04.04.2014

Zehn Jahre Blaupause Irland

Kommentar von Christoph Lövenich

Seit 2004 gilt in Irland ein totales Rauchverbot an Arbeitsplätzen. Dieses diente als Vorlage für massive Freiheitseinschränkungen in Europa und weltweit.Die Hintergründe und Folgen dieser staatlichen Bevormundung näher unter die Lupe genommen.

Als in den 1990er-Jahren und zu Beginn des Jahrtausends Berichte die Runde machten, in Teilen der USA gebe es in Gaststätten, sogar in Kneipen, gesetzliche Rauchverbote, tat man das in Europa als amerikanische Exzentrik ab. Eine solche puritanische Macke würde nie über den Ozean schwappen. Zu weit entfernt vom Vorgarten des eigenen Vorstellungsvermögens, als dass Betroffene sich hiervon bedroht gefühlt hätten. Noch 2002 rief der Schauspieler Johnny Depp, selbst ein lange in Europa wohnhafter US-Amerikaner, angesichts des Rauchverbots im Eurostar-Zug empört aus, sowas sei vielleicht in Illinois akzeptabel, der zivilisierten Welt Europa sei es aber unwürdig.

So wurden die allermeisten kalt erwischt, als am 29. März 2004 auf einmal ein absolutes Rauchverbot in einem EU-Staat, der Republik Irland, in Kraft trat. Es gilt seither für alle Arbeitsplätze, ohne Ausnahme für Gastronomiebetriebe, auch nicht für die legendären irischen Pubs. Ein Jahrzehnt und eine knappe Woche später müssen wir feststellen, dass sich dieses lange unvorstellbare Konzept ölfleckartig ausgebreitet hat: auf dem europäischen Kontinent und weit darüber hinaus bis in die hintersten Winkel der Welt. Nicht Vielfalt, nicht souveräne Entscheidungen vor Ort entfalten Prägekraft, sondern der massive Versuch einer Vereinheitlichung nach dem Mantra „Im Ausland klappt’s doch auch“.

So wurden auch angebliche Erkenntnisse aus Irland herangezogen, als 2007 in den deutschen Bundesländern die Diskussion über staatliche Rauchverbote in verschiedenen Einrichtungen begann. So griff man auf eine Studie zurück, die gesundheitliche Verbesserungen bei Kellnern seit dem Rauchverbot belegen sollte. Tatsächlich konnte diese von Rauchverbotsbefürwortern finanzierte und durchgeführte „Studie“ – in Zusammenarbeit mit einer das Rauchverbot unterstützenden Organisation und fast ausschließlich so denkenden Kellnern als Untersuchungspersonen – dafür keinerlei wissenschaftliche Substanz liefern. [1]

„In den Jahren nach Inkrafttreten des Verbots mussten 1500 Pubs schließen.“

In den Jahren nach Inkrafttreten des Verbots mussten 1500 Pubs schließen [2], Tausende Arbeitsplätze gingen verloren, und dieser Trend hält weiter an, auch wenn Massenmedien gerne das gesetzliche Verbot als hauptausschlaggebenden Grund verschweigen. [3] Gesundheitliche Verbesserungen in der irischen Bevölkerung sind nicht zu spüren, stattdessen stieg die Zahl der wegen Drogenkonsums Behandlungsbedürftigen. Interessanterweise wuchs auch die Zahl jugendlicher Raucher an. [4]

In Meldungen, die zum Jahrestag des irischen Verbots lanciert werden, wird dies aktuell sogar für Deutschland behauptet [5], während man sich sonst des starken Rückgangs beim Tabakkonsum Jugendlicher brüstet. [6] Hier ist die Antitabaklobby flexibel: Entweder proklamiert sie ihr segensreiches Wirken mit vorgeblichen Erfolgsmeldungen oder sie empört sich öffentlich über vermeintliche Missstände, um damit Handlungsbedarf gegenüber der Politik zu signalisieren. Je nach Anlass präsentiert sie dazu die passenden Zahlen.

Die Folgen totaler Rauchverbote alleine in der Gastronomie kann man nicht nur in Irland, sondern auch in denjenigen deutschen Bundesländern beobachten, in denen vergleichbare Gesetze gelten. Wirtschaftlich gesehen leiden insbesondere Kneipen, ihre Getränkezulieferer, Betreiber von Tabak- und Glücksspielautomaten, Leitungsreiniger, Musiker, die für leere Räume (weil das Publikum fehlt oder vor der Tür steht) nicht mehr gebucht werden und viele mehr. [7] In Nordrhein-Westfalen müssen sich außerdem Karnevals- und Schützenvereine mit entsprechenden Problemen herumschlagen. Neben den materiellen Aspekten wird der Verlust an Gemütlichkeit beklagt, an Lebensräumen, in denen man sich frei und ungezwungen bewegen konnte, an sozialen Kontakten und Wärme, nicht nur im buchstäblichen Sinne, wenn Raucher und ihre Gesprächspartner bei Wind und Wetter wie Hunde vor die Tür gejagt werden.

„Neben den materiellen Aspekten wird der Verlust an Gemütlichkeit beklagt.“

Wie solche Regulierung zustande kommt, lässt sich am Fall Irland beispielhaft erkennen, wo jüngst einige Beteiligte recht offen in der Irish Times aus dem Nähkästchen geplaudert haben. Zunächst war mehrere Jahre zuvor Tabakwerbung komplett verboten worden [8], eine Bedingung um einseitigere Medienresonanz hervorzurufen und somit auch in anderen Ländern ein Vorbote kommender Eingriffe dieser Art. Die Initiative für das Rauchverbot kam nicht etwa aus der Bevölkerung, sondern, wie im Sanitarismus heutiger Signatur Standard, aus der organisierten Antiraucherlobby, die sich geschickt über Jahre mittels staatlicher Ressourcen die wissenschaftliche, mediale, politische und gesellschaftliche Lufthoheit erarbeitete. [9]

Nachdem schon vor Jahren die Tabakbekämpfung als eigentlicher Grund für diese Maßnahmen nicht verhehlt wurde, hat der jetzige irische Gesundheitsminister das Ziel einer bis zum Jahre 2025 komplett tabakfreien Grünen Insel verkündet. [10] Nun klingt dies erst einmal wie das vor über hundert Jahren anvisierte „rauchlose Amerika bis 1925“ [11], das – mitsamt nachfolgender Tabak-Ultimaten – genauso verschoben werden musste wie die Weltuntergangsankündigungen der Zeugen Jehovas. Heute allerdings, mit einer global vernetzt operierenden, eingespielten Tabakbekämpfungsmaschinerie, die schon erhebliche Geländegewinne hat verbuchen können, sollte man derlei Drohungen nicht lässig abtun, zumal sie global propagiert werden. [12] Zwar lässt sich der Tabakkonsum niemals ausrotten, aber die Schäden, die dabei an der individuellen Selbstbestimmung und am gesellschaftlichen Miteinander entstehen, können noch deutlich heftigere Formen annehmen.