26.06.2012

Wenn Jugendschutz Erwachsene infantilisiert

Kommentar von Dolan Cummings

Eine Flasche Wein oder eine Dose Bier können britische Twens nur nach Vorlage eines amtlichen Altersnachweises kaufen. Erwachsene werden durch solche Regulierungsmaßnahmen infantilisiert. Der ständige Nachweis, ein Erwachsener zu sein, macht einen selbst zum Kind

Im Vereinigten Königreich ist es schon seit einigen Jahren gängige Praxis von Supermärkten und anderen für den Alkoholverkauf lizensierten Geschäften, von jedem einen Ausweis zu verlangen, der jünger aussieht als 21 (oder 25, je nach Geschäftspolitik). Das ist Teil der Regierungskampagne gegen den Alkoholkonsum Minderjähriger. Kneipenpersonal und Kassierer, die nicht mitmachen, sind von Bußgeldern bedroht. Die aktuelle Koalitionsregierung möchte die Geldstrafe für die Abgabe von Alkohol an Minderjährige auf bis zu 20.000 Pfund erhöhen.

Ein Bericht der britischen Bürgerrechtsorganisation Manifesto Club aus dem Jahr 2010 mit dem Titel „Achtundzwanzig Dreiviertel: Wie permanente Altersnachweise Erwachsene infantilisieren“ zeigt, dass solche Methoden erhebliche Nachteile mit sich bringen. Sie führen dazu, dass tausende Erwachsene in den Zwanzigern und Dreißigern durch ständige Ausweiskontrollen schikaniert werden. Der Manifesto Club hat herausgefunden, dass Personen Ende zwanzig dabei am meisten durch das regelmäßige Vorzeigenmüssen des Ausweises genervt werden. Die bei weitem größte Gruppe der Befragten (48 Prozent) stammte aus der Altersgruppe von 25 bis 29, und 95 Prozent der Kontrollvorgänge fanden in Supermärkten statt. Einige Menschen Ende zwanzig berichteten, dass sie im Laufe der letzten Jahre erheblich öfter kontrolliert worden seien als zu der Zeit, in der sie 18 waren, und dass sie heutzutage gezwungen seien, beim Einkaufen ihren Ausweis mitzuführen.

Darüber hinaus hat der Bericht festgestellt, dass die „Aufgepasst: 21“- und die darauffolgende „Aufgepasst: 25“-Linie, durch die das Kassenpersonal dazu verpflichtet wird, von jedem, der unterhalb des jeweiligen Alters zu sein scheint, den Ausweis zu verlangen, zu einer extremen Verwirrung im Hinblick auf die tatsächlichen gesetzlichen Altersgrenzen geführt haben. In einigen Fällen haben die Kassierer(innen) in einigen Fällen gar den Alkoholverkauf an Unter-Fünfundzwanzigjährige verweigert, obwohl diese nachweisen konnten, volljährig zu sein. Diese Verwirrung ist nun auch im im Oktober 2010 in Kraft getretenen Gesetz selbst verankert. Es verpflichtet Einzelhändler dazu, von jedem Kunden, der unter dem Alter zu sein scheint, das in der jeweiligen Firmenpolitik festgeschrieben ist, die Vorlage eines Lichtbildausweises zu verlangen.

Die Nachforschungen des Manifesto Club ergaben des Weiteren, dass Personen, die zusammen mit jüngeren Geschwistern oder Kindern einkaufen gingen, keinen Alkohol erhielten, da man sie verdächtigte, diesen für die Kinder zu kaufen. Zu den im Bericht zitierten Fallstudien gehört der Fall einer Frau, der man den Kauf einer Flasche Wein verweigerte, weil ihre sie begleitende 23-jährige Tochter und deren 22-jähriger Freund sich nicht ausweisen konnten. In einem anderen Fall durfte eine Siebzehnjährige ihrer Großmutter nicht beim Tragen der Einkäufe helfen, da sich in der Tragetasche Alkohol befand.

Durch eine derartige Politik fand die Mehrheit der Befragten sich von oben herab behandelt und beleidigt. Sie konnten nicht einsehen, warum sie bis tief in ihre Zwanziger und Dreißiger hinein dazu verpflichtet sein sollten, ihre Volljährigkeit nachzuweisen. Durch die Überprüfung entstünde eine respektlose und unfreundliche Atmosphäre. Viele ärgerten sich über die Unbill, etwas nicht verkauft zu bekommen oder beim Einkauf stets den Ausweis mitführen zu müssen. Nur eine befragte Person fand die Alterskontrolle schmeichelhaft. In 46 Prozent der untersuchten Fälle waren die Befragten willens und in der Lage, einen Ausweis vorzulegen, um Alkohol kaufen zu dürfen, derweil sie in 36 Prozent der Fälle den Laden mit leeren Händen verlassen mussten.

Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass das Gesetz es Einzelhändlern erlaubt, Alkohol an jeden zu verkaufen, der über 18 ist, und dass die Supermärkte die „Achtung: 25“-Vorgabe und vergleichbare Methoden freiwillig eingeführt haben. Warum? Zweifellos hat es politischen Druck und wichtige Änderungen im rechtlichen Bereich gegeben, doch hätten diese nicht den erzielten Effekt gehabt, hätte sich nicht gleichzeitig das moralische Klima geändert. Die Läden sind eifrig bemüht, sich als „verantwortungsvolle Einzelhändler“ zu präsentieren, und sie gehen von einer unbeschränkten Unterstützung der Öffentlichkeit für Maßnahmen gegen den Alkoholverkauf an Minderjährige aus.

Wie die Erhebung des Manifesto Clubs zeigt, haben die Kunden in der Praxis jedoch sehr wohl Einwände gegen das in ihren Augen extreme, unnötige und bevormundende Altersnachweis-Vorgehen. Bislang hat es nur wenig an öffentlicher Diskussion zu diesem Thema gegeben, und so fühlen sich die Betroffenen isoliert und gedrängt, sich der als sozial verantwortungsvoll geltenden Maßnahme zu fügen. Den Rahmen hierfür bildet die in Medien und Politik weitverbreitete Besorgnis über asoziales Verhalten und Gesundheitsgefährdung als Resultat sogenannten „Komasaufens“, insbesondere bei jungen Leuten. Der Alkoholkonsum Minderjähriger ist solcherart zum Sinnbild dessen geworden, was Premierminister David Cameron als „kaputtes Britannien“ bezeichnet hat, und es gibt einen Konsens darüber, dass etwas dagegen unternommen werden muss.

Zweifellos trinken viele Menschen in Großbritannien zu viel, und das einschlägige Videomaterial spiegelt durchaus die Realität in gewissen Bezirken britischer Städte und Großstädte an Wochenend-Abenden wider. Fraglich ist allerdings, ob es Sinn hat, exzessives Trinken mit gleichermaßen exzessiven Maßnahmen zu bekämpfen und ob die hierzu propagierten Maßnahmen sowohl effizient als auch frei von nennenswerten Nebenwirkungen sind. Wenn man nun dem Alkohol die Schuld an sämtlichen Missständen in die Schuhe schieben will, von jugendlichem Fehlverhalten bis hin zur häuslichen Gewalt, von Gesundheitsproblemen bis hin zu sozialen Verwerfungen, dann stellt sich einem doch irgendwie die Frage, ob die Politik damit nicht den wahren, tieferliegenden sozialen Problemen aus dem Weg geht. Sofern überhaupt sinnvoll, muss das Konzept des „kaputten Britannien“ doch wahrlich mehr beinhalten als nur das „besoffene Britannien“. Und wenn der Alkohol unfairerweise für ganz andere soziale Probleme herhalten muss, sollte man sich erst recht gegen die illiberalen Folgen hochtrabender Versuche, ihn zu bekämpfen, wenden.

Der Manifesto Club hat bereits die Folgen der „Designated Public Place Orders“ (DPPO) genannten Trinkverbotszonen dokumentiert, welche den Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit in weiten Teilen zahlreicher Städte und Großstädte kriminalisieren, indem sie Polizei oder Ordnungsamt dazu ermächtigen, Alkohol ohne jede Begründung zu konfiszieren. Unter dem Vorwand, die Öffentlichkeit vor trunkenem und gewalttätigem Verhalten zu schützen – einem Verhalten, das auch mit den bereits bestehenden Gesetzen hinreichend geahndet werden könnte – wird unsere Freiheit geopfert, einen Drink im Park oder am Strand zu genießen. Für manche mag dies keine große Sache sein, vielleicht sogar ein willkommener Dämpfer für anderer Leute ungehobeltes Benehmen, doch zweifellos macht es öffentliche Räume weniger frei, indem es eine Frage des Geschmacks oder des Anstands in eine Polizeiaufgabe verwandelt.

Die Überregulierung des Alkoholverkaufs hat entscheidende Nachteile. Vor allem behandelt sie mittels exzessiver Alterskontrollen sämtliche junge Erwachsenen wie Kinder, bis zum Beweis des Gegenteils. Statt durch den gesunden Menschenverstand wird die Frage, ob jemand volljährig ist, durch eine bürokratische Ausweiskontrolle geklärt. Die Erwartung, dass augenscheinlich Erwachsene sich dem klaglos fügen, deutet auf eine erhebliche Erosion der traditionellen Auffassung hin, dass es sich bei Erwachsenen um autonome Individuen handelt, die sich von Autoritäten nicht wie Kinder behandeln lassen müssen. Nicht einmal beim Nachweis der Volljährigkeit, um dadurch Alkohol kaufen zu dürfen, beweisen die Menschen ihr Erwachsensein, sondern unterwerfen sich vielmehr der grundlosen Autorität einer Kontrollbürokratie. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn sich die Probanden dadurch auch noch geschmeichelt fühlen, dass man ihre Volljährigkeit anzweifelt: ganz so, als sei jugendliche Unmündigkeit ein erstrebenswertes Ideal für uns alle.