04.09.2026
Wenn der Zufall Geschichte schreibt (Teil 2/2)
Von Florian Friedman
Gegen das kulturelle Abdriften von Gesellschaften schlägt der Ökonom Robin Hanson Therapien vor. Welche Rolle können dabei Markt und Aufklärung spielen?
Kulturelle Drift gab es immer. Sie setzt ein, sobald eine Kultur entsteht. Man kennt den Ablauf aus Firmenkulturen: Apple ist nicht mehr dasselbe Unternehmen, das 1984 mit dem Macintosh-Computer Geschichte schrieb. Auch die Firmenkultur, die – nach erfolgreichem Zurückdrängen der Drift – 2007 mit dem iPhone den größten Erfolg für Apple hervorbrachte, gibt es heute nicht mehr. Kulturen driften, und es ist schwer, aber nicht unmöglich, sie auf gewinnbringendem Kurs zu halten. Steve Jobs war ein Meister darin.
Doch für unsere Makrokultur ergibt sich eine zusätzliche Schwierigkeit: Die Industrielle Revolution führte zu einem Systemfehler. Moderne Industrie beschleunigte den sozialen Wandel, senkte die kulturelle Vielfalt und reduzierte den Selektionsdruck. Sie hat die Drift dadurch an eine kritische Schwelle geführt, weil sie die alten Korrekturmechanismen schwächte und zugleich die Driftgeschwindigkeit erhöhte.
Die Revolution vollenden
Eine naive Antwort auf die Drift könnte darin bestehen, die Industrielle Revolution einfach als Ganzes zurückzudrehen. Naiv ist so eine Antwort, weil sie außer Acht lässt, dass wir dieser Transformation Wohlstand, Gesundheit und Sicherheit verdanken. Kaum jemand möchte eine ärmere Zukunft, öfter krank werden oder mehr Gewalt erleiden. Einen Nachweis dafür, dass es möglich wäre, beide Ebenen – industrielle Transformation und segensreiches Resultat – zu entkoppeln, können auch die klügsten Vertreter der Degrowth-Bewegung bislang nicht liefern.
Hansons Antworten auf dieses Dilemma sind ungemütlich. Ein jüngerer Vorschlag: Wer unsere Zivilisation retten will, sollte die Industrielle Revolution nicht mäßigen oder gar rückgängig machen, sondern vollenden. Mehr Lebensbereiche müssten aus der kulturellen Drift herausgelöst und in robustere Systeme überführt werden. Für Hanson bedeutet das mehr Markt in Politik, Wissenschaft, Familie, Recht, Bildung und weiteren Gebieten, die sich der industriellen Optimierung bislang entzogen haben.
„Was innerhalb einer Kultur als moralischer Fortschritt erscheint, muss sich im Vergleich mit anderen Lösungen bewähren.“
Wo der Selektionsdruck zu schwach gerät, würde Konkurrenz dann als Stabilisierungsfunktion dienen. Sie bindet, so Hanson, kulturelle Entscheidungen wieder an Folgen, die sich überprüfen lassen. Institutionen und kulturelle Praktiken sollen stärker an langfristige Konsequenzen angepasst werden. Was innerhalb einer Kultur als moralischer Fortschritt erscheint, muss sich im Vergleich mit anderen Lösungen bewähren. Der Schaden einer Fehlanpassung trete dann früher zutage. Herkömmlicher Kulturkampf leistet dies gerade nicht. Er entscheidet oft nur darüber, welche Ansichten Status verleihen, und gibt der Drift allenfalls noch mehr Schwung. Die langfristigen Schäden stehen dem kurzen Zeitraum gegenüber, in dem ein Mensch Statuspunkte sammeln kann.
Hanson hat konkrete Vorschläge: „Man könnte groß angelegte, profitorientierte Regierungen zulassen, Kapitalisten erlauben, Eltern dafür zu bezahlen, rentable Kinder hervorzubringen, und sakral motivierte Kapitalisten in sakrale Unternehmungen investieren lassen […]“. Nicht nur Vertretern des linksprogressiven Milieus dürfte bei solchen Ideen unbehaglich werden. Es braucht schon ein tief empfundenes Vertrauen in den Markt, um ihn so massiv ausweiten zu wollen wie Hanson.
Kapitalismus in fast allen Lebensbereichen wirken zu lassen, um die Replikationsfähigkeit einer Kultur zu verbessern, ist eine Sache. Die kulturelle Entwicklung langfristig an den Interessen des Menschen auszurichten, ist eine andere. Märkte optimieren bekanntlich nicht das Gute an sich. Ihre Dynamik ist nicht auf die letzten Gründe gerichtet, die über die Belange des Einzelnen hinausreichen. Sie optimieren im Gegenteil häufig nur auf kurze bis mittlere Frist das, wonach zahlungskräftige Akteure streben.
„Der Kapitalismus hat unsere Welt auf etlichen Ebenen lebenswerter gemacht. Schwieriger wird es mit Werten, deren Nutzen gerade daran hängt, dass sie nicht austauschbar sind.“
Hanson würde antworten, dass er ja gerade Institutionen mit längeren Zeithorizonten will – also mit Anreizen für Langfristigkeit. Sein Regierungsmodell der „Futarchy“, das auf Prognosemärkten basiert, soll dies ermöglichen. Aber auch dann zeigen sich Probleme. Märkte sind gut darin, knappe Güter über Preisbildung und Wettbewerb zu verteilen. Das begünstigt Innovation und Fortschritt. Die Austauschbarkeit konkurrierender Angebote erhöht dabei den Wettbewerbsdruck. Der Kapitalismus hat unsere Welt auf etlichen Ebenen lebenswerter gemacht. Schwieriger wird es mit Werten, deren Nutzen gerade daran hängt, dass sie nicht austauschbar sind. Gemeinschaft und Zugehörigkeit zählen dazu. Wo Menschen beliebig ersetzbar sind, gibt es weder das eine noch das andere.
In welcher Einheit misst man den Anteil des Kapitalismus am wohligen Gefühl, das einen beim Spaziergang durch die eigene Nachbarschaft ermutigt, noch ein Kind zu bekommen? Die Zahl der Kinder allein reicht dafür jedenfalls nicht. Dystopien schließen hohe Fertilität nicht aus.
Werte und Kapitalismus
Messbarkeit ist eines der geringeren Probleme. Denn woher weiß der Kapitalismus überhaupt, in welche Richtung die Reise gehen soll, wenn er kein Außen mehr hat – sich also nur noch an sich selbst orientiert, weil die Industrielle Revolution in alle Richtungen vorangetrieben wurde? Immerhin müssen auch jene Menschen, die den Markt in Richtung Kinderreichtum und mehr lenken, Träger einer Kultur sein. Anders gewendet: Kultur ist das Fundament des Marktes, weil sie entscheidet, wofür Kapital eingesetzt und wohin Kaufkraft gelenkt wird. Das Verhältnis hier umzudrehen und die Ökonomie gänzlich vor die Kultur zu stellen, verkennt die eigentliche Hierarchie. Der Markt ist ein kulturelles Produkt, kein Naturgesetz.
Hanson zeigt, dass Kultur sich nach eigenen Replikationsbedingungen fortpflanzt, die mit menschlichen Interessen nicht deckungsgleich sind. Seine Idee vom maximalen Markt zieht nun aber eine weitere Ebene mit eigenen Erfolgsbedingungen ein. Es fehlt eine Begründung dafür, warum diese Bedingungen sich mit den Interessen des Menschen so weit decken sollten, dass sie seiner Kultur wieder adaptiven Wert verleihen, aber etwa die Ideale der Aufklärung nicht unterlaufen. Unklar bleibt, weshalb sie nicht selbst zu einer amischen Welt, anderen vormodernen Szenarien oder auch hochtechnologischen Schreckensregimen führen.
„Zunächst geht es Hanson darum, ein Bewusstsein für die Gefahr zu schaffen, der wir uns aussetzen.“
Die kulturelle Drift mag man durch mehr Kapitalismus irgendwie einhegen. Weil die Interessen und biologischen Anlagen des Menschen nicht in Märkten aufgehen, geschieht dies aber nicht notwendig in seinem Sinne. Der Markt allein liefert keine hinreichende Antwort für Menschen, die den Wochenmarkt der Amazon-Website vorziehen oder ihren Partner lieber im Freundeskreis kennenlernen als in der Dating-App.
Ein massiv ausgebauter Wettbewerb um Ressourcen wäre nur dann eine Lösung, wenn Werte und Tatsachenannahmen sich sauber trennen ließen. Hanson braucht diese Trennung, weil der Markt als unbestechlicher Schiedsrichter nach messbaren Konsequenzen urteilen soll. Schon die Entscheidung, welches Ziel verfolgt wird, beruht aber auf Annahmen darüber, was der Fall ist (wie die Welt funktioniert, was den Menschen auszeichnet oder auszeichnen sollte und so weiter).
Der Markt kann vielleicht die Chance erhöhen, einen Partner zu finden, indem er mehr Auswahl und effizientere Vermittlung ermöglicht. Er kann aber nicht entscheiden, ob diese Form der Partnerwahl den menschlichen Bedürfnissen nach Bindung und sozialer Zugehörigkeit besser entspricht.
Hanson ist kein Dogmatiker. Im Vollenden der Industriellen Revolution durch mehr Marktwirtschaft sieht er nur eine Option unter mehreren, die er in rascher Folge durchspielt. Er traut seiner Diagnose stärker als seiner Therapie. Zunächst geht es ihm darum, ein Bewusstsein für die Gefahr zu schaffen, der wir uns aussetzen. „Ein zentrales Problem von Kultur ist, dass sie sehr schwammig und vage wirkt und nicht besonders streng wissenschaftlich“, sagt Hanson. Die Beweisaufnahme hat für ihn deshalb Vorrang. Er möchte auch andere ermutigen, „so viele kulturelle Trends wie möglich aufzuzählen, sie zu dokumentieren, um dann zu diskutieren, inwieweit sie plausibel als adaptiv oder maladaptiv verstanden werden können“.
„Die kulturelle Drift ist ein Teil von uns. Wir halten sie für unsere Kultur.“
Man muss weder Hansons radikale Lösungen befürworten, noch seine Sorge vollends teilen. Darüber, dass der Motor stottert, besteht jedoch breiter Konsens – gegen einen Blick unter die Haube dürften die meisten also nichts einzuwenden haben. Die wichtigste Frage bei der Inspektion wäre dann, wie viele Menschen offenkundige Defekte als kulturelle Überlegenheit deuten, weil alles andere ihr Selbstbild gefährdet.
Heilige Drift
Die kulturelle Drift ist ein Teil von uns. Wir halten sie für unsere Kultur. Wenn es gelingt, genügend Menschen begreiflich zu machen, dass sie den Zufall der Vernunft vorziehen, ist der größte Teil der Strecke womöglich bereits zurückgelegt. Einfach wird das nicht. Menschen neigen zur moralischen Panik, wenn ihre Identität bedroht ist: Bigotterie und Hysterie sind Standardeinstellungen für den Fall, dass Widerspruch gegen den – durch Eliten ausgehandelten – Konsens der globalen Monokultur laut wird. Entsprechend erbittert werden die Kämpfe geführt.
Auch hier liefert die Covid-19-Pandemie ein treffendes Beispiel. Man muss sich nur an die Weihnachtsausgabe des Stern von 2020 erinnern. Das Hamburger Magazin – sonst sakraler Darstellungen unverdächtig – bildete damals auf seinem Titel die heiligen drei Könige und das Jesuskind ab. Die Reisenden aus dem Morgenland reichten dem Sohn Gottes allerdings nicht Gold, Weihrauch und Myrrhe: Unter der Überschrift „Ein Akt der Nächstenliebe: Impfen“ beschenkten sie den Neugeborenen mit einer Ampulle Pfizer-Biontech-Impfstoff.
Was braucht es, damit ein Magazin, das eben noch mit Verve für das Degrowth-Milieu schrieb, plötzlich Hightech-Medizin als sakrale Gabe verherrlicht? Schon leichte Kritik an den Grundfesten der Makrokultur kann in bestimmten historischen Konstellationen ausreichen, um solche Wandlungen herbeizuführen. Wenn es die Form und dadurch die eigene Identität schützt, wird der Inhalt fast beliebig ausgetauscht.
„Es wird nicht genügen, solchen quasireligiösen Gefühlen mit mehr Kapitalismus zu begegnen.“
Die kulturelle Drift ist vielen heilig, und der Kampf gegen den Zufall könnte sich als Glaubenskrieg herausstellen. Nicht, weil die meisten der Drift bewusst einen sakralen Wert zuschreiben würden, sondern weil sie spüren, dass die Ungerichtetheit ein Herzstück ihrer Makrokultur bildet. Es wird nicht genügen, solchen quasireligiösen Gefühlen mit mehr Kapitalismus zu begegnen. Eine Glaubensgemeinschaft – erst recht, wenn sie ihre Heilslehre nur dumpf empfindet – lässt sich nicht kaufen.
Aufklärung und Fehlerkultur
Die Industrielle Revolution ist ein Resultat der Aufklärung, nicht umgekehrt. Das eine deckt sich mit dem anderen so wenig wie Markt mit Vernunft. Ersteres folgt in beiden Fällen aus Letzterem. Das heißt, ein enormer Ausbau des Kapitalismus, wie Hanson ihn vorschlägt, vollendet die Industrielle Revolution nicht, sondern überdehnt sie. Der Kern seiner Lösung bleibt dennoch wertvoll: Wir müssen Entscheidungen so schnell und direkt wie möglich an ihre realen Konsequenzen koppeln.
Die Drift als maladaptives Merkmal unserer Kultur offenzulegen, ist ein Projekt der Aufklärung. Kosten-Nutzen-Kalkulationen sind dabei weniger wichtig als der Wille, rationale Kritik zu üben und zu erdulden – aber vor allem: Fehlerkorrektur zuzulassen.
In kultureller Drift Fortschritt und moralische Reifung statt Ungerichtetheit und Zufall zu erkennen, bedeutet, die Aufklärung nur halb durchlaufen zu haben. Zweifel an etablierten Überzeugungen und Kritik an Autoritäten sind nur eine Seite der Medaille, die Wohlstand und Freiheit verspricht. Ohne die Fähigkeit, bessere Alternativen hervorzubringen, bleiben sie rein destruktive Mittel. Damit rationaler Fortschritt möglich ist, muss Skepsis auch dem Neuen gelten, durch das man das Alte ersetzen möchte. Wer meint, aus gutem Grund eine Mauer einreißen zu dürfen, muss seinen Sanierungsplan selbst der Kritik aussetzen – und bereit sein, ihn zu berichtigen.
Möchte man nicht hinter die Aufklärung zurückfallen und autoritär agieren, sollte das Ziel darin bestehen, intellektuelle Redlichkeit auf freiheitlichem Wege als Statussymbol zu etablieren. Wir benötigen Öffentlichkeiten, in denen nicht Driftgläubigkeit Prestige einbringt, sondern Fehlerkorrektur. Subkulturen können so etwas. Sie verkörpern neben Mechanismen auch eine Haltung und stiften Identität – beides hat meist weniger mit monetären Anreizen als mit der Wahrung des eigenen Rufes zu tun. Man kann sich auch mit einem Lamborghini blamieren.
In der Open-Source- und Hacker-Szene etwa gilt: „Talk is cheap. Show me the code.“ Eine Software ist eine gute Software, wenn sie tut, was sie soll. Lob verdient, wessen Code läuft – nicht, wer den besseren Auftritt hinlegt. Stürzt ein Programm ab, sobald es gestartet wird, rettet die beste PowerPoint-Präsentation es nicht. Mechanismus und Ruf greifen ineinander.
„Dass wir auf uns selbst zurückfallen, muss kein unüberwindbares Hindernis sein.“
Maximaler Kapitalismus in Reinform wäre etwas anderes. Er lässt das Ansehen als Machtfaktor außen vor. Hanson weiß das und hat Vorschläge gemacht, die Status nicht allein dem Markt überlassen. Seine Überlegungen reichen von abgeschotteten Subkulturen nach Art der Amischen bis zu sakralen Zielen, die über Prognosemärkte verfolgt werden. Doch die Welt ist unordentlicher, als solche Lösungen nahelegen.
Abgeschottete Gruppen schreiben ihr Ziel fest und können es nicht korrigieren, wenn die Realität es verlangt. Prognosemärkte setzen eine Trennung von Werten und Tatsachenannahmen voraus, die es nicht gibt. Hansons Rede davon, „sakral motivierte Kapitalisten in sakrale Unternehmungen investieren“ zu lassen, klammert etwas aus: Ob Driftgläubigkeit, Fehlerkorrektur oder ganz andere Faktoren den Status einer Person erhöhen, schreibt am Ende kein Mechanismus außerhalb des Menschen vor. Es liegt bei uns.
Dass wir auf uns selbst zurückfallen, muss kein unüberwindbares Hindernis sein. Denn um Fehlerkorrektur zum Statussymbol zu machen, ist es nicht nötig, Werte und Tatsachenannahmen sauber zu trennen. Diese Trennung braucht nur, wer sein Ziel vorab festlegen muss. Ein Markt optimiert auf das Ziel hin, das ihm vorgegeben wird, und kann es nicht selbst bestimmen. Eine Kultur, die Fehlerkorrektur belohnt, darf ihr Ziel nachträglich ändern, wenn die Annahmen fallen, auf denen es beruhte.
Die Aufklärung mag die Drift über den Umweg der industriellen Moderne beschleunigt haben, aber sie bietet uns auch die Freiheit, unsere Geschichte selbst zu schreiben und sie nicht dem Zufall zu überlassen. Kein Dogma, auch kein quasireligiöses, zwingt uns zum Gegenteil. Unser Vorteil in der Krise: Der Auspuff qualmt – die Driftgläubigen haben alle Widersprüche auf ihrer Seite.