01.07.2004

Was Konsumenten wollen müssen

Essay von Thomas Deichmann und Peter Langelüddeke

Wahlfreiheit à la Greenpeace hat weder mit Wahl noch mit Freiheit zu tun.

Seit Mitte April gelten EU-weit neue Kennzeichnungsregeln für Lebens- und Futtermittel aus transgenen Nutzpflanzen. Das eröffnete, wie erwartet, sogleich ein neues Betätigungsfeld für Organisationen wie Greenpeace, die von der Grünen Gentechnik nichts wissen wollen. Sie zielen darauf ab, Unternehmen, die in der Kette der Lebensmittelherstellung agieren, dazu zu bringen, sich von den Anwendungen der modernen Biowissenschaften zu distanzieren. Reichten diese Firmen in der Vergangenheit den kleinen Finger und kündigten an, die von Greenpeace und anderen hoch gepeitschten „Sorgen der Verbraucher“ ernst und zum Beispiel GV-Lebensmittel nicht ins Sortiment zu nehmen, werden heute die Schrauben weiter angezogen. Nun ist die gesamte Warenkette dazu aufgefordert worden, nicht nur keine gentechnisch veränderten Lebensmittel, sondern auch keine Lebensmittel von mit GV-Futtermitteln versorgten Nutztieren ins Regal zu stellen – wie zum Beispiel Milch, Fleisch oder Käse von Kühen, denen Sojaschrot, Maiskleber oder andere proteinhaltige Zusätze transgenen Ursprungs ins Futter gemischt wurde. Da bis heute kein besonderes Risiko für diese Praxis bekannt ist, kann Greenpeace auch keine faktischen Argumente für den Warenboykott liefern und versucht stattdessen, die Unternehmen an der empfindlichsten Stelle zu treffen: bei der Akzeptanz der Verbraucher. Das Mittel der Wahl ist die Verleumdungsdrohung.

Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind in der EU schon seit 1997/98 zu kennzeichnen. Greenpeace sah hierin von Anfang an eine Chance, sich als vermeintliche Verbraucherschutzorganisation zu profilieren und Mitglieder zu gewinnen. Eines der ersten Opfer war Nestlé mit seinem Schokoriegel „Butterfinger“, der ab September 1998 in Deutschland angeboten wurde. Er enthielt Bestandteile aus transgenem Mais und unterlag damit der Kennzeichnungspflicht: ein gefundenes Fressen für Fortschrittsmuffel. In einer groß angelegten Kampagne wurde der Butterfinger von Greenpeace als gefährliches Teufelszeug diffamiert. Nestlé gab klein bei und nahm den Butterfinger, den ohnehin kaum jemand kaufen wollte, im Sommer 1999 wieder vom Markt.

„Die Wahlfreiheit, die Greenpeace meint, ist die zwischen „ohne Gentechnik“ und „gentechnikfrei“.“

Bereits im Spätsommer 1998 war eine große Kampagne gegen „Gen-Food“ angelaufen. Greenpeace verlangte von Handelsketten die Erklärung, zumindest bei Eigenmarken auf gentechnisch veränderte Rohstoffe zu verzichten. Die Unternehmen waren zunächst unwillig und mussten sich von Greenpeace den Vorwurf gefallen lassen, sie setzten sich unbeirrt über die „Ablehnung der Verbraucher“ hinweg – zu einem Zeitpunkt, als sich noch kaum ein Bürger für das Thema interessierte. So waren auch keine sinkenden Umsätze zu verzeichnen, als man die Einschüchterungsversuche von Greenpeace links liegen ließ. Doch die Umweltorganisation ließ nicht locker; hinzu kam der Einzug der Grünen in die Bundesregierung. Mit vereinten Kräften wurde fortan die Vorstellung gestärkt, die Grüne Gentechnik sei gefährlich. Schließlich beugten sich im Sommer 1999 die ersten Firmen dem Druck der PR-Profis – zuerst Tengelmann, dann Rewe, Edeka, Spar, Lidl und schließlich auch Aldi. Später folgten weitere Einzelaktionen gegen McDonald’s und das KaDeWe in Berlin. Im Dezember 2003 gab auch der Metrokonzern nach und erfüllte die Forderung der Anti-Biotech-Lobbyisten, keine transgenen Lebensmittel mehr anzubieten.
An diesen und weiteren Kampagnen wurde vor allem eines deutlich: Greenpeace beruft sich zwar immer auf die Ablehnung der Gentechnik durch die Verbraucher. In Wirklichkeit geht es aber nicht um Wahlfreiheit, denn den Verbrauchern soll nicht einmal die Chance gegeben werden, sich für oder gegen GV-Produkte zu entscheiden. Die Wahlfreiheit, die Greenpeace meint, ist die zwischen „ohne Gentechnik“ und „gentechnikfrei“.

Die Situation innerhalb der EU änderte sich, als im Herbst 2003 zwei Verordnungen zur Kennzeichnung[1] und zur Rückverfolgbarkeit [2] verabschiedet wurden. Seit Mitte April 2004 müssen nun Lebensmittel, die aus gentechnisch veränderten Rohstoffen hergestellt werden, auch dann gekennzeichnet werden, wenn im Endprodukt keine Spuren solcher transgenen Ausgangstoffe mehr nachzuweisen sind. Greenpeace und andere Organisationen begrüßten das und befürworteten auch, dass neben den Lebensmitteln auch Futtermittel zu kennzeichnen sind. Aber sie kritisierten, dass man (bei den ohnehin schon absurden Kennzeichnungsvorschriften) nicht noch weiter gegangen sei. So brauchen Lebensmittel wie Fleisch, Milch oder Eier von Tieren, die mit transgenen Pflanzen gefüttert worden sind, nicht gekennzeichnet zu werden.

Greenpeace erkannte diese Lücke und machte sich sogleich daran, seine Anti-Gentechnik-Kampagne neu auszurichten. „80 Prozent der Schweine in Deutschland fressen noch gentechnisch verändertes Futter“, hieß es Anfang Januar 2004.[3] „Gen-Detektive“ wurden aufgefordert, „in den Supermärkten“ genau zu gucken, „wo gekennzeichnete Produkte zu finden sind, wer der Hersteller und die Händler sind. Dann können wir genau sehen, gegen welche Produkte wir vorgehen können.“
Es ging also wieder einmal darum, Lebensmittelhersteller und Händler, die ordnungsgemäß gekennzeichnete Produkte anbieten, an den Pranger zu stellen. Anfang April kündigte Greenpeace an: „Zusammen mit Verbrauchern wird Greenpeace Gen-Food aufspüren und sichtbar machen.“[4] Entsprechend erschienen einige Tage später die ersten Hilfs-Sheriffs in Supermärkten, um zu kontrollieren, ob alles sauber ist.[5] Wer sich an dieser Aktion beteiligen wollte, wurde aufgefordert, ein „Gen-Protokoll“ auszufüllen und unter dem Motto „Geben Sie Gen-Alarm“ an Greenpeace weiterzuleiten. Mitte Mai firmierte die Kampagne unter dem Slogan „Verbraucher warnen Verbraucher“.[6] In bewährter Manier wurde so der irrige Eindruck erweckt, der Verzehr von Lebensmitteln, bei deren Produktion an irgendeiner Stelle die Gentechnik zum Einsatz kam, sei eine Gefahr für Menschen, Tiere oder die Umwelt.

Für den „Einkaufsratgeber für gentechnikfreien Genuss“, den Greenpeace anlässlich der Grünen Woche 2004 präsentierte, ordneten die Gentech-Fahnder mehr als 400 Firmen in grüne, gelbe und rote Listen.[7] Maßgeblich für die Klassifizierung waren die Antworten der Firmen auf eine Greenpeace-Umfrage. Unternehmen, die nicht die gewünschten Erklärungen abgegeben hatten – also solche, die sich an der Umfrage nicht beteiligt hatten, und solche, die sich nicht kategorisch von der Gentechnik distanzierten –, wurden als „nicht empfehlenswert“ auf die rote Liste gesetzt. Dieser „Einkaufsratgeber“ wurde in den folgenden Wochen massenhaft unters Volk gebracht, er lag Ende Juni bereits in der vierten Auflage vor. Schon Mitte Mai überreichte Greenpeace das einmillionste Exemplar dem Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt.[8] Im Ratgeber ist zu lesen: „Verbraucher haben die Wahl.“ Die wahre Botschaft aber ist: „Wir dürfen dem Verbraucher keine Wahl lassen.“ Auf den Punkt brachte dies ein Kommentator in der Zeit. Er schrieb: „Greenpeace weiß, was Kunden wünschen müssen.“[9]

Natürlich waren Branchenkenner nicht im Geringsten überrascht von der neuen Kampagne gegen die Gentechnik im Tierfutter. Greenpeace hatte schon seit Jahren immer wieder gegen Futtermittel mit oder aus transgenen Rohstoffen protestiert, ohne die angeblich damit einhergehenden Gefahren sachlich fundiert belegen zu können. An Slogans und Meldungen wie „Gentechnik: Dank Novartis bald auch in Ihrem Milchglas“[10], „Tierfutter auf ‚Grüner Woche’ enthält Gen-Soja“[11] und „Gentechnik im Trog. Wie mit Schweinefraß und Hühnerfutter experimentiert wird“[12] hatte sich die Branche schon fast gewöhnt.
Auch dass die Verunglimpfungen ein Ende finden würden, erwartete niemand wirklich, denn die Greenpeace-Angstkampagne verlief aus Sicht der Organisation doch ziemlich erfolgreich. Zudem waren etliche wissenschaftliche Untersuchungen, welche belegen, dass Nahrungsmittelprodukte von Tieren, die transgenes Futter bekommen hatten, keine besonderen Risiken bergen und dass sie sich in keiner Weise von solchen aus konventionell gefütterten Beständen unterscheiden, geflissentlich unter den Teppich gekehrt worden.[13]

So war es nur eine Frage der Zeit, bis Greenpeace mit der nächsten „Gensation“ für Furore zu sorgen suchte. Ende April war es soweit, am 22. wurde verkündet: „Sabotage bei Gen-Kennzeichung“.[14] Als Anlass diente die Erklärung einer Hamburger Importfirma, „dass ihre Ware auch dann als Gen-Soja gekennzeichnet“ würde, wenn in der Lieferung gar keine „Gen-Pflanzen“ enthalten seien. Hintergrund dafür ist die Futterhändlern bekannte Tatsache, dass ein hoher Anteil des weltweiten Sojaangebots mittlerweile auf transgenen Pflanzen beruht und dass eine Trennung konventioneller und transgener Sorten im Zuge der Vermarktung nicht nur unbegründet, sondern auch sehr aufwändig ist und daher bislang kaum vollzogen wird. Außerdem drohen innerhalb der EU und insbesondere in Deutschland hohe Strafen für den Fall, dass transgene Waren ohne Kennzeichnung auf den Markt kommen. Einige Handelsunternehmen sind deshalb dazu übergegangen, lieber gleich „mit Gentechnik“ auf alle ihre Sojasäcke stempeln zu lassen.
Greenpeace gefällt das gar nicht. Dieses Vorgehen verstoße gegen EU-Recht, und durch die möglicherweise falsche Kennzeichnung würden Landwirte von Futtermittelkonzernen „gezwungen“, als „Gen-Futter“ deklarierte Ware zu kaufen, wurde verlautbart. Die Futtermittel-Industrie hielt zu Recht dagegen, in den meisten Soja-Anbaugebieten würde gentechnisch verändertes Saatgut genutzt, weshalb ihnen das Risiko, Soja fälschlicherweise als gentechnikfrei zu deklarieren, zu groß sei.[15] Verbraucherschutzministerin Künast stieß ins gleiche Horn wie Greenpeace und erklärte, auch eine vorsorglich falsche Deklaration verstoße gegen geltende Gesetze. Dabei geht es den Unternehmen im Grunde nur darum, den Aufwand für aus wissenschaftlicher Sicht sinnlose Kontrollen zu sparen. Sie nehmen dafür sogar in Kauf, dass sie ihre Waren wegen der Gentech-Kennzeichnung zu niedrigeren Preisen anbieten müssen.

„Selbst ernannte „Inspektoren“ eines Privatklubs, der über keinerlei öffentliches und demokratisch legitimiertes Mandat verfügt, spielen sich als Kontrolleure auf und maßen sich an, nicht nur Verbrauchern, sondern auch Firmen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben.“

Schon bald fiel den PR-Strategen in Hamburg der nächste Coup ein. In der „Roten Liste“ fanden sich auch die Firmen Sachsenmilch und Weihenstephan – beide mit dem Zusatz „Müller-Milch“. Das passte gut, denn Müller-Milch war zuvor bundesweit in die Kritik geraten, weil erwogen wurde, den Firmensitz aus steuerlichen Gründen in die Schweiz zu verlegen. Greenpeace konnte also mit Vorbehalten mancher Verbraucher rechnen und fragte Ende April: „Wie viel Gentechnik steckt in Müllermilch?“ Die offiziellen Firmenangaben dazu wurden angezweifelt, und Greenpeace verlangte die Vorlage von Verträgen, die belegten, dass glückliches Müller-Milch-Vieh tatsächlich nicht mit transgenem Futter versorgt wird.[16] Laut Greenpeace hatte Müller-Milch erklärt, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um „Gen-Pflanzen“ im Futter der Milchkühe auszuschließen. Doch im Anschluss hatten Greenpeace-Prüfbrigaden auf Müller-Milch-Höfen einen „erheblichen Anteil an transgener Soja“ entdeckt. „Der Milch-Riese muss Verträge mit den Milchbauern abschließen, die ganz klar zu einer Fütterung ohne Gen-Soja und Gen-Mais verpflichten und faire Preise garantieren. Müller muss zudem für ausreichende Überwachung sorgen. Fehlen diese verbindlichen Schritte, kann der Verbraucher von Müller nichts erwarten außer viel heißer Luft und Gen-Milch“, erklärte großspurig Christoph Then, einer der zahlreichen so genannten „Gentechnik-Experten“ von Greenpeace.

Fassen wir den letzten „Skandal“ zusammen: Selbst ernannte „Inspektoren“ eines Privatklubs, der über keinerlei öffentliches und demokratisch legitimiertes Mandat verfügt und sich dennoch als Volkes Stimme ausgibt, spielen sich als Kontrolleure auf und besuchen fremde Bauernhöfe, um sich in der Folge anzumaßen, nicht nur Verbrauchern, sondern auch Landwirten und Firmen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Sie beleben damit freilich vor allem das eigene Geschäft, das auf der Verunsicherung von Bauern und Bürgern beruht, um Spenden für den Kampf gegen das selbst gebastelte Böse sammeln zu können. Und so geht die Kampagne munter weiter. „Milchreis schmeckt ohne Gen-Milch einfach besser“, hieß es am 3. Mai.[17] Greenpeace demonstrierte an diesem Tag auf dem Münchener Marienplatz zusammen mit „Spitzenköchen“, wie gut Milchreis-Gerichte mit Milch von Kühen schmeckten, die keine „Gen-Pflanzen“ im Futtertrog hatten. Ein Geschmacksvergleich wurde freilich nicht geboten, denn selbstverständlich weiß auch der kleinste Greenpeace-Ortsgruppenkampagnenwart, dass es Geschmacksunterschiede bei Milchreis mit und ohne transgenem Futtereinsatz nicht gibt. Wenige Tage später wurde dann ein „Muh-Mobil“ vor dem Sachsenmilchwerk in Leppersdorf in Position gebracht.[18] Dieses Gefährt soll offenbar dazu dienen, im kommenden Sommerloch immer mal wieder für Schlagzeilen zu sorgen. Parallel dazu laufen noch andere Aktionen: auf einer Hotline dürfen Gesinnungsgenossen ihre Stimme gegen „Gen-Milch“ erheben. Und Aktivisten sind mit Warnaufklebern „Gen-Milch – Hände weg!“ ausgerüstet worden, um sie in Supermärkten auf Müller-Produkten zu platzieren.[19]

Doch alsbald beschäftigten sich erstmals Gerichte mit den Greenpeace-Aktionen – Müller-Milch beantragte am 26. Mai am Landgericht Köln eine einstweilige Verfügung zur Unterlassung geschäftsschädigender Äußerungen.[20] Erwartungsgemäß lehnte Greenpeace eine am 13. Juni vom Gericht vorgeschlagene außergerichtliche Einigung ab und leitete stattdessen seinerseits ein Verfahren gegen die Müller-Marke Weihenstephan und deren Produktbezeichnung „Alpenmilch“ ein – ein geschicktes taktisches Manöver, um weiter in den Schlagzeilen bleiben zu können.[21] In einem internen Rundschreiben von 14. Juni wurden die regional zuständigen Greenpeace-Kampagnenleiter informiert, dass auch die Greenpeacezentrale davon ausging, dass das Landgericht bei seiner für den 23. Juni angekündigten Entscheidung Müller-Milch „in den meisten Punkten Recht gegen“ würde. Die Aktivisten erhielten dennoch genaue Anweisungen, wie sie unter dem Motto „Let’s Rock Them Hard!“ in den kommenden Tagen „Müller so richtig auf den Nerven gehen“ könnten: „Doch noch haben wir 12 Tage Zeit. Deshalb der Aufruf an Euch: bis zum 23. Juni können wir noch alle unsere Kampagnen-Tools nutzen. Alles muss raus.“ Um die Schadenersatzforderung von Müller-Milch nicht weiter in die Höhe zu treiben, wurden sie lediglich dazu aufgefordert, in den Supermärkten keine Müller-Produkte mehr zu kennzeichnen.[22]

„Greenpeace wird das florierende Geschäft mit der Angst in bewährter Manier weiter betreiben – so lange jedenfalls, wie in weiten Teilen der Gesellschaft der irrige Eindruck wach gehalten werden kann, der „Kampf“ gegen die Grüne Gentechnik sei ehrenwert und erfolge im Dienste der Menschheit.“

Ähnlich alberne Kindergartenstreiche gegen die Gentechnik werden auch im Ausland durchgeführt: Am 22. April „überprüften“ Greenpeace-Inspektoren im Hafen von Rio Grande im Süden Brasiliens einen Frachter, verlangten Auskünfte und Belege über die Herkunft der geladenen Futtermittel. Als der Kapitän der Forderung nicht nachkam, wurde sein Schiff als „genmanipuliert“ deklariert.[23] Sechs Tage später enterten Greenpeace-Detektive ein Frachtschiff vor Malaga, erklommen Ladekräne und Maste und entfalteten ein Banner gegen die „Kontaminierung spanischer Lebensmittel“.[24] Am 10. Mai umzingelten dann Freizeitaktivisten aus dem Greenpeace Adventure Club im Hafen von Ravenna ein Lagerhaus, nachdem sie dort „Gen-Soja“ entdeckt hatten.[25] Zur gleichen Zeit wurden im Hafen von Chioggia die Verladearbeiten auf einem argentinischen Frachter behindert, der mit transgener Soja in See stechen wollte.[26] Und im Hafen von Brake an der Unterweser versuchten Ökoabenteurer in neun Schlauchbooten einen mit „Gen-Sojaschrot“ beladenen Frachter am Anlegen zu hindern.[27] Etwa 60 Polizeibeamte mit Hubschraubern und Streifenbooten kamen zum Einsatz, die Schlauchboote wurden beschlagnahmt und 22 Aktivisten vorübergehend festgenommen. Sie erwartet nun ein Strafverfahren wegen Gefährdung des Schiffsverkehrs.[28] Bei der Aktion wurden zwei Schlauchboote zerstört, worauf von der Greenpeace-Zentrale zum Besten gegeben wurde: „So wie hier gegen unsere Schlauchboote vorgegangen wird, so soll auch mit dem Verbraucher umgegangen werden.“

Und so weiter, und so fort. Sicher wird Greenpeace das florierende Geschäft mit der Angst in bewährter Manier weiter betreiben – so lange jedenfalls, wie in weiten Teilen der Gesellschaft der irrige Eindruck wach gehalten werden kann, der „Kampf“ gegen die Grüne Gentechnik sei ehrenwert und erfolge im Dienste der Menschheit.
Politische Entscheidungsträger sollten wissen, dass das ein Trugschluss ist und entsprechend handeln. Der Finanzminister Sachsen-Anhalts, Karl-Heinz Paqué, hat kürzlich angekündigt, er wolle auf juristischem Wege erreichen, dass Greenpeace die „Gemeinnützigkeit“ aberkannt werde.[29] Es wird Zeit, dass jemand auf diese Idee kommt; von einem kanadischen Gericht ist Greenpeace der Status der Gemeinnützigkeit bereits verweigert worden.[30]
Lebensmittelproduzenten und der Handel sollten bei dem ganzen Brimborium um die Grüne Gentechnik bedenken, dass sich die Spielchen von Greenpeace zwar vordergründig um die Angst der Verbraucher drehen mögen. Aber ernste Sorgen um die eigene Gesundheit macht sich heute glücklicherweise kaum noch jemand, wenn er durch die Supermarktgänge streift. Das Greenpeace-Geschäft floriert momentan vielmehr auf Grundlage der florierenden Angst in der Lebensmittelbranche, zum Opfer von Kampagnen zu werden. Um das zu vermeiden, lässt man sich mitunter sogar in vorauseilendem Gehorsam das eigene Geschäft von Greenpeace diktieren. Das wird sich heimzahlen – früher oder später –, denn man macht sich angreifbar für alle nur denkbaren Irrationalismen. Selbst schuld, ist man fast geneigt zu sagen, wenn man sich von der selbst ernannten Gen-Polizei über Jahre vorführen lässt, statt mit einem Ruck und vor allem gemeinsam mal ein ordentliches Gentech-Sortiment in die Regale zu stellen.