05.05.2009

Zur Abwechslung Schweinegrippe

Von Thilo Spahl

Das war schon eine Überraschung, als vorletzte Woche plötzlich nicht die Vogel-, sondern die Schweinegrippe angesagt war und als brandneuer Pandemiekandidat gehandelt wurde. Wer hatte davon je gehört? Aber egal, das Muster war dasselbe, das bekannte. Ob Hühner oder Schweine, wir sind damit vertraut.

Begriffe wie „nationaler Pandemieplan“ sind uns geläufig. Ein paar Runden in diesem Spiel haben wir in den letzten Jahren schon mitgemacht. Nun war es eben wieder soweit. Die Medien wurden, soweit es irgend ging, mit Texten und Bildern zur großen Mexikogrippe angefüllt. Die WHO erklärte Warnstufe drei, dann vier, schließlich fünf. Und nun scheint es wieder abzuebben.

Was hatte es auf sich mit der Schweinegrippe? Kurios war die Meldung vom 4. Mai, ein Kanadier habe nun auch Schweine mit der Schweingrippe infiziert. Da wurde klar, dass die neue Grippe ihren Namen etwas voreilig erhalten hatte. Das betreffende Virus war nämlich vor dem Auftreten beim Menschen noch gar nicht bei Schweinen nachgewiesen worden. Es handelte zunächst einmal um ein Grippevirus, das Menschen befiel und von Mensch zu Mensch übertragen wurde. Da es Merkmale von Schweinegrippeviren aufwies, war die sich ausbreitende Krankheit als Schweingrippe bezeichnet worden. Das war natürlich medientechnisch von höchster Bedeutung. Denn eine Grippewelle mit einer neuen Virusvariante – die Biester sind bekanntlich sehr veränderungsfreudig – haben wir jedes Jahr. Ein frisch vom Schwein auf den Menschen übergesprungenes Schweinegrippenvirus dagegen klingt nach einer Bedrohung ganz anderen Kalibers.

Ganz neu war die Bedrohung allerdings nicht. Vor über 30 Jahren war die Schweinegrippe schon einmal in die Schlagzeilen geraten. 1976 kam es bei amerikanischen Soldaten in Fort Dix zu Infektionen mit einem Schweinegrippevirus, das als große Bedrohung wahrgenommen wurde, weil es zwei Merkmale aufwies, die mit dem Kürzel H1N1 bezeichnet werden und die in dieser Kombination auch bei dem Virus auftraten, das 1918 mindestens 25 Millionen Menschenleben gefordert hatte. Die US-Regierung entschied sich damals, der Bedrohung energisch entgegenzutreten und organisierte ein großes Impfprogramm. Obwohl insgesamt nur wenige Fälle von Schweinegrippe und diese nur an einem einzigen Militärstützpunkt aufgetreten waren, wurden 45 Millionen Amerikaner geimpft. Mehrere Hundert Menschen erkrankten in Folge der Impfung an Lähmungserscheinungen (Guillain Barré Syndrom), 25 starben an dieser Nebenwirkung. Im Nachhinein musste man eingestehen, dass das Virus Fort Dix nie verlassen hat und wohl einfach nicht besonders virulent war. Die Impfkampagne war ein Fehler und eine Überreaktion.

Auch das Virus, das für die Mexikogrippe verantwortlich zeichnet, trägt die Merkmalskombination H1N1 und hat daher offiziell die Bezeichnung Influenza A (H1N1) erhalten. Es ist aber ebenso wie das Virus von 1976 offenbar nicht sehr virulent. Die Zahl der Erkrankten und Toten ist im Vergleich zu den weltweit Hunderttausenden, die Jahr für Jahr an der üblichen Menschengrippe sterben, verschwindend gering. Die meisten Infizierten waren nach wenigen Tagen wieder gesund. Somit ist die Mexikogrippe ein weiterer Hinweis darauf, dass das Warten auf die nächste große Pandemie, das seit einigen Jahren sehr öffentlichkeitswirksam betrieben wird, auf falschen Vorstellungen beruht: auf der irrigen, aber oft so geäußerten Annahme, das Ausbrechen der nächsten Pandemie sei nicht eine Frage des Ob, sondern nur des Wann. Der Evolutionsbiologe Paul Ewald hält das Schielen auf vermeintlich gefährliche Grippeviren vom Typ H1N1 für einen Denkfehler. „Es wäre, als ob man, wenn man eine Person mit Hitler-Schnurrbart 1976 eine politische Rede halten sehen würde, schlussfolgerte, die Person müsse eine Bedrohung für den Weltfrieden darstellen“, schreibt er in seinem Buch “Plague Time” aus dem Jahr 2000.

Aus evolutionstheoretischer Perspektive ist es nicht wahrscheinlich, dass es noch mal zu einer solchen Pandemie kommen wird. Viren mutieren sehr schnell, und es findet eine natürliche Auslese statt. Es setzen sich die Varianten durch, die sich gut verbreiten. Grippeviren, die über Tröpfcheninfektion übertragen werden, sind daher in der Regel nur moderat gefährlich. Denn sie sind darauf angewiesen, dass ihre Opfer noch genug Gelegenheit haben, andere anzustecken. Ein gefährliches Virus, das seine Opfer in kurzer Zeit so krank macht, dass sie zuhause bleiben oder gar ein Krankenhaus aufsuchen, hat normalerweise kaum eine Chance, sich zu verbreiten. Zu der verheerenden Bilanz der spanischen Grippe konnte es demnach nur kommen, weil im Ersten Weltkrieg außerordentliche Bedingungen herrschten. Ein Soldat an der Front, in einer Baracke oder einem Schützengraben, konnte sich nicht krank melden und zuhause bleiben. Infizierte konnten nicht isoliert werden, sondern kamen in überfüllte Feldlazarette oder wurden in überfüllten Zügen in andere Krankenhäuser transportiert. Nur unter solchen außergewöhnlichen Bedingungen kann sich ein sehr virulentes Virus verbreiten.

Wenn es irgendwann wieder zu einer Pandemie katastrophalen Ausmaßes kommen sollte, dann nicht, weil das ganz spezielle Killervirus, auf das alle warten, auftaucht und sich weltweit verbreitet, sondern nur dann, wenn für Viren Umstände geschaffen werden, in denen schwer Erkrankte engen Kontakt zu sehr vielen anderen Menschen haben.
Das Warten auf das Killervirus mag für einige Pharmaunternehmen, für die Medien und für viele Politiker, die gerne bereit sind zu demonstrieren, dass sie uns beschützen werden, eine lohnende Angelegenheit sein. Doch im Licht der Evolution betrachtet gilt: Die Umstände machen den Killer. Und diese Umstände sind heute nicht gegeben. Es ist daher Zeit, das große Gesellschaftsspiel „Warten auf die Pandemie“ zu beenden.