichen Probleme im Land ihrer Träume haben. Eine der beiden Figuren beruht dabei auf der Lebensgeschichte von Ellen Schernikau. Schernikau hatte 1966 die DDR verlassen, um mit dem Vater ihres Sohns ein neues Leben in der BRD zu beginnen. 1989 kehrte sie dann in die DDR zurück und wurde dort wieder eingebürgert. Wenige Monate später brach die DDR zusammen. Die zweite Frau, die Polin Natalia, dagegen ist fiktiv. Der Ort, an dem Sie sich begegnen, bleibt unbestimmt, denn das gesamte Bühnenbild besteht aus einem Tisch und zwei Stühlen, auf dem die Protagonisten wahlweise sitzen, liegen oder darum herumschleichen. Bei der Uraufführung in Braunschweig 2020 schlüpften Jessica Hermann und Anne-Kathrin Ternite in die jeweilige Rolle.

Das Stück beginnt mit einer Szene, in der Ellen – einen Behördenmitarbeiter mimend – um Natalia herumgeht und sie nach ihren Motiven befragt. „Was wollen Sie hier? Wie der Rest ihrer Landsmänner Sozialhilfe beziehen?“ So beginnt die Befragung und der schockierten Natalia bleibt nichts anders übrig als unbeholfen zu schreiben, dass Sie „IHN und nicht dieses Land gewählt“ hat. Ein vermutlich nur allzu reales Ereignis. Direkt danach äußert Natalia die zentralen Punkte des ganzen Stücks. Da ist zum einen der gesellschaftliche Druck, sich der neuen Heimat anzupassen. Dieser wird von ihr fast als Assimilation aufgefasst. Sie muss alles akzeptieren, darf keine Grenzen setzen. Zum anderen die Sehnsucht, ja Verklärung der alten Heimat. Dinge, die einen möglicherweise früher gestört haben, fungieren plötzlich als mentaler Rettungsacker für die durch Assimilation bedrohte eigene Identität. Diese Problemkreise ziehen sich zusammen mit der Frage, ob ER es wert war wie ein roter Faden durch das gesamte Stück.

„Natalias Bildungsabschluss nicht anerkannt, aber sie erhält regelmäßig ‚falsch berechnete Rechnungen‘ und ‚Briefe von Behörden mit mehreren Rechtschreibfehlern‘.“

Während der Dialog fortschreitet, werden aber auch noch andere Erfahrungen von Migranten verarbeitet. So kommt es zum Streit zwischen den beiden Protagonistinnen, als Schernikau äußert, in den Urlaub nach Ostpreußen zu fahren (was heute polnisches Staatsgebiet ist). Neben derartigem, zumindest etwas unsensiblen Verhalten der aufnehmenden Gesellschaft thematisiert das Stück aber auch eher technische Dinge. So wird Natalias Bildungsabschluss nicht anerkannt, aber sie erhält regelmäßig „falsch berechnete Rechnungen“ und „Briefe von Behörden mit mehreren Rechtschreibfehlern“.

Im weiteren Verlauf geht es dann um die Erfahrungen von Ellen, die ganz im Grundthema des Stücks bleibend zwischen ihrer Liebe zu einem Mann und dem zu ihrer ehemaligen Heimat hin und hergerissen ist. „Entscheidung, Entscheidung, Entscheidung. „Du gehst, gehst nicht…gehst nicht“. Sprechen die Frauen im Chor. Spätestens hier wird deutlich, dass die Geschichten der beiden Frauen in unterschiedlichen zeitlichen Richtungen laufen. Ellens Geschichte entwickelt sich chronologisch vorwärts, während Natalias rückwärts läuft. Dass es nicht nur auf die eigene Entscheidung ankommt, wird gegen Ende deutlich, als eine fiktive Nachrichtensendung verkündet, dass aufgrund von Covid-19 die Grenzen der Ukraine geschlossen werden. Das bringt das Stück wieder in die Gegenwart.

Insgesamt ist Delests Stück damit gut gelungen und kann seinen Anspruch, das Thema Migration auch durch die Brille von Immigranten zu betrachten, erfüllen. Gerne mal ansehen – das Buch ist auch mit einem DVD-Mitschnitt erhältlich.

Trailer