01.01.2000

Wie Auschwitz zum Symbol des 20. Jahrhunderts wurde

Essay von Frank Furedi

Das heutige Gedenken an den Holocaust scheint den Blick auf die Geschichte zu verklären. Die Vergangenheit wird den Emotionen hingegeben, und in der Gegenwart suchen und finden Menschen ihre Identität als Opfer.

Für viele Menschen ist die Moderne gleichbedeutend mit dem Zeitalter des Holocaust. Selbst die britische Regierung will nun einen jährlichen Holocaust-Gedächtnis-Tag einführen. Offensichtlich wird der Holocaust, je weiter er in die Vergangenheit rückt, umso mehr zum Stoff für fette Schlagzeilen. Mit der Distanz zwischen uns und der Tragödie scheint auch das Bedürfnis zu wachsen, sie zu thematisieren. Mir ist nicht wohl dabei, wenn heute der Holocaust in ein moralisches Lehrstück verwandelt wird. Ein Großteil meiner Verwandtschaft wurde in Konzentrationslagern ermordet. Ich erinnere mich noch gut an die wütenden Ausbrüche meines Vaters, als ungarische Antisemiten nach 1945 verächtlich bemerkten‚ es seien mehr Juden nach dem Krieg zurückgekehrt, als ursprünglich in die Lager geschickt worden waren. Das Erinnern war für ihn wichtig; es ist wichtig für mich. Heute jedoch ist das Erinnern an den Holocaust zu einem offiziellen Ritual verkommen, das es jedem noch so scheinheiligen Politiker erlaubt, öffentlich seine überlegene moralische Haltung abfeiern zu lassen.
Vom Holocaust als dem entscheidenden Ereignis des 20. Jahrhunderts zu denken bedeutet, sehr viel zu vergessen. Unser Jahrhundert hat große menschliche Leistungen und Errungenschaften hervorgebracht. Millionen von Menschen haben sich gegen Tyrannei gewehrt, haben für ein besseres Leben gekämpft und die Welt positiv verändert. Immer wieder scheiterten sie dabei auch, immer wieder machten sie dabei auch Fehler. Trotz des Holocaust hat die Menschheit jedoch im Laufe dieses Jahrhunderts Beachtliches erreicht. Das Traurige ist, dass heute der Holocaust oft sinngleich für das 20. Jahrhundert steht – nicht, weil dies evident wäre, sondern weil wir das Vertrauen in die Möglichkeit menschlichen Fortschritts verloren haben.

“Das Erinnern an den Holocaust ist zu einem offiziellen Ritual verkommen, dass es jedem noch so scheinheiligen Politiker erlaubt, öffentlich seine überlegene moralische Haltung abfeiern zu lassen”

Heute herrscht ein ganz anderes Bild von den Möglichkeiten menschlichen Verhaltens vor als zu Beginn des Jahrhunderts. Bedeutende Kulturschaffende, Intellektuelle und viele landläufige Vorstellungen orchestrieren die Meinung, dass Menschen bei weitem weniger selbstständig, zu weniger befähigt, weniger zäh und beharrlich sind, als frühere Zeiten dies glauben mochten. In Umkehr dessen werden heute oftmals Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit als entscheidende Charakterzüge des Menschen gesehen. Ein Opfer ist mittlerweile nicht einfach jemand, den es zu bedauern gilt. Opfer zu sein, ist für viele zum Statussymbol geworden. Dies rührt daher, dass Opfer heute großes Gewicht haben. Sie sind Sympathieträger, an denen der weit verbreitete Glauben, das Leben sei von Kräften bestimmt, die wir nur wenig beeinflussen können, fest gemacht werden kann. Der Statusgewinn der Opfer weist darauf hin, dass sich die moralischen Grundlagen unserer Gesellschaft verschoben haben. Menschen werden heute weniger danach beurteilt, was sie erreicht haben, sondern eher nach dem, was sie erlitten haben.

Das Verständnis des Einzelnen als Wesen, das zu rationalem Handeln fähig ist, wird immer mehr verdrängt durch eine therapeutische Haltung, die Erfahrung in erster Linie vom Gefühl her verstanden wissen will. Therapeutische Formeln sind heute allgegenwärtig: Ausdrücke wie Stress, Selbstwertgefühl und emotionale Intelligenz teilen uns beständig mit, dass es schon das Äußerste ist, überhaupt den Alltag zu bewältigen. Gleichermaßen werden emotionale Erklärungen bei Problemen herangezogen, die einst philosophisch oder sozioökonomisch analysiert worden wären. Eine aktuelle groß angelegte Studie über die Krise des britischen Bildungswesens betonte besonders die emotionalen Gefahren, denen arme Kinder in ihren Familien und in ihrem Wohnumfeld ausgesetzt seien. Resümiert wurde dies in dem Satz: “Armut wirkt am verheerendsten auf die Emotionen derjenigen, die ihr ausgesetzt sind.” Wissenschaftler, die Förderanträge für ihre Arbeit stellen, werden heutzutage eher eine Bewilligung erhalten, wenn sie zu “Arbeitslosigkeit und geistige Gesundheit” arbeiten, als wenn ihr Thema “Strukturelle Arbeitslosigkeit” lautet. In unseren Gesellschaften wird Armut viel lieber als Problem der geistigen Gesundheit denn als soziales Problem diskutiert. Hinter diesem Ansatz steckt die weit verbreitete Annahme, dass schwierige Verhältnisse – selbst wenn es sich um eher Geringfügiges handelt – zu Stress, Traumata und psychischen Erkrankungen führen.

“Menschen werden heute weniger danach beurteilt, was sie erreicht haben, sondern eher nach dem, was sie erlitten haben”

Die Verschiebung vom Sozialen hin zum Therapeutischen wird noch deutlicher, wenn man gestandene soziale Probleme wie beispielsweise den Rassismus betrachtet. In der Vergangenheit haben Antirassisten meist auf die Bedeutung ökonomischer Ungleichheit, auf rechtliche Diskriminierung und auf problematische Gewaltverhältnisse hingewiesen. Heute hört man beim gleichen Problem viel eher die therapeutische Rede vom Opfer. Eine neuere Studie der Joseph-Roundtree-Stiftung versuchte, in diesen Tenor einstimmend, recht offensichtlich Unterstützung für die Opfer von Rassismus zu mobilisieren, indem sie die therapeutische Dimension des Problems betonte und darauf hinwies, dass Opfer von Rassismus an “Wut, Stress, Depressionen und Schlaflosigkeit” litten. Mit der Sprache der Therapie wird so ein altes Problem umformuliert. Was aber lässt die Kultur der Gefühle und das erhöhte Opferbewusstsein solche Blüten treiben? Soziale Veränderungen und moralische Unsicherheiten führen derzeit dazu, dass sich die Frage der eigenen Zugehörigkeit besonders dringlich stellt. In allen westlichen Staaten ist nationale Identität zunehmend fragwürdig geworden. In Großbritannien wird, nicht nur angesichts der Regionalisierung, heftig über die Bedeutung des “Britischen” diskutiert, in den USA herrscht kaum noch Einigkeit darüber, was unter “amerikanischen Werten” zu verstehen sei. Auseinandersetzungen rund um ethnische und regionale Fragen weisen darauf hin, dass traditionelles Nationalbewusstsein schwindet und von immer weniger Menschen als Identifikationsangebot wahrgenommen wird.


Solche verwirrenden Ablösungen überkommener Identifikationsmuster werden durch verwandte Entwicklungen noch bestärkt – Wohn- und Arbeitsumfelder fasern aus, Familien- und Genderbeziehungen werden immer unübersichtlicher. Alles in allem führt dies dazu, dass für den Einzelnen ein mächtiges Gefühl der Verunsicherung entsteht. Individuen, die sich innerhalb ihrer Gesellschaft nicht mehr richtig verorten können, stellen sich zunehmend bewusst die Frage ihrer Zugehörigkeit. – Aber zu was nur? Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten. Klare Zuordnungen sind, sowohl was die Ebene der Gemeinschaft als auch des Individuellen angeht, Mangelware. Angesichts des neuen, hohen Grades von Vereinzelung erlaubt der emotionale Ansatz es den Menschen, ihrem Leben wieder Sinn zu verleihen. Die Annahme, wir alle seien verletzlich und somit potenzielle Opfer, schafft die Voraussetzung dafür, vereinzeltes Erfahren wieder als geteilte Erfahrung wahrzunehmen. Wenn sonst schon wenig, teilen wir vielleicht wenigstens das Defizit in unserem Gefühlshaushalt? Die Gemeinschaft im Leiden ist denn auch die Basis für die gelegentlichen Ausbrüche von Gemeinschaftsgefühl und Solidarität, die heute noch nachhaltig auf das Leben von Einzelnen durchschlagen können. Im vergangenen Jahrzehnt kam es mehrmals zu Ausbrüchen kollektiver Trauer für Opfer von Unfällen oder Katastrophen, so für Prinzessin Diana, die Opfer des Bombenanschlags von Oklahoma oder des ICE-Unfalls in Eschede.

“Einer der Hauptzüge des heutigen Opferkultes ist das Phänomen, wie sehr hier die Vergangenheit zur Macht wird – zu einer unheilvollen Macht, die alles Gegenwärtige bestimmt”

Die Gemeinschaft im Mitfühlen, das Teilen von Schmerz scheint, zumindest vorübergehend, die Frage der Zugehörigkeit zu lösen. Gerade die Normalität des Leidens – denn jeder erleidet einmal etwas – erlaubt es, auch den Schmerz anderer zu teilen. Aus eben diesem Grund sind Opfershows im Fernsehen und Tagebücher von Opfern heute so beliebt. Gefühligkeit erlaubt es nicht nur einzelnen Menschen, plötzlich miteinander zu fühlen, sie verleiht den Opfern auch eine moralische Stimme und gibt ihnen Identität. Wobei die Identität des Opferseins besonders gut in unsere individualisierte Zeit passt. Leidensbewusstsein gibt Menschen mit Problemen die Möglichkeit, ihre Situation dadurch zu rationalisieren, dass sie sich damit auseinander setzen, was ihnen in der Vergangenheit widerfahren ist. Der Schlüssel hierzu ist die kulturelle Manipulation des Erinnerns. Beispielhaft hierfür ist die Kontroverse darum, was einerseits das “Syndrom Unterdrückter Erinnerungen” (repressed memory syndrome) genannt wird, andererseits als “Syndrom Falscher Erinnerungen” (false memory syndrome) bezeichnet wird. Vom soziologischen Standpunkt aus ist der interessanteste Aspekt dieser Debatte die Tatsache, dass, durch die Aufwertung der Opferkultur, Erinnerung an sich stark politisiert worden ist. Einerseits ist die Manipulation des Erinnerns (und der Erinnerung) selbstverständlich nicht neu. Über Jahrhunderte wurden durch das Umschreiben der Geschichte sowohl umfang- wie einflussreiche Mythologien geschaffen. Neu bei der gegenwärtigen Debatte über das Erinnern ist jedoch, dass sehr viel mehr auf dem Spiel steht. Das Zerbröseln individueller und kollektiver Identitäten hat das Interesse an der Vergangenheit wahrlich ins Kraut schießen lassen. Einer der Hauptzüge des heutigen Opferkultes ist das Phänomen, wie sehr hier die Vergangenheit zur Macht wird – zu einer unheilvollen Macht, die alles Gegenwärtige bestimmt. Die Art und Weise, in der heute Geschichte in gefühligem, therapeutischen Stile neu verfasst wird, bezeichnet eine entschiedene Verschiebung gegenüber früheren Ansätzen des Erinnerns.


In den letzten zwei Jahrhunderten wurde Geschichte vor allem zu dem Zwecke umgeschrieben, ein bestimmtes Volk oder eine bestimmte Kultur aufzuwerten. Heldenhafte Nationalmythen dienten nicht in erster Linie dem Schwelgen in einer glorreichen Vergangenheit. Sie wurden propagiert, um die Zukunft positiv zu gestalten. Der Mythos der amerikanischen “frontier” (der von Pionieren nach Westen immer weiter vorgeschobenen Grenze) gab der amerikanischen Gesellschaft ein klares Ziel, wie auch britische, französische und deutsche Nationalmythen dazu dienten, Zuversicht und Inspiration für eine bessere Zukunft zu erzeugen. Heute wird Geschichte aus ganz anderen Gründen umgeschrieben. Die Manipulation des gemeinsamen Erinnerns will heute nichts von der Zukunft. Ganz im Gegenteil ist das Erinnern ein Gemahnen an die Leiden der Vergangenheit. Ian Buruma konstatierte in einem scharfsinnigen Beitrag* zu dieser Debatte, dass heute unter Minderheiten die starke Neigung bestehe, “sich als Opfer der Vergangenheit zu definieren”. Die Fixierung auf vergangenes Leiden bietet gewissermaßen die Möglichkeit, sich einer kollektiven Therapie zu unterziehen.


Der Holocaust ist zum Fixierbild dieser neuen therapeutischen Geschichtsschreibung geworden. Die einzigartige Brutalität der Endlösung stellt sicher, dass diejenigen, die in den Konzentrationslagern litten, uneingeschränkt verehrt werden. Es verwundert deshalb nicht, dass in jüngster Zeit die jüdische Identität über den Holocaust gänzlich neu definiert wurde. Hierbei ist es wichtig zu sehen, dass viele der Überlebenden der Vernichtungslager sehr wenig über ihre Erfahrungen gesprochen haben. Ihre würdevolle Selbstbeschränkung bildet einen krassen Gegensatz zum Verhalten ihrer Kinder und Enkel, den so genannten Überlebenden der zweiten und dritten Generation. In den letzten Jahren haben einige Sprecher von Gruppen der Überlebenden der zweiten Generation sogar ihre Eltern kritisiert, weil diese ihre Emotionen zurückgehalten und sich geweigert hätten, eine Opfer-Identität anzunehmen.
Ähnlich ist auch die israelische Identität rund um den Holocaust neu entworfen worden. Hatte der Zionismus einst das Ziel, eine optimistische, moderne Sicht eines neuen Judentums zu entwerfen, wird mittlerweile israelisches Gemeinschaftsgefühl viel eher über eine emotionale Bindung an den Holocaust hergestellt.


Die Anziehungskraft des Holocaust als Identitätsstifter ist so groß, dass zahlreiche konkurrierende Gruppen Anspruch auf ihn erheben. Schwulenaktivisten wollen, dass ihres Leidens während der Zeit der Massenvernichtung gleichfalls durch Denkmäler gedacht wird. Andere Gruppen, beispielsweise Behinderte oder Roma, verlangen in ähnlicher Form, als offizielle Opfer des Holocausts anerkannt zu werden. Ian Buruma bemerkte, dass “man gelegentlich den Eindruck bekommt, als ob jedermann mit der Tragödie der Juden konkurrieren wolle.” Die Sprache, in der über den Holocaust gesprochen wird – speziell das Bild des traumatisierten Überlebenden – benutzen inzwischen zahlreiche Individuen und Grüppchen, die auch gerne den Status des emotional versehrten Opfers hätten. So ist die irische Hungerkatastrophe des 19. Jahrhunderts mittlerweile gleichfalls im Sinne der Opfertheorie uminterpretiert und dabei behauptet worden, die Erfahrung des Hungertodes traumatisiere Iren bis auf den heutigen Tag. Die Macht, die der Holocaust über die Gefühle hat, ist wiederholt auf andere Ereignisse übertragen worden, so beispielsweise auf den Afroamerikanischen Holocaust, den Holocaust in Bosnien, in Ruanda oder im Kosovo. In Deutschland haben Gegner der Abtreibung von einem Holocaust am ungeborenen Leben gesprochen, während Tierschützer den Holocaust an Robben in Kanada beklagen.


Die Forderung, das Unrecht der Vergangenheit – und häufig selbst der recht fernen Vergangenheit – müsse heute gesühnt und wieder gut gemacht werden, ist seit einigen Jahren immer öfter zu hören. Diejenigen, die dem Leiden seinen jetzigen hohen Status gegeben haben, haben Schwierigkeiten, sich der Inflation der Forderungen zu widersetzen. Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens haben in letzten Jahren gelernt, wie gut es für sie ist, sich zu entschuldigen. Durch die Entschuldigung können sie mit den Opfern mitfühlen, mitleiden und quasi eins mit ihnen werden. Rituale der Entschuldigung und Selbstzerknirschung sind inzwischen fester Bestandteil des öffentlichen Lebens. Die australische Regierung veranstaltete im Mai 1998 einen landesweiten “Sorry Day”, anlässlich dessen sich die nicht-eingeborene Bevölkerung kollektiv bei den Aborigines für das ihnen angetane Unrecht entschuldigte. Kurz darauf entschuldigte sich die deutsche Regierung für ein 1904 in Namibia angerichtetes Massaker. Tony Blair hat sich selbstverständlich auch schon beim irischen Volk für die Rolle Großbritanniens bei der Hungersnot im 19. Jahrhundert entschuldigt. Der Vatikan schließlich hat sich für die Unbill entschuldigt, die die Kreuzzüge seinerzeit den Menschen im Nahen Osten gebracht hatten.

“Die Sehnsucht, Anerkennung zu finden und das Verlangen, Teil von irgendetwas zu sein, lässt heute sehr viele Menschen ihre eigene Identität als Opfer finden”

Mahnmale und Gedenkveranstaltungen sind durchaus nicht mehr nur die Domäne von ethnischen Gruppen. Die Lobby der AIDS-Opfer hat bereits eigene Mahnmale gefordert. Eine britische Initiative, Roadpeace, fordert eine nationale Gedenkstätte für die Opfer des Straßenverkehrs – oder, in ihren Worten, für die “namenlosen” Opfer eines hundertjährigen Krieges, für alle diejenigen “die seit Beginn des Kraftverkehrs auf den Straßen starben.” Die Opfer-Lobby hat schon viel Zeit und Kraft damit verbracht, Mahnmale zu erfinden. Schleifchen am Revers gibt es bereits zum Gedenken an dieses und jenes; hinzu kommen Mahnwachen, Schweigeminuten, inoffizielle Schreine, Gedenkstätten und Altäre an Straßenrändern und unverhofft auf irgendwelchen Plätzen. Wir sind umgeben von den Zeugnissen einer Opferkultur.

Die Politisierung des Erinnerns hat auch Einzelne beflügelt, ihre eigene Vergangenheit genauer zu untersuchen. Manche haben sich ihre persönliche Opfergeschichte erdichtet. Binjamin Wilkomirski, Autor von Fragments. Memories of a Wartime Childhood, einer bewegenden Geschichte seiner jüdischen Kindheit, die durch den Holocaust grausam beendet wurde, wurde unlängst der Fälschung überführt. Tatsächlich ist Wilkomirski ein Schweizer, Bruno Grosjean, der seine jüdische Identität zusammen mit seiner Erfahrung des Holocaust samt und sonders erfunden hatte. Es gab auch Fälle, in denen Einzelne unwahr behaupteten, sie litten an AIDS, um ebenfalls als Opfer auftreten zu können. Die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Carol Tavris hat die Frage aufgeworfen, warum so viele Frauen Selbsthilfegruppen für Opfer sexuellen Missbrauchs besuchen. Sie geht davon aus, dass die “Geschichte, Opfer sexuellen Missbrauchs geworden zu sein, viele in der Gesellschaft vorhandene Ängste auf den Punkt bringt” und eben deshalb “diejenigen magnetisch anzieht, die sich verletzlich oder als Opfer fühlen, und die gerne das Mitleid der Gesellschaft auf sich gerichtet sähen.” Klar ist, dass es heute nicht nur im Fall “sexueller Missbrauch” sehr anziehend sein kann, sich als Opfer zu präsentieren. Die Sehnsucht, Anerkennung zu finden und das Verlangen, Teil von irgendetwas zu sein, lässt heute sehr viele Menschen ihre eigene Identität als Opfer finden.


Die Bedeutung, die innerhalb der Gesellschaft heute der Gefühligkeit zugesprochen wird, rührt her von der Enttäuschung über das Versagen der Moderne. Angeklagt wird indirekt das Versagen der Menschheit, ihr Schicksal selbst in die Hände zu nehmen. Aus diesem Versagen wird abgeleitet, dass Ohnmacht dem Individuum eingeschrieben sei. Auf deratige Einstellungen deutet auch das weit verbreitete Misstrauen gegen Macht, Kontrolle, Männlichkeit und Heldentum hin. Die Repräsentanten der Gegenwart sind der Antiheld, das Opfer und der Überlebende. Jedes Experiment ist heute suspekt, Neuerungen werden selten unterstützt, noch seltener stoßen sie auf Begeisterung. Stattdessen wird alles versucht, um nur jeden irgend denkbaren Fehlschlag zu vermeiden. Menschliche Verhaltensweisen werden heute fast durchgängig als das Ergebnis von Kräften verstanden, die der Kontrolle des Einzelnen entzogen sind. Auf uns stößt immer spürbarer, als fatalistisches Erbteil des Kultes der Verletzlichkeit, die Annahme, jedes irgendwie problematische menschliche Verhalten sei letztlich das Resultat einer früheren Verletzung – beispielsweise von Kindesmissbrauch. Vor Gericht ist es schon Routine, dass Angeklagte zurückliegende Missbrauchs- oder Gewalterfahrungen zu ihrer Verteidigung anführen. Der Kult der Verletzlichkeit nimmt das Stigma des Versagens von denjenigen, denen ein Unglück widerfahren ist. Das hat aber auch dazu geführt, dass der menschliche Impuls, mit anderen mitzufühlen, zu einer Art Voyeurismus abgewertet worden ist, dem es nur darum geht, irgendwie am Schmerz anderer Menschen teilzuhaben. Die Populärkultur liefert uns mittlerweile en masse entsprechend gefühlsduselige Produkte. Mitzufühlen ist inzwischen kein spontaner Ausdruck von Emotionen mehr, sondern vielmehr ein Dogma, das uns moralische Teilhabe gebietet – man könnte es “emotionale Korrektheit” nennen. Verhaltensweisen, die von diesem gefühligen Konsens abweichen, werden inzwischen häufig als bösartig angegriffen und abgestraft.


Die zerstörerischste Folge des Kultes der Verletzlichkeit ist sein Effekt auf zwischenmenschliche Beziehungen. Das Misstrauen ist hier derart gewachsen, dass heute Beziehungen innerhalb der Familie, zwischen Partnern und Freunden, alltägliche Beziehungen am Arbeitsplatz oder in der Schule allesamt als potentielle Täter-Opfer-Beziehungen gesehen werden. Die Forderung, Menschen voreinander zu beschützen, da sie ja potentielle Vergewaltiger, Kinderschänder, Brutalos oder Perverse seien, hat dazu geführt, dass sich der moderne Staat entlang der Ideologie des Emotionalismus neu organisiert hat. Da heute Menschen häufig mehr einander misstrauen als Vertretern staatlicher oder parastaatlicher Stellen, hat der Staat in den vergangenen Jahren seine Regulierungstätigkeit im Hinblick auf die Privatsphäre ständig weiter ausgebaut. Die Zunahme von Prozessen und prozessähnlichen Schlichtungsverfahren in Großbritannien und den USA weist darauf hin, dass zahlreiche Konflikte, die vormals informell gelöst wurden, heute viel eher gesetzlichen Regelungen unterliegen. Die Annahme, Menschen seien unfähig, selbst mit ihrem Leben zu Rande zu kommen, hat die therapeutischen Eingriffe des Staates sowie der medizinischen und sozialpflegerischen Berufe steil ansteigen lassen.
In dem Maße, in dem Ohnmacht zur Tugend erklärt wird, verschiebt sich auch das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft. Formale Eingriffe in die Privatsphäre begrenzen immer mehr den Spielraum für persönliches autonomes Handeln. Schlimmer noch, eine Gesellschaft, die Ohnmacht hochhält und glaubt, jeder Einzelne bräuchte vor allem Pflege und Betreuung, drückt auch die Erwartungen ihrer Bürger auf das niedrigste gemeinsame Level herab. Wenn schon das bloße Überleben zur gefeierten Tatsache wird, sind die schöpferischen Möglichkeiten, die in uns allen ruhen, zu Grabe getragen.


Abschließend zurück zum Holocaust. Das Ereignis, das mich wahrscheinlich am meisten dazu bewogen hat, mich intensiver mit dem Kult der Verletzlichkeit auseinander zu setzen, war eine Unterhaltung mit meiner 82-jährigen jüdisch-ungarischen Mutter. Nachdem wir eine Fernsehsendung über Holocaustopfer der zweiten Generation gesehen hatten, schien sie über die darin benutzte Terminologie verwundert. Sie sagte mir, ihr sei nicht bewusst gewesen, dass sie ein Opfer sei. Obwohl ihr die Erlebnisse aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs immer noch sehr nahe gehen, hatte sie von sich selbst nie als Opfer dieser Ereignisse gedacht. Was sie aber wirklich aufregte, war die Anmaßung der Sendung, die ihr suggerierte, sie müsse anormal sein, da ihr gesamtes Leben keineswegs von der Tragödie der vierziger Jahre bestimmt worden war. “Vielleicht stimmt mit mir wirklich irgendetwas nicht,” meinte sie. Viele Therapeuten würden hier vermutlich beipflichten und sie als kranke, sich selbst verleugnende Frau diagnostizieren. Ich sehe in ihr einen Menschen, dem es gelungen ist, noch mit den schwierigsten Umständen auf die eine oder andere Art fertig zu werden.