28.01.2026
„Wir brauchen eine kulturelle Revolution“
Interview mit Frank Furedi
Der Liberalismus steckt schon lange in der Krise. Inzwischen gilt das auch für die Demokratie, die durch einen populistischen Aufbruch wieder an Feuer gewinnen könnte.
Prof. Frank Furedi ist Soziologe und Autor. 1947 in Budapest zur Welt gekommen, verließ er nach dem Aufstand von 1956 mit seiner Familie das Land, um sich in Kanada niederzulassen. Er promovierte an der University of Kent in England und lehrte dort über viele Jahre Soziologie. In den 1970ern war er aktiv in linksradikalen Bewegungen und nahm an der Gründung der – von manchen Zeitzeugen als sektiererisch beschriebenen – Revolutionary Communist Party teil. Mit der Zeit verschob sich sein Forschungsinteresse von den damaligen Themen britischer linksradikaler Akademiker (Imperialismus, Rassismus, Krieg) zunehmend hin zur Analyse des Wandels von politischer Kultur und Öffentlichkeit in westlichen Demokratien. Um die Jahrtausendwende widmete er sich in mehreren Monographien der Soziologie von Risikobereitschaft und Angst. In späteren Büchern – etwa „Populism and the European Culture Wars“, „On Tolerance“ oder „Why Borders Matter“ – verfolgte er dann unter anderem die These, dass politische Konflikte institutionell nicht mehr ausgetragen werden können, wo Widerspruch als Rücksichtslosigkeit und Differenz als Gewalt denunziert wird. Diese Entwicklung beobachtet er besonders im Bildungswesen, im medialen Diskurs und in supra- und internationalen Organisationen. Populistische Bewegungen sind für Furedi kein Ausnahmephänomen, sondern zugleich Ergebnis von und Antwort auf jene Unfähigkeit traditioneller Institutionen, politische Spannungen zu artikulieren. Redefreiheit, so Furedi, ist unter diesen Bedingungen nicht nur ein Grundrecht, sondern ein Maßstab für die Offenheit politischer Prozesse.
Diesen seinen Interessen geht Furedi nicht allein in wissenschaftlichen Publikationen nach. Er schreibt regelmäßig etwa auch für The Telegraph, The Spectator, UnHerd und Spiked und leitet zudem seit einigen Jahren die Brüsseler Zweigstelle des Mathias Corvinus Collegium (MCC), einer Bildungs- und Forschungseinrichtung mit Sitz in Budapest. Der Standort Brüssel soll, so die Selbstauskunft, ein Ort für abweichende Perspektiven auf europäische Integration, Globalisierung, Migration und nationale Souveränität sein. Die Diskussion über Migration und Grenzpolitik hält Furedi für zentral, weil sie grundlegende Fragen politischer Zugehörigkeit berührt: Wer darüber entscheidet, wer in eine Gesellschaft aufgenommen wird, entscheidet auch darüber, wie diese Gesellschaft sich definiert. Was manche als „Migrationskrise“ bezeichnen, begreift er daher nicht zuletzt als „Identitätskrise“.
Folgerichtig fragt Furedi in seinem aktuellen Buch „The War Against the Past. Why the West Must Fight for Its History danach, wie sich der Umgang mit Geschichte in westlichen Gesellschaften verändert hat. An die Stelle einer Auseinandersetzung mit Vergangenheit als Teil kollektiver Erfahrung trete ein Verständnis von Geschichte als einem Fehler, der aus dem öffentlichen Raum getilgt werden muss. Für Furedi ist dieser Prozess nicht nur kulturell, sondern auch politisch folgenreich: Eine Gesellschaft, die ihre Geschichte als Belastung begreift, verliere den Bezug zu den Grundlagen ihrer Institutionen.
Das folgende Gespräch Furedis mit Mark Feldon und Kolja Zydatiss für die Zeitschrift casablanca nimmt einige dieser Fragen auf.
casa | blanca: Professor Furedi, Sie vertreten die These, der moderne Liberalismus habe einen Verlust an Autorität erlitten. Wann hat diese Krise begonnen?
Frank Furedi: Ich denke, der Liberalismus begann kurz nach dem Ersten Weltkrieg, erste Geltungsprobleme zu erfahren. Durch die sich wandelnden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realitäten wurden viele seiner Ideale in Frage gestellt. Der Liberalismus selbst begann, sein Vertrauen in die Prinzipien der liberalen Demokratie zu verlieren. Es entstand die Idee, die Demokratie müsse reguliert und kontrolliert werden, damit die Mehrheitsmeinung nicht diejenige der Minderheit unterdrückt. Man rückte deshalb die Minderheit in den Mittelpunkt, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass dadurch potenziell eine neue Tyrannei der Minderheit über die Mehrheit befördert wurde. Das wiederum führte dazu, dass der Liberalismus zunehmend illiberal wurde und das liberale System nach Lösungen außerhalb des Liberalismus zu suchen begann.
In Großbritannien und den USA etwa wurde der neue Liberalismus immer stärker zur Partei des Staates, was im Widerspruch zum klassischen Liberalismus stand. In Deutschland entwickelte sich der Ordo-Liberalismus, der eher einen etatistischen, protektionistischen Ansatz verfolgte. Über die Jahrzehnte wurde der Liberalismus auf den wirtschaftlichen Bereich reduziert, während politische und soziale Fragen in den Hintergrund gerieten. Der Liberalismus verlor den Kontakt zur Bevölkerung und wurde politisch irrelevant.
„Wenn man etwa an Toleranz glaubt, was ein zentraler liberaler Wert ist, dann darf man nicht anfangen, Menschen zu zensieren, die man ablehnt, oder Gesetze gegen ‚Hate Speech' zu erlassen.“
Halten Sie das für eine Konsequenz aus Schwächen der philosophischen Grundlagen des Liberalismus selbst oder eher für ein Versagen der Eliten, die ihn repräsentieren?
Die meisten würden darauf heute wohl antworten, der Liberalismus als Idee habe versagt. Das teile ich nicht. Ich halte viel von den liberalen Idealen, doch es bedurfte auch einer starken politischen Führung, um sie zu verwirklichen. Wenn man etwa an Toleranz glaubt, was ein zentraler liberaler Wert ist, dann darf man nicht anfangen, Menschen zu zensieren, die man ablehnt, oder Gesetze gegen „Hate Speech“ zu erlassen. Viele Liberale haben vergessen, dass Freiheit kein Gut ist, über das zu verhandeln wäre. Der Liberalismus tat aber genau das. Er war immer wieder dazu bereit, individuelle Freiheit der öffentlichen Sicherheit zu opfern, als müsse man sich für eines der beiden entscheiden. Liberale Politiker und Individuen agierten unter ganz bestimmten historischen Umständen auf eine Weise, die dazu führte, dass Toleranz, Autonomie und Meinungsfreiheit zunehmend zum bloßen Lippenbekenntnis des Liberalismus verkommen sind, während er sich in der Praxis von alldem entfernte. Trotzdem bleiben diese klassischen liberalen Ideale, so meine ich, im 21. Jahrhundert genauso wichtig wie sie es in der Vergangenheit waren.
Sie sagen, dass sich liberale Wortführer von ihren eigenen Wurzeln entfremdet haben. Zugleich gibt es auch eine sich dem Einfluss von Einzelnen weitgehend entziehende gesamtgesellschaftliche Tendenz hin zu einer Obsession mit Risikominimierung, Sicherheit und Vulnerabilität. Wie groß ist der Anteil, den diese Tendenz an der Erosion liberaler Werte hat?
Diese Obsessionen sind durch einen neuen Begriff dessen vermittelt, was es bedeutet, Mensch zu sein, und was Personalität ausmacht. Das menschliche Subjekt, so scheint es mir, wurde herabgestuft. Es herrscht zunehmend ein Glaube vor, dass Menschen verletzlich sind, dass sie bedroht sind, dass sie nicht in der Lage sind, mit den Herausforderungen des Lebens adäquat umzugehen. Sie brauchen Unterstützung von Therapeuten, Lebensberatern und allerlei ähnlicher Berufsgruppen, weil sie auf sich allein gestellt keine verantwortungsbewussten, reifen Bürger sein können. Und wenn man menschliche Subjektivität als sehr passiv betrachtet, dann verändert sich natürlich auch die Einstellung zu Risiken und die Bereitschaft zu mutigem Handeln. Das äußert sich sogar in bestimmten Sprachtrends. Ursprünglich war mit „Mut“ eine Tugend gemeint, heute ist oft die Rede vom „Mut, zu überleben“. Die bloße Tatsache, dass man lebt, soll also Mut belegen. Der Begriff wurde vollkommen trivialisiert. Diese ganzen Entwicklungen sind also vermittelt durch einen neuen Blick auf die Menschen, insbesondere im Bereich der Elternschaft und der Erziehung, wo Kinder nicht als potenziell unabhängige Individuen angesehen werden, sondern als per Definition schwach und machtlos.
Hat sich der Liberalismus von einer Philosophie der Freiheit in eine Ideologie der Verwaltung und der Kontrolle verwandelt?
Ja, das kann man so sagen. Aber es gibt ihn immer noch. Die Bücher sind immer noch da. In der Praxis hat das, was heute „liberal“ genannt wird, jedoch nichts mehr mit dem ursprünglichen Liberalismus gemein. Also ja: Er hat sich ziemlich verändert.
Die fundamentalen Texte des Liberalismus können und sollen also weiterhin gelesen werden – aber ist die liberale Ordnung als eine politische und geopolitische Formation noch reformierbar oder ist sie so ausgehöhlt, dass sie nicht mehr zu retten ist?
Sie ist irreparabel ausgehöhlt. Ich denke, wir brauchen eine kulturelle Revolution, die einige dieser klassischen Werte zurückbringt. Das, was heute als liberales Establishment bezeichnet wird – zu Unrecht, denn sie sind nicht wirklich liberal –, ist nicht mehr imstande, eine aufgeklärte, positive Rolle zu spielen.
„Grenzen definieren einen Raum, ein Territorium, in dem Gemeinschaften gedeihen und florieren.“
In Ihrem Buch „Why Borders Matter“ schreiben Sie, dass Grenzen sowohl territorial als auch kulturell verfasst sind. Wenn Sie sagen, dass es einer kulturellen Revolution bedürfe, stellt sich die Frage, wie sich unkontrollierte islamische Migration auf die kulturelle Sphäre auswirkt.
Sehr stark. Die Menschen sind sich nicht darüber bewusst, dass Grenzen eine moralische Tiefe haben. Sie sind nicht nur physische Gebilde. Sie definieren tatsächlich einen Raum, ein Territorium, in dem Gemeinschaften gedeihen und florieren. Im antiken Griechenland etwa wurde die Stadtmauer mit der Demokratie und den Gesetzen dieser Stadt gleichgesetzt. Sie galt nur für die Menschen, die sich innerhalb dieser Mauern befanden. Ich denke, dass Grenzen auch heute noch gewissermaßen die Fläche schaffen, auf der eine gemeinsame soziale und kulturelle Erfahrung aufgebaut wird. Wenn man das einfach über Bord wirft, zerstört man viele der Werte und Praktiken, die die Menschen miteinander verbinden.
Glauben Sie, dass die Schwierigkeiten Europas bei der Integration von Muslimen eher auf die kulturelle Erschöpfung Europas oder auf die Dominanz der islamischen Identität zurückzuführen sind?
Die kulturelle Erschöpfung Europas ist logisch vorrangig. Wenn die Deutschen oder Franzosen nicht stolz darauf sein können, Deutsche oder Franzosen zu sein, dann können sie im Grunde genommen keine Fremden integrieren, weil es dann nichts gibt, was eine gewisse kulturelle Anziehungskraft auf diese ausüben könnte. Wenn Muslime das sehen, sagen sie sich: Schaut euch diese Deutschen an, die sind doch ein Haufen von Pussies. Und das ermutigt sie, ein viel aggressiveres, viel dominanteres Verhalten anzunehmen. Es verstärkt sich also beides gegenseitig.
Wirkt das Islamophobie-Narrativ als politisches Schutzschild zur Abwehr von Kritik an der Islamisierung?
Genau das ist sein Zweck. Islamophobie ist ein irrationaler Begriff. Er wurde geschaffen, um dem Islam einen Freifahrtschein zu geben, damit er sich bestimmten Fragen und Kritik nicht stellen muss. Und deshalb untergräbt er grundlegend den Wert der Toleranz. Tolerant zu sein bedeutet, dass man andere Religionen duldet; man duldet sie, obwohl man sie hasst, und man hat das Recht, sie zu kritisieren. Diese ganze Idee, dem Islam diese Sonderbehandlung zukommen zu lassen, ist also ein zutiefst illiberaler Akt und kann nur dem Zweck einer viel autoritäreren politischen Kultur dienen.
Dieser neue Autoritarismus dürfte ein Versuch sein, der politischen Sprengkraft Herr zu werden, die die Bildung von Parallelgesellschaften überall in Europa birgt.
Absolut. Wir leben in einem sehr polarisierten Umfeld, in dem unsere Gesellschaften gewissermaßen balkanisiert werden. Denn der Multikulturalismus, so wie er sich entwickelt hat – unvermeidlicherweise entwickelt hat, muss man sagen –, verstärkt Unterschiede, statt einen Ort der Assimilation zu schaffen, an dem man zusammenkommt und sich ähnlichen Werten verschreibt. Und mit jeder Generation nimmt die Polarisierung zu.
„Nationalbewusstsein und Patriotismus müssen nicht primitiv oder feindselig gegenüber anderen Gruppen sein.“
Wie kann der Westen sein kulturelles Selbstbewusstsein wieder stärken, ohne in primitiven Nationalismus zu verfallen? Oder ist es dafür bereits zu spät?
Ich denke, dass es eine Renaissance des Westens geben kann, aber dafür braucht es vernünftige Menschen, die die Richtung vorgeben. Mir scheint, dass dazu auch die Wiederbelebung des Nationalbewusstseins, des Patriotismus gehört. Nationalbewusstsein und Patriotismus müssen nicht primitiv oder feindselig gegenüber anderen Gruppen sein. Es geht darum, sich klarzumachen, wer man ist und wofür man steht, ein Verständnis davon zu entwickeln, was es bedeutet, Deutscher, Franzose oder Engländer zu sein.
Sie haben den Populismus als den Sauerstoff der Demokratie beschrieben. Warum fürchten liberale Eliten ihn so sehr?
Ihre Abneigung gegen den Populismus ist beinahe eine Art indirekte Form der Abneigung gegen die Menschen, die ihn unterstützen. Es sind eigentlich diese Menschen, die sie hassen. Sie sehen diese Menschen, die ihnen vollkommen fremd sind, im Grunde als Bedrohung an. Sie können nicht verstehen, warum Menschen die Flagge ihrer Nation hissen oder warum sie stolz darauf sind, Teil einer Nation zu sein. Zwischen der Elite und den Menschen, die populistische Parteien wählen, tut sich eine so tiefe psychische Kluft auf, dass es von jener Seite keinerlei Bereitschaft gibt, die Motive für ein solches Wahlverhalten nachzuvollziehen. Ich denke, es handelt sich dabei um das alte Problem der Demophobie in neuer Gestalt. Darum geht es.
Was entgegnen sie jenen Stimmen, die meinen, dass der Populismus von Natur aus destruktiv ist und es ihm an einer konstruktiven Vision mangelt?
Ich denke, diese Behauptung basiert auf der Eliten-Definition von Populismus. Mit dem Populismus ist so eine Sache: Die meisten Menschen, die als Populisten bezeichnet werden, bezeichnen sich selbst nicht als solche. Es verhält sich anders als mit Selbstbezeichnungen wie „Sozialist“, „Kommunist“ oder „Konservativer“. Wer würde sich schon selbst einen Populisten nennen? Niemand. Der Begriff kam als Fremdbezeichnung in die Welt. Es ist ein belasteter Begriff, der impliziert, dass diejenigen, die so bezeichnet werden, rassistisch, fremdenfeindlich und antipluralistisch seien. Alle möglichen Eigenschaften schwingen als Unterstellungen in ihm mit. Dabei wollen die meisten Menschen, die populistische Parteien wählen, einfach nur ein Zuhause finden, ein spirituelles, politisches, kulturelles Zuhause. Sie wollen in irgendeiner Weise auf ihre eigene Welt stolz sein können.
Was sind die politischen Implikationen dieses Bedürfnisses? Ist die populistische Revolte als Ruf nach symbolischer Anerkennung zu verstehen oder als Forderung nach nationalstaatlicher Souveränität angesichts der Globalisierung?
Zunächst einmal ist es ein Ruf nach Mitsprache. Die Menschen wollen ernst genommen werden. Sie wollen Teil der Debatte sein. Es ist auch eine Forderung nach Solidarität. Die Menschen wollen gewissermaßen stärkere Bindungen untereinander aufbauen. Und natürlich ist Souveränität sehr wichtig, denn nur auf nationaler Ebene können diese Dinge erreicht werden.
Sehen Sie diese Revolte als eine Bewegung – Brexit, Trump, Le Pen, Meloni –, die über Ländergrenzen hinweg konvergiert, oder handelt es sich dabei eher um lokale Ausbrüche?
Es handelt sich in erster Linie um nationale Entwicklungen. Manchmal gibt es Konvergenzen, aber diese sind nicht zwangsläufig. Le Pen hat zum Beispiel eine andere Wirtschaftspolitik als Meloni. Einige sind liberaler, andere protektionistischer. Ich glaube, den Menschen ist nicht wirklich bewusst, dass diese sogenannten populistischen Führer genauso gespalten sind wie die konservativen oder die linken.
„Man braucht gewissermaßen eine politische Renaissance.“
Kann der Populismus zu einer stabilen politischen Ordnung heranreifen oder wird er immer rebellisch bleiben?
Das ist die Frage, mit der ich mich beschäftige. Ich habe gerade ein Buch zu diesem Thema geschrieben. Der Populismus steht vor der Herausforderung, erwachsen zu werden. Wenn es ihm gelingt, einen intellektuellen Kreis um sich zu bilden, sodass er an Anspruch gewinnt, stehen die Chancen gut. Wenn es beispielsweise in Deutschland der AfD gelänge, Einfluss unter den Intellektuellen zu gewinnen oder alternativ eine eigene ‚Intelligenzija‘ zu schaffen, könnte sie sich zu einer viel reiferen und professionelleren Bewegung entwickeln.
Dass dieses Szenario zusehends realistischer wird, dürfte der Grund sein, weshalb die liberalen Eliten ihre Anstrengungen verstärken, Zensur, moralische Stigmatisierung und technokratische Kontrolle als Waffen gegen den Populismus einzusetzen.
Absolut. Wir arbeiten in Brüssel daran, dem entgegenzuwirken. Das ist derzeit überall in Europa ein wachsendes Problem. Je mehr die populistischen Bewegungen an Stärke gewinnen, desto mehr stoßen sie auf diese Art von hysterischer Reaktion.
Ist die „woke“ Ideologie, die ja erst nach dem Wahlsieg Trumps 2016 wirklich an Fahrt aufgenommen hat, in diesem Sinne als Abwehrgefecht in Reaktion auf das Schwächeln der liberalen Hegemonie zu verstehen? Handelt es sich um den neuen Moralkodex einer bedrohten Managerklasse?
Ich würde „Woke“ nicht als Ideologie bezeichnen. Es hat ideologische Elemente. Ich sehe es so, dass die managerial class mit ihrem Faible für das Expertentum aus sich selbst heraus nicht genug Legitimität hat, um Unterstützung zu mobilisieren. Deshalb sucht sie permanent nach anderen Bewegungen, die sie absorbieren kann. Lange Zeit gelang ihr das, indem sie sich mit Grünen und Umweltschützern zusammengetan hat. Die Polit-Manager wurden grün und redeten über Nachhaltigkeit und dergleichen. Und dann gibt es noch die Identitätspolitik, zu der sie eine enge Beziehung aufgebaut haben. Ich denke, dass diese Politisierung der Identität, die ich in meinen Büchern über Identitätskrisen thematisiere, der Motor dessen ist, was wir als „Wokeismus“ bezeichnen, obwohl ich den Begriff nicht sonderlich mag. Es ist aber das, was zu dieser gegen die Zivilisation gerichteten Sensibilität führt. „Woke“ ist antitraditionalistisch. Seine ideologische Kohärenz ergibt sich aus der Opposition gegen das, was ihm vorausging und die Zivilisation ausgemacht hat, und nicht aus etwas Positivem im Inneren.
Wer hat heute die Initiative in dem Kampf zwischen dem populistischen Aufstand und der liberalen Gegenrevolution?
Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, dass die populistische Seite heute viel stärker ist als früher, aber es handelt sich immer noch um die Ansichten einer Minderheit. 2026 wird sich, so denke ich, entscheiden, ob der Populismus seinen Aufschwung fortsetzen kann oder ob er gebremst wird und an Kraft verliert. Was ich mir erhoffe, ist, das zu sehen, was ich ‚umgekehrten Gramsci‘ nenne – dass wir unsere eigenen organischen Intellektuellen hervorbringen. Im Grunde genommen brauchen wir eine kulturelle Revolution, die systematisch verfolgt wird. Ich bin mir also unsicher, neige aber dazu zu glauben, dass der Populismus das Potenzial hat, immer weiter an Einfluss zu gewinnen. Aber je mehr Einfluss er gewinnt, desto stärker wird die Reaktion sein, die er hervorruft. Und das könnte in den kommenden Jahren sehr unangenehm werden.
Glauben Sie also, dass der Westen noch über die inneren Ressourcen verfügt, um die liberale Demokratie zu erneuern, oder treten wir in ein völlig neues postliberales Zeitalter ein?
Ich glaube nicht, dass man das vorhersagen kann. Ich mag den Begriff „postliberal“ nicht. Ich mag keinen dieser „Post“-Begriffe. Ich halte eine solche Entwicklung für durchaus möglich, aber es hängt von vielen Dingen ab. Zunächst einmal braucht man eine stärkere populistische Präsenz. Denn mit einer stärkeren populistischen Präsenz gewinnt die Demokratie an Kontur und wird kreativer. Man braucht gewissermaßen eine politische Renaissance. Und dann können die Menschen im Westen entscheiden, unter welcher Art von Demokratie sie leben möchten.