22.10.2009

Zoo-Soaps: Hinter Tausend Röhren keine Welt

Von Tobias Prüwer

Warum die quasi-dokumentarischen Zoo-Soaps ein tierischer Renner sind.

Die quasi-dokumentarischen Zoo-Soaps sind ein tierischer Renner. Tiere und Kinder gehen immer, lautet eine PR-Grundregel. Kein Wunder also, dass sich Zoo-Shows seit Jahren so großer Beliebtheit erfreuen, besonders, wenn sie viele kleine Tierkinder zeigen. Begonnen hatte der Affen-Zirkus im MDR und eigentlich sollten 2003 „nur“ elf Folgen von „Elefant, Tiger & Co.“ im Leipziger Zoo gedreht werden. So unerwartet der Quotenhit, so rasch hat das Formal seine Nachahmer gefunden, und schließlich kommt kein öffentlich-rechtliches Programm mehr ohne die Zoo-Soaps aus. Die Namen der neuen Infotainmentausgeburten lesen sich mäßig originell. Mit „Giraffe, Erdmännchen & Co.“ oder „Panda, Gorilla & Co.“ etwa übt die ARD den rhetorischen Dreisprung, „Berliner Schnauzen“, „Ostsee-Schnauzen“ und „Tierisch Kölsch“ textet das ZDF.

Die freie Wildbahn scheint heute aus der Mode zu sein. Während große Teile des TV-Publikums mit Sielmanns „Expeditionen ins Tierreich“ oder Grzimecks programmatischem Film „Die Serengeti darf nicht sterben“ aufgewachsen sind, transportiert der nachmittägliche Quotenhit Bilder gefangener Kreaturen in die Wohnzimmer. Die Frage der artgerechten Haltung wird dabei natürlich ausgeblendet – das wäre auch kontraproduktiv. Mal davon abgesehen, was artgerecht eigentlich bei Tieren meint, die ihr Dasein seit Generationen hinter Gittern fristen.

Für die Fernsehsender jedenfalls ist das ein Format, das preiswerter kaum zu haben ist. Die Kamerafrau trabt hinter dem Pfleger her, hält auf die tierischen Insassen drauf und ist immer ganz nah an den Kulleraugen dran, damit man die Käfige nicht so genau sieht. Episodenhaft zusammen geschnitten werden aus solchem Material zu Herzen gehende Storys.

Das Tier als Attraktion und seine Zurschaustellung in Gefangenschaft sind uralt. So wurden sie in den römischen Arenen aufeinander losgelassen, um sich zu zerfleischen, und an den Höfen mittelalterlicher Kaiser gehalten. Das »Sammeln« von Tieren war ein beliebtes Hobby der Eliten des 16. und 17. Jahrhunderts, das die in Übersee entdeckten exotischen Geschöpfe befeuerten. Volliere wie Zwinger wurden zu Symbolen der aristokratischen Macht. Allmählich öffneten sich diese einem breiteren Publikum und es entstanden auch neue Orte für das bürgerliche Volksvergnügen. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu einer ganzen Welle von Zoogründungen, die aus dem Konkurrenzkampf zwischen den Städten resultierte.

Die zoologischen Gärten lockten mit ihren Tieren massenweise die Schaulustigen, luden zum Flanieren und zur Zerstreuung ein. Diese Art der Freizeitgestaltung rechtfertigte nicht zuletzt den menschlichen Führungsanspruch als „Krone der Schöpfung“. Ein Subtext, der bis heute anhält. Die Zooparks waren immer schon Begegnungsorte mit dem Wilden und Urwüchsigen, so sehr sie auch konstruiert sind. Auf sie war und ist der Mensch angewiesen, um sich davon als vermeintlich kultiviert zu distanzieren. Deshalb war es nur folgerichtig, dass in den Zoos vergangener Tage auch sogenannte „Völkerschauen“ ansässig waren, die indigene Menschen als lebendige Objekte ausstellten.

Die Zoologischen Gärten „sind mit ihren spezifischen Ästhetiken des Einsperrens, Ankettens und Abschließens ebenso physische Materialisationen der Furcht und des Unbehagens, die durch die unscharf gewordene Grenzen zwischen Mensch und Tier ausgelöst wurden, die Ausdruck einer neuen Natursentimentalität, die das Tier als Begleiter, Weggefährten, Freund, Lehrmeister und Spiegelbild begreift, das mitten in der Stadt, also im Zentrum der scheinbar ausschließlich menschlich dominierten Sphäre, zu finden ist“, fasst die Kulturwissenschaftlerin Christina Wessely in ihrer gerade erschienen Studie „Künstliche Tiere“ (Kadmos Kulturverlag) über das Verhältnis von Zoo und Städtebau zusammen.

Nicht anders verhält es sich den Zoo-Dokus. Auch hier stehen nicht Tiere wie Lama Horst und ihre (deformierten) Lebensweisen im Vordergrund, sondern der Mensch, der sich gern im Spiegel der Tiere betrachtet – und überlegen fühlt. Dank der medialen Vermittlung kommt der bereits im Zoo nur simulierten Natur weitere Abstraktion zu. Die Faszination am Wilden wird somit in ein Idyll kanalisiert, ein biblischer Tierfrieden inszeniert. Ein bisschen Harmonie kann in Zeiten vermeintlicher sozialer Kälte ja nicht schaden, selbst wenn sie ein schiefes Bild der Natur gibt.

Und viele Tierchen sind mit ihrer hohen Stirn und den riesigen Knopfaugen ja auch so niedlich! Dem Schlüsselreiz Kindchenschema können wir uns wohl nicht entziehen. Und werden den tierischen Stars dann noch Namen angeheftet, muss man es auch mit dem Tierschutz nicht mehr so genau nehmen. So nahm man Eisbärin Flocke in die umstrittene Handaufzucht, weil dessen böse Mutter sie nicht annahm. Das ist schon ein Kreuz, wenn die Tiere unsere Werte nicht teilen. Solche Schelten sind das Putzige an „Brehms Tierleben“. Da bezeichnet er den Fuchs als Frevler, schreibt dem Maulwurf einen Rachedurst zu und rügt den Rehbock, weil sich dieser nicht für seine Familie aufopfere.

Neben einer solchen Anthropologisierung der Tiere geht es bei dieser Schaulust mindestens genauso um wirkliche Menschen, sprich das Zoopersonal. Dabei gibt es gar nicht so viel zu sehen: Sie stopfen Mäuler, reinigen Gehege, und sehen auf Visite einfach mal nach dem Rechten. Highlights setzen in dem unspektakulären Spektakel der herumwuselnde Gorillajunge Upala und Strauß Rezzo, der durchs Bild rennt. Vielleicht werden die Soaps auch nur so oft eingeschaltet um Menschen zu sehen, die noch Erfüllung in ihrer Arbeit erleben zu können, wenig gehetzt wirken und deren Tun irgendwie sinnvoll erscheint. Wollten wir als Kind nicht alle Tierärztin oder –pfleger werden? Und wie bodenständig sie in sächsischer Mundart oder mit Kölsch daherkommen. Wie alle Reality-Formate bedienen auch sie den gegenwärtig typischen, gleichwohl unerfüllbaren Wunsch nach vermeintlicher Authentizität, simulieren ein Stück echte Welt. Mit ihrem uneinholbaren Versprechen nach Wahrhaftigkeit bilden sie nicht nur die Natur nicht richtig ab, sondern auch die Menschen. Und die Verstörung ist groß, wenn der Knut plötzlich nicht mehr cute ist oder sein Herrchen stirbt.

War der Zoo bereits dem Entertainment verpflichtete Wirklichkeitsverzerrung, so weichen die Shows davon nicht ab. Warum auch: Never change a winning team. Und so beliefern uns die Quasi-Dokumentationen mit den Bildern von Mensch und Tier, die wir haben wollen, einer possierlich-überschaubaren Natur und glücklich-erfüllten Arbeitswelt.