09.12.2008

Waschbrettbauch als Lebensziel?

Von Matthias Heitmann

Das Problem des Medikamentenmissbrauchs im Freizeitsport kann nicht über Gesundheitsaufklärung gelöst werden, sondern nur dadurch, dass Menschen Spielräume zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit bekommen, die über das Modulieren des eigenen Körpers hinausgehen.

Die Debatte über „Doping“ schwappt aus dem Bereich des Leistungssports in den Freizeit- und Breitensport herüber. Insbesondere der Medikamentenmissbrauch von Jugendlichen, die schneller zu einem „schöneren Körper“ kommen wollen, steht im Zentrum der Debatte. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) schätzt, dass zwischen drei und fünf Prozent der Jugendlichen Anabolika schlucken. Abgesehen von der Frage, ob dies nun ein hoher Wert ist oder nicht, ist die Verknüpfung dieses Phänomens mit der Einnahme leistungssteigernder Substanzen im Spitzensport doch arg weit hergeholt. Die Ursachen des bei Jugendlichen zu beobachtenden Körperkults liegen nicht in einem übersteigerten Leistungsstreben, im Gegenteil: Sie sind Ausdruck der inneren Abkehr von der Gesellschaft und des daraus resultierenden resignierten Rückzugs auf den eigenen Körper.

Den wenigsten jugendlichen Fitnessstudiogänger schlucken Anabolika, da sie eine Karriere als professionelle Bodybuilder anstreben. Es geht ihnen nicht um Leistung und sportliche Erfolge, sondern um ihre Optik, um „bessere Chancen bei den Mädchen“ und um ein „stärkeres und sichereres Körpergefühl“. Dass viele Jugendliche heute meinen, Stärke und Sicherheit fast nur noch über die eigene Physis erlangen zu können, offenbart, wie wenig andere Möglichkeiten, sich Anerkennung und Selbstbewusstsein zu erkämpfen, sie heute in der Gesellschaft sehen.

Die Fixierung auf den eigenen Körper stellt in Wirklichkeit einen Rückzug aus der als feindlich und chancenarm wahrgenommenen Welt dar. Der Körper erscheint als der einzig verbliebene Bereich, um der eigenen Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen. Der anhaltende Trend zur „künstlerischen Körperverschönerung“, der sich in Form von Piercings und Tattoos, aber auch in den immer weitere Verbreitung findenden Schönheitsoperationen mittlerweile durch alle Gesellschaftsschichten zieht, offenbart diesen Rückzug auf eindrucksvolle Weise.

Die Abkehr von der Gesellschaft und das Sich-Ausleben-Wollen im eigenen Körper ist mitnichten ein Jugendproblem. Der seit Jahren boomende Wellnessmarkt, in dem sich zumeist Erwachsene tummeln, baut auf derselben Motivation auf. Die verschiedensten Wellnessangebote und -produkte versprechen vor allen Dingen eines: die kurzzeitige Flucht in heile, körperbetonte Wohlfühlwelten. Da öffentliche und gesellschaftliche Betätigungen, sei es in der Arbeitswelt oder in Form gesellschaftlichen Engagements, kaum mehr als erfüllend wahrgenommen werden, ziehen sich immer mehr Menschen aus diesen Sphären zurück und suchen Erfüllung im Privatleben, in der eigenen Körperlichkeit.

Dass nicht wenige Jugendliche ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, um sich ihren Wunsch nach einem ein Gefühl der Stärke vermittelnden Körper zu erfüllen, mag zwar befremdend wirken – andererseits zeigt es aber, dass sie immerhin noch Ambitionen haben! Der Medikamentenmissbrauch unter Jugendlichen ist ein Indiz dafür, wie „ungesund“ das Leben in illusionslosen Gesellschaften ist. Wenn es mehr attraktive Alternativen gäbe, um kreativ zu sein, und man Jugendliche wie Erwachsene nicht zur Selbstverwirklichung in ihre eigene Körper „einsperren“ würde, hätten Medikamenten-Dealer und Muckibuden-Besitzer garantiert bald Umsatzprobleme und die Gesellschaft weitaus mehr Spaß am Leben.

Dieser Artikel ist auch auf der Website des Deutschen Wellnes Verbandes erschienen: http://www.wellnessverband.de/infodienste/beitraege/081212_waschbrettbauch.php