01.05.2006

Wofür Milosevic wirklich stand

Kommentar von Brendan O’Neill

Brendan O’Neill erklärt, warum im Westen viele den Tod des „Diktators“ bedauern.

Der Westen hat den Tod des ehemaligen Präsidenten Jugoslawiens, Slobodan Milosevic, mit einer seltsamen Mischung aus Erleichterung und Bedauern aufgenommen. Politiker wie etwa der britische Außenminister Jack Straw und US-Außenministerin Condoleezza Rice zeigten sich erleichtert, dass der chaotische Prozess gegen Milosevic auf diese Art ein Ende fand. Eigentlich sollte der Prozess vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) die westliche Rechtschaffenheit gegenüber der rückständigen serbischen Blutrünstigkeit herausstellen. Letztlich geriet er jedoch zu einer Farce, in der die Ankläger das Recht verdrehen mussten, um Milosevic Genozid vorwerfen zu können, und in der der Angeklagte selbst damit drohte, europäische und US-amerikanische Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu benennen.
 

„Im Prozess gegen Milosevic ging es in erster Linie um das Selbstverständnis des Westens.“



Die westlichen Repräsentanten mussten feststellen, dass man in der Hitze eines blutigen Bürgerkrieges zwar ohne weiteres ein Monster zu Propagandazwecken kreieren kann, es aber schwierig ist, eine derartige Propaganda auch vor Gericht aufrechtzuerhalten. Dennoch wurde Bedauern über den Tod Milosevics geäußert. Diejenigen Politiker und Kommentatoren, die eine besondere Obsession mit den Konflikten in Bosnien und im Kosovo an den Tag legten und ihr moralisches Selbstverständnis aus der Abgrenzung von den „serbischen Nazis“ zogen, zeigten sich enttäuscht darüber, dass ihnen nunmehr der „grausame Diktator“ mit Buhmannfunktion abhanden gekommen war. So behaupteten Paddy Ashdown, ein gescheiterter britischer Politiker, der in Ausübung seines völlig undemokratischen Jobs als Hoher Repräsentant der EU in Bosnien jahrelang die dortige Bevölkerung herumkommandierte, und Carla del Ponte, die es sich als Chefanklägerin des ICTY zur Lebensaufgabe gemacht hat, die verschiedensten „Serbenführer“ zu jagen, es sei eine Schande, dass Milosevic seiner Verurteilung entgangen sei. Manche liberale Kommentatoren forderten gar, den Prozess gegen Milosevic auch nach seinem Tod fortzusetzen, was zwar das Recht ad absurdum geführt, jedoch eine Verurteilung sicherlich erleichtert hätte.


Diese Mischung aus Erleichterung und Bedauern zeigt, dass es im Prozess gegen den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten in erster Linie um das Selbstverständnis des Westens und um seine internationale Rolle ging. In einer Zeit des Zweifels, der Uneinigkeit und der Verunsicherung angesichts des aktuellen Anti-Terror-Krieges trauern viele den Interventionen in Bosnien und im Kosovo nach, als der Westen scheinbar das Recht auf seiner Seite hatte und sich der breiten Unterstützung für sein Handeln sicher sein konnte. In seinem Artikel „Die Bedeutung von Milosevic: Wie der Schlächter vom Balkan uns verändert hat“ [1] beschrieb David Aaronovitch kürzlich in der Londoner Times, dass es hier allein um „uns selbst“ und nicht um Milosevic gegangen sei. Er schilderte seine eigene „persönliche Reise“ als Beobachter des Bosnienkrieges und kam zu dem Ergebnis, westliche Interventionen zum Schutz von Menschen seien eine moralische Errungenschaft. Srebrenica, Ort eines Massakers an bosnischen Muslimen durch bosnische Serben, nannte er „unser München“ (wobei er sich auf die Unterzeichnung des Münchener Abkommens durch die britische Regierung 1938 bezog); Kosovo, so sagte er, „war Polen“ – das heißt, es symbolisiert den Moment, in dem der Westen beschloss, Maßnahmen zu ergreifen, um die neuen Nazis, also die Serben, zu stoppen. Bosnien war „Verrat durch Unterlassung“, Srebrenica „die Konsequenz“ und das Kosovo „das Engagement dafür, dass so etwas nicht wieder geschehen kann“.


Wer auch nur über die geringste Geschichtskenntnis verfügt, wird die Vorgänge im Dritten Reich natürlich niemals ernsthaft mit den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien der 90er-Jahre vergleichen. Während des Zweiten Weltkrieges war Deutschland eine mächtige Nation, die Europa dominieren wollte und deren Rassenpolitik sechs Millionen europäischer Juden zum Opfer fielen; demgegenüber war Serbien nach dem Ende des Kalten Krieges ein schwacher und isolierter Staat, der in einen blutigen und brutalen Bürgerkrieg geriet. Milosevic und seine Mitstreiter waren eigennützige Politiker und als solche für das Blutbad auf dem Balkan mitverantwortlich, aber sie waren keine neuen Nazis. Derlei Analogien existieren lediglich in den „persönlichen Reisen“ westlicher Journalisten. Aaronovitch steht mit seinem narzisstischen Blick auf den Balkan nicht allein. In westlichen Kreisen wurde der Bosnienkrieg lange als symbolisches Ereignis und nicht als ein Krieg diskutiert, der analysiert und erklärt werden müsse. Wenn Sie irgendeine der (vielen) persönlichen Memoiren von Journalisten lesen, die die Balkankriege zum Thema haben, werden Sie merken, dass sie von aufgeblasenem Gerede über den Kampf gegen die Nazis durchsetzt sind. Ed Vulliamy, Kolumnist des Guardian, schrieb: „Mein Vater hatte die Ehre, gegen den Faschismus kämpfen zu dürfen; ich hingegen habe das seltsame Privileg, auf die Leute zu treffen, die eine blasse, aber dennoch unverkennbare Kopie des Dritten Reiches [die Serben] bekämpfen.“ [2]


In seinem viel gerühmten Buch War Is A Force That Gives Us Meaning beschrieb Chris Hedges, der für die New York Times über den Bosnienkrieg berichtete, wie dieser Krieg seinem eigenen Leben eine neue Bedeutung gegeben habe: „Viele von uns, ruhelos und unerfüllt, sehen im eigenen Leben keinen besonderen Wert. Der Krieg lässt uns zumindest ahnen, dass wir über unsere Kleinheit und Entzweitheit hinauswachsen können. Der Ausbruch des Konflikts lindert die Langeweile und Trivialität des Alltagslebens.“ [3] Der Journalist Anthony Loyd beschrieb in seinem Buch My War Gone By, I Miss It So seine „Verliebtheit in einen aufregenden Sinnesrausch, wie ich ihn sonst nirgends finden konnte“. [4] Das sind längst nicht alle Autoren, die im Bosnienkrieg kein reales Weltereignis, sondern eine Antwort auf ihre eigene Sinnsuche sehen. Nachdem man in Bosnien so viel investierte, sich in diesen Krieg verliebte und durch ihn dem eigenen Leben „besonderen Wert“ geben konnte, überrascht es nicht, dass viele ihm heute noch nachtrauern und Milosevics Tod bedauern, der ihnen als physisches Bindeglied zu ihrer alten Fantasie des antifaschistischen Kampfes galt.


Diese so genannten „Laptop-Bomber“ sahen sich selbst gerne als einsame und mutige Rufer nach humanitärer Intervention zur Rettung bosnischer Muslime. Speziell die Briten unter ihnen betonen, dass sie damit bei der damaligen Tory-Regierung auf taube Ohren stießen, da diese an einer physischen Verwicklung in den Balkankonflikt kein Interesse hatte. Sie sahen sich als mutige Kämpfer, die begriffsstutzige und gleichgültige Regierungen zum Handeln im Namen der Humanität aufriefen. In Wirklichkeit aber rannten sie damit offene Türen ein. In den 90er-Jahren entdeckten die westlichen Mächte ihre Leidenschaft für militärische Auslandsinterventionen neu. Es ging hierbei nicht um unterdrückte Volksgruppen, sondern um die Rettung und Neubestimmung des westlichen Images. Blutige Bürgerkriege wurden zu Kämpfen zwischen Gut und Böse umdefiniert, in denen der Westen selbstverständlich auf der Seite der Guten kämpfte. Man stilisierte die bosnischen Muslime zu Opfern und die Serben zu grausamen Nazis, um sie in das fertige Drehbuch realitätsferner Politiker und ihrer Medien-Claqueure einzupassen. Es war augenfällig, dass in einer Zeit, in der es innenpolitisch keinen Konsens über die großen politischen und sozialen Themen des Tages gab – und, wie Chris Hedges schreibt, im Westen viele „keinen besonderen Wert“ im Leben sahen –, die Regierungen der USA und Europas die scheinbar klar gestrickte Schlacht zwischen Gut und Böse als wertvolle Mission für sich entdeckten.
 

„Die westlichen Humanitaristen intervenierten nicht mit einer Mission, sondern auf der Suche nach einer solchen.“



Die Interventionen in Bosnien und im Kosovo markierten den Gipfel des neuen „humanitären Interventionismus“ – eines Versuches, innenpolitische Legitimationskrisen durch Interventionen in Konflikten im Ausland zu überwinden, zumindest aber zu mildern. Ursprünglich fanden diese Interventionen trotz ihrer blutigen und katastrophalen Folgen viel Zuspruch, speziell in den Medien. So galten Joschka Fischer und Tony Blair während der Intervention im Kosovo als internationale Helden, die einen mutigen und „guten Kampf“ gegen den bösen Diktator Milosevic führten. [5] Aber die Zeiten haben sich geändert. Der von George W. Bush und Tony Blair im Irak geführte Krieg gegen den Terrorismus versinkt in Kontroversen und findet im Westen kaum mehr Unterstützung. Selbst auf höchster Regierungs- und Militärebene hat man kaum noch etwas für ihn übrig. Man wirft dem Kampf gegen den Terrorismus vor, das internationale Recht unterwandert und Guantanamo kreiert zu haben. Interessant ist, dass derlei Kritik heute von genau den Leuten kommt, die noch zehn Jahre zuvor behaupteten, die USA und Europa würden sich am internationalen Recht versündigen, wenn sie nicht in Bosnien und im Kosovo intervenierten. Ging es im Prozess gegen Milosevic (wenigstens ursprünglich) darum, einen Tyrannen vor ein internationales Gericht zu bringen, so wurde das Verfahren gegen Saddam Hussein weit weniger aufgeblasen, wohl, weil Bush und Blair schon genug Ärger hatten. Die während der Balkankriege beschworene westliche Rechtschaffenheit ist einer Politik des Selbstzweifels und des Zauderns gewichen.


Dieser Paradigmenwechsel offenbart die Oberflächlich- und Kurzlebigkeit des noch in den 90er-Jahren erhobenen westlichen Anspruchs auf die Rolle als internationale moralische Autorität. Faktisch trugen die Einmischungen von außen erheblich dazu bei, die Bürgerkriege anzuheizen und zu verlängern. Überhaupt war die „Mission“ des Westens, dem Rest der Welt Frieden und Demokratie zu bringen, oberflächlich und reflexhaft: Den Interventionen in Bosnien und im Kosovo lag antiserbisches Ressentiment zugrunde (beruhend auf der maßlosen Übertreibung von Macht und Einfluss der Serben) und keineswegs eine Mission im Geiste einer ernst zu nehmenden zivilisatorischen Idee. Die westlichen Humanitaristen intervenierten nicht mit einer Mission, sondern auf der Suche nach einer solchen; es war weniger Politik mit anderen Mitteln als die Suche nach Bedeutung. Auch wenn die Interventionen manchen westlichen Führern und Journalisten zeitweise vorübergehend politische Rückendeckung gaben und Selbstvertrauen verliehen – zur Lösung außen- oder innenpolitischer Konflikte konnten sie so gut wie nichts beitragen.


Vielen im Westen galt Milosevic als Symbol des Bösen, von dem man sich abgrenzen konnte, um sich seiner eigenen Werte zu vergewissern. Nun aber muss die Frage, warum es in der westlichen Politik und Gesellschaft heute keinen „besonderen Wert“ mehr gibt und westliche Interventionen alles nur noch schlimmer machen, ohne dieses Feindbild beantwortet werden.