12.10.2018

Das neoliberale Individuum

Rezension von Alex Standish

Titelbild

Foto: helpsg via Pixabay / CC0

Der Neoliberalismus ersetzt den sentimentalen Individualismus durch einen kognitiven, so ein Buch von Ralph Fevre. Das zeigt sich auch am Arbeitsplatz.

Das neueste Buch des britischen Sozialwissenschaftlers Ralph Fevre, „Individualism and Inequality. The Future of Work and Politics“, spürt den Anfängen des Individualismus nach und befasst sich mit der Frage, inwiefern sich die Vorstellung vom Individuum innerhalb der Gesellschaft insbesondere durch das Aufkommen neoliberalen Denkens zur Jahrtausendwende verändert hat. Fevre beschreibt zwei sehr unterschiedliche Welten oder Gesellschaften, die durch das Jahr 1979 chronologisch getrennt sind – das Jahr, in dem Margaret Thatcher zur britischen Premierministerin gewählt wurde. In der Gesellschaft vor 1979 wurden die Vorstellungen vom Individuum durch das beeinflusst, was Fevre als „sentimentalen Individualismus“ bezeichnet, einen mitfühlenden liberalen Glauben an das Potential, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. In der Gesellschaft nach 1979, so Fevre weiter, wird diese Vorstellung vom Individuum vom Neoliberalismus überschattet.

Fevre führt den sentimentalen Individualismus auf das Werk der Denker Thomas Paine und Adam Smith aus dem 18. Jahrhundert zurück. An Paines Beitrag war vor allem von Bedeutung, dass er die Vorstellung der von Gott gegebenen natürlichen Rechte durch die Überzeugung ersetzte, dass jeder Einzelne Anteil an der Menschheit hat, was andere dazu zwingt, diese natürlichen Rechte anzuerkennen.

Sentimentaler und kognitiver Individualismus

Fevre zufolge hat Paine, der eine Schlüsselrolle für die amerikanischen Revolution einnehmen sollte, dazu beigetragen, eine Ära des Massenindividualismus einzuleiten, in welcher mehr Rechte für alle Menschen gefordert würden, ungeachtet von Klasse, Geschlecht oder Rasse. Diese aufklärerische Betonung universeller menschlicher Gemeinsamkeiten nährte Ideen des sozialen Fortschritts, von der Abschaffung der Sklaverei bis zum allgemeinen Wahlrecht und den Bürgerrechten. Im Laufe der Entwicklung des 19. Jahrhunderts erfuhr der Individualismus eine sentimentale Wendung, wobei die Werte des Mitgefühls und der Fürsorge in der Arbeit der Kinderhilfsorganisation Barnardo’s und der Krankenschwester Florence Nightingale zum Ausdruck kamen.

„Früher war der kognitive Individualismus durch sentimentale Ideale und den Glauben an das Potenzial des sozialen Fortschritts in Schach gehalten worden.“

 „Individualism and Inequality“ zeichnet die Ausbreitung einer anderen Idee von Individualismus im Laufe des 20. Jahrhunderts nach. Im Kern dieser Entwicklung steht das, was Fevre das „kognitive Individuum“ nennt, basierend auf der Vorstellung, dass der persönliche Erfolg oder Misserfolg in der Gesellschaft in der alleinigen Verantwortung des Einzelnen liegt. Die Wurzeln dieser neuen Denkweise liegen zum Teil in Adam Smith’ Werk, aber seinen stärksten Ausdruck findet er in der Arbeit des Philosophen und Soziologen Herbert Spencer im 19. Jahrhundert.

Anders als Smith war Spencer der Auffassung, ein gewisses Maß an Ungleichheit sei nicht zu vermeiden. In seinem Buch „Man Versus the State“ (1884) argumentierte Spencer, dass die Marktkräfte das Potenzial hätten, Tugenden herauszubilden, wenngleich er an ihrem Potenzial zweifelte, den Charakter der Armen zu verändern. Er war daher entschieden gegen staatliche Eingriffe als Ausgleich für den Markt.

Die Geschichte, die in „Individualism and Inequality“ erzählt wird, umfasst den Wandel vom sentimentalen Individualismus zum kognitiven Individualismus im Laufe des 20. Jahrhunderts. „Der Glaube an den Menschen“, schreibt Fevre, wurde allmählich durch das Wissen um den Menschen ersetzt, was das Anwachsen der neoliberalen Inkarnation des Individualismus stimulierte. Bisher war der kognitive Individualismus durch das Bekenntnis zu sentimentalen Idealen und den Glauben an das Potenzial des sozialen Fortschritts in Schach gehalten worden.

Das neue Individuum

Fevre bezeichnet die 1970er-Jahre als den Punkt, an dem sich die Vorstellungen von Gesellschaft und Individuum dramatisch verändert haben. Viele derjenigen, die sich als Linke identifizierten, wurden von den politischen Parteien der Linken enttäuscht, die keinen sozialen Fortschritt erzielt hatten.

„Unternehmen und Organisationen übernehmen zunehmend Verantwortung für das Wohlergehen von Individuen.“

Fevre stellt die Vermutung auf, dass Thatcher im Vereinigten Königreich 1979 den Moment ergriffen und die Parlamentswahlen gewonnen hat, weil sie an die individuellen Bestrebungen derjenigen appellierte, die sich von der Labour Party nicht mehr in ihren Interessen vertreten fühlten. Ein Echo ihres Erfolgs ließ sich 1981 in der Wahl Ronald Reagans zum US-Präsidenten erkennen. Im Hintergrund dieser politischen Umbrüche waren die Unternehmen damit beschäftigt, ihre Betriebe umzustrukturieren und zu internationalisieren, was die Anfänge dessen markiert, was wir heute als Globalisierung kennen. Auch die Mitgliederzahlen in den Gewerkschaften ging zurück, vor allem nach der Niederlage der britischen Bergarbeiter gegen Thatcher Mitte der 1980er-Jahre. Das neoliberale Modell wurde durch den Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und den Sturz stalinistischer Regierungen und sozialistischer Bewegungen weltweit weiter verstärkt. Jetzt gab es wirklich keine Alternative zum globalen Vormarsch des Kapitalismus.

Aus dieser Veränderung ist eine neue Art Individuum hervorgegangen. Das kognitive Individuum, so Fevre, strebt nach Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung über den Markt, anstatt sich an Projekten zur Veränderung der Gesellschaft zu beteiligen. Er vermerkt ein verringertes Streben nach gesellschaftlichem Fortschritt, das von sentimentalistischen Idealen für eine bessere Welt geprägt ist, und die Hinwendung zu privaten Zielen, die von persönlichen Interessen getrieben werden. Fevre beschreibt, wie – angesichts eines begrenzten politischen Bereichs – es die Unternehmen und Organisationen sind, die zunehmend Verantwortung für das Wohlergehen und die Bestrebungen von Individuen übernehmen, ganz im Sinne des neoliberalen Ideals.

Der neoliberale Arbeitsplatz

Dies geschieht auf unterschiedliche Weise, unter anderem durch Delegation von Verantwortung und „Autonomie" an die Mitarbeiter. Diese Taktik scheint zunächst zwar progressiv, lädt die Verantwortung für den Geschäftserfolg allerdings bei den Mitarbeitern ab. Das Ergebnis dieser Dynamik ist, dass sie sich selbst disziplinieren. Er sieht dies als Meisterleistung der Arbeitgeber, da ihre Interessen (mehr Gewinn) mit dem Bestreben des Einzelnen verbunden werden, seine individuelle Leistung zu verbessern.

„40 Prozent der Arbeitnehmer bleiben dem Ansatz hegender und pflegender Arbeitgeber gegenüber skeptisch.“

Arbeitgeber übernehmen auch zunehmend Verantwortung für das Wohlergehen der Arbeitnehmer durch die Regelung des zwischenmenschlichen Verhaltens, stellt Fevre fest. Regelwerke gegen Mobbing und Belästigung sind heute an US-amerikanischen und britischen Arbeitsplätzen an der Tagesordnung, und die Arbeitgeber übernehmen Mitverantwortung für die Gesundheit der Arbeitnehmer, einschließlich ihres psychischen Wohlergehens.

Der letzte Teil von „Individualism and Inequality“ basiert auf empirischen Untersuchungen darüber, wie Arbeitnehmer ihre „verantwortungsbewussten“ Arbeitgeber und Arbeitsplätze wahrnehmen. Etwa sechs von zehn Arbeitnehmern haben das Gefühl, dass ihre Arbeitgeber sie als Individuen behandeln und identifizieren sich positiv mit dem neoliberalen Modell. Damit bleiben 40 Prozent der Arbeitnehmer skeptisch gegenüber dem Ansatz hegender und pflegender Arbeitgeber.

Die Umfragen in seinem Buch zeigen, dass die meisten Mitarbeiter über unangemessene Anforderungen bei der Arbeit klagen und über Misshandlungen durch Vorgesetzte oder andere. Allerdings stellt Fevre in Frage, ob Stress und Unsicherheit am Arbeitsplatz wirklich zugenommen haben oder ob sich die Wahrnehmung von Stress und Unsicherheit durch die Menschen verändert hat. Zudem hat er herausgefunden, dass sich die Beschäftigungsdauer in den letzten Jahren nicht verkürzt, sondern verlängert hat.

„Wenn ein Lehrplan einer rationalen Berechnung der messbaren Wirkung des Gelehrten unterzogen wird, untergräbt das seinen eigentlichen Wert.“

Am meisten beunruhigt Fevre jedoch der Umstand, dass der neoliberale Arbeitsplatz Ansprüche auf Sinnstiftung erhebt, die früher zum sentimentalen Individualismus gehörten. Er nennt das einen „Kategorienfehler“. Die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung wird häufig zunichtegemacht, weil die Menschen von der Arbeit zu viel erwarten – ein Job ist nur ein Job und kann dem Leben nur ein begrenztes Maß an Sinn geben. Fevre deutet auf einen am Ende „unzureichenden Individualismus bei der Arbeit“ hin.

Private und öffentliche Ziele

Dies ist sicherlich das größte Problem des neoliberalen Modells – seine Beschränkung der menschlichen Subjektivität auf den Bereich des persönlichen Wohlbefindens und des privaten Gewinns auf dem Marktplatz. Wichtige kulturelle Praktiken wie Bildung und Kunst werden dabei instrumentalisiert und entmoralisiert. So wird beispielsweise der Lehrplan von Schulen und Universitäten nur insoweit als wertvoll angesehen, als er den Schülern dabei hilft, Arbeit zu finden, einen nachhaltigen Lebensstil zu pflegen oder ihr geistiges Wohlbefinden zu verbessern. Für Fevre ist dies ein weiterer Kategorienfehler. Was gelehrt wird, ist eine moralische Frage dessen, was wir als Gesellschaft wertschätzen und an die nächste Generation weitergeben wollen. Wir lehren etwas, weil wir glauben, dass es einen Wert an sich hat. Wenn der Lehrplan einer rationalen Berechnung der messbaren Wirkung des Gelehrten unterzogen wird, untergräbt das seinen eigentlichen Wert.

Interessant ist auch die Interpretation von Individualismus und Ungleichheit im Licht der Entscheidung Großbritanniens, die Europäische Union zu verlassen. Die Meinung der Arbeiter zum Brexit teilte sich für Fevre entlang der Frage, ob sie das neoliberale Ideal befürworteten oder nicht. Einige, die für einen Verbleib innerhalb der EU gestimmt hatten und über das Ergebnis des Referendums so verärgert waren, sahen im Verlassen der EU eine „Bedrohung für ihre Lebensweise“.

„Die Verlierer des Neoliberalismus wollen eine Politik, die es ihnen erlaubt, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern.“

Fevres Arbeit zeigt, wie viel diese Individuen von sich selbst in den Markt investiert haben und dies als Mittel zur Selbstverwirklichung sehen. Sie sehen Grenzen als Hindernis für ihren persönlichen Ehrgeiz und verspüren keine unmittelbare Notwendigkeit einer gemeinsamen Identität auf der Grundlage von Klasse oder Nation. Der Markt ist die Leiter, auf der sie die meiste Zeit ihres Lebens geklettert sind. Umgekehrt gibt es diejenigen, die wenig vom Neoliberalismus profitiert haben und davon überzeugt sind, dass die Eliten ihre Interessen nicht vertreten. Sie wollen eine Politik, die es ihnen erlaubt, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern.

Fevre schließt mit dem Plädoyer, den sentimentalen Individualismus wiederzubeleben und das Streben nach gesellschaftlichem Wandel neu zu entfachen. Er ermutigt Arbeiter zu der Erkenntnis, dass andere ähnliche Erfahrungen machen, und diese als öffentliche statt als private Angelegenheiten zu begreifen.