01.11.2001

„Wir brauchen Verhütungsmittel-Supermärkte“

Interview mit Novo-Redaktion und Carl Djerassi

Ein Gespräch mit Carl Djerassi anlässlich des 50sten Jahrestags seiner Erfindung der Pille und der Herausgabe seines Buches This Man's Pill.

Novo: Sie werden als Vater der Pille bezeichnet. Das klingt auch im Buchtitel This Man’s Pill an. Was wäre, wenn Carl Djerassi nie das Licht der Welt erblickt hätte?

Carl Djerassi: Jemand anderes hätte die Pille erfunden. Wenn eine Erfindung reif ist, dann wird sie gemacht. Dabei spielt es kaum eine Rolle, wer das leistet. So ist es bei den meisten, wenn nicht bei alle großen Erfindungen in der Menschheitsgeschichte gewesen. This Man’s Pill soll deshalb auch nicht bedeuten, dass mir die Pille gehört, sondern, dass ihre Erfindung auch mich persönlich geprägt und verändert hat. Um diese Veränderungen geht es ganz zentral in der Mitte des Buches. Anfangs erzähle ich die Geschichte der Erfindung, am Ende geht es um Zukunftsfragen.

Fühlen Sie sich verantwortlich für die sozialen Veränderungen, die die Pille hervorgerufen hat?

Unsere Antwort als Chemiker hätte in dem Moment, als es uns erstmals gelang, die aktive Substanz in der Pille (das Norethisteron) herzustellen, Nein sein müssen. Denn unser damaliges Forschungsziel lautete, ein künstliches Steroid zu entwickeln, das, wenn man es oral verabreichte, die gleiche biologische Wirkung wie das natürliche weibliche Geschlechtshormon Progesteron hervorrufen würde. Progesteron kann man aber nur spritzen. Die ersten klinischen Behandlungen mit Progesteron und auch die ersten medizinischen Zulassungen für Norethisteron drehten sich um Menstruationsprobleme und die Behandlung von Unfruchtbarkeit bei Frauen. Von „sozialen Veränderungen“ konnte damals also noch gar keine Rede sein.

Allerdings wusste man schon seit den 1920er-Jahren, dass Progesteron als ein „natürliches Verhütungsmittel“ wirkte. Man hatte nämlich festgestellt, dass Frauen während ihrer Schwangerschaft nicht erneut schwanger werden können, weil ihr Organismus ständig Progesteron produziert.

Erst einige Jahre nach unserer Entdeckung von 1951 ging es dann um die Anwendung von Präparaten wie Norethisteron – oder einem unter dem Namen Anvolar bekannten Folgeprodukt, das in Deutschland erstmals 1962 als Pille zugelassen wurde – als oral wirksames Verhütungsmittel für Frauen. Zu diesem Zeitpunkt, sagen wir ab etwa 1960, stellten sich natürlich auch ganz andere Fragen im Zusammenhang mit unseren früheren Forschungsergebnissen. Die Frage nach der Verantwortung für soziale Veränderungen durch diese Produkte hätte dann bejaht werden müssen.

Sie behaupten in Ihrem Buch, wäre Ihre Entdeckung 15 Jahre später geschehen, würde es die Pille heute nicht geben. Warum?

Diese Prognose beruht hauptsächlich auf den Veränderungen in der Pharmaindustrie in den letzten 30 Jahren. Der Fokus der Forschung hat sich drastisch verschoben, vor allem weil wissenschaftliches Arbeiten immer teurer wurde. Zum Teil lag das an den wachsenden Sicherheitsstandards. Die Forschung kostete aber auch aus anderen Gründen immer mehr Geld. Bis zur Markteinführung eines neuen Medikaments werden in den USA gegenwärtig 300 bis 500 Millionen Dollar an Forschungsgeldern verschlungen. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob das neue Produkt nur für 1000 Patienten oder für eine Millionen gedacht ist. Als Folge hat sich seit den 1970er-Jahren die Pharmaindustrie auf Produkte eingeschossen, für die es einen großen Markt gibt. Die drei wichtigen Märkte sind Europa, Nordamerika und Japan. Das bringt einen weiteren Aspekt ins Spiel: Die Pharmaindustrie ist auf solche Präparate fokussiert, die von Menschen in den wohlhabenderen Ländern benötigt werden. Dass es nach wie vor solche verheerenden Krankheiten wie Malaria gibt, ist traurig, aber kein Wunder, denn diese bedrohen die Menschen in den ärmeren Weltregionen. Das Interesse an der Entwicklung von Medikamenten gegen solche und andere parasitischen Krankheiten ist gering, weil die Pharmakonzerne damit kein Geld verdienen würden.

Ist deshalb auch das ökonomische Interesse an neuen Verhütungsmitteln gesunken?

In der Tat – diese Entwicklungen sind Grundlage für meine Behauptung, die Pille hätte es bei 15 Jahre später erreichten Forschungsergebnissen nicht mehr gegeben. In Europa und Japan spricht man von geriatrischen Gesellschaften, also Populationen, die immer älter werden. Auch Nordamerika entwickelt sich in diese Richtung. Demzufolge konzentriert sich die Arzneiforschung insbesondere bei den 20 größten Pharmaunternehmen der Welt zunehmend auf die Bedürfnisse älterer Bevölkerungsschichten – zum Beispiel Alzheimer, Krebs, Entzündungen etc. Für die sind Verhütungsmittel natürlich völlig uninteressant. Es gibt heute im Gegensatz zu früher nur noch sehr wenige Labors, die an neuen Verhütungsmitteln forschen.

Die Pille hätte es bei 15 Jahre später erreichten Forschungsergebnissen nicht mehr gegeben.

Ist das der Grund dafür, dass es immer noch keine Pille für den Mann gibt?

Das lässt sich nicht von der Hand weisen. Ich glaube sogar, dass es in den nächsten 10 oder 20 Jahren keine Pille für den Mann geben wird – obwohl das aus wissenschaftlicher Sicht kein Problem wäre. Schon seit den 70er-Jahren weiß man genau, was zu tun wäre: Man braucht ein Steroid, das die Spermienproduktion lahm legt, und gleichzeitig würden wir ein Testosteronderivat verabreichen, das Männern ihre Libido erhält. Das wäre im Grunde recht simpel, dennoch betreibt heute keines der 20 größten Pharmaunternehmen der Welt irgendwelche Forschungen auf diesem Gebiet. Von diesen 20 Firmen gibt es auch nur zwei, die überhaupt irgendein Verhütungsmittel verkaufen – in beiden Fällen die Pille.

Mit einer Pille für den Mann kann man längst nicht so viel Geld verdienen als mit einem Medikament für die geriatrischen Gesellschaften. Der gesamte Umsatz mit allen Verhütungsmittelpillen in den USA beläuft sich jährlich auf etwa 1 bis 1,5 Milliarden Dollar – er verteilt sich auf sechs Unternehmen. Das ist nicht besonders viel. Die großen Konzerne finden einzelne Produkte, die jeweils Umsätze von drei Milliarden im Jahr versprechen, viel attraktiver. Das ist zum Beispiel auch der Grund dafür, dass es Viagra gibt, aber keine Verhütungsmittelpille für den Mann.

Bedauern Sie das?

Natürlich bedauere ich das. Ich bin der Meinung, dass wir Verhütungsmittel-Supermärkte bräuchten mit großen Sortimenten für Männer und Frauen. Momentan ist das Angebot sehr dünn. Die Pille nimmt etwa die Hälfte des Platzes ein, für Männer gibt es Kondome.

In Deutschland werden viel mehr natürliche Heilmittel genutzt als anderswo. Alles Natürliche gilt hier automatisch als gut, obwohl die Natur im Großen und Ganzen das Gefährlichste überhaupt ist.

Sie beschreiben in This Man’s Pill auch, dass der gesellschaftliche Fortschrittsoptimismus der 50er-Jahre in einen Zukunftspessimismus umschlug. Hat auch das die Nachfrage nach Verhütungsmitteln beeinflusst?

Insofern, dass diese naive Vorstellung, man könnte Verhütungsmittel oder Medikamente ohne Nebenwirkungen herstellen, verbreitet wurde, ganz sicher. Zwar wissen die meisten Leute, dass man Nebenwirkungen und Risiken nie ganz ausschließen kann. Wenn dem nicht so wäre, würde niemand mehr Ski laufen. Auch wenn man krank ist, nimmt man es in Kauf, Medikamente zu schlucken, die Nebenwirkungen haben können. Allerdings verhält es sich anders, wenn man gesund ist. Dann fällt es nicht so leicht, Nebenwirkungen zu akzeptierten. Eine Pille für den Mann mit potenziell negativen Begleiterscheinungen hat deshalb kaum eine Chance. Da bleiben die Leute gerade im heutigen Klima lieber bei den bewährten Verhütungsmethoden.

Woran liegt es, dass breite Gesellschaftsschichten am emanzipatorischen Potenzial der Naturwissenschaften zweifeln?

Diese Angst vor neuen Technologien ist in Deutschland viel stärker ausgeprägt als in den Vereinigten Staaten. Das ist verständlich und hat zum Teil mit der deutschen Geschichte zu tun. Man kann diese Gefühlslage nachvollziehen, auch wenn sich dahinter nicht unbedingt eine bestechende Logik verbirgt. Ich würde eine bedachte Skepsis unter keinen Bedingungen bekämpfen wollen. Allerdings gibt es auch extreme Anwandlungen, zum Beispiel die Vorstellung, dass alles „Natürliche“ per se gut ist. In Deutschland werden viel mehr natürliche Heilmittel genutzt als anderswo. Alles Natürliche gilt hier automatisch als gut, obwohl die Natur im Großen und Ganzen das Gefährlichste überhaupt ist. Die Vorgänge in der Natur liegen außerhalb der menschlichen Kontrolle. Die ärgsten Gifte sind die natürlichen, nicht die synthetischen. Trotzdem glauben viele Leute, dass alles, was in der Natur passiert, automatisch gut und gesund ist.

Sie fragen in Ihrem Buch nach Grenzziehungen, weil wir uns durch neue Technologien wie Klonen in Richtung »maßgeschneiderte Nachkommenschaft« bewegen. Solche Bilder werden von den Medien gerne zur Panikmache genutzt. Sind Sie ein Zukunftspessimist?

Im Gegenteil, mein Anliegen ist es überhaupt nicht, Horrorbilder nachzuzeichnen. Ebenso wenig möchte ich aber gleich auf alles fertige Antworten liefern. Mir geht es vor allem darum, Fragen aufwerfen und in This Man’s Pill auch die Grautöne der Entwicklungen darzustellen. Wenn ich als ausgesprochener Optimist nur weiße Antworten liefern würde, wäre das für viele unglaubwürdig – schon deshalb, weil ich ein Wissenschaftler bin. In meinen Augen ist das wichtigste Wort dieses Jahrhunderts das englische „but“ – auf Deutsch „aber“. Dieser Begriff sollte bei jeder Wertung angefügt werden, um die Aussage überprüfen zu können. Das gilt auch für Fragen der modernen Reproduktionstechnologien.

Sie waren Mitbegründer der Abteilung für Humanbiologie an der Universität Stanford. Dort wurde das Ziel verfolgt, das globale Bevölkerungswachstum interdisziplinär zu thematisieren. Welchen Einfluss hat die Erfindung der Pille auf die Entwicklung der Weltbevölkerung?

Sicher gibt es Wechselwirkungen, aber es wäre fatal zu glauben, dass die Bereitstellung der Pille hauptsächlich mit dem Wachsen oder Schrumpfen von Populationen zu tun hat. Nehmen Sie Japan: Dort wurde die Pille erst vor zwei Jahren eingeführt, aber die japanische Gesellschaft schrumpfte schon lange und wird immer älter. Die Pille hat an dieser Situation nichts geändert. In Deutschland entscheiden sich heute viele Paare für nur ein Kind. Auch das hat mit der Pille wenig zu tun. Kürzlich wurde aus Großbritannien berichtet, die Bevölkerungszahlen sänken, weil zu viele Frauen die Pille nehmen. Das ist Unfug. Italien zählt seit geraumer Zeit zu den Ländern mit den kleinsten Familien der ganzen Welt. Bis vor 15 Jahren haben dort aber nur relativ wenige Frauen die Pille geschluckt.

Es ist also ein Trugschluss, wenn man meint, neue Technologien würden automatisch neue soziale Probleme oder Trends auf den Plan rufen. Auch das Gegenteil kann der Fall sein. Die individuellen Familienplanungen in Europa sind mehr davon tangiert, dass Frauen häufiger arbeiten und einen anderen gesellschaftlichen Status haben als früher. Viele verschieben das Kinderkriegen auf einen späteren Lebensabschnitt. Mit Verhütungsmitteln hat das nichts zu tun, außer dass sie es erleichtern, ein solches Ziel zu erreichen.

Es ist ein Trugschluss, wenn man meint, neue Technologien würden automatisch neue soziale Probleme oder Trends auf den Plan rufen.

Gilt das auch für Entwicklungsländer?

Dort ist die Situation umgedreht, die Populationen wachsen in weiten Teilen der Welt, wo es oft überhaupt keine Verhütungsmittel gibt. Das ist ein Problem. Die Möglichkeiten zur Familienplanung sind in vielen Entwicklungsländern sehr begrenzt. In Pakistan zum Beispiel verdoppelt sich die Bevölkerungszahl etwa alle 25 Jahre. Daraus entstehen riesige soziale Probleme. Die Bereitstellung der Pille würde sicher vielerorts einen positiven Beitrag leisten können und hat das auch schon getan. Schauen Sie zum Beispiel nach Algerien, Brasilien oder Bangladesh. Dort ist die Pille die populärste Verhütungsmethode, so wie es in 78 von 150 Ländern der Welt der Fall ist. Einen Automatismus in Richtung kleinere Familien gibt es aber auch hier nicht.

Führte die Politisierung des Bevölkerungswachstums in der Dritten Welt nicht auch zu einem neuen Chauvinismus gegenüber den dort lebenden Menschen – verpackt als »humanitärer Interventionismus«?

Einen solchen Trend gab es Mitte der 60er- und Anfang der 70er-Jahre. Für die späteren Jahrzehnte trifft das aber kaum mehr zu. Das Verhältnis von Industrie- zu Entwicklungsländern hat sich in den letzten 30 Jahren stark gewandelt. Ein Spiegel dafür sind die alle zehn Jahre veranstalteten Weltbevölkerungskonferenzen der UNO. Bei den frühen Treffen gab es mitunter berechtigte Kritik der Repräsentanten der Dritten Welt an den damaligen US-Präsidenten Johnson oder Nixon. Ihnen wurde vorgeworfen, sie würden sich in die Angelegenheiten der armen Länder einmischen und ihnen ihre Bevölkerungspolitik oktroyieren. Schon bis in die 80er-Jahre hatte sich das Blatt gewandelt. In den USA verfolgte man zu diesem Zeitpunkt eine liberale Wirtschaftspolitik. Man ging davon aus, dass nur ein möglichst freier Markt die globalen Probleme lösen könne. Demzufolge wandte sich das US-Establishment auch gegen eine interventionistische Bevölkerungspolitik. Es waren nun die Regierungen von Entwicklungsländern, die Konzepte für Bevölkerungspolitiken in ihren Ländern vorstellten und um Unterstützung baten. In China wurde sogar von staatlicher Seite festgelegt, dass jedes Paar nur ein Kind haben durfte. Die Entwicklungsländer wurden allerdings bis heute mit ihren Sorgen und Nöten allein gelassen. Das zeigt sich schon daran, dass kaum noch Forschung in dieser Richtung betrieben wird.

Männer können wegen ihrer Fertilität bis ins hohe Alter sagen: Ich könnte mein erstes Kind erst mit 45 haben. Warum soll Frauen diese Option nicht auch geboten werden?

Sie behandeln in Ihrem Buch auch die Methoden zur künstlichen Befruchtung und die Vision der vollkommenen Trennung von Sex und Befruchtung: Männer und Frauen lassen sich in jungen Jahren ihr Sperma bzw. ihre Eizellen einfrieren, anschließend werden sie sterilisiert und können später bei Kinderwunsch eine künstliche Befruchtung einleiten. Für wie realistisch und erstrebenswert halten diese Entwicklung?

Dieses Szenario habe ich schon 1994 in einem Beitrag für die wissenschaftliche Fachzeitschrift Nature beschrieben. Ich bin davon überzeugt, dass es sich in einigen reichen Ländern mit wohlhabenden Bevölkerungsschichten durchsetzen wird, insbesondere wenn Frauen zunehmend dazu übergehen möchten, das Kinderkriegen ins Alter von Ende 30 oder Anfang 40 zu verschieben. Technisch ist das schon fast machbar. In den USA und in China ist Sterilisation heute schon die populärste Methode der Empfängnisverhütung bei verheirateten Paaren. Das sind zwar überwiegend Erwachsene, die schon Kinder haben – also Frauen im Alter ab 30, Männer bis ins Alter von 50 und 60 Jahren. Aber warum sollte sich nicht auch ein junger Mann auf diese Verhütungsmethode einlassen, wenn man ihm garantieren kann, dass er sein eingefrorenes Sperma jederzeit wieder auftauen und zur Fortpflanzung nutzen kann. Männern kann man eine solche Garantie geben, bei Frauen ist das ein bisschen komplizierter. Eine Sterilisation in jungen Jahren würde jedenfalls das Leben viel bequemer machen. Für Frauen können diese Technologien außerdem von großem Vorteil sein, wenn sie ihren Kinderwunsch verschieben möchten. Ich betrachte das als eine Art von Frauenrecht. Männer können wegen ihrer Fertilität bis ins hohe Alter sagen: Ich könnte mein erstes Kind erst mit 45 haben. Warum soll Frauen diese Option nicht auch geboten werden? Da ihre Fruchtbarkeit mit dem Alter rasch nachlässt – oft schon ab dem 35. Lebensjahr –, wäre es sinnvoll, junge Eizellen einfrieren zu lasen.

Vielen Dank für das Gespräch.