21.09.2012

Wenn „Aufklärung“ besoffen macht

Kommentar von Kate Fox

Die Wirkung von Alkohol ist, auf das Verhalten von kulturellen Regeln und Normen geleitet nicht von chemischen Reaktionen des Ethanols. Statt Anti-Alkohol-Kampagnen brauchen wir eine vernünftige Trinkkultur

Als Sozialanthropologin beschäftige ich mich nicht mit der traditionellen klassischen Anthropologie, die z.B. seltsame von Monsun und Malaria geplagte Volksstämme in Lehmhütten aufsucht. Ich stelle meine Untersuchungen in Kulturen mit Wasseranschluss im Haus an. Es leuchtet mir einfach nicht ein, warum Anthropologen meinen, sie müssten in Gegenden mit unaussprechbaren Namen fahren, um außergewöhnliche Stammeskulturen mit bizarren Glaubensvorstellungen und mysteriösen Gebräuchen kennenzulernen, wenn man den seltsamsten und bizarrsten aller Stämme vor der eigenen Haustüre vorfindet. Ich spreche natürlich von meiner eigenen Kultur – der britischen.

Sucht man nämlich Beispiele bizarren Glaubens und seltsamer Gebräuche, so braucht man sich bloß die britische Einstellung zum Alkohol und den dazugehörigen Sitten anzusehen. In jeder x-beliebigen Zeitung liest man, dass wir eine Nation von rüpelhaften Säufern sind – wir trinken zu viel, fangen zu früh damit an, und trinken zu schnell – und dies macht uns gewalttätig, promiskuitiv, asozial und überhaupt widerwärtig. Natürlich haben wir Briten ein kleines Alkoholproblem. Die Frage ist freilich, warum dies so ist. Unser wirkliches Problem ist, dass wir dem Alkohol magische Kräfte andichten – angeblich hat er enthemmende Wirkung, macht uns aggressiv, promiskuitiv, chaotisch und sogar gewalttätig. Aber so kann man das nicht stehen lassen.

In hohen Dosen beeinträchtigt Alkohol unsere Reaktionszeiten, die Kontrolle über unsere Muskeln, das Koordinationsvermögen, das Kurzzeitgedächtnis, den tatsächlichen Wahrnehmungsbereich, die kognitiven Fähigkeiten sowie das Sprechvermögen. Aber er verursacht keine selektive Missachtung sozialer Regeln. Alkohol lässt uns nicht sagen „Hey, was schaust du so?“, um dann ein Handgemenge loszutreten. Und wir sagen auch nicht, nur weil wir etwas getrunken haben, „Hey, Kleine, wollen wir’s miteinander treiben?“, und fangen dann an, einander zu begrabschen. Die Wirkung des Alkohols auf unser Verhalten ist nämlich von kulturellen Regeln und Normen geleitet und nicht von chemischen Reaktionen des Ethanols.

Das Verhalten des Menschen unter dem Einfluss von Alkohol zeigt eine sehr große Bandbreite an interkultureller Variation. Manche Gesellschaften (wie etwa in Großbritannien, in den USA, in Australien, Teilen von Skandinavien aber auch in Deutschland) bezeichnen Anthropologen als „ambivalente“ Trinkkulturen, wo Trinken mit Enthemmung, Aggression, Promiskuität, Gewalt und anti-sozialem Verhalten einhergeht. Es gibt aber auch andere Gesellschaften (wie etwa in Lateinamerika und in der mediterranen Kultur, wie überhaupt in den meisten Kulturen), wo Trinken nicht mit diesen unerquicklichen Begleiterscheinungen einhergeht, also Kulturen, wo Alkohol lediglich ein moralisch neutraler, normaler, integraler Bestandteil des täglichen Lebens ist – etwa auf einer Ebene mit Kaffee oder Tee. Diese sind die sogenannten „integrierten“ Trinkkulturen.

Dieser Unterschied kann nicht auf die unterschiedliche Menge des jeweiligen Alkoholkonsums zurückgeführt werden – die meisten der integrierten Trinkkulturen haben einen signifikant höheren individuellen Alkoholkonsum als die ambivalenten Trinkkulturen.
In Wirklichkeit ist der Unterschied deutlich von den unterschiedlichen kulturellen Einstellungen zum Alkohol, den verschiedenen Erwartungen hinsichtlich dessen Wirkung und unterschiedlicher Regeln hinsichtlich des Verhaltens unter Alkoholeinfluss bestimmt. Dies wurde immer wieder nachgewiesen, nicht nur in qualitativen interkulturellen Untersuchungen, sondern auch in validen wissenschaftlichen Experimenten – doppelblind, mit Placebos und mit allem, was dazugehört. Ganz simpel gesagt, zeigen die Experimente, dass, wer Alkohol trinkt, die von der jeweiligen Kultur vorgegebenen Erwartungen hinsichtlich der Wirkungen des Alkohols auf das Verhalten erfüllt.

Die britische und andere ambivalente Trinkkulturen gehen davon aus, dass Alkohol enthemmt und er Appetit auf Sex oder aggressiv macht, so dass die Probanden in Experimenten nach Alkoholgenuss – und sogar nach alkoholfreien Placebos – dazu übergehen, ihrer Hemmungslosigkeit freien Lauf zu lassen. Sie werden mitteilsamer, physisch weniger zurückhaltend, sie beginnen zu flirten, und werden, wenn man sie ausreichend provoziert, manchmal auch (besonders die männlichen unter ihnen) aggressiver. Und ganz speziell diejenigen, die am meisten davon überzeugt sind, dass Alkohol Aggressionen hervorruft, sind es, die am wahrscheinlichsten aggressiv werden, wenn sie glauben, dass sie Alkohol getrunken haben. Unsere Meinungen hinsichtlich der Wirkungen des Alkohols sind sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Wenn man fest davon überzeugt ist und erwartet, dass man vom Alkohol aggressiv wird, dann wird man es auch. Ja man kann selbst nach dem Konsum von alkoholfreien Placebos stockbetrunken werden.

Unsere irrigen Überzeugungen liefern einen perfekten Freispruch für asoziales Verhalten. Wenn also Alkohol Fehlverhalten bewirkt, dann ist der Betroffene für sein Fehlverhalten nicht verantwortlich. Die Schuld hat dann der übermäßige Alkoholpegel. Ich war nicht ich selbst – so wird dann argumentiert.

Aber wir können unsere Trinkkultur verändern. Kulturelle Neuausrichtungen ereignen sich ständig und es gibt umfangreiches Beweismaterial (ebenfalls von wissenschaftlich validen Experimenten, die in natürlichen Umgebungen durchgeführt wurden, wie etwa in Bars oder Nachtclubs), die zeigen, dass nicht viel erforderlich ist, um grundsätzliche Verhaltensänderungen unter alkoholisierten Probanden durchzuführen.

Diese Untersuchungen zeigen, dass junge Leute, auch wenn sie betrunken sind, ihr Verhalten vollkommen unter Kontrolle haben, wenn man ihnen einen Anreiz dazu gibt (etwa eine finanzielle Belohnung oder einfach soziale Anerkennung) – und sie sich dann so verhalten, wie wenn sie vollkommen nüchtern wären. Um diese Verhaltensänderungen zu erreichen, müssen wir die Ziele und Botschaften sämtlicher Kampagnen zur Eindämmung des Alkoholkonsums radikal überdenken. Bis jetzt haben sie nämlich das Problem entweder perpetuiert oder sogar verschlimmert, weil nahezu alle unsere Überzeugungen hinsichtlich der unbeherrschbaren und enthemmenden Wirkung des Alkohols diese sogar verstärkt haben.

Die Website „drinkaware“ (auch in Deutschland gibt es vergleichbare Websites, wie z.B. staygold.eu) etwa warnt junge Menschen davor, dass schon drei Glas Bier (eine völlig normale Menge für einen Abend an der Bar) möglicherweise „anti-soziales, aggressives und gewalttätiges Verhalten“ hervorrufen kann, dass man vielleicht Dinge sagt, die man nicht meint, und sich völlig daneben benimmt, dass eine hohe Prozentzahl sexueller Übergriffe und gewöhnlicher Vergehen in Verbindung mit Alkohol begangen werden und dass man sich am Morgen danach wundern mag, was man am Abend vorher getan hat.

Ich würde einen völlig veränderten Blickwinkel vorschlagen, mit dem Ziel, alle gegenwärtigen Anti-Alkohol-Programme und deren Prämissen in Frage zu stellen. Es müsste verdeutlicht werden, dass a) Alkohol keine enthemmende Wirkung hat (sexueller oder aggressiver Natur) und dass man b) auch im betrunkenen Zustand Herr seiner selbst und somit verantwortlich für sein Verhalten ist. Erziehung zu einer vernünftigen Einstellung gegenüber Alkohol wird nicht dann erfolgreich sein, wenn junge Menschen Angst vor Alkohol haben und ihn deswegen vermeiden, weil er angeblich giftig und gefährlich ist, sondern wenn
Alkoholkonsum uninteressant ist, wenn man sie nicht vor Wodka-Orgien warnen muss, genauso wenig, wie man sie jetzt nicht davor warnt, ja keine 15 doppelte Espressos nacheinander runterzukippen. Denn sogar die dümmsten Teenager würden nicht im Geringsten daran denken, das zu tun. Und zwar nicht deswegen, weil man sie vor den Gefahren einer Überdosis Koffein gewarnt hat – obwohl es zweifelsohne solche Gefahren gibt – sondern, weil dies einfach idiotisch wäre und sie keinen Sinn darin sehen würden.

Wir sollten eine Kultur anstreben, wo Programme zum vernünftigen Umgang mit Alkohol genauso wenig nötig sind wie Programme zum vernünftigen Umgang mit Kaffee oder Tee.
Hierzu ein Gedankenspiel: Stünde es in meiner Macht, ich könnte leicht eine Nation dahin bringen, Kaffee als ein riesiges Problem anzusehen – weil junge Menschen jeden Freitag und Samstagabend Wettkampftrinken mit Kaffee veranstalten und dann in den Stadtzentren für Aufruhr sorgen, indem sie sich asozial benehmen, Straßenkämpfe veranstalten und ungeschützten Sex beim One-Night-Stand haben. Ich würde außerdem den Kaffee nur beschränkt auf dem Markt anbieten und ihm so das Image des Verbotenen verleihen. Dann würde ich eine Reihe von bedrohlichen Warnungen vor der enthemmenden Wirkung des Kaffees verbreiten. Ich würde die Menschen davon überzeugen, dass sogar schon drei Tassen Kaffee zu asozialem, aggressivem und gewalttätigem Verhalten sowie zu sexueller Promiskuität führen, und damit würde ich den jungen Menschen ein zwingendes Motiv für Espresso-Wettkampftrinken sowie eine perfekte Entschuldigung für ihr unmögliches Benehmen nach dem Genuss von Kaffee anbieten.

Ich könnte viele meiner derartigen Warnungen hinsichtlich des Kaffeekonsums auf die bekannten Wirkungen des Koffeins stützen, und es wäre ein Leichtes, sie als Garant für kommendes Unglück zu präsentieren, oder zumindest für enthemmtes Verhalten und Störung der öffentlichen Ordnung. Mühelos könnte man schreckliche Warnungen verbreiten, die in Überzeugungen und Erwartungen übergehen, um dann sich selbst erfüllende Prophezeiungen zu werden. Dies mag wie eine Science-Fiction-Geschichte klingen, aber dies ist genau, was unsere irregeleiteten Programme zum Umgang mit Alkohol bewirken. In den letzten Jahrzehnten haben die Regierung, die Alkoholindustrie und die Schulen genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie zur Bekämpfung von Alkoholmissbrauch hätten machen sollen. Vielleicht bin ich ja auf naive Weise optimistisch, dass man eines Tages den Mut hat, die richtige Richtung einzuschlagen.