02.12.2008

Wenn der Weihnachtsmann Armut verschenkt

Von Johannes Richardt

Alle Jahre wieder … und auch in diesem Jahr hat bei den hiesigen Hilfsorganisationen wieder der Wettlauf um die üppigen Spendengelder vorweihnachtlich betroffener Weltenretter begonnen. Bei diesem nicht besonders schön anzusehenden Verdrängungswettbewerb um das schlechte Gewissen wohlstandsmüder Mitteleuropäer hat sich die Welthungerhilfe mit einem besonders originellen Werbeplakat eine Spitzenposition unter den professionellen Ablasshändlern erkämpft.

Unter Verzicht der sonst für diese Art von Spendenakquise üblichen visuellen Schockeffekte wie hungernde Kinder, verdorrter Landschaften oder zerbombter Städte sieht der Betrachter über dem Slogan „Ihre Spende wirkt“ das optimistische Bild zweier lachender Menschen, ei-nes afrikanischen Mannes und einer afrikanischen Frau, die mit einem von zwei Rindern gezogenen Pflug sehr dynamisch und ohne erkennbare Anstrengung einen Acker in einer Savannenlandschaft bearbeiten. Auf den bunten Umhängedecken der zwar unter ein Joch ge-zwängten, aber ebenfalls glücklich und gesund wirkenden Rinder befindet sich die Aufschrift „Powered by You“. Neben den Kontodaten findet sich der Corporate Claim der Welthunger-hilfe „Der Anfang einer guten Entwicklung“
(siehe http://www.welthungerhilfe.de/powered-by-you-kampagne.html)

Doch wo bitteschön, fragt sich der Betrachter, sind auf diesem Plakat „die Anfänge einer guten Entwicklung“ zu erkennen? Tatsächlich stellte die Erfindung des auf diesem Plakat zur Feldarbeit verwendeten eisernen Pflugschars in China ca. 300 Jahre vor Christus (!) damals eine gute Entwicklung im Sinne von echtem Fortschritt dar, bildete sie doch damals den technischen Höhepunkt einer Entwicklung in der Landwirtschaft, die vor 13.000 Jahren mit der neolithischen Revolution begonnen hatte. Aber ist es tatsächlich immer noch eine „gute Entwicklung“, wenn im heutigen Hightechzeitalter Menschen mit solchen antiken Gerätschaften unter körperlicher Schwerstarbeit, die die Werbekampagne zynischerweise völlig aus-blendet, und zudem bei zumeist sehr niedrigen Erträgen ihre Äcker bestellen müssen? Wo ist eine „gute Entwicklung“ zu erkennen, wenn die Spendengelder vorweihnachtlich bewegter Europäer offensichtlich dazu genutzt werden sollen, um afrikanische Bauern in den Zwängen mittelalterlicher Subsistenzwirtschaft festzuhalten?

Dem Betrachter dieses Plakats wird ein augenwischerisch idealisierendes Bild der Subsistenzwirtschaft vermittelt, dessen Hauptcharakteristikum eben gerade auch solch hoffnungslos rückständige Gerätschaften wie das dargestellte Zweigespann sind. Die Zusammenhänge zwischen Subsistenzwirtschaft, Armut, Hunger, mangelnder Bildung und Kinder- sowie Frauenarbeit sind hinreichend dokumentiert. Die westliche Entwicklungshilfe täte gut daran, aus diesem Umstand endlich Konsequenzen zu ziehen und sich von ihren romantischen und letztlich menschenfeindlichen Idealvorstellungen bäuerlicher Lebensweisen zu verabschieden und sich für echten Fortschritt in Afrika stark zu machen, anstatt weiter an einem Morgenthau-Plan für diese Weltregion zu feilen. Das wäre dann wirklich der Anfang einer guten Entwicklung.