26.07.2013

Authentizität

Rezension von Hanko Uphoff

Der Philosoph Robert Pfaller erklärt in seinem neuen Buch den Zusammen- hang von Authentizität, Beschwerdekultur und Regulierungswut der Politik. Eine gelungene Diagnose. Dennoch steht Authentizität nicht notwendig im Gegen- satz zu gesellschaftlichem Engagement.

In unserer Gesellschaft zeigt sich ein Persönlichkeitskult, der die inhaltliche Bedeutung des Handelns der Individuen in öffentlichen Funktionen hinter der Wertschätzung ihrer persönlichen Eigenschaften zurücktreten lässt. Bereits in den 1970er-Jahren ließ sich vor diesem Hintergrund zumindest für die USA eine Personalisierung der Politik konstatieren [1], die man heute auch in Deutschland findet, etwa wenn Angela Merkel vor allem daran gemessen wird, ob sie „authentisch“ und „unverbogen“ wirkt oder nicht. [2]

Die Bereitschaft, sich auf der persönlichen statt auf der sachlichen Ebene ansprechen zu lassen, kann in der Breite der Bevölkerung mittlerweile offenbar vorausgesetzt werden. Das zeigt etwa der Werbespot von Schwäbisch Hall mit dem Slogan „Du kaufst kein Haus. Du kaufst den wichtigsten Ort der Welt“ [3], der nicht mehr mit finanziellen Vorteilen wirbt, sondern sich ausschließlich auf die Vorteile des Kaufs für den persönlichen Lebensstil bezieht. Die mit diesem Persönlichkeitskult verbundenen Formen von Authentizität werden dann letztlich in TV-Formaten wie Dschungelcamp gefeiert, wenn das Kriterium zur Beurteilung der Teilnehmer nur noch darin liegt, dass kein anderer „authentischer und ehrlicher gegenüber den Zuschauern“ war als der Top-Kandidat. [4][iv]

Amüsement im Spiel der Gesellschaft

In dieser Situation ist nun Pfallers neues Buch Zweite Welten und andere Lebenselixiere erschienen, in dem der Autor nicht nur den heutigen Persönlichkeitskult mit dem psychoanalytischen Begriff des Narzissmus erklärt, sondern auch einen Zusammenhang zwischen unserer narzisstisch geprägten Kultur und der Regulierungswut der Politik herstellt. [5]

Beginnen wir damit, wie Pfaller sich den gelungenen Fall des gesellschaftlichen Engagements des Individuums im Rahmen etablierter Konventionen und Rollen vorstellt. Dabei wird auch der Titel des Buches Zweite Welten verständlich. Der Mensch geht laut Pfaller nie in der ersten Welt der Faktizitäten auf, sondern er lebt immer auch in einer zweiten Welt begleitender Vorstellungen, wobei zwischen beiden Welten ein vielschichtiges Wechselspiel besteht.

Das zeigt sich laut Pfaller etwa, „wenn zwischen zwei Menschen nach einem Rendezvous die Frage ansteht, ob man die kommende Nacht zusammen verbringen wird. Bezeichnenderweise kann man diese Frage nie wörtlich stellen, ohne das, worauf sie abzielt, zunichte zu machen. Hier ist eine zweite Welt vonnöten.“ [6] Naheliegend wäre etwa die Frage: „Kommst Du noch mit auf einen Tee?“ [7] Entscheidend ist dabei, dass die beiden „Anwesenden sehr genau wissen, welche erste Welt damit gemeint ist“, aber „sie können nicht anders, als diese mit Hilfe einer zweiten Welt zu benennen und möglich zu machen“. [8] Es muss also wider besseres Wissen so getan werden, als bestünde die erste Welt nicht. Vor diesem Hintergrund führt Pfaller den psychoanalytischen Begriff der Verleugnung ein.

Auf den Punkt gebracht sieht Pfaller die Verleugnung in der Formulierung des Psychoanalytikers Octave Mannoni: „Ich weiß zwar, dennoch aber“. [9] Laut Pfaller weiß ich zwar, „dass das eine Illusion ist, dennoch macht es mir Freude, so zu tun, als ob es wahr wäre.“ [10] Die Illusion besteht also neben einem besseren Wissen, das sie aufhebt. Dabei macht Pfaller zufolge gerade dieses Nebeneinander „das Amüsante an der Sache“ aus. [11] „Nicht die Illusion allein ist hier lustvoll oder ‚wunschgerecht‘. Sondern sie wird es nur in Begleitung des Wissens, der ‚realitätsgerechten Einstellung‘.“ [12] Die Illusion erzeugt also „Lust dank des Bewusstseins, dass sie eine Illusion ist.“ [13]

Aufbauend auf diesem Begriff der Verleugnung unterscheidet Pfaller zwei Formen des Umgangs mit Illusionen: Aberglaube und Bekenntnis. Dabei funktioniert der Aberglaube direkt nach der Formel „ich weiß zwar, dennoch aber“, während der Bekennende keineswegs weiß, dass das Geglaubte Illusion ist. [14] So wird man vielleicht bereitwillig so tun, als sei die in der Fußgängerzone einer Stadt verkehrende Touristenbahn tatsächlich ein Zug, auch wenn man weiß, dass es nicht stimmt. Aber der Bekennende des Glaubens an einen personalen Gott würde niemals im gleichen Atemzug sagen: „Ich weiß natürlich, dass das Unsinn ist.“

Im Zusammenhang mit dem in der Verleugnung liegenden Nebeneinander der Aspekte folgert Pfaller: „Der Aberglaube, der in vielen Vergnügungspraktiken auftritt, produziert Lust. Das Bekenntnis hingegen erfüllt seine Bekenner mit Selbstachtung“ [15], denn sie leben ja per definitionem in dem Bewusstsein, sich keiner Illusion hinzugeben. „Der Aberglaube ist somit auf der Seite der Objektlibido situiert“, denn es ist ja die auf der Objektseite liegende Praktik, die Lust erzeugt. „Das Bekenntnis dagegen“ ist „auf jener der Ichlibido“ angesiedelt. [16] Der Aberglaube wird hier direkt relevant, während das Bekenntnis später bei der Betrachtung des kulturellen Narzissmus wieder auftaucht.

Die Kultur ist nicht der Wiedersacher der erotischen Triebe, sondern deren Verbündeter.

Unter Verweis auf Huizinga [17] postuliert Pfaller nun das Spiel als „Grundprinzip jeglicher Kultur“ und geht davon aus, dass „allein das Spiel in der Lage ist, einen bestimmten, äußerst intensiven Affekt hervorzurufen“.[18]> Das Leben in der Kultur kann daher als von positiven Affekten begleitet gedacht werden. Wie Pfaller ausführt, bestimmt Huizinga „die Verleugnung als den Grundmechanismus des Spiels“ [19], denn der „besondere, intensive Affekt des Spiels, der heilige Ernst, kommt, wie Huizinga unmissverständlich festhält, niemals daher, dass die Spieler vergessen hätten, dass sie ‚nur‘ spielen“. [20] Wenn die Kultur ein Spiel und die Verleugnung der Grundmechanismus des Spiels ist, kann Pfaller folgern, dass die Verleugnung – die wohlgemerkt Züge des Aberglaubens im Unterschied zum Bekenntnis trägt – „das allgemeinste Grundprinzip der Kultur“ [21] ist, das auch die symbolische Ordnung installiert. [22]

Die Verleugnung als Grundprinzip des umfassenden Spiels der Kultur und der symbolischen Ordnungen setzt positive Affekte frei. Positive Affekte können als im weitesten Sinne erotische Triebe verstanden werden. Daher folgert Pfaller, „dass die Kultur, anstatt der Widersacher der erotischen Triebe zu sein, vielmehr deren Verbündeter ist“. [23]  Die Vorstellung der Kultur als Spiel wird für Pfaller noch plausibler, wenn man die symbolische Ordnung nicht „mit den Begriffen des Gesetzes, des Mangels und des Verbots, sondern vielmehr mit dem der Spielregel verbindet“. [24]

Mit Pfaller können wir uns also den gelungenen Fall des gesellschaftlichen Engagements des Individuums positiv besetzt vorstellen. Auch dem modernen Menschen, der weiß, dass er in seinen gesellschaftlichen Rollen nie vollends aufgeht, dass er das in ihnen Dargestellte nicht „an sich“ ist, eröffnet sich gerade in der Verleugnung dessen die Möglichkeit gesellschaftlichen Engagements als Teilnahme an einem für ihn mit positiven Affekten besetzten sozialen Spiel. Die realitätsgerechte Einstellung der ersten Welt liegt dabei in dem Wissen, eigentlich mehr zu sein, als in der Rolle aufgehoben ist, während die Rolle selbst der zweiten Welt angehört. Im Einlassen auf die Spielregel der Rolle „wider besseres Wissen“ liegt dann das Nebeneinander beider Aspekte und damit auch „das Amüsante“ des Engagements.

Kultureller Narzissmus

Heute geht so gut wie jeder davon aus, persönlich mehr zu sein, als in seinen gesellschaftlichen Rollen aufgehoben ist. Daher liegt im Sich-Einlassen auf die Spielregel rollenförmigen Umgangs ein Moment des „Ich-Fremden“ [25], das das Individuum akzeptieren muss, um sich wie dargestellt engagieren zu können. Es gilt, zu akzeptieren, dass die Persönlichkeit und die persönliche Begegnung zumindest nicht automatisch im Vordergrund des rollenförmigen Umgangs in der Öffentlichkeit stehen.

Bereits Richard Sennett hat für die Anonymität des Lebens in der Großstadt gezeigt, „dass die Menschen füreinander unbekannte Größen geworden sind“. [26] Diese Fremdheit wird durch die konventionellen Umgangsformen der Höflichkeit gebannt. Pfaller betrachtet diese Umgangsformen nun im Licht von zweiten Welten, Verleugnung und Spiel. „Das was real verlorengegangen ist, wird nun spielerisch inszeniert“ so Pfaller. „Man mimt nun jenes Wohlwollen und jene Anteilnahme, die man real für die Unbekannten nicht mehr aufbringen kann, als Höflichkeit.“ Weiter heißt es: „Das Spiel ersetzt das Verlorene und hält zugleich dessen Platz so besetzt, dass es nicht mehr so leicht wiederkehren kann.“ [27]

Dieser schon in den urbanen Strukturen angelegten Notwendigkeit des Spiels kultureller Formen läuft jedoch der von Sennett konstatierte Trend entgegen, die Persönlichkeit zum einzigen zulässigen Akteur des öffentlichen Raumes machen zu wollen. Sennett schreibt: „Im Laufe der letzten hundert Jahre sind soziale Bindungen und gesellschaftliches Engagement zunehmend der emotionalen Selbsterkundung gewichen. ‚Persönlichkeitsentfaltung‘ gilt heute geradezu als Gegenteil von gesellschaftlichem Handeln.“ [28] Er konstatiert ein zunehmendes Streben nach Authentizität, wobei die Enthüllungen „authentischer Gefühlsregungen“ als umso freier gelten „je weniger die Menschen durch abstrakte Regeln gehemmt werden“. [29]

Diese obsessive Beschäftigung mit dem Selbst bezeichnet Sennett als Narzissmus. Die Realitätsprüfung im Sinne des aufgeklärten Eigeninteresses wird ausgeschaltet, und der Mensch beurteilt die äußere Realität nur noch danach, „ob er sich in ihr wiederfindet oder nicht“. [30] Das andere „wird verschlungen und so lange umgeformt, bis sich das Selbst darin wiedererkennt“. [31] Aufbauend auf diesen Thesen hatte bereits Sennett den Verfall und das Ende des öffentlichen Lebens diagnostiziert. Pfaller knüpft an diese Überlegungen an.

Die Individuen beginnen mit großer Vehemenz, den öffentlichen Raum von allen Fremdkörpern zu säubern. Sie entwickeln eine umfassende Kultur der Beschwerde

Er teilt die gängige Meinung, dass der Mensch im Rahmen einer gesunden Entwicklung seinen Narzissmus überwindet. „Wirklichkeit gibt es für menschliche Wesen nämlich nur dann, wenn sie von ihrem kindlichen Narzissmus Abstand genommen haben, das heißt: Wenn sie eingesehen haben, dass zwischen Wünschen und Wahrmachen ein Unterschied besteht“. [32] Das Bewusstsein dieses Unterschieds ergibt sich dabei subjektiv aus der Erfahrung der Welt als potentiell wiederständig. In einer zunehmend durch Narzissmus geprägten Gesellschaft bedingt die, wie er schreibt, „ichlibidinöse Fixierung“ jedoch „einen Defekt auf der Seite der Objektlibido“ sowie die „Geringschätzung der Objekte und des Objektiven“. Zugleich speist das beständige Streben nach Bekenntnissen die Ichlibido. [33] Das Moment des Ich-Fremden im Sich-Einlassen auf die Spielregel wird nun als „Heteronomie“ empfunden. [34]

Das führt laut Pfaller zu der vorherrschenden Einstellung „alles wahrhaft eigene – das heißt alles, womit eine volle Identifizierung möglich ist – muss auch erlaubt sein. Und, auf der anderen Seite: nur das Eigene darf geduldet werden.“ Entsprechend gilt dann natürlich auch: Alles, was mit dem „eigenen Selbstbild nicht in völligen Einklang gebracht werden kann, schreit nach Beseitigung.“ [35] Haben die Individuen gelernt, „auch in der Öffentlichkeit nichts zu dulden, was nicht vollständig mit ihrem Selbstbild sowie ihren privaten Vorlieben übereinstimmt“, dann beginnen sie laut Pfaller „mit großer Vehemenz, den öffentlichen Raum von allen solchen Fremdkörpern zu säubern. Sie entwickeln dann eine umfassende Kultur der Beschwerde“. [36]

Der kulturelle Narzissmus stört so die Teilnahme der Individuen am Spiel des Nebeneinanders zweier Welten. Dieses Spiel läuft nach dem Motto „Ich weiß zwar, dennoch aber“ und war von Pfaller mit dem Konzept des Aberglaubens in Zusammenhang gebracht worden. Am anderen Ende der Achse Aberglaube-Bekenntnis steht die ichlibidinös aufgeladene Bekenntniskultur. Diese meint in ihrem unablässigen Streben nach Authentizität, „alle Illusionen überwunden zu haben“. [37] Nicht nur verbietet ihr die Selbstachtung die Beteiligung an allen im erläuterten Sinne mit Illusionen verbundenen Spielen, sondern sie verfolgt auch alle kulturellen Formen, in denen sie sich nicht unmittelbar selbst wiedererkennt. Diese Entwicklung führt laut Pfaller dazu, dass „der öffentliche Raum von allen positiven und allgemein nutzbaren Qualitäten entleert wird“. [38] Wir sind zu „reaktionären Mimosen“ [39] geworden. Begleitet wird diese Tendenz von einer „scheinbar um unser Wohl besorgten, gouvernantenhaften Pseudopolitik“ und der Suggestion, wir würden dabei „von Zwängen und Normierungen und Zumutungen anderer“ befreit. [40]

Ein anderer Begriff der Authentizität

Der von Pfaller konstatierte Zusammenhang von narzisstisch geprägter Kultur, einem dem gesellschaftlichen Handeln widersprechenden Verständnis von Authentizität, das im ungehemmtem Ausdruck des Selbst die Qualitäten des öffentlichen Raums beseitigen will, und einer regulierungswütigen Politik, die diesem Bedürfnis nur zu gerne nachkommt, ist bestechend.

Folgerichtig wendet sich Pfaller etwa gegen Rauchverbote und verteidigt das Rauchen als genussvollen und geselligen Alltagsexzess. Er kritisiert auch die Beförderung der Verlierer-Mentalität durch die Bologna-Reformen. Gemäß dem erläuterten Verständnis von Authentizität halten diese die Schwachen dadurch schwach, dass sie sie als Schwache anerkennen. So werden sie darin bestärkt, diese Identität für sich festzuschreiben. Als Mitbegründer der österreichischen Initiative Mein Veto! engagiert Pfaller sich für ein selbstbestimmtes Leben und gegen Pauschalverbote und staatliche Bevormundung. Mein Veto! will dem Bürger Möglichkeiten zur Gegenwehr schaffen und Freiheit und Eigenverantwortung bei der Gesetzesgestaltung waren. [41]

Dennoch widersprechen die landläufig beobachtbaren Formen des Strebens nach Authentizität meines Erachtens gewissen, ursprünglich mit dem Begriff verbundenen Intentionen. Der von Pfaller herausgestellte Konflikt ergibt sich daraus, dass rein persönlich geprägte Anerkennungsbedürfnisse tendenziell über gesellschaftliche Institutionalisierungen von überindividueller Tragweite gestellt werden. Ursprünglich war der Begriff der Authentizität jedoch keineswegs als Aufruf zu einer solchen aller gesellschaftlichen Dimension entbehrenden Kleinlichkeit intendiert.

Sartre schrieb zur subjektiven Ebene authentischen Engagements, dass ich „das Einzelne nicht wollen kann, ohne es innerhalb allgemeinerer sozialer Formen zu wollen, offenerer, die meine Gegenwart und mein Leben überschreiten.“ [42] Die Anerkennung der Geltung gesellschaftlicher Formen ist also auch im Rahmen der Authentizität prinzipiell möglich. Sartres Ablehnung der Kleinlichkeit zugunsten der gesellschaftlichen Tragweite der Authentizität zeigt sich, wenn er schreibt, „der authentische Mensch“ verliert die „Ziele der conditio humana“ letztlich „nie aus den Augen“. Als Ziele nennt er: „die Freiheit zur Grundlage der Welt machen, die Schöpfung in seine Verantwortung übernehmen und bewirken, dass der Ursprung der Welt das Absolute der sich selbst aufgreifenden Freiheit sei.“ [43]

In einer differenzierten Gesellschaft steht dem Individuum ein breites Spektrum an institutionalisierten Möglichkeiten für ein Engagement offen. Mit dieser Vielzahl an Möglichkeiten mag sich zunächst der Eindruck der Beliebigkeit verbinden. Doch gerade in diesem gesellschaftlichen Differenzierungsgrad liegt der Appell an das Individuum, sich gemäß seiner Neigung für eine Möglichkeit zu entscheiden, um im gesellschaftlichen Handeln die eigenen Entwürfe mit den bereits zu Institutionen geronnenen Entwürfen der Anderen zur Deckung zu bringen. Diese Institutionen können dann in gemeinsamer Arbeit entweder bestätigt oder konstruktiv umgestaltet werden.

Die freie Wahl eines gesellschaftlichen Engagements aus echter Neigung bietet ein alternatives Verständnis des Begriffs der Authentizität. Dieses führt in der Breite der gesellschaftlichen Öffentlichkeit keineswegs zu narzisstischen Störungen, Beschwerdekultur und Regulierungswut. Vielmehr ermöglicht es dem Individuum ein gesellschaftliches Handeln, das aus innerer Überzeugung gespeist wird.

Die in die Negation ihrer selbst umgeschlagene Authentizität hat direkt ins Dschungelcamp geführt.

In der Breite der Gesellschaft ist nun offenbar nur ein verkürztes Verständnis von Authentizität wirksam geworden, das den möglichst ungehemmten Ausdruck des Selbst in der Öffentlichkeit vorsieht. Pfaller kritisiert die destruktiven Wirkungen dieses Verständnisses von Authentizität zu Recht. Andererseits scheint ein alternativer und mit diesen Problemen nicht belasteter Begriff der Authentizität zumindest denkbar. Es bietet sich daher an, den Zusammenhang beider Begriffe in einem dialektischen Verhältnis zu sehen.

Es ist davon auszugehen, dass der von Pfaller kritisierte Begriff der Authentizität in der gesellschaftlichen Praxis tatsächlich als geltend vorausgesetzt wird. Angesichts seiner unerwünschten Wirkungen erweist er sich mittlerweile jedoch als in seiner Bestimmung einseitig. Besonders deutlich wird dieses aller gesellschaftlichen Dimension beraubte Verständnis vielleicht in TV-Formaten wie dem Dschungelcamp. Hier werden die Echtheit der Regungen der Kandidaten dafür gelobt, dass sie „das Dschungelcamp authentisch machen“. [44] Oder es wird der Grad „authentischer Unverblümtheit“ betont, der bestimmte Kandidaten „vielen richtig sympathisch“ [45] macht. Eine allgemein gesellschaftliche Relevanz der Inszenierung gibt es nicht. Nur der rein subjektive Ausdruck der Persönlichkeit soll unmittelbar anerkannt werden.

Diese einseitig bestimmte Authentizität reizt mittlerweile zum Widerspruch. Das ist keine Authentizität. Die in der Öffentlichkeit wirksame aber von Anbeginn unterbestimmte Authentizität ist daher mittlerweile in ihr negatives Moment übergegangen. In diesem zeigt sich nunmehr, was sie als unterbestimmte nicht ist: nämlich Aufruf zum Engagement des Individuums in der Öffentlichkeit. Die in die Negation ihrer selbst umgeschlagene Authentizität hat direkt ins Dschungelcamp geführt.

Der Widerspruch verschwindet jedoch, wenn öffentliches Engagement selbst zur Bestimmung der Authentizität wird. Dann wird der Widerspruch auf einer höheren Ebene in einem neu bestimmten Begriff der Authentizität aufgehoben. Authentizität ist dann das aus innerer Überzeugung frei gewählte Handeln im Rahmen gesellschaftlicher Rollen und Institutionen. Das ist echte Authentizität.