15.02.2010

Warum wir eine Unterschicht brauchen

Von Michael Bross

Weil Fasching ist, habe ich beschlossen, mich einem recht närrischen Thema zuzuwenden: der Unterschicht. Der politisch motivierte Karneval war ja nie politisch korrekt.

In New York schwärmen ständig sogenannte Trend-Scouts durch die Bronx oder andere Ghettos der Millionenstadt, in den Händen Prototypen der neuesten elektronischen Spielzeuge, an den Füßen Sportschuhe, die noch niemand hat. Schwarze und braune Unterschicht-Kids werden von ihnen angequatscht, um herauszufinden, was in den Gangs gerade cool und angesagt ist. Das Lebensgefühl der Underdogs wird vermessen und gewogen, um daraus Turnschuhe, Gadgets und Klamotten zu stylen, die sich dann prima an weiße College-Boys verkaufen lassen, die dafür 150 Dollar und mehr bezahlen – was sich die Kids, deren Meinung so wichtig war, bei der Konzeption des Produktes, niemals im Leben werden leisten können. So wird aus den Befindlichkeiten der Namenlosen durch Metamorphose in Markennamen viel Geld gemacht. Arm, aber sexy – so würde das ein deutscher Bürgermeister zum zigsten Male apostrophieren.
Beispiele dafür, dass wir auch in Deutschland die Proleten – nicht unbedingt aber die Proletarier – brauchen, lassen sich leicht finden. In vielen Fußballstadien werden die enthusiastischen Fans nur noch als willfährige Produzenten der Geräuschkulisse und für das folkloristische Erscheinungsbild auf den Rängen benötigt. Das Geld verdienen die Vereine mit Business-Logen, Werbeverträgen und durch Fernsehrechte. Ökonomisch ist die Unterschicht hier längst außen vor – auch wenn sie samstags noch ins Bundesligastadium rein darf.
Auch die Intellektuellen brauchen das Prekariat. Seit die Nationalsozialisten immer weniger Angriffsfläche bieten, da sie aufgrund von Demenz, Inkontinenz oder schlicht finaler Absenz als Gegner ausfallen, fehlt dem deutschen Intellektuellen-Betrieb ein Anlass für aufgeregte Zeitungskommentare und stürmische Talk-Shows, wenn mal gerade wieder Saure-Gurken-Zeit im Polit-Zirkus herrscht. Ein neues Themenfeld muss angelegt werden, das sich dann auf Jahre hinaus bei Bedarf ähnlich ertragreich medial ausschlachten lässt wie unsere deutsche Vergangenheit.
Da kommt es doch gerade recht, wenn man sich zumindest verbal um die Unterprivilegierten kümmern kann. All überall wird (krokodils-)tränenreich über die Nöte von Alleinerziehenden, Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern lamentiert. Das nützt denen zwar nichts, denn diese Leute haben Probleme, die nicht durch Mitleidsbekundungen nach dem Motto: „Gut, dass wir mal über die anderen geredet haben“ zu lösen sind. Aber es macht sich gut im Fernsehen, wenn man Solidarität verströmt.
Der zweite Aufzug des medialen Rituals besteht meist darin, Manager, Banker oder Besserverdiener und überhaupt die Abzocker, im Zweifelsfalle alle Wohlhabenden und Vermögenden – oder was die Wohlmögenden dafür halten – zu beschimpfen und für alles Schlechte auf der Welt verantwortlich zu machen. Wenn man die nur alle zur Kasse bitten oder besser gleich komplett enteignen könnte, ginge es der Unterschicht ungleich besser. Psychisch vielleicht, denn nun müsste sich keiner mehr als zu kurz gekommen betrachten. Die Intellektuellen selbst – das sei nur mal ganz nebenbei angemerkt – wären von dieser Enteignungswelle nicht betroffen, denn an geistigem Eigentum ist das Prekariat nicht so sehr interessiert.
Und Politiker brauchen eine Unterschicht. Sonst hätten sie ja niemanden, den sie betütteln könnten. Ohne Unterschicht wäre da keiner, um den sie sich kümmern müssten. Der mündige Bürger weiß ja selbstständig, was er zu tun und zu lassen hat. Aber die Unterschicht ist eben unmündig und bietet dem Nanny-Staat breite Chancen für die Betreuung. Wirtschaftlich ist es zwar sinnlos, alle die zu entmutigen, die als große oder kleine Leistungsträger noch einen Beitrag zum Erhalt des Sozialstaats beisteuern. Ökonomisch betrachtet sind übrigens alleinstehende Durchschnittsverdiener für den Staat am Interessantesten und entpuppen sich als die Säulen des Gemeinwesens. Auch hier unterscheidet sich also die öffentlich geübte Familienrhetorik deutlich von den Wahrheiten der finanziellen Realität. Von 3150 Euro brutto bleiben einem Single nach Abzug der Steuern und Sozialabgaben 1955 Euro übrig; in verschiedenen Industriezweigen ist das Verhältnis noch dürftiger. Aber diesen Leistungsträgern mal ein Lob dafür auszusprechen, dass sie ohne zu murren anständig ihrer Arbeit nachgehen, wäre so langweilig wie diese Gruppe selbst. Stattdessen ist es angesagt, sich mit den Zu-kurz-Gekommenen zu solidarisieren, ohne selbst dazu zu gehören. Aber das verspricht im Polit-Betrieb dieser Republik die meiste Reputation und sozial verträgliches Ansehen. Mit oder ohne Pappnase!