01.09.1999

Zwangsdiät für Forschungshungrige

Analyse von Matthias Heitmann

Recycling und Abfallvermeidung, sprich Nachhaltigkeit, bestimmen zunehmend die Lehrinhalte an Universitäten. Diese politische Wissensvermittlung engt aber letztlich Bildung und Wissenschaft ein.

An der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) in Nürnberg-Erlangen greift das “ökologisch korrekte Nahrungsmanagement”: Zur Abfallvermeidung werden ausschließlich geschälte Kartoffeln angekauft, und sogar die Brühwürfel kommen aus biologischem Anbau. Milch muß zwar aus Hygienegründen auch weiterhin im Plastik-Pack verkauft werden, aber der Leiter der Speisebetriebe, Matthias M. Meyer, ist stolz darauf, daß das Joghurtangebot auf zwei Sorten reduziert werden konnte (“FAU is going sustainable”, Unikurier 2/99). Das Programm kommt gut an. Meyer schätzt die Erlangener und Nürnberger Studenten als sehr disziplinierte und konsequente Umweltschützer. Auch die Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität liegt im Trend: “Gemeinsam studieren – getrennt sammeln” heißt es halb beschwörend, halb sinnstiftend auf zahllosen Plakaten auf dem Campus.
Aber nicht nur die Mensen und Kantinen der deutschen Hochschulen sind vom Öko-Fieber gepackt. Auch das geistige Studentenfutter soll nach Ansicht von Bildungsexperten und -politikern ökologischen und nachhaltigen Prinzipien folgen. Die angestrebte “Ökologisierung der Bildung” ist jedoch mehr als nur der Versuch, Umweltschutz auf die akademische Agenda zu setzen. Sie steht vielmehr für einen Bildungsbegriff, der nicht die Entwicklung wissenschaftlicher Expertise und die Förderung intellektueller Mobilität, sondern die Vermittlung von angemessenen Wertvorstellungen und verträglichen Lebensstilen ins Zentrum stellt.

Seit 1994 haben mehr als 200 europäische Universitäten die “University Charter for Sustainable Development” unterzeichnet. Ziel dieser Charter ist es, gemeinsame Richtlinien zu entwickeln, mittels derer Hochschulen einen Beitrag zur Vertiefung des Umweltbewußtseins und Verbreitung des Gedankens der Nachhaltigkeit leisten können. Bestandteil dieser Charter sind u.a. die Forderung nach Einführung von Umweltrichtlinien, Verwaltungs- und Strukturreformen mit entsprechender Mitarbeiterschulung. Aber auch die Umgestaltung von Lehrplänen im Sinne einer ökologischen Neuorientierung steht im Zentrum des Erneuerungsprogramms.

Was hierunter zu verstehen ist, zeigt das Gutachten “Bildung für eine nachhaltige Entwicklung”, das im Frühjahr 1999 im Auftrag des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMB+F) erstellt und von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) vorgelegt wurde. In der Einleitung beschreiben die Autoren Gerhard de Haan und Dorothee Harenberg (FU Berlin) Bildung für eine nachhaltige Entwicklung nicht als eine thematische Ergänzung des Bildungsangebots um eine ökologische Komponente, sondern als ein völlig neues “pädagogisches Handlungskonzept”. Ziel dieses “sozialen Instrumentariums” für die Schulbildung ist die Ausrichtung von Bildung und Erziehung nach den Wertvorstellungen und Handlungsprinzipien der “Überlebensethik” der Agenda 21. Im Zentrum steht die zielgerichtete Stärkung des Umweltbewußtseins und -engagements sowie die Beeinflussung von Lebensstilen und Konsummustern von Kindern und Jugendlichen durch den Schulunterricht. Obgleich Schule schon immer auch für die Vermittlung von Werten verantwortlich war, so ist die Vehemenz, mit der die Schule ihren Schülern heute ein Umweltbewußtsein “verpassen” soll, beachtlich.

Daß hier grundlegende Veränderungen dessen, was “Bildungsauftrag” sein soll, vonstatten gehen, wird deutlich, wenn man berücksichtigt, daß Hochschulen heute nicht den Unterschied zwischen Schulbildung und akademischer Lehre betonen, sondern ihren Auftrag in einer ganz ähnlichen Art definieren und sich entsprechend organisieren.
Zielsetzung des Konzeptes “Nachhaltige Universität” ist die Neuausrichtung der Hochschulbildung und -organisation nach ökologischen, ressourcensparenden und nachhaltigen Gesichtspunkten. Schon 1992 widmete die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ein “Handbuch zum Umweltschutz” der Bewältigung alltäglicher Umweltprobleme und gab praktische Hinweise zur Einführung umweltpolitischer Maßnahmen an Hochschulen. Seither sind Energie- und Wassersparmaßnahmen, Mülltrennung, Öko-Kopierer und Umweltschutzpapier, Mensaessen aus biologischem Anbau, Ringvorlesungen zu Umweltthemen, studentische Umweltaktionstage und Ökologie-Referate aus dem Uni-Alltag nicht mehr wegzudenken. Umweltschutz ist heute eines der entscheidenden Aushängeschilder, mit denen Universitäten in der Öffentlichkeit für sich die Werbetrommel rühren.
Für Thomas A.H. Schöck, Kanzler der Universität Nürnberg-Erlangen, ist diese Ausrichtung mehr als nur PR, sie ist Programm: “Wir müssen uns nicht nur ständig unseres Bildes in der Öffentlichkeit bewußt sein, sondern auch daran denken, daß wir die künftige Führungsschicht (und hoffentlich auch einen Teil der Elite) nicht nur ausbilden, sondern hoffentlich auch in ihrer Lebenseinstellung prägen.” (Unikurier 2/99). Der Präsident der Universität Hamburg, Jürgen Lüthje, bläst ins gleiche Horn: “Wir müssen die Einsparung von Ressourcen zu unserem eigenen Ziel und zu einer unserer Handlungskategorien machen.”
Neben der Vermittlung wissenschaftlicher Fähigkeiten gerät zunehmend die Beeinflussung von Einstellungen und Lebensstilen ins Zentrum der universitären Ausbildung. Nach diesem Leitbild sollen Studierende nicht in erster Linie verwertbares Wissen anhäufen, sondern moralischen und ökologischen Wertvorstellungen entsprechend gebildet und erzogen werden. Entsprechend werden Studierende zu Umweltaktivitäten motiviert und in Aktionen eingebunden – gemäß der Einsicht, daß “nachhaltige Entwicklung nicht per Gesetzgebung verordnet werden kann, sondern in der Gesellschaft, in Unternehmen und im Lebensstil jedes einzelnen nach dem Freiwilligkeitsprinzip durchzusetzen” ist (Unikurier 2/99).
Andernorts ist man nicht ganz so zimperlich: So müssen an der Hochschule Zittau-Görlitz alle Studierenden zu Studienbeginn, unabhängig von der Wahl ihres Studienfachs, an einer “Einführung in Ökologie und Umweltschutz” teilnehmen. Diese Pflichtveranstaltung umfaßt ein Programm von 30 Lehrveranstaltungsstunden und soll der Vertiefung des Umweltbewußtseins dienen.

Überhaupt ist der “interdisziplinäre” Anspruch der “Bildung für eine nachhaltige Entwicklung” auffällig. Der fächerübergreifende Diskurs über gesellschaftliche und globale Problemstellungen mit dem Ziel, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, steht im Zentrum der Nachhaltigkeitsdebatte an den Hochschulen. Immer wieder wird die mangelnde Zusammenarbeit der unterschiedlichen Forschungsbereiche moniert. Die Technische Universität Braunschweig sieht in der “Vernetzung der ökologischen, ökonomischen und sozialen Imperative” eine der Hauptaufgaben der Universität der Zukunft. Für den Rektor der Fachhochschule Wiesbaden, Clemens Klockner, sind es die voneinander abgeschotteten “Expertenkulturen sowohl der Natur- als auch der Sozialwissenschaften”, die die Entwicklung eines ganzheitlichen Problembewußtseins verhindern.
Es fällt jedoch auf, daß der hier eingeforderte, fächerübergreifende Diskurs über Umweltschutz und Nachhaltigkeit mit der ursprünglich in den Universitäten gepflegten interdisziplinären Auseinandersetzung wenig gemein hat. Interdisziplinarität beschreibt einen Prozeß der gegenseitigen Stimulation der verschiedensten Forschungssektoren durch den Austausch von Fachwissen und Expertise. Diese gegenseitige Stimulation intensiver Forschung machte die Universitäten erst zu den “Wissensfabriken” und Katalysatoren der gesellschaftlichen Entwicklung.
Heute hingegen wird unter dem fächerübergreifenden Nachhaltigkeitsdiskurs die Besinnung der “Expertenkulturen” auf grundlegende, gemeinsame Interessen und moralische Verpflichtungen verstanden. So sollen die naturwissenschaftliche wie auch die sozialwissenschaftliche, philosophische und juristische Ausbildung an aktuellen Umweltproblematiken ausgerichtet und diese in den Mittelpunkt gestellt werden. Politischer soll die Bildung werden, lautet die Losung. Was zunächst als produktive Vernetzung von Forschungsinhalten erscheint, entpuppt sich als das Gegenteil: Die unterschiedlichsten, voneinander völlig unabhängigen Forschungszweige werden unter dem Schlagwort Nachhaltigkeit subsumiert: Sie werden untergeordnete Teilbereiche eines einzigen großen, politisch motivierten Forschungsprojektes – der Ausbreitung der Nachhaltigkeits-Ideologie auf alle Bereiche des menschlichen Lebens.

Diese Entwicklung hat die Einengung von Forschung und Bildung zur Folge. Dies scheint sogar erwünscht zu sein: In ihrem “Programm zur Umweltbildungsforschung” betont die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft die Notwendigkeit der “Konzentration der Forschungsaufgaben auf einen spezifischen zukunftsträchtigen Blickwinkel”. Diese sogenannte “orientierte Forschung” erlangt ihre Berechtigung nicht aus dem Forschen und Entdecken an sich, sondern bedarf der Einbettung in den Kontext einer “umweltverträglichen, ressourcenschonenden Lebensweise”.
Hieraus speist sich auch ein neues Verständnis dessen, was die universitäre Lehre zukünftig leisten soll.
Nachhaltigkeitsprotagonisten fordern eine radikale Kehrtwende in Forschung und Lehre. Ginge es nach dem Geologen Prof. Jürgen Schneider von der Universität Göttingen, dürfte man nicht so weiter forschen und lehren wie bisher. Seiner Ansicht nach ist die wichtigste Funktion von Wissenschaftlern heute eine wissenschaftskritische und politische: Forscher dürften “nicht länger Erfüllungsgehilfen der Wachstumswirtschaft” und des “männlichen Machbarkeitswahns” sein. Statt dessen müßten sie sich die Frage stellen, inwieweit sie ihr “Wissen und Können überhaupt beherrschen” und zur “Überlebenskrise der Menschheit” beigetragen hätten, sagte er bei einem Vortrags auf dem Kongreß “Studentische Perspektiven einer nachhaltigen Welt” im Februar 1998 in Dortmund.
Im Klartext bedeutet dies: Ein Wissenschaftler zeichnet sich weniger durch seine fachliche Kompetenz aus, sondern durch seine persönlichen Wertvorstellungen und sein politisches Engagement. Nicht mehr fachspezifisches Wissen (“Ermächtigungswissen”) qualifiziert demnach dazu, in der wissenschaftlichen Welt die Stimme zu erheben, sondern einzig das “Erkenntniswissen” sowie die eigene Ausrichtung nach ökologischen und nachhaltigen Kriterien. Daß diese Ansicht keine Einzelmeinung ist, sondern der Prozeß tatsächlich schon weit fortgeschritten, zeigt die Debatte über Nachhaltigkeit selbst: Sie basiert großteils auf ökologischen Vorurteilen und Scheinwahrheiten und läßt keine fundamentalen Zweifel an ihrer Berechtigung zu.

Die bedrohlichen Auswirkungen zeigen sich bereits: Ganze Forschungsgebiete wie z.B. die Atomphysik oder die Genforschung werden – weil weder populär noch “nachhaltig” – weiter an den Rand und in die Stagnation gedrängt, wissenschaftliche Diskurse werden durch rein weltanschauliche sowie Wissen durch Glauben ersetzt.
Aber auch das allgemeine gesellschaftliche Klima leidet enorm unter dieser Entwicklung: Während gerade die akademische Bildung Menschen befähigen soll, jenseits von Ideologien und vergänglichen Wertvorstellungen rationale Entscheidungen mit Weitsicht treffen zu können, verkommt die “Bildung für eine nachhaltige Entwicklung” zu einer kleingeistigen Wertevermittlungsmaschinerie; sie produziert Menschen, die weder eine eigene Meinung zu bilden noch aus dem Rahmen zu fallen noch gelernt haben, kreativ zu denken und eigene Ansprüche geltend zu machen. Genau hierin sieht Clemens Klockner die Chance für einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Anstatt zu fragen “Was steht mir im Leben zu?”, sollten insbesondere Studierende, aber generell alle Menschen sich die Frage stellen :”Was bin ich dem Leben schuldig?” (FH Wiesbaden Veröffentlichungen, Bd. 24: “Bildung und Wohlstand. Auf dem Weg zu einer verträglichen Lebensweise”). Mit dieser Geisteshaltung befände sich die Menschheit auf dem Weg zurück in die irrationalen Epochen des Mittelalters.