28.08.2026

Wenn der Zufall Geschichte schreibt (Teil 1/2)

Von Florian Friedman

Titelbild

Foto: Valeria Zoncoll via Unsplash / CC0

Erfolgreiche Kulturen können sich Fehler lange leisten. Ökonom Robin Hanson glaubt, dass unsere Entwicklung dadurch zunehmend dem Zufall unterliegt und eine problematische kulturelle Drift eintritt.

Kurt Tucholsky hatte natürlich recht, als er dazu riet, keinem Fachmann zu vertrauen, nur weil der einem sagt: „Das mache ich schon seit zwanzig Jahren so!“ Denn: „Man kann eine Sache auch zwanzig Jahre lang falsch machen.“ Aber es kommt noch schräger. In vielen Fällen erreicht man dabei sogar sein Ziel.

Ein Auto lässt sich, anders als es Ihnen die Tankstellenwerbung weismachen will, auch mit verschmutztem Benzin fahren. Wer regelmäßig die Einspritzdüsen reinigt, die Zündkerzen ersetzt und ein Dutzend weitere Reparaturen durchführt, der fährt und fährt und fährt. Nur: Solange verunreinigtes Benzin nachläuft, entstehen neue Schäden. Man bräuchte schon unendliche Mittel, um das Systemversagen ewig auszuschließen. Und wer das eigentliche Problem nicht erkennt, tankt irgendwann vielleicht Kraftstoff, der so verschmutzt ist, dass keine Reparatur den Totalschaden noch verhindern kann.

Was für Autos gilt, das gilt auch für komplexere Systeme. Für ganze Kulturen zum Beispiel. Gesellschaften können sich ihrer selbst so sicher sein, dass sie die wachsende Zahl der Defekte in ihrer Kultur nicht als Warnzeichen erkennen, sondern als normale Betriebskosten verbuchen. Wenn noch genug Geld auf dem Konto ist, um alle Reparaturen zu bezahlen, bleiben die Störungen Routine.

Zufall statt Masterplan

Ob im VW Käfer oder im Römischen Reich: Systemversagen kündigt sich an, wenn Mängel sich häufen. Ein Imperium geht nicht wegen einer verlorenen Schlacht zugrunde und die Bundesrepublik nicht wegen einer gescheiterten Rentenreform – ist die Menge der Defekte aber erst einmal groß genug, führt systematische Fehlsteuerung zum Zusammenbruch.

In Deutschland zeigt sich mittlerweile eine beeindruckende Zahl von Dellen und Scharten im System: Migrationsversagen, Deindustrialisierung, Bildungserosion, Infrastrukturverfall, demografische Selbstaufgabe… So umfangreich ist die Liste der deutschen Krisen, dass keine verpatzte Legislaturperiode sie noch erklärt. Ein Kulturschaden liegt näher.

„Der Zufall scheint die Schädigung anzutreiben.“

Rechte mögen den Marxismus oder die Wokeness als Übeltäter identifizieren und Linke den Kapitalismus oder den Faschismus. Belege für eine Gesetzmäßigkeit, die über den bloßen Ideologievorwurf hinausgeht, sind im Kulturkampf dagegen rar gesät. Es ist weit und breit kein finsterer Masterplan auszumachen, der den Niedergang vollständig erklärt – der Zufall scheint die Schädigung anzutreiben.

Woher aber rührt das Durcheinander, das auf allen Seiten losbricht, das nicht nur Deutschland, sondern einen Großteil des Westens erfasst hat und mit jedem Jahr widersprüchlicher ausfällt? Würfeln weltanschauliche Drahtzieher ihre Entscheidungen aus oder lässt unsere Kultur sich treiben? Der US-amerikanische Ökonom Robin Hanson glaubt an Letzteres.

Hansons These dürfte für viele kontraintuitiv klingen: Die Entwicklung unserer Kultur werde nicht deshalb erheblich durch den Zufall bestimmt, weil sie schwach, sondern weil sie mächtig ist. Der Westen sei zur Weltkultur geworden, und dieser Erfolg gerate ihm nun zum Verhängnis. Weil mächtige Kulturen Schäden lange verkraften, sieben sie Irrtümer nicht früh genug aus. Wir tanken verschmutztes Benzin und halten das Weiterfahren für den Beweis, dass der Kraftstoff dem Motor guttut.

Hanson weist darauf hin, dass die Menschheit bis ins 18. Jahrhundert noch aus einigen hunderttausend bäuerlichen Kulturen bestand. Diese Gemeinschaften lebten weitgehend isoliert und entwickelten ihre eigenen Bräuche, die miteinander in Konkurrenz standen. Schon im nächsten Tal konnte man anders heiraten, anders wirtschaften und anders beten. Der Wettbewerb war – oft buchstäblich – gnadenlos.

„Wer an denselben Universitäten studiert, in den gleichen internationalen Konzernen arbeitet und denselben Statuscodes folgt, neigt auch dazu, ähnliche Entscheidungen zu treffen.“

„Wir haben diese kleinen bäuerlichen Kulturen zu nationalen Kulturen verschmolzen und erlebten schließlich den Aufstieg einer Weltkultur“, sagt Hanson im Gespräch. An die Stelle von Mikrokulturen traten Makrokulturen. Die globale Elite teile sich sogar bloß noch eine Kultur und handle entsprechend homogen. Bemerkenswert ist also nicht allein, dass Taylor Swift heute in New York genauso wie in Berlin oder Shanghai von einem Massenpublikum bejubelt wird. Als auffälliger und entscheidender erweist sich, wie synchron die globalen Eliten agieren.

Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Als die Welt während der Covid-19-Pandemie auf harte Lockdowns und strenge Maskenpflicht setzte, wurden solche Maßnahmen als rationale Instrumente gerechtfertigt. Später zeigte sich, dass die Vernunft häufig auf der Seite jener lag, die sich dem Druck der Eliten entgegenstellten und andere Kräfte als Verstand und Empirie hinter den Eingriffen witterten. Der vergleichbar homogene Raum der meinungsbildenden und herrschenden Schichten bot wenig Platz für Differenzen. Wer an denselben Universitäten studiert, in den gleichen internationalen Konzernen arbeitet und denselben Statuscodes folgt, neigt auch dazu, ähnliche Entscheidungen zu treffen. In den Eliten setzte sich so schnell eine gemeinsame Linie durch, gegen die kaum anzukommen war.

Abdriften

Hanson betrachtet unsere Geschichte als Kulturevolution. Er argumentiert, dass die Mikrokulturen der Vergangenheit einem stärkeren Selektionsdruck ausgesetzt waren. Ihr Konservatismus sei existenziell gewesen, weil für schwache Kulturen selbst kleine Veränderungen das Risiko bergen, ausgelöscht zu werden. Unsere im Gegensatz dazu exorbitant mächtigen Makrokulturen sind einfallenden Armeen, Hungersnöten oder Naturkatastrophen nicht mehr in derselben Weise ausgeliefert. Der Druck zur Anpassung ist gering.

Man könnte den fehlenden Anpassungsdruck als reine Entlastung verbuchen, schüfe die Macht der Makrokulturen nicht jede Menge Raum für das Verwirklichen schlechter Ideen. Weil kulturell verankerte Überlebensstrategien heute weniger robust sein müssen als früher, achten wir immer weniger auf die Qualität dessen, was unsere Zivilisation antreibt. Auf lange Sicht häufen sich aber dysfunktionale Eigenschaften und können irgendwann eine Gefahr darstellen. Es kommt zur kulturellen Drift. Der Motor stottert.

Drift bedeutet hier: Werte und Normen verändern sich nicht zielgerichtet adaptiv, sondern ähnlich zufallsgetrieben, wie sich Mutationen in der Genetik durchsetzen, wenn keine Selektion sie aussiebt. Etabliert sich ein maladaptives Merkmal – eine für den Fortbestand der Kultur schädliche Veränderung –, wird es trotz seiner Schädlichkeit repliziert. Es besteht schließlich kein unmittelbarer Zwang, die Maladaption einzuhegen. Sie ist eine Veränderung, die zwar langfristig und global schadet, kurzfristig und lokal aber funktioniert. Eine Fehlanpassung in der Kultur kann Status einbringen, Konflikte kurzfristig entschärfen oder schlicht bequem sein. Einmal etabliert, lässt sie sich daher nur schwer rückgängig machen. Es fehlen die Anreize.

Defekte

Für eine biologische Art fallen Mutationen in aller Regel nachteilig oder neutral aus. Schon eine einzelne Mutation im RHO-Gen des Menschen kann Netzhautzellen so schädigen, dass das Sehvermögen schwindet. Organismen sind fein abgestimmte Systeme, deren Funktionen durch Veränderungen leicht gestört werden können. Bei Kulturen verhält sich das im Prinzip nicht anders. Vorteilhafte Entwicklungen bilden, wenn sie zufallsgetrieben sind, rare Ausnahmen.

Wenn Transformationen wie technische Neuerungen, Migrationswellen oder sozioökonomische Verschiebungen auftreten, sind Kulturen gezwungen, darauf zu reagieren. Sie können sich sonst nicht replizieren. Die Träger der Kultur orientieren sich üblicherweise an ihren Eliten. Genauer: Sie ahmen nach, was die Statusträger ihnen als Norm vorleben. Wenn Status und Normen aber stark durch den Zufall geprägt sind, lässt sich die evolutionäre Fitness der Gesellschaft nicht über längere Zeit auf einem vorteilhaften Niveau halten – auf Veränderungen wird zunehmend maladaptiv reagiert. Unserer Makrokultur fehlen die evolutionären Leitplanken.

„Wo kaum gerichtete Selektion wirkt, entstehen dauerhafte Abweichungen in verschiedenen Feldern.“

Kulturelle Drift ist keine Folge konkreter Umweltfaktoren, sondern eine Eigendynamik, die auf Zufallsbewegungen beruht. Das erklärt auch, warum maladaptive Effekte der Drift sich auf vielen Ebenen ausweiten können. Wo kaum gerichtete Selektion wirkt, entstehen dauerhafte Abweichungen in verschiedenen Feldern. Ein einheitliches Fehlermuster, das auf einen Bereich der Kultur beschränkt bleibt, wäre sogar höchst unwahrscheinlich.

Das Tückische: Was sich auf vielen Ebenen zugleich ausbreitet, tritt den Beteiligten selten als Defekt entgegen. Es erscheint ihnen, schon weil es omnipräsent ist, eher als Fortschritt und moralische Reifung. Maladaptive Verhaltensnormen werden als offenkundige Wahrheit angesehen, weil man sie täglich an Statusträgern beobachten kann. Ob medial vermittelt in der New York Times oder als unmittelbare Erfahrung im Szenecafé: Wir sind ultrasoziale Lebewesen, die auf Allianzen angewiesen sind, und halten deswegen ständig nach Statussignalen Ausschau. Im Zweifel werden Normen auch dann übernommen, wenn sie schädlich sind.

Form über Inhalt

Menschen streiten gerne über kulturelle Fehlentwicklungen oder zumindest über das, was sie dafür halten. Kulturkämpfe sind prestigeträchtig. Typischerweise bleiben die Akteure jedoch bei einzelnen Fehlentwicklungen: bei der verschmutzten Zündkerze, nicht beim Kraftstoff. Hanson interessiert sich für das System als Ganzes.

Wer genauer darauf schaut, was in unseren Kulturkämpfen Erfolg verspricht, der entdeckt: Die Form triumphiert immer öfter über den Inhalt. Wie der britische Autor Theodore Dalrymple beobachtet hat, sitzt das Kompliment „unkonventionell“ heute auch ohne eine Angabe dazu, welcher Konvention man nicht folgt. Die Entgrenzung reicht für sich genommen. Und je drastischer und schneller sie vonstattengeht, desto größer fällt häufig die Belohnung aus – entfesselte Drift wird als höchste Kunst des Fortschritts gerühmt.

„Wer klassische Geschlechterrollen und religiöse Bindung fördern will oder für niedrigere Ansprüche an Elternschaft eintritt, der stellt sich gegen das Selbstbild moderner Gesellschaften.“

Dass avantgardistische Kräfte nicht notwendigerweise schädlich sind, versteht sich. Ohne sie hätte es weder die Aufklärung noch die Industrielle Revolution gegeben – und damit auch nicht den Wohlstand und die Freiheit, die uns selbstverständlich geworden sind. „Aber es existiert ein Unterschied“, sagt Hanson. „Heute feiern wir kulturelle Innovatoren und Aktivisten, die große, schnelle Veränderungen in unserer Makrokultur verursachen, einfach dafür, dass sie große und schnelle Veränderungen verursachen.“

Die Form über den Inhalt siegen zu lassen, ist kein Alleinstellungsmerkmal linker Aktivisten. Auch Konservative üben sich darin, wenn sie das betreiben, was im angloamerikanischen Raum als „owning the libs“ bekannt ist: das Triggern des Gegners als Weg, um Statuspunkte zu sammeln, anstatt eine überzeugende Argumentation vorzulegen, die hilft, Missstände zu beheben.

Kultur der Kinderlosigkeit

Vernunft, Logik und Empirie haben sich als vorzügliche Mittel erwiesen, um Wissenschaft zu betreiben und neue Technik zu entwickeln – sie bescheren uns einen Reichtum, den unsere Ahnen für ein Werk der Götter gehalten hätten. Im Alltag der Menschen spielen solche rationalen Mittel seltener eine Rolle. Es fehlen schlicht Zeit und Ressourcen, um jede neue Entwicklung rational zu prüfen. Menschen orientieren sich daher zuerst an dem, woran sie am stärksten glauben: an ihrer Kultur. Normen und die mit ihnen verbundenen Statussymbole werden unbewusst übernommen und weitergegeben. Für den Alltag reicht das. Was für den Einzelnen über die Spanne seines Lebens funktioniert, kann sich für seine Kultur jedoch als schleichender Totalschaden erweisen. Hanson verdeutlicht das am weltweiten Geburtenrückgang.

Die Gründe für den Kindermangel in unserer Makrokultur sind vielfältig und reichen von der Angleichung der Geschlechterrollen und geringerer Religiosität bis zu späterer Familiengründung und gestiegenen Erwartungen an elterliche Präsenz. Es gibt aber ein verbindendes Element: Die Drift treibt uns in Gepflogenheiten, von deren Richtigkeit wir mittlerweile tief überzeugt sind. Wer klassische Geschlechterrollen und religiöse Bindung fördern will oder für niedrigere Ansprüche an Elternschaft eintritt, der stellt sich gegen das Selbstbild moderner Gesellschaften. Eine Frau, die sich statt für eine Karriere für Haushalt und Familie entschieden hat, genießt im urbanen Prestigekosmos wenig Anerkennung – und wird schneller als andere von der Gästeliste gestrichen. Auch ihr Ehemann hütet sich besser, seine Frau zu laut dafür zu loben, dass sie ihr Leben ihren fünf Kindern widmet. Vom Etikett „Tradwife“ bis zum Vorwurf, einer braunen Gesinnung anzuhängen, ist es nicht weit.

„Wem nicht gleichgültig ist, wie künftige Generationen leben, dem sollte auch nicht gleichgültig sein, wer uns ersetzt.“

Einige isolierte Kulturen widersetzen sich der Tendenz zu weniger Nachwuchs dennoch. Ihnen kommt die Ausgrenzung gerade recht. Kleine, hochreligiöse Gruppen wie die Amischen oder die Haredim zählen dazu. Diese Mikrokulturen weisen eine so hohe Fruchtbarkeit auf, dass sie die Zahl ihrer Mitglieder alle 20 Jahre verdoppeln. „Sie sind damit auf dem besten Weg, unsere Hauptkultur in ein paar Jahrhunderten zu ersetzen“, schreibt Hanson und verweist auf das frühe Christentum, das im Römischen Reich ebenfalls durch Kinderreichtum aufgestiegen sein soll. Es gibt heute rund 400.000 Amische. Wüchse diese Gruppe exponentiell weiter, läge ihre Zahl in 100 Jahren bei 12,8 Millionen und in 200 Jahren bereits bei über 400 Millionen.

Hanson hält es für wahrscheinlich, dass – wenn wir nichts unternehmen – unsere Zivilisation verfällt und irgendwann von einer anderen ersetzt wird, die dann ebenfalls driftet und wiederum ersetzt wird. Für sich genommen wäre an diesem Kreislauf nichts Schlechtes. Wenn man auch hier zwischen Form und Inhalt unterscheidet, zeigt sich allerdings ein anderes Bild. Denn wem nicht gleichgültig ist, wie künftige Generationen leben, dem sollte auch nicht gleichgültig sein, wer uns ersetzt.

Gruppen wie die Amischen oder die Haredim messen Fortschritt und Freiheit wenig Bedeutung bei. Wer Frauenrechte bejaht oder vom Aufbruch zu den Sternen träumt, wer Jimi Hendrix dem religiösen Hausgesang vorzieht und auch mal Nabokov statt Bibel lesen möchte, kann keine amische Zivilisation wollen. Aufklärung und Industrielle Revolution fanden nur einmal in der Menschheitsgeschichte statt. Ein extrem konservatives Weltbild schließt sie aus.

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