29.10.2026
Das Vermächtnis der Babyboomer
Rezension von Alexander Horn
Die politische Entgrenzung des Staates hat die Marktwirtschaft stark lädiert, das Geldsystem pervertiert und zum Schuldenexzess geführt. Die „Generation DEBTS“ zahlt die Zeche, meint Frank Schäffler.
Zweifellos haben die deutschen Babyboomer aufgrund ihrer Arbeitsleistung in mehr als 40 Jahren zu einem gewaltigen Wohlstandszuwachs beigetragen, dennoch hinterlassen sie den nachfolgenden Generationen eine schwere Hypothek, wie der klassisch liberal argumentierende, langjährige FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler in seinem neuen Buch, „Generation DEBTS – Die Generation, die alles bezahlen muss“, aufzeigt. Denn aufgrund der politischen Weichenstellungen der vergangenen Jahrzehnte, an denen die Babyboomer maßgeblichen Anteil haben, ist es seit den 1990er Jahren immer weniger gelungen, die bis dahin spürbaren Wohlstandszuwächse mit steigenden Realeinkommen – von denen sie selbst erheblich profitiert haben – bis heute zu erhalten.
So führt die seit Anfang der 2000er Jahre forcierte Klima- und Energiepolitik in Deutschland aufgrund klimapolitischer Regulierung und steigender Energiekosten zu einer voranschreitenden Deindustrialisierung. Vor allem Unternehmen energieintensiver Branchen weichen den steigenden Kosten aus und desinvestieren, während kaum neue Unternehmen entstehen, die auf hochproduktive und daher typischerweise energieintensive Technologien setzen. Hinzu kommen die Folgen der seit Jahrzehnten einseitig auf wirtschaftliche Stabilisierung ausgerichtete Wirtschafts- und Geldpolitik, mit der die von Zeit zu Zeit in einer Marktwirtschaft auftretenden zyklischen Krisen unterdrückt wurden. Dies verhindert zwar den Untergang weniger profitabler und unproduktiverer Betriebe sowie von deren Jobs und Kapital. Da die besser aufgestellten Unternehmen jedoch durch den Verbleib schwächerer Wettbewerber kaum skalieren können, erreichen sie bei der, in aller Regel extrem kostspieligen Einführung neuer, produktiverer Technologie oft nicht die dafür erforderliche Rentabilität, so dass sie diese Investitionen unterlassen.
Infolgedessen ist in Deutschland die Nettoinvestitionsquote, die die jährlichen Anlageinvestitionen abzüglich des Werteverlusts durch Abschreibungen in das Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt setzt, seit den 1980er Jahren im damaligen Westdeutschland von etwa 6 Prozent immer weiter gesunken. In den 2010er Jahren erreichte sie nur noch gut 2 Prozent, inzwischen liegt sie im negativen Bereich. Der stetige Rückgang der Nettoinvestitionsquote macht deutlich, dass die privaten Unternehmen – auf die gut 80 Prozent dieser Investitionen entfallen – im Verhältnis zu ihrer Wertschöpfung immer weniger in neue Maschinen, Anlagen und Gebäude investieren. Es ist daher kein Wunder, dass die Produktivitätszuwächse im Gleichschritt schrumpfen und seit einigen Jahren bei null liegen.
Etatismus statt Marktwirtschaft
Besonders deutlich zeigen sich die Folgen dieses politisch verursachten wirtschaftlichen Niedergangs im umlagefinanzierten Sozialversicherungssystem. Da die Produktivitätsstagnation den Reallohnzuwachs begrenzt, sind die durchschnittlichen Reallöhne in Deutschland bisher nicht über das Niveau von 2018 gestiegen, so dass aufgrund der in etwa gleichbleibender Anzahl erwerbstätiger Beitragszahler und konstanten Beitragssätze auch die realen Gesamteinnahmen der Sozialversicherungen stagnieren. Dies hat gravierende Folgen für die umlagefinanzierte Rentenversicherung, denn bei einer in etwa gleichbleibenden Anzahl Rentner würden die realen Renten demnach auf einem gleichbleibenden Niveau verharren. Da die realen Renten in diesem Szenario nicht ansteigen, impliziert dies, dass die Rentenbeitragszahler im Moment ihres späteren Renteneintritts keine Verzinsung ihrer zuvor geleisteten Beiträge erhalten. Die Rendite der umlagefinanzierten Rente liegt also bei null.
Da jedoch infolge der nun einsetzenden Verrentung der Babyboomer und der obendrein sinkenden Anzahl der Erwerbstätigen infolge der demographischen Alterung zukünftig eine steigende Anzahl Rentner einer sogar rückläufigen Anzahl an Beitragszahlern gegenübersteht, klafft eine immer größer werdende Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben in der Rentenversicherung. Dadurch wird die Rendite sogar negativ – ein Problem, das in ähnlicher Weise auch die Kranken- und Pflegeversicherung betrifft.
Exakt an dieser Stelle hakt Frank Schäffler mit „Generation DEBTS“ ein. Dass die heutigen Beitragszahler aus der umlagefinanzierten Rente keine positive, sondern de facto sogar eine negative Rendite erzielen werden, geißelt er als zwangsläufige Folge eines ausufernden Staates und einer entgrenzten und übergriffigen Politik, die die disziplinierende wohlstandsteigernde Funktion des Marktes immer mehr außer Kraft setzt. Den Kardinalfehler der umlagefinanzierten Rente sieht Schäffler nicht primär in den sozialpolitisch motivierten und von der Kassenlage abhängigen Reformen der vergangenen Jahrzehnte, sondern darin, dass sie 1963 überhaupt eingeführt wurde, anstatt auf die Kapitaldeckung zu setzen. Denn erstens sei das Kapitaldeckungsverfahren nicht anfällig für die demographische Alterung, da jeder Bürger seine individuelle Rente anspart. Zweitens hat die Politik mit der Einführung des Umlageverfahrens einen Bereich der politischen Regulierung unterworfen, der unter marktwirtschaftlichen Bedingungen bessere Ergebnisse erzielen könnte und zudem schränkt dies Freiheit und Eigenverantwortung der Bürger ein.
"Um der staatlichen Schuldenfalle zu entfliehen, empfiehlt er den jüngeren Generationen das zu tun, was er ab dem Alter von 16 Jahren hätte durchziehen sollen, also auf den Markt setzen und zumindest kleine Beträge möglichst renditestark am Aktienmarkt anzulegen."
Um dies zu verdeutlichen, kontrastiert Schäffler die Negativrendite des umlagefinanzierten Rentensystems mit den Renditemöglichkeiten der Kapitalmärkte. Hätte er den Sparvertrag für vermögenswirksame Leistungen, den er 1985 als 16-jähriger mit einer monatlichen Eigenleistung von nur 52 D-Mark (plus Arbeitgeberzuschüsse und staatliche Zulagen) abgeschlossen hatte, bis heute durchgehalten und wäre dieses Geld konsequent in Aktien angelegt worden, so hätte er „konservativ geschätzt“ eine jährliche Rendite von 8,5 Prozent erzielt. Bis heute wäre daraus ein Vermögen von knapp 300.000 Euro entstanden, was eine monatliche Rente von knapp 1200 Euro ergeben würde, rechnet Schäffler vor.
Anhand vieler Stationen seines eigenen politischen Lebens reflektiert Schäffler diesen roten Faden, bei dem er das wohlstandsstiftende Potenzial eines funktionierenden Marktes und dessen politische Aushebelung kontrastiert, so etwa bei der Einführung der ebenfalls umlagefinanzierten Pflegeversicherung im Jahr 1994. Damals versuchte er die Einführung der von seiner Fraktion befürworteten Teildeckung mit eingefrorenem Beitragssatz und gedeckelter maximaler Pflegeleistung zu verhindern.
Es sei klar gewesen, so Schäffler, dass mit dem Fuß in der Tür für eine neue umlagefinanzierte Sozialversicherung der politische Spielraum zwangsläufig immer weiter ausgeschöpft werde. Die Weichenstellung gehe in die falsche Richtung, so der FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff damals: „Wir verschieben die Lasten auf die nächste Generation.“ (S. 33). Anstatt damals die Pflege durch Kapitaldeckung abzusichern und erst dann den Staat für die Pflege in Anspruch zu nehmen, wenn weder das private Vermögen zur Finanzierung ausreicht noch die eigenen Kinder dies leisten können, wird die Pflegeversicherung zu Lasten der heutigen Beitragszahler, also der jüngeren Generation, immer mehr zu einer exorbitant teuren „Erbenschutzversicherung“ ausgebaut, kritisiert Schäffler.
„Wenn Milch und Honig fließen“, meine man, so Schäffler, dass es immer so weitergehe. Die Politik zeigt sich extrem erfinderisch, wenn es darum geht, das wirtschaftliche Umfeld, „das seit vielen Jahren durch immer mehr Schulden am Leben gehalten wird“, mit immer mehr billigem Geld und steigenden Schulden aufrechtzuerhalten. Dies zeigt Schäffler anhand der Rolle des Euro, der Eurorettung und der EZB, die mit billigem Geld und manipulierten Zinsen der Politik enorme Handlungsspielräume verschafft hat, dabei jedoch das Vertrauen in das Geldsystem und die Marktwirtschaft nachhaltig geschwächt oder gar zerstört habe. Einerseits durch die Aushebelung des für die Marktwirtschaft konstituierenden Haftungsprinzips, andererseits durch die Ingangsetzung einer gigantischen Umverteilung vor allem von den ärmeren erwerbstätigen Massen hin zu den Vermögenden.
Schäffler befasst sich des Weiteren mit der Schuldenbremse und deren sukzessiven Aushöhlung in den vergangenen Jahren, was den politischen Parteien in immer größerem Umfang erlaubt, die heutigen Probleme zu Lasten der jüngeren Generationen in die Zukunft zu verschieben. Leider sei seine eigene Partei während der Amtszeit von Bundesfinanzminister Christian Lindner in der vergangenen Legislaturperiode an dieser Entwicklung nicht unbeteiligt gewesen.
Politik zurückdrängen und Staat reduzieren
Um diese Negativentwicklung der vergangenen Jahrzehnte umzukehren und um wirtschaftliche Stagnation und Schrumpfung zu vermeiden, die primär die jüngeren Generationen mit steigenden Schulden und wenig Aussicht auf zukünftig steigenden Wohlstand belasten, hat Schäffler eine klare Vorstellung: Dies sei nur möglich, „wenn man die Politik zurückdrängt. Weniger ist mehr, das gilt auch hier. Daher muss man Regierungen und Parlamente in ihrer Macht begrenzen. Sie müssen weniger Mittel, also Geld zur Verfügung haben. Dann können sie auch weniger Beamte einstellen, die weniger Gesetze schreiben, Verordnungen und Ausführungsbestimmungen formulieren und weniger kontrollieren. […] Es liegt also im Wesentlichen an den institutionellen Voraussetzungen. Sie sind die Grundlage dafür, dass Parlamente nicht in Einzelfallgerechtigkeit verfallen, sondern allgemeine, abstrakte Regel, die für alle gleich sind, schaffen.“ (S.108)
Dass es weit besser als in Deutschland laufen könnte, zeigt Schäffler im Hinblick auf das Rentensystem am Beispiel Schwedens. Dass durch einen „reduzierten Staat“ viel bessere Ergebnisse erzielt werden können, wenn dieser gezielt auf den Markt setzt, ohne dabei die marktwirtschaftlichen Prinzipien, wie etwas das Haftungsprinzip, außer Kraft zu setzen, führt er am Beispiel der Schweiz aus. Aber auch in Deutschland kann es wieder besser laufen, ist sich Schäffler sicher.
Um der staatlichen Schuldenfalle zu entfliehen, empfiehlt er den jüngeren Generationen das zu tun, was er ab dem Alter von 16 Jahren hätte durchziehen sollen. Also, auf den Markt setzen und zumindest kleine Beträge möglichst renditestark am Aktienmarkt oder etwa in Bitcoin (worüber er im Buch umfang- und kenntnisreich ausführt) anzulegen. Neben dieser individuellen Empfehlung setzt Schäffler auf einen Kulturkampf für die Freiheit, den er spätestens seit der Entstehung des von ihm gegründeten Prometheus-Instituts seit vielen Jahren neben seiner Karriere als FDP-Politiker vorantreibt. Um diesen Kulturkampf zu gewinnen, brauche es im Sinne von Ralf Dahrendorf und Alexis de Tocqueville „Freiheitsinseln“, die Stück für Stück eine Hegemonie in den Köpfen erkämpfen: Für die Freiheit, für Kapitalismus, für Eigenverantwortung, weniger Staat und für die Gleichheit vor dem Recht.