28.10.2011

Wasserneutralität = Tod

Analyse von Brendan O’Neill

Anfang nächster Woche leben sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Was wirklich hinter dem Vorurteil steckt, wir müssten Wasser sparen, damit für alle Menschen genug übrig bleibt.

„Wasser: Das Öl von morgen“, so betitelte der Focus vor einiger Zeit einen Artikel, in dem er auf die wachsende Bedeutung der Ressource Wasser im Zuge von Industrialisierung, Klimawandel und weltweitem Bevölkerungswachstum hinwies. Im Artikel wurde auch eine Kampagne des Worldwide Fund for Nature (WWF) vorgestellt, die die Menschen in den Industriestaaten zu einem „bewussteren“ Umgang mit Wasser bringen möchte. Angeblich verbrauchen wir nämlich viel zu viel davon: der durchschnittliche Brite 58 Badewannen am Tag (beim Durchschnittsdeutschen bewegen wir uns in ähnlichen Dimensionen). Bei dem Wasser, was wir benutzen, handelt es sich dem WWF zufolge zum größten Teil um sogenanntes „virtuelles Wasser“ – so bezeichnet der Verein das Wasser, das zum Anbau unserer Nahrungsmittel und der Rohstoffe zur Herstellung unser Bekleidung verwendet wird oder zum Tränken der Tiere, die dann zu unserer Fleischmahlzeit oder Lederschuhen werden. Dieses Wasser stamme häufig aus Entwicklungsländern. So zieht der reiche Norden Wasser aus ärmeren, trockeneren Teilen der Welt ab, was dann wiederum genau dort fehle. Deshalb sollen wir alle unseren Verbrauch reduzieren – unseren „Wasser-Fußabdruck“ -, unser Verhalten irgendwie anders kompensieren, z.B. durch Spenden an die entsprechenden Umweltschutzorganisationen, oder am besten gleich ganz „wasserneutral“ werden.

Nach dem ökologischen Fußabdruck und dem CO2-Fußabdruck kommt also jetzt der Wasser-Fußabdruck über die Menschheit. Nun sollen wir uns darüber „bewusst“ werden (was nichts anderes als ein politisch korrekter Ausdruck für schuldig fühlen ist), wie viel Wasser wir uns ins Gesicht schütten oder die Toilette herunterspülen. Es geht dabei nicht um den Wassermangel in der dritten Welt. Der Verbrauch an Wasser, dem Grundstoff des Lebens, soll problematisiert werden. Er wird zu einem Symbol für die Gleichgültigkeit und Gier der Menschheit. Auch geht es nicht um den wissenschaftlichen Nachweis, dass die Ressource Wasser zur Neige geht (ein Nachweis, der Angesichts der Tatsache des Wasserkreislaufes wohl auch nur schwerlich zu erbringen wäre…), sondern es geht um das Empfinden, dass der Mensch kein Recht habe, diese Ressource zu nutzen. Die Beschäftigung mit unserem Wasserverbrauch reflektiert ein Unbehagen und eine Scham angesichts der Anwesenheit der Menschheit auf dem Planeten.

Denn faktisch decken solcherart Wasserbewusstheitskampagnen nur auf, wie unsinnig die Behauptung ist, dass wir Menschen kopflos die weltweiten Ressourcen verbrauchen würden. Der erwähnte Bericht des WWF konzentriert sich auf Betrachtungen über die Mengen „virtuellen Wassers“, das wir angeblich verwenden. Bislang argumentierten „wasserbewusste“ Aktivisten, dass etwa der durchschnittliche Brite 150 Liter Wasser pro Tag verbraucht – durch Kochen, Saubermachen, Waschen und die Toilettenspülung. Nun behauptet der WWF, dass hierbei der Verbrauch „virtuellen Wassers“ nicht berücksichtigt werde. Virtuell verbrauchen wir offenbar 30 mal mehr Wasser, als wir dachten. Ein einziger Brite nutzt demnach etwa 4.645 Liter Wasser pro Tag, einen Großteil davon aus Entwicklungsländern, wenn man das Wasser einrechnet, dass für den Anbau der Kaffeebohnen in seinem Morgenkaffee bei Starbucks benötigt wurde, für die Baumwolle in seinem Shirt, das saftige Steak auf seinem Mittagsteller und so weiter. Oder, wie der WWF es darstellt, „virtuell gesehen nehmen die Engländer 58 Bäder pro Tag“.

Der Begriff „virtuell“ könnte hier auch als Synonym für Schwachsinn herhalten. Der WWF behauptet, dass ein großer Teil der 4.645 Liter Wasser, die der Durchschnittsbrite verwendet, nicht die Substanz ist, die morgens aus unseren Duschköpfen fließt, sondern „virtuell“ aus Entwicklungsländern „herbeigeschifft“ worden sei. Das vermittelt den Eindruck von gierigen Menschen, die sich Gallonen Wasser aus dem trockenen Afrika vor die Wohnungstür liefern lassen. Aber natürlich wird Wasser nicht „importiert“ oder aus den dortigen Ländern abtransportiert. Das Wasser bleibt vor Ort.

Selbst wenn Wasser in Entwicklungsländern verwendet wird, um Produkte in Ackerbau, Viehzucht und Gewerbe für den Export herzustellen, wird daraus nicht „unser Wasser“: Es bleibt an seinem Ursprungsort. Ein Teil des Wassers, das auf die Böden gebracht wird, um Pflanzen zu bewässern, fließt zurück in den natürlichen Wasserkreislauf; ein großer Teil wird zu „Grauwasser“, durch häuslichen Gebrauch oder wenig belastende Industrien verunreinigtes Wasser, das einfach recycled werden kann (die passende Ausstattung und Finanzierung vorausgesetzt). Die Vorstellung von „virtuellem Wasser“ oder „herausgeschifftem“ Wasser ist reine Bildsprache – eine Metapher für die angeblich kaltschnäuzige Verschwendungssucht der Menschheit. Sie zielt darauf ab, uns Schuldgefühle wegen allem zu verursachen – vom Tee, den wir schlürfen, bis zur Kleidung, die wir tragen. Und das durch die unsinnige, ignorante und emotional erpresserische Behauptung, dass wir jedes Mal, wenn wir „virtuelles Wasser“ nutzen, einen Becher des Leben spendenden Stoffs von den Lippen eines kleinen schwarzen Babys stehlen.

Darüber hinaus scheinen einige Zahlen des WWF nicht zusammen zu passen. Im Bericht steht, das „8000 Liter Wasser gebraucht würden, um ein Paar Lederschuhe herzustellen – eingerechnet das notwendige Wasser für den Futteranbau, die Aufzucht der Kuh und die Umwandlung ihrer Haut in Leder“.

Heißt das, dass 8000 Liter Wasser für die Aufzucht einer Kuh nötig sind? Wenn ja, wo auf der Welt wird eine ganze Kuh gebraucht für die Herstellung eines einzigen Paars Schuhe? Kühe liefern im Normalfall auch Milch und Fleisch, Knochenmehl, Leim und genug Leder, um mehr als zwei Schuhe zu produzieren. Stimmt es wirklich, dass die Lederschuhe, die ich beim Schreiben dieses Artikels trage, 8000 Liter „virtuelles Wasser“ zu ihrer Herstellung benötigen, oder haben diese 8000 Liter auch dazu beigetragen, den Farmer, seine Familie und den lokalen Markt mit Milch zu versorgen, Fleisch für den Export zu liefern und Bekleidung für 15, 20, 30 Leute? Hier liegt das Problem bei „virtuellen“ Argumenten und Metaphern; man kann sie einfach nicht überprüfen.

Im Haushalt werden wir ständig angehalten, „Wasser zu sparen“. Angefangen vom neuen Bericht des WWF (der behauptet, wir müssten alle „unseren eigenen Wasser-Fußabdruck ermitteln, um uns der Rolle des Wassers besser bewusst zu werden“) über Kampagnen wie die des Water Footprint Network, bis zu Politikern, die wie der ehemalige Londoner Oberbürgermeister Ken Livingstone uns zurufen „Verzichtet auf die Toilettenspülung“ werden wir überredet, unseren Wasserverbrauch ständig zu überprüfen. Dabei „verschwendet“ der weitaus größte Teil der Menschen kein Wasser. Eine der Errungenschaften des Lebens in einer industrialisierten Gesellschaft ist, dass Wasser gereinigt und wieder verwendet wird. Wenn ich also morgens dusche, ist das Wasser nicht „verbraucht“; es kehrt zurück in den Kreislauf. Es bekommt wieder Trinkwasserqualität.

Der britische Schriftsteller A. A. Gill hat es einmal poetisch ausgedrückt: „Alles Wasser, das es je gab, jeder Eiszeitgletscher, jede Träne einer Prinzessin, jedes Rinnsal, jeder Wasserlauf in einer Schlucht, jedes Bächlein, jeder Bach und jedes Flüsschen, alle und jeder Tropfen des Monsuns, jeder kleine Regenschauer, die Tropfen aus der Prostata jedes alten Mannes und jeder feuchte Kuss eines Teenager sind noch hier. Die Welt ist so durchnässt wie der Garten Eden“.

Die einzige Frage, die es wert ist, gestellt zu werden, ist nicht „warum nutzen wir so viel Wasser?“ (weil wir leben, deshalb!), sondern „wie kann sauberes Wasser zu jedem einzelnen Menschen auf der Erde gelangen?“ Natürlich gibt es Wassermangel auf der ganzen Welt. Manche Entwicklungsländer leiden furchtbar unter Wasserknappheit. Millionen und Abermillionen haben keinen Zugriff auf sauberes Trinkwasser und oft sind das dieselben Menschen, die jeden Tag schuften, um Feldfrüchte zu bewässern, die dann in westlichen Supermärkten landen. Doch wird kein einziges dieser sozialen Probleme dadurch gelöst werden, dass man bei westlichen Verbrauchern Schuldgefühle hervorruft oder stupende Beträge ausgibt, um uns zu überzeugen, dass unser Tweedjackett 29.733333 (Periode 3) Liter „virtuelles“ Wasser enthält.

Diese sozialen Probleme verlangen ehrgeizige, groß dimensionierte Industrieprojekte: Dämme, Speicher, Leitungen, Kanäle, menschengemachte Flüsse und Seen, Meerwasserentsalzungsanlagen, Abwassersysteme, mehr Investitionen in gentechnisch verbesserte Feldfrüchte, die auch bei Trockenheit wachsen können, und so weiter. Was bekommen wir stattdessen? Eine im Stil der katholischen Bußpredigt daherkommende Kampagne, die darauf abzielt, bei westlichen Konsumenten Schuldgefühle über ihren Wasserverbrauch hervorzurufen.

Das zeigt den Grundgedanken der Umweltschutzpolitik. Die Panik über schwindende Ressourcen – ob es Öl ist oder das „neue Öl“ Wasser – basiert nicht auf beweisen, dass solche Stoffe zur Neige gehen, sondern auf dem mangelndem Vertrauen, dass wir sie allen und jedem zur Verfügung stellen können. Und vor allem der Überzeugung, dass wir sie nicht nutzen dürfen. So wie das Bild des ökologischen Fußabdrucks impliziert, dass die Menschheit eine destruktive pestartige Lebensform auf dem Planeten ist, stellt „Wasser-Bewusstheit“ den Wert des Lebens selbst in Frage.

Wasser ist Leben. Wir Menschen kennen kein Lebewesen, das ohne Wasser überleben kann. Unsere Vorfahren bauten Gemeinden und Städte an Flüssen oder Meeren – von Mesopotamien, der Wiege der Zivilisation zwischen Euphrat und Tigris, bis London –, so dass sie sich selbst mit dem kostbaren Nass versorgen konnten. Sich wegen des Wasserverbrauchs schuldig zu fühlen heißt, sich schuldig zu fühlen, weil man lebt, sich zu schämen wegen der bloßen Existenz des Menschen auf dem Planeten Erde. Was „Wasserneutralität“ wirklich bedeutet ist Tod. Diese menschenverachtenden Ökodramatiker sollten sich schleunigst kaltes Wasser ins Gesicht schütten. Reichlich.