27.07.2026

„Wir müssen wirklich grundlegende Schritte gehen“

Interview mit Daniel Stelter

Wie Deutschland wirtschaftlich abstürzt, beklagt der Ökonom Daniel Stelter. Im Gespräch fordert er ein Ende der Realitätsverleugnung und benennt Gegenmaßnahmen, z.B. in der Energiepolitik.

Novo: Wenn sie übermorgen der Ruf ereilen würde, Chefberater im Wirtschaftsministerium zu werden, was wäre Ihr allererster Rat?

Daniel Stelter: Die Frage ist ja, ob ich dieses Ministerium beraten muss oder nicht besser andere Ministerien. Der wichtigste Hebel, um dem Standort wieder Wachstum zu bringen und ihn sozial zu stabilisieren, sind geringere Energiekosten. Ich würde wahrscheinlich Frau Reiche ermuntern, ihren Kurswechsel in der Energiepolitik fortzusetzen. Ich würde Sie wahrscheinlich sogar zu mehr Mut ermuntern, Stichwort Reaktivierung abgeschalteter Kraftwerke.

Sie würden ja quasi ein Programm mitbringen mit ihrer Buch-Trilogie. 2018 erschien „Das Märchen vom reichen Land“, 2021 „Ein Traum von einem Land“. Das dritte Buch heißt nun „Absturz. So retten wir Deutschland“. Märchen, Traum, Absturz – bewegen wir uns seit 2018 tatsächlich stetig abwärts?

Das tun wir. 2018 habe ich diagnostiziert, was gerade passiert und zwar schon länger. Wir befinden uns wahrscheinlich seit 2015 in einem Niedergang. Wir haben nach der Eurokrise eine Sonderkonjunktur gehabt, dank der tiefen Zinsen und des schwachen Euros. Was natürlich den Export besonders gefördert hat. Zugleich gab es den Boom in China, der dazu geführt hat, dass die Chinesen viel von uns eingekauft haben. Diese Sonderfaktoren haben wir nicht genutzt. Die Politik hat sich dafür gelobt, eine schwarze Null im Haushalt zu erreichen, die übrigens gar nicht so richtig gestimmt hat, aber das ist ein anderes Thema.

Und sie hat den Sozialstaat ausgeweitet, also Grundrente, Mütterrente, Rente mit 63, viele solche Dinge. Zudem verfolgen wir eine sehr teure Klimapolitik. Nicht missverstehen, ich bin nicht gegen Klimapolitik, ich bin gegen teure Politik. Zumal wenn man zugleich nicht ausreichend ins Land investiert. Bereits damals hat die energieintensive Industrie begonnen mit der Abwanderung. Seit 2018 stagniert letztlich die deutsche Wirtschaft. Das erste Buch habe ich wirklich zum Höhepunkt geschrieben. Wusste ich damals nicht.

Jetzt haben wir einen teuren Sozialstaat, marode Infrastruktur belastet die Wirtschaft, hohe Energiekosten. Und zum anderen sind die positiven Umfeldfaktoren weggefallen. Das Geld ist nicht mehr so billig, der Euro wertet nicht weiter ab und die Chinesen haben sich von einem Hauptkunden zu einem Wettbewerber entwickelt. Damit können wir viele Dinge, die wir uns glaubten, leisten zu können, nicht mehr leisten.

2021 hatten sie aber noch einen Traum.

Das Buch war gedacht als konstruktive Fortsetzung, was wäre zu tun? Allerdings sind die Maßnahmen alle weitgehend bekannt, ich fand das Schreiben fast schon langweilig. Es geht um so viele banale Dinge. Wir wissen, wir haben einen Rückgang der Erwerbsbevölkerung. Wir sollten also was dagegen tun, indem wir Anreize setzen, dass Menschen länger arbeiten. Das hat was mit Abgaben zu tun, mit Steuern. Wir wissen, dass wir in der Produktivität abfallen. Also müssen wir mehr investieren. Wir müssen unser Schulsystem besser machen. Wir müssen Menschen besser qualifizieren. Das ist alles bekannt, aber mühsam. Damit kommt kein Politiker ins Fernsehen, es gibt kein rotes Band durchzuschneiden wie für einen neuen Windpark.

Die Wirtschaft flog sozusagen 2018 noch auf Top-Höhe. Sie hatte Rückenwind, aber die Maschine war bereits belastet. Inzwischen ist der Rückenwind zum Gegenwind geworden und der Absturz droht. Pro Monat verlieren wir 10.000, 15.000 Industriearbeitsplätze. Gleichzeitig bauen wir beim Staat Beschäftigung auf, was ich immer schon kritisiert habe, denn bei Schrumpfung der Erwerbsbevölkerung sollte der Staat überproportional einsparen, weil der Privatsektor viel produktiver ist. Wir laufen Gefahr, Industrien zu verlieren, die wir nicht mehr zurückbekommen, die wir nicht ersetzen können.

Wenn bei VW 100.000 Arbeitsplätze wegfallen, dann könntest du sagen ja gut, die meisten gehen in Rente oder Frührente. Aber es fehlen die Steuereinnahmen, die Sozialbeiträge. Wenn in Emden oder Zwickau die Werke zumachen, ist das für die Regionen ein Desaster. Selbst die Currywurstbude lebt von VW. Wir sind deshalb morgen nicht so arm wie Somalia. Aber wenn ökonomische Substanz kaputt geht, wird unser Land ein anderes.

„Bei uns in Deutschland bleibt netto nichts übrig.“

Alle Ursachen und vor allem alle Symptome der ökonomischen Entwicklung zu schildern, würde den Rahmen dieses Interviews völlig sprengen. Über ein paar wesentliche müssen wir aber reden. Eines der wirtschaftlich stärksten Länder der Welt fährt offenbar über marode Gleise, Straßen und Brücken. Ist unsere Infrastruktur wirklich derart hinüber? Und wie konnte ein solch massiver Stau entstehen?

Also die erste Antwort ist ja. Ich zitiere im Buch eine Studie vom Verband der forschenden Arzneimittelindustrie. Die Studie zeigt, dass in keinem Land der untersuchten westlichen Industrieländer der Kapitalstock, also das private und das öffentliche Anlagekapital, so verfallen ist wie bei uns, mit Ausnahme von Großbritannien. Inzwischen gibt es eine neue Studie, die habe ich im Buch noch nicht verarbeitet, die ist gerade erst herausgekommen. Die Experten von McKinsey haben ausgerechnet, wie viel in den Ländern netto investiert wird. Netto heißt beispielsweise, ich investiere tausend Euro in eine neue Anlage, muss gleichzeitig eine alte abschreiben, weil die ja Leistungsfähigkeit verliert. Wenn ich also 1000 investiere und 900 abschreibe, dann bleibt eine Nettoinvestition von 100 Euro übrig.

Bei uns in Deutschland bleibt netto nichts übrig. Vor zehn Jahren hatten wir noch zwei Prozent Nettoinvestitionen vom Bruttoinlandsprodukt, das war okay, EU-Schnitt. Aber wir sind jetzt bei Null. Die EU hat immer noch zwei Prozent. Die USA haben vier. Das heißt, bei uns finden netto keine Investitionen mehr statt. Wenn sie jetzt merken, dass Bahngleise nicht mehr da sind oder die Brücken marode und sie Umwege fahren müssen oder wenn wir beide happy sind, weil die Internetverbindung hält, dann sind das anekdotische Beispiele für ein strukturelles Problem. Der Staat investiert nicht, aber die Privaten investieren auch schon seit Jahren nicht mehr richtig.

Die deutschen Unternehmen sind Nettosparer. Normalerweise sparen die privaten Haushalte für Anschaffungen oder fürs Alter. Aber die Unternehmen sind normalerweise Nettokreditnehmer, weil sie investieren. Aber sie investieren weniger als sie an Gewinn erwirtschaften, beziehungsweise sie investieren weniger in Deutschland. Das ist ein Alarmzeichen par excellence. Das hat teils mit schlechter Infrastruktur zu tun, mit hoher Abgabenbelastung, auch mit dem demographischen Wandel. Da fragen sich Unternehmen, was soll ich auf schrumpfenden Märkten in einem schwierigen Umfeld, wenn in anderen Ländern die Märkte wachsen und die Rahmenbedingungen besser sind?

Was ist denn mit unseren industriellen Flaggschiffen, mit Maschinen-, Anlagen-, Autobauern? Deren Produkte wollte mal die halbe Welt haben. Warum hören wir neuerdings eher von Pleiten und Werksschließungen als von neuen Exportweltrekorden?

Das hat vor allem damit zu tun, dass China so massiv aufgeholt hat. China ist mittlerweile eine Technologie-Nation. Studien zeigen, dass China bei wichtigen Zukunftstechnologien wirklich Weltmarktführer ist, und zwar deutlich vor den USA. Das Land hat sich gezielt auf unsere Kernmärkte ausgerichtet. Die haben gesagt, wir wollen quasi das bessere Deutschland werden und haben sich Automobil, Chemie, Maschinen-, Anlagenbau als strategische Märkte ausgeschaut. China hat einen Kostenvorteil von 30 bis 40 Prozent. Wer irgendwo auf der Welt eine Abfüllmaschine braucht, sieht, die deutsche ist top. Die chinesische ist nicht ganz so gut, kostet aber nur die Hälfte. Das ging noch, solange die deutsche Maschine besser war. Inzwischen haben es die Chinesen geschafft, technologisch so aufzuholen, dass sie entweder auf ähnlichem Niveau sind oder schon vor uns. Und die kosten immer noch 30 Prozent weniger.

Beim Automobil ist das Ganze besonders eklatant, weil da der Strukturbruch dazu kommt. Man unterscheidet zwischen kompetenzverstärkenden Innovationen und kompetenzzerstörenden Innovationen. Vom Vergaser zum Einspritzer war eine Fortentwicklung beim Verbrennungsmotor. Etablierte Marktteilnehmer wie Mercedes oder BMW haben vielleicht mal ein paar Prozent Marktanteile verloren, aber es gab keine grundlegende Verschiebung. Elektromobilität hingegen ist eine kompetenzzerstörende Innovation. Was früher die Preisprämie gerechtfertigt hat für die deutschen Autos, starke Motoren, gute Getriebe ist nicht mehr relevant. Ich brauche eine Batterie. Den Doppel-Turbo-V8 mit 700 PS lässt ein Auto mit kleinem Elektromotor stehen. Das heißt, wir haben quasi einen Umbruch im Markt, wo wir nicht mehr besser sind als die anderen und wo Premium nicht mehr zählt.

Solange VW in China viel Geld verdient hat, weil sie die Preisprämie verlangen konnten, konnten wir auch höhere Standortkosten ertragen. Höhere Löhne, Energiekosten, Bürokratiekosten. Angesichts der veränderten Bedingungen wäre es höchste Zeit zu sagen, höhere Löhne, teure Energie, mehr Bürokratie können wir uns nicht mehr leisten. Wir müssen jetzt schnell die Rahmenbedingungen verbessern, um im Wettbewerb zu bestehen. Und das passiert nicht. Da sind wir wieder beim Absturz. Es schaut gerade nicht so gut aus.

„Vorbild in Sachen Energie sind wir sicherlich nicht und es folgt uns auch keiner.“

Apropos Energiekosten, die haben Sie schon eingangs als eine Stellschraube genannt. Wir merken die Belastung ja selbst auch im privaten Haushalt. Wer seine Stromrechnung vom letzten Jahr und von vor fünf Jahren vergleicht, sieht, Energie ist teurer geworden, teurer als überall um uns herum. Gleichzeitig wird unser CO2-Ausstoß in Europa nur noch von Polen und Tschechien übertroffen. Können wir damit Vorbild sein? Das wollten wir doch.

Das ist ja total faszinierend, dass es immer noch Politiker gibt, die behaupten, wir wären Vorbild. Es gibt auch noch Politiker, die sagen, wenn wir mehr Wind und Solar haben, wird Energie billiger. Dabei haben wir ja nun den empirischen Beweis, dass das nicht der Fall ist. Das kann man relativ einfach erklären. Die letzten Wochen haben wir viel Sonne gehabt. Strom aus Photovoltaik kam uns quasi aus den Ohren raus. Das Problem an der ganzen Sache ist, nachts ist es dunkel. Dann sollen Windkrafträder einspringen. Aber wenn kein Wind weht, müssen wir Kohlekraftwerke anwerfen. Darum ist der Strom so dreckig und so teuer, weil die Kraftwerke sich bezahlen lassen dafür, dass sie rumstehen, um dann im Dunkeln angeworfen zu werden.

Wir müssten eigentlich einfach mal anerkennen, dass wir einen sehr teuren Weg gewählt haben mit der Energiewende. Wir haben billigen CO2-armen Atomstrom durch teure CO2-arme Erneuerbare ersetzt. Hätten wir nicht Atom abgeschaltet, sondern Kohle, stünden wir heute viel besser da. Es gibt ja auch Studien, die zeigen, dass ein ideales Energiesystem eine Kombination aus Kernenergie und Erneuerbaren ist. Aber wenn Sie das in Deutschland sagen, dann werden sie sofort gekreuzigt. Oder es wird mit irgendwelchen Studien hantiert, die mit zweifelhaften Annahmen vorrechnen, warum Atomkraft viel zu teuer ist. Und dann wundert man sich, warum die Koreaner, die Chinesen und andere zu einem Bruchteil der Kosten Atomkraftwerke bauen können. Klar, weil dort halt nicht jahrelange Prozesse stattfinden und keine Straßenschlachten. Vorbild in Sachen Energie sind wir sicherlich nicht und es folgt uns auch keiner.

Was ist mit der Bürokratie? Die wird ja als Hemmnis immer genannt. Das klingt fast schon wie die Lieblingsausrede jedes Wirtschaftskapitäns. Ist die wirklich so ein Hemmschuh?

Ja, wobei die Kapitäne der großen Firmen weniger klagen als die kleinen, weil die großen können sie sich leisten. Die Bürokratiekosten belasten vor allem im Mittelstand. Der ist aber unser Rückgrat bezüglich der Arbeitsplätze. Großkonzerne können sich ihre Compliance-Beauftragten wofür auch immer leisten, die kosten auch Geld, aber es ist gemessen an den Gesamtkosten nicht so relevant wie in einem kleinen Betrieb. Studien zeigen, dass der Arbeitskräfteaufbau letztes Jahr vor allem der Bürokratie zugute kam. Aber Bürokratie produziert nichts, die kostet. Sie ist Folge einer ausufernden Politik, die gerne viel eingreift, viel dirigieren und steuern möchte.

Der Bund nimmt in den nächsten vier Jahren im Kernhaushalt fast 600 Milliarden Euro neue Schulden auf. Inklusive Sonderschulden für Infrastruktur und Rüstung sind es dann 800 Milliarden. Wenn wir 2026 mit einrechnen, sind wir bei einer Billion. Eine Million Millionen. Kann damit die Wirtschaft wieder in die Gänge kommen? Kann das funktionieren?

Tut es ja nicht. Es gibt die Überzeugung, gerade bei den Sozialdemokraten, wir müssen einfach nur viel Geld ins Land pumpen, dann springt die Wirtschaft wieder an. Wir haben aber schon darüber geredet, dass wir an Wettbewerbsfähigkeit verloren haben, weil wir zu teuer sind, in vielen Bereichen nicht mehr gut genug sind. Jetzt treibt die Politik die Sozialabgaben weiter hoch, etwa mit höheren Beitragsbemessungsgrenzen. Das trifft Arbeitnehmer und Arbeitgeber, senkt die Wettbewerbsfähigkeit weiter. Hinzu kommt noch, dass das Geld aus den diversen Schuldentöpfen gar nicht für echte Investitionen verwendet wird, sondern um Löcher im Haushalt zu stopfen.

Offiziell haben wir eigentlich noch eine recht gute Verschuldungssituation. Das heißt, man kann auch Schulden machen, da bin ich gar nicht dagegen, für Infrastruktur zum Beispiel. Auch Verteidigungsausgaben können ein Hebel sein, um Innovationsfähigkeiten und Produktivität zu stärken. Wenn wir dort mit Hilfe junger innovativer Firmen Technologie erschaffen, neue Produkte, sind die später meistens auch in der Privatwirtschaft nutzbar. Aber nur Geld auf das generelle wirtschaftliche Problem zu werfen, ist keine Lösung.

„Ich weiß, dass Politik schwieriger ist. Aber ich finde, wir müssen radikaler denken.“

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm sagt voraus, wenn wir so weitermachen auf der staatlichen Ausgabenseite, werden die Staatseinnahmen schon 2029 nur noch für Sozialausgaben, Rüstung und Zinszahlungen reichen, für mehr nicht. Stimmen Sie dem Befund zu?

Definitiv. Dann wird die Politik wohl eine Notlage ausrufen und die Steuern noch weiter erhöhen. Und dann schauen sich die Leute, die Unternehmer den Staat an, der sich wahnsinnig ausgeweitet hat in den letzten Jahren. Der macht keinerlei Anstalten zu sparen. Ja, jetzt soll eine pauschale Kürzung von einem Prozent im Haushalt stattfinden, von der wir beide wissen, dass sie wahrscheinlich eh nicht stattfindet. Der Staat wächst ungerührt weiter. Die Subventionen haben sich relativ zum Bruttoinlandsprodukt allein auf Bundesebene seit 2015 mehr als verdoppelt. Der Staat ist nicht in der Lage, den Sozialstaat zu reformieren, sondern Reform heißt immer nur, wir beschaffen uns mehr Gelder durch höhere Beitragsbemessungsgrenzen und Ähnliches. So wandern wir in einen Schuldenstaat hinein, wo die Abgaben weiter steigen. Wenn wir jetzt noch kombinieren mit Szenarien, in denen Emden kein VW-Werk mehr hat und Zwickau, dann bekommen wir politische Folgen, die sich entsprechend niederschlagen werden in einer weiteren Polarisierung der Gesellschaft. Wir werden intensivere Verteilungskonflikte haben um die Frage, wer soll die Lasten tragen. Das dürfte dazu beitragen, dass wir uns wirtschaftlich noch schlechter entwickeln.

Wir wissen, es gibt Unterschiede zwischen Privatschulden und Staatsschulden, das lässt sich nicht eins zu eins vergleichen. Aber prinzipiell müssen Schulden irgendwann mal zurückgezahlt werden. Wenn die Wirtschaft nicht wundersam wieder anzieht und dadurch einfach mehr Geld einspielt, als man realistischerweise erwarten könnte, dann bleiben als Ausweg nur noch Steuererhöhungen und Inflation. Oder übersehe ich was?

Ja, das ist genau der Punkt. Ich glaube wirklich, am Ende wird mit der Haushaltsnotlage behauptet, wir brauchen mehr Steuereinnahmen. Dabei könnte der Staat ja sparen. Subventionen reduzieren. Den Sozialstaat reformieren. Es gäbe Hebel. Die Politik aktiviert sie leider nicht.

Der zweite Teil Ihres Buch-Titels lautet nach den bitteren Befunden fast schon erstaunlicherweise „So retten wir Deutschland“. Haben Sie das nachgeschoben, um nicht als Untergangsprophet oder Berufskritiker unangenehm aufzufallen? Die sollen ja laut Kanzler „wegtreten“. Oder sehen Sie tatsächlich Hoffnungszeichen?

Ich dachte, er meint mich, wegen meiner Podcasts bin ich der Berufsnörgler. Nein, ich glaube nicht, dass er mich kennt. Aber ich habe es gemacht, um nicht nur zu meckern. Ich hab den „Traum von einem Land“ nicht wiederholen wollen und deshalb eine Art kondensierte oder ‚radikalisierte‘ Fassung gemacht. Wenn ich jetzt mal der Diktator von Deutschland wäre für eine Woche, was würde ich machen? Rente mit 63 abschaffen. Immerhin soll das bald kommen. Aber ich glaube einfach nicht mehr, dass Kleinklein-Maßnahmen noch wirken. Wir müssen wirklich grundlegende Schritte gehen, eine radikale Steuerreform, einen radikalen Umbau des Sozialstaats. Nicht mehr so ein bisschen herumdoktern, die Zeit haben wir einfach nicht mehr. Ein Buchschreiber kann natürlich viel fordern. Ich weiß, dass Politik schwieriger ist. Aber ich finde, wir müssen radikaler denken.

Sie plädieren für zahlreiche Veränderungen. Widerstand dagegen wäre gewiss, kann ich mir vorstellen. Für Gewerkschaften sind Reformen am Arbeitsmarkt Teufelszeug. Wer im öffentlichen Dienst arbeitet, wird nicht in die Produktion wechseln wollen. Mehr Arbeit passt schlecht zur Work-Life-Balance. Billige Energie aus Kernkraft ist nicht jedes Umweltschützers Sache. Wie wollen Sie die alle überzeugen?

Ich glaube, wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass wir gerade drauf und dran sind, einen über Generationen aufgebauten Wohlstand in ziemlich kurzer Zeit zu verspielen. Und zwar unwiederbringlich zu verspielen. Ich hoffe, wenn das klarer wird, dann wird sich mehr Bewegung zeigen. Die Ursachen liegen auf der Hand. Wir haben zum Beispiel teure und zugleich dreckige Energie. Ich meine, Fakten nicht zu leugnen, wäre schon mal ein erster Schritt. Dass es bereits ein bisschen in die Richtung geht, sehen Sie in Umfragen. Die Mehrheit der Deutschen wäre beispielsweise für einen Wiedereinstieg in die Kernenergie. Es wird immer 20 oder 30 Prozent der Bevölkerung geben, die einfach nicht mitgehen wollen. Aber ich glaube schon, dass man eine Mehrheit überzeugen kann für eine Politik, die sagt, lasst uns den Kuchen wieder größer machen, denn dann können wir uns viele Dinge eher leisten, als wenn wir einfach so weitermachen wie bisher. Ich glaube, das ist schon möglich.

„Die Einkommensungleichheit nach Umverteilung ist eine der kleinsten innerhalb der OECD.“

Wenn ich Ihre Forderungen zusammenfasse, stehen ganz oben Eigenverantwortung, wirtschaftliche Freiheit, schlanker Staat. Fast schon dünnes Eis, das klingt für manchen – vermutlich auch Ökonomen-Kollegen – wahrscheinlich nach menschenfeindlich entfesseltem Turbokapitalismus.

Oh, je. Schauen Sie, man muss nicht mal weit gucken. Ich finde die Schweiz nicht menschenfeindlich. Dänemark ist auch nicht menschenfeindlich. Hat aber ein sehr flexibles Kündigungsrecht, verbunden mit guten Sozialmaßnahmen. Um auch hierzulande was Positives zu finden, in der Koalitionsvereinbarung gibt es auch Ansatzpunkte, etwa oberhalb von 150.000 Euro Einkommen den Kündigungsschutz zu lockern. Ich würde die Grenze ein bisschen tiefer setzen. Denn das würde die Fluktuation von gut bezahlten Arbeitskräften zwischen den Firmen erleichtern, der Produktivität guttun. Es wird ja immer behauptet, wir hätten ein Problem dank Jahrzehnten neoliberaler Politik. Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, bei der Staatsquote, bei unserer Entwicklung, tue ich mich sehr schwer, in Deutschland neoliberale Politik zu finden. Wir sind sehr fern davon. Wir haben einen Staat, der viel umverteilt. Die Einkommensungleichheit nach Umverteilung ist eine der kleinsten innerhalb der OECD. Für mich ist das eher ein Kampfbegriff, um eine ernsthafte Diskussion zu verhindern.

Ich nehme an, dass Sie leise hoffen, auch von Politikern gelesen zu werden und auch, dass dieser und jener Politiker sie tatsächlich liest. Die haben sicher wenig Zeit. Wenn sie aus dem Sommerurlaub zurück sind und nicht ihr ganzes Buch schaffen, was diesmal ja gar nicht so ein dickes ist, welche Passage würden Sie am dringendsten empfehlen?

Wahrscheinlich das Kapitel zur Realitätsleugnung. Dass also bestimmte Dinge immer noch erzählt werden. Erneuerbare Energien sind billig, Atomkraft ist teuer, Migration ist immer nutzbringend. Diese ganzen Themen würde ich empfehlen. Außerdem das Kapitel, in dem ich vergleiche, was 2018 Rückenwind war und heute Gegenwind ist. Unsere Politiker betonen immer, die Politik muss die Demokratie verteidigen und Europa verteidigen. Ich sage dazu, beides verteidigen wir nur mit einer starken deutschen Wirtschaft. Wenn die Wirtschaft jetzt weiter den Bach runter geht, und das macht sie ja, dann kriegen wir politisch instabile Verhältnisse in Deutschland. Und wenn die Wirtschaft weiter runtergeht, sind wir nicht in der Lage, der Anker zu sein für die EU und für den Euro.

Sie schreiben, „das Segelschiff Deutschland ist überladen, die Takelage brüchig, das Steuerrad festgerostet und die Crew überfordert“. Wie kommen wir da raus? Ein festgerostetes Steuerrad ist ja nicht lustig bei der Seefahrt.

Zuallererst muss die Crew sagen, oh, Wahnsinn, wir müssen was tun. Wirklich was tun, nicht der Bequemlichkeit halber glauben, es genügt, ein paar Tröpfchen Öl drauf zu geben. Die sich eingesteht, wir sind ein Sanierungsfall und in einem Sanierungsfall agiert man einfach anders, als das unsere Politik derzeit tut.

Das Interview führte Gerd Dehnel.

jetzt nicht

Novo ist kostenlos. Unsere Arbeit kostet jedoch nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Unterstützen Sie uns jetzt dauerhaft als Förderer oder mit einer Spende!