01.05.2005

Werteverfall? Kein Grund, aufs Fernsehen zu schimpfen.

Analyse von Frank Furedi

Wenn die Kultur fad erscheint und die PISA-Studie das Sinken des Bildungsniveaus belegt, wird gerne dem Fernsehen die Schuld daran gegeben. Mit dieser TV-Schelte aber macht man es sich zu leicht und verkennt die wahre Ursache des Problems, sagt Frank Furedi.

Das Edinburgh Festival 2004 hatte ein Hauptthema: das sinkende Niveau der Medien, insbesondere des Fernsehens. Eine Woche lang konnte man in zahlreichen Diskussionen erleben, wie Trash-Fernsehen, Reality Shows und der Starkult verdammt wurden. Es ist erfreulich, dass einige Produzenten und Fernsehjournalisten sich endlich der sinkenden Qualität ihres Mediums bewusst werden. In Zeiten, in denen Nachrichtensendungen und Politikmagazine versuchen, Themen in kindgerechte Spektakel zu verwandeln, ist jede ernsthafte Diskussion über Inhalte zu begrüßen. Was aber tatsächlich vor sich geht und warum das Niveau immer mehr absinkt, lässt sich kaum begreifen, wenn man nur klagt und jammert.
Der Vorwurf, die Medien seien schuld, dient leider allzu oft als Passepartout, um unterschiedlichste Trends im kulturellen und geistigen Leben zu erklären. Die amerikanische Kulturstiftung „National Endowment for the Arts“ hat kürzlich eine umfassende Studie zu den Lesegewohnheiten in den USA vorgelegt. Ihre Ergebnisse belegen, was wir schon lange wissen: es werden immer weniger Bücher gelesen, ganz besonders von den Jüngeren. Die Zahlen waren zwar bedrückend – in den letzten 20 Jahren ist die Lektüre von Büchern bei US-Amerikanern der Altersgruppe zwischen 18 und 34 Jahren um 28 Prozent zurückgegangen –, über die Ursachen erfuhr man aus der Studie jedoch nur wenig. Stattdessen gab es allgemeine Anmerkungen über den Bedeutungsgewinn der elektronischen Medien, der dazu geführt haben soll, dass immer mehr Amerikaner Bücher links liegen lassen.
Die Annahme, der Rückgang des Lesens hinge mit der größeren Verbreitung elektronischer Medien zusammen, klingt logisch. Ganz so simpel ist es aber nicht. Zwar haben mittlerweile mehr Amerikaner einen Internetanschluss (52 Prozent) als ein Zeitungsabonnement (42 Prozent), doch belegen Untersuchungen auch, dass diejenigen, die häufig und viel das Internet frequentieren, auch überdurchschnittlich viel lesen.
Die Nutzung neuer Medien schließt also die Nutzung älterer Medien durchaus nicht aus. Nur darum, weil es mehr Auswahl gibt, wenden sich die Menschen nicht vom Buch ab. Der Hinweis auf technische Entwicklungen erklärt nicht, warum sich wer für welche Themen und Medien interessiert. Hier müssen kulturelle und soziale Entwicklungen analysiert werden.


Die Intellektuellen und die Medien
Intellektuelle haben über die Jahrhunderte immer wieder die Befürchtung geäußert, moderne Medien trügen zum Kulturverfall bei. Seit der Erfindung des Buchdrucks findet man die Behauptung, Massenmedien führten zu Verdummung und Mittelmäßigkeit. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Orientierungslosigkeit in Kultur und Politik wiederholt auf den Zustand der Medien im Allgemeinen und des Fernsehens im Besonderen zurückgeführt worden. Régis Debrays 1981 erschienenes Buch Teachers, Writers, Celebrities: The Intellectuals of Modern France ist eine Polemik gegen den Medienzirkus, der, so Debray, seit 1968 alle Gedanken zu Fast-Food-Häppchen verhackstückt habe.
Der französische Soziologe Pierre Bourdieu sah in den Medienintellektuellen – er nannte sie „fast talkers“ –, die zu jedem Thema ein Soundbite absonderten, wesentlich Mitschuldige an der immer geringer werdenden Bedeutung der Intellektuellen. Sorge bereitete ihm, dass solche Star-Denker den Medien die Bestimmungsmacht im Diskurs verleihen, während die Intellektuellen ihre Autonomie einbüßen. Andere, wie der amerikanische Soziologe und Kulturwissenschaftler Todd Gitlin, befürchten, dass das geistige Leben zum Wortgeplänkel zwischen Chatshow-Stars verkommt.
Eine der besten Analysen des schwierigen Verhältnisses zwischen Intellektuellen und den Medien ist Hannah Arendts 1961 erschienener Aufsatz „Kultur und Politik“.[1] Arendt äußerte hier die Befürchtung, die Medien würden mittels der Macht des Marktes die Kultur verdrängen und sie dem Diktat der Unterhaltung unterwerfen. Besonders griff sie die Intellektuellen an, die, obwohl belesen und kenntnisreich, ihre Aufgabe darin sähen, Kultur zu verbreiten, zu managen und umzuinterpretieren, auf dass den Massen „Hamlet“ gleichermaßen schmackhaft werde wie „My Fair Lady“.
Heute gibt es diesen Typ des Kulturmanagers nur allzu oft. Dennoch reicht diese Entwicklung nicht aus, um das allgemeine Sinken des kulturellen und geistigen Niveaus zu erklären. Könnten sich die Unterhaltungsformate der Massenmedien nicht auch ausbreiten, ohne das Kultur- und Geistesleben zu beschädigen? Eine zwangsläufige Logik, der zufolge die Medien die Unabhängigkeit von Kunst und Kultur untergraben, gibt es nicht. Die Präsenz von Leitartiklern und Fernseh-Talkern führt nicht automatisch dazu, dass das Niveau jeder Diskussion in den Keller rutscht. Fernsehexperten können eitle Halbwissende sein, die alles zerreden – sie können Ereignisse aber auch so kenntnisreich und versiert kommentieren, dass sie möglicherweise eine breitere Diskussion zu einem bedeutenden Thema erst anregen.


Die pauschale Verurteilung der Massenmedien durch die Intellektuellen weist darauf hin, dass diese sich ihrer selbst wenig sicher sind und mit Situationen, in denen sie – statt zu Fachkollegen – zu einer breiten Masse sprechen müssen, nicht umgehen können. Wenn Akademiker sich hier und da auf das Niveau der Medien begeben und sich zu Unterhaltungsfutter machen lassen, liegt das nicht nur an den Medien, sondern auch am mangelnden Vertrauen der Intellektuellen in ihre eigenen Ideen und Positionen. In der Vergangenheit hatten Intellektuelle mit einem klaren Standpunkt wenig Probleme, sich auch in Massenmedien zu betätigen.


Im 20. Jahrhundert waren gerade viele linke Intellektuelle den neuen Medien gegenüber sehr aufgeschlossen. Walter Benjamin und Bertolt Brecht begeisterten sich für Radio und Film, Jean-Paul Sartre schrieb regelmäßig für Fernsehen und Radio. Und das nicht nur aus Verlegenheit: Sartre betonte, jeder engagierte Denker müsse gerade auch versuchen, in diesen Medien zu wirken. Sartre und andere wussten, dass in den Massenmedien Äußerungen leicht zu Statements verkürzt und banalisiert werden. Sie trauten es sich selbst und ihren Ideen jedoch zu, auch in diesem Umfeld zu bestehen. Gut möglich, dass die feindselige Haltung, die die Denker von heute gegenüber den Massenmedien einnehmen, mindestens ebenso viel mit dem traurigen Durcheinander ihrer eigenen Ideen wie mit dem Zustand des Fernsehens selbst zu tun hat.
 

„Das Problem ist nicht „Big Brother“, denn nicht einmal die kulturelle Elite weiß, für welche Werte und Standards sie eintreten soll.“



Niveau? Welches Niveau?
Allzu oft wird der Kulturverfall auf bestimmte Formate im Fernsehen zurückgeführt. Die Behauptung, „Big Brother ist schuld“, ist jedoch reichlich bequem, und sie übersieht, wie tiefgreifend das Problem eigentlich ist. Die Unterhaltungsindustrie gibt es schon länger, und sie hat auch schon früher versucht, mit primitiven Formaten Quote zu machen. Zweifellos hat die Unterhaltungsindustrie früher wie heute dazu beigetragen, Kunst, Kultur und Ideen zu verhackstücken und zu vermarkten. Trotz ihrer Bedeutung ist es ihr aber nie gelungen, durch ihre Massenwaren die wirklich autonom-kreativen Entwicklungen aus dem Feld zu schlagen. Im 20. Jahrhundert haben sich Geistes- und Kulturleben oft guter Gesundheit erfreut – und das in Koexistenz, wenn nicht gar in Wechselwirkung mit einer boomenden Unterhaltungsindustrie. Selbst heute noch, wo scheinbar die Reality-Formate alles platt walzen, kann man immer noch auf genügend neue bedeutende intellektuelle und künstlerische Ansätze stoßen.
Wir leben in keinem dunklen Zeitalter. Gute neue Bücher erscheinen zur Genüge. Auch an neuen Ideen fehlt es nicht. Einzelne Künstler schaffen hervorragende Werke, und einige Intellektuelle entwickeln weiterhin bedeutende Beiträge zu den Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften.
Zu Recht lässt sich darauf hinweisen, dass Reality-Formate zunehmen und dabei gehaltvollere Sendungen verdrängen, dass selbstverliebte Feuilletons in den Zeitungen Analysen ersetzen und dass im Bildungswesen die Standards sinken. Aber nicht jedes neue TV-Format ist mit „Big Brother“ gleichzusetzen. Und wichtige Neuerungen und Einrichtungen, die hohe Qualität produzieren, waren immer schon in der Minderheit. Was also hat sich geändert?
Das Problem, dem wir heute gegenüberstehen, sind nicht schlechte Fernsehsendungen, es ist das allgemeine Versagen, für geistige und künstlerische Standards einzutreten. Der Verfall des Niveaus hat wenig mit der Arbeit einzelner Produzenten, Autoren oder Lehrer zu tun. Es geht auch nicht um konkrete Standards in den Medien, im Kulturbetrieb oder im Erziehungswesen. Das grundlegende Problem ist, dass die westlichen Gesellschaften sich generell damit schwer tun, irgendwelche Werte und Standards zu definieren.


Die Kultur ist verschwunden und hat vielen Kulturen Platz gemacht. Eine besondere Autorität, einen besonderen Wert kann heute niemand mehr für sich und seine Werke beanspruchen, ohne dafür belächelt zu werden. Die früher übliche Unterscheidung zwischen Hoch- und Populärkultur ist inzwischen wenig sinnvoll, da keine Kultur von sich beansprucht, Leitkultur zu sein. Der frühere britische Minister für Kultur, Chris Smith, brachte es auf den Punkt, als er sagte, die Unterscheidung zwischen Hoch- und Populärkultur sei irreführend, da sowohl „Benjamin Britten wie auch Noel Gallagher erstklassige Musiker“ seien. Sieht man es so, ist auch die Unterscheidung zwischen Unterhaltung und Kunst sinnlos, und jede Kritik am Reality-TV könnte als elitäres Gehabe abgetan werden.
Im Laufe der Geschichte hat sich kulturelle Autorität immer von dem Anspruch hergeleitet, für die Wahrheit zu stehen. Heute wird ein solcher Anspruch entweder ironisch belächelt oder als elitär verworfen. Forderungen nach hoher Qualität und hohen Bildungsstandards gelten als nostalgische Rückfälle in eine vergangene Zeit. Der Vorwurf des Elitismus meinte einst den Versuch, sich ein Monopol auf wirtschaftliche, kulturelle oder politische Macht zu sichern, indem man die Masse als dumm und unwürdig abtat. Heute sieht sich dagegen jeder, der für einen bestimmten Aspekt der Kultur eintritt und einen Standard oder Wert verteidigt, schnell dem Vorwurf ausgesetzt, elitär zu sein. Die Kultureliten sind heute nur wenig darum bemüht, ihre Autorität zu beschwören; lieber wollen sie zugänglich, tolerant, offen und volksnah wirken.
 

„Die Medien folgen den Politikern in die Inhaltsleere.“



Aus dieser populistischen Haltung heraus erfolgt die Verbeugung vor dem Gewöhnlichen und Banalen. Museen fördern Projekte, die die Lebensgeschichten vieler Einzelner aufzeichnen (ohne dass diese interpretiert oder zu einer Geschichte zusammengefasst würden), in Uni-Seminaren berichten Erstsemester davon, wie sie die Welt sehen, und in volksnahen Ausstellungen werden Alltagsgegenstände präsentiert, die die Bevölkerung gespendet hat. Hochgehalten wird jeweils das Gewöhnliche.


Das Lob des Gewöhnlichen kommt oft daher als anti-elitäre, demokratische Kulturpolitik zum Wohle der einfachen Leute. Tatsächlich weiß die Elite selbst nicht, für welche Werte und Standards sie eintreten soll. Aus diesem Mangel macht sie eine Tugend und lässt sich zum Volk herab. Besonders deutlich kann man das im Fernsehen beobachten, aber auch in der Kunst, im Erziehungswesen, an den Universitäten und in der Politik verläuft die Entwicklung ähnlich.
Angesichts der allgemeinen Politikverdrossenheit greifen Politiker gerne zu Maßnahmen, die sie volksnah erscheinen lassen. Politiker gehen nicht nur in den Container, in England haben sie sich vom Produzenten von „Big Brother“ sogar darüber beraten lassen, wie sie einen besseren Draht zu jungen Wählern aufbauen können. Nicht wenige Politiker betreiben inzwischen eine Art von Reality-Politik. Schuld daran sind nicht die Medien. Vielmehr haben die Politiker tatsächlich nichts zu sagen. Es gibt keine politischen Inhalte mehr (außer den wenigen, über die sowieso alle Politiker einer Meinung sind). Die Reality-Politik hat sich schon vor dem Reality-TV entwickelt. Die Medien sind den Politikern in die Inhaltsleere gefolgt.


Inhaltsloser Inhalt
Ohne verbindliche Werte ist das kulturelle Leben recht bedeutungslos. Wenn wir nicht wissen, ob eine Sache besser ist als eine andere, werden wir pragmatisch und lassen eben alles achselzuckend gelten. Wenn aber die Inhalte nicht mehr zählen, kann auch das Niveau nach Belieben gesenkt werden.
Und wie will man, wenn es sowieso schon nicht mehr um die Inhalte geht, Trash-Fernsehen kritisieren? Ist ein Fernsehprogramm wie „Big Brother“ nicht sehr volksnah und dazu auch noch zutiefst demokratisch? Jeder hat die Chance mitzumachen, wenn nicht als Kandidat, dann doch bei den Abstimmungen. Mit demselben Argument lassen sich Politikmagazine aufs Abstellgleis schieben, denn was soll ihr Zweck sein, wenn sie das Publikum nicht unterhalten? Der Abschied von Inhalten findet nicht nur im Fernsehen statt. An den Universitäten werden die Lehrkräfte immer mehr dazu angehalten, Veranstaltungen anzubieten, die offen, interessant und vor allem „studentennah“ sind. Entsprechend werden auch Büchereien in Stadtteilzentren umgewandelt und Museen in Orte interaktiver Unterhaltung.
Der Vorwurf an die Medien, sie seien der Grund für den Verfall von Kultur und Bildung, verwechselt Symptom und Ursache. Der Unterhaltungsschrott im Fernsehen ist nicht die Wurzel. Es fehlt heute an Institutionen und Personen, die willens und in der Lage sind, für künstlerische und geistige Werte entschieden einzutreten. Gegen dümmliches Reality-TV zu meckern ist leicht. Aber die Banalitäten, die die Unterhaltungsindustrie ausspuckt, sind unser kleinstes Problem. Vielmehr sollten wir uns darüber Sorgen machen, dass in Schulen, Universitäten, in Kunst und Politik jedes Niveau verloren geht. Hier müssen wir uns wieder zu Standards bekennen und entsprechende Inhalte einfordern – daran führt kein Weg vorbei.