25.05.2010

WM 2010: Kein Sommermärchen im Jammerland

Von Matthias Heitmann

Vor vier Jahren sollte sich das Land an der Fußball-Weltmeisterschaft selbst aus dem Sumpf ziehen. Nicht einmal zu einem so naiven Optimismus ist die gelähmte Gesellschaft heute in der Lage.

Wir erinnern uns: Vor vier Jahren sollte sich das Land an der Fußball-Weltmeisterschaft selbst aus dem Sumpf ziehen. Mit einer unwirklichen Hoffnung auf die eigene Gesundung binnen vier Wochen klammerte sich eine Nation an den letzten Stroh-, oder besser: Grashalm. Beinahe jedes Bundesministerium hatte seine eigene Öffentlichkeitskampagne, mit der versucht wurde, über das Thema Fußball Optimismus, positive Stimmung und einen konstruktiven Kontakt zur Bevölkerung herzustellen und auf den einzig verfügbaren Zug aufzuspringen, der eine gewisse positive Dynamik auszustrahlen vermochte. Positiv klingende Slogans wie „Land der Ideen“ oder auch das WM-Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ waren Ausdruck dieses Bemühens. Selbst die frisch gewählte Bundeskanzlerin ließ schon in ihrer ersten Fernsehansprache ihren – ich behaupte einmal: frisch antrainierten – Fußballwortschatz aufblitzen und versuchte so, Pluspunkte im Land der Klinsmänner zu sammeln.

Vier Jahre später deutet wenig darauf hin, dass Deutschland ein neues „Sommermärchen“ bevorsteht. Dies nicht nur, weil die Welt heuer in Südafrika und nicht auf der Berliner Fanmeile zu Gast ist. Und auch nicht nur, weil einige der Helden der WM 2006 (Klose, Podolski), wenn sie denn in den letzten Monaten überhaupt spielten, nicht positiv auffielen und Michael Ballack die WM vom Sofa aus verfolgen wird. Und auch nicht deswegen, weil man hierzulande dem spätestens seit seinem glorreich gescheiterten Intermezzo beim F.C. Bayern als Luftpumpe entlarvten Jürgen Klinsmann viele Tränen nachweinen würde.

Zwar war auch in den Monaten vor der WM 2006 die Stimmung gedrückt und die Wirtschaftslage schlecht. Aber, und es fällt wirklich schwer, dies heute rückblickend zu sagen, das gesellschaftliche Klima vor vier Jahren war doch noch ein wenig aufgehellter als heute. Die Wirtschafts- und Finanzkrise liegt nicht nur wie Mehltau, sondern wie Blei auf der Gesellschaft. Die seit rund einem halben Jahr amtierende schwarz-gelbe Bundesregierung verhält sich, als sitze sie seit Spielbeginn auf der Auswechselbank. Ihre Unfähigkeit, aktiv ins Spielgeschehen einzugreifen, lässt das pomadige Kurzpassspiel der Großen Koalition in der Retrospektive fast als technisches Feuerwerk erscheinen. Versuche, über konzertierte Verknüpfungen zum Fußball positive Stimmung zu erzeugen, sind beinahe vollständig ausgeblieben; jede Aktivität gilt heute als haushalts- und klimaschädigende Energieverschwendung. Symbolisch wirkt da fast schon die Tatsache, dass Deutschland das einzige Land der EU ist, dessen Hauptstadt nach dem Abstieg von Hertha BSC nicht mehr in der ersten nationalen Liga vertreten ist.

Präsentierte sich die Nationalmannschaft 2006 noch als „Insel des Optimismus“, auf die man Hoffnung auf Besserung projizieren konnte, so macht die gefühlte Krise heute auch keinen Bogen mehr um das Löw-Team. Wenn nun sogar Kanzlerin Merkel die Mannschaft im Trainingslager besucht, da sie meint, diese „aufmuntern“ und auf das Turnier einstimmen zu müssen, so ist dies niederschmetternd vielsagend. An eine Wiedergeburt des deutschen Spaßfußballs à la „Phoenix aus der Asche“ mag man da kaum glauben, eher an verschüchterte und orientierungslose „Adler in der Aschewolke“. Wirkte für kritische Geister der konzertierte Optimismus des WM-Jahres 2006 noch aufgesetzt, naiv und blenderisch, so möchte man in diesem Jahr fast ein Stoßgebet in Richtung Kap der guten Hoffnung schicken: Mögen uns die Bundeskicker in diesem Sommer nicht noch mehr Gründe zum Jammern liefern!