01.09.2004

Warum Menschen keine Affen sind

Essay von Helene Guldberg

Um sich ernsthaft mit Tieren zu vergleichen, sind Menschen einfach zu intelligent.

„Der menschliche Geist wird relativiert, wenn wir Tiere ‚disneyfizieren’ und gleichzeitig menschliches Handeln auf tierische Verhaltensmuster zurückführen.“

Der Humanismus, verstanden als die Überzeugung, dass Menschen fähig sind, Probleme mittels Vernunft und Wissenschaft zu lösen, ist heute arg in der Defensive. Der britische Wissenschaftler Raymond Tallis warnt davor, dass der menschliche Geist und menschliches Handeln zunehmend relativiert werden, „wenn wir Tiere vermenschlichen oder ‚disneyfizieren’ und gleichzeitig menschliches Handeln auf tierische Verhaltensmuster zurückführen“.[1] Diese Warnung ist berechtigt, denn inzwischen sind viele Menschen der Ansicht, den Menschen unterscheide nicht viel vom Tier. Menschliche Fähigkeiten werden gering geschätzt, und die Überzeugung, der Mensch sei einzigartig, ist wenig populär.[2] Täglich hören wir von neuen Entdeckungen, die zu belegen scheinen, dass Tiere uns sehr ähnlich sind. Hier eine kleine Auswahl entsprechender Schlagzeilen aus jüngster Zeit:
Wie Tiere sich küssen und versöhnen
Männliche Vögel bestrafen treulose Weibchen
Hunde leiden unter Weihnachts-Stress
Kapuzineraffen fordern Gleichberechtigung
Wissenschaftler beweisen: Fische sind intelligent
Vögel vor dem Scheidungsrichter
Wissenschaftler sagen: Bienen können denken
Schimpansen haben eine Kultur [3]

Am verbreitetsten ist die Annahme der Ähnlichkeit von Mensch und Tier, wenn es um Menschenaffen geht. Ein einflussreicher Kritiker der „Heiligsprechung menschlichen Lebens“, wie er es nennt, ist Peter Singer, Verfasser des Buches Befreiung der Tiere und Mitbegründer des Great Ape Project.[4] Singer tritt dafür ein, die „Artenbarriere“ zu durchbrechen und Menschenaffen (sowie anderen Arten) Rechte einzuräumen. Die Menschenaffen sind laut Singer nicht nur unsere nächsten lebenden Verwandten, sondern sie verfügen auch über viele Eigenschaften, die wir lange für spezifisch menschlich gehalten haben.
Sind Menschenaffen wirklich wie wir? Die Primatenforschung hat gezeigt, dass Menschenaffen (und manche andere Affenarten) in freier Wildbahn kommunizieren. Jane Goodall und andere Forscher haben nachgewiesen, dass sie Werkzeuge benutzen – Stöcke, um Termiten zu angeln, Steine als Hammer oder Amboss und Blätter als Löffel oder Gefäße. Beobachtet man junge Schimpansen bei ihren spielerischen Kämpfen, wie sie einander kitzeln und dabei kichern, scheint ihr Verhalten dem menschlichen tatsächlich sehr nahe zu kommen.

„Tiere verhalten sich auf eine bestimmte Art, weil dieses Verhalten in der Vergangenheit zu bestimmten Ergebnissen führte – nicht weil sie verstehen, wie Handlung und Ergebnis zusammenhängen.“

Das reicht aber nicht aus, um die Behauptung abzuleiten, die Affen seien wie wir. Die Frage ist, ob solches Verhalten auf so etwas wie Erkenntnis oder Intelligenz hinweist. Oder lässt es sich einfach durch Evolution und Assoziationslernen erklären? „Assoziationslernen“ oder auch „Kontingenzlernen“ sind Konzepte, die der amerikanische Psychologe B.F. Skinner entwickelte. Sie beschreiben eine Art des Lernens, die auf der assoziativen Verknüpfung einer Handlung mit einem sie verstärkenden Anreiz beruht, ohne dass dabei Einsicht im Spiel wäre.
Skinner wurde bekannt durch seine Arbeit mit Ratten, Tauben und Hühnern. In einem Experiment belohnte er die Hühner mit etwas Futter (dem verstärkenden Anreiz), wenn sie auf einen blauen Knopf pickten. Pickten sie auf einen gelben, grünen oder roten Knopf, bekamen sie nichts. Die von der Schule des Behaviorismus entwickelten Konzepte des Assoziations- oder Kontingenzlernens gehen davon aus, dass Tiere sich auf eine bestimmte Art verhalten, weil eben dieses Verhalten in der Vergangenheit zu bestimmten Ergebnissen führte – nicht weil sie verstehen, wie Handlung und Ergebnis zusammenhängen.
Die Primatenforscher Duane Rumbaugh und David Washburn behaupten in ihrem Buch Intelligence of Apes and Other Rational Beings (2003), das Verhalten der Menschenaffen ließe sich nicht ausschließlich durch Kontingenzlernen erklären.[5] Sie halten Menschenaffen für Wesen, die überlegt rationale Entscheidungen treffen können. Doch die Belege sind zweifelhaft – und sie werden umso zweifelhafter, je genauer die Fähigkeiten der Primaten untersucht werden. Inzwischen werden viele früher angeführte Belege dafür, dass Menschenaffen einsichtsvoll handeln können, wieder in Zweifel gezogen.

Kulturelle Tradierung und soziales Lernen

Die kulturelle Übertragung von Verhalten, das heißt Vorgänge, bei denen Verhaltensmuster nicht genetisch weitergegeben, sondern beigebracht, gelernt oder abgeschaut werden, galt lange als Beleg für die höheren geistigen Fähigkeiten der Menschenaffen. Diese Position wird zurzeit revidiert.
Der erste Beleg dafür, dass Affen Fähigkeiten weitergeben können, fand sich in den 50er-Jahren in Japan, als man beobachtete, wie sich unter Makkaken die Fähigkeit ausbreitete, Kartoffeln zu waschen.[6] Ein junges, weibliches Tier begann damit, und ihre Mutter und andere Tiere folgten. Innerhalb eines Jahrzehnts wuschen alle jüngeren Makkaken ihre Kartoffeln. In einer Zusammenstellung listen Andrew Whiten und seine Co-Autoren solche Beobachtungen auf und kommen auf mindestens 39 Beispiele für derartiges Verhalten, darunter den Gebrauch von Werkzeugen, Kommunikation und Aufzuchtverhalten bei Schimpansen. Alle diese Verhaltensmuster wurden in bestimmten Gemeinschaften festgestellt, während sie in anderen fehlen.[7] Es scheint also, dass Tiere Neues lernen und an andere weitergeben können.
Doch stellt sich die Frage, was das über ihre geistigen Fähigkeiten aussagt. Kulturelle Übertragung gilt häufig als Erklärung dafür, dass Tiere auf gewisse Art zu sozialen Lernprozessen fähig sind und möglicherweise anderen Tieren etwas beibringen können. Es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass Menschenaffen ihren Jungen wirklich etwas beibringen. Michael Tomasello, Co-Direktor des Wolfgang-Köhler-Zentrums für Primatenforschung in Leipzig, weist darauf hin, dass „nicht-menschliche Primaten nicht auf körperferne Dinge in ihrer Umgebung zeigen und auch keine Gegenstände hochheben, damit andere sie sehen und begreifen können, noch bieten sie anderen Individuen aktiv solche Gegenstände an. Sie bringen sich gegenseitig nichts bei.“[8]

Selbst wenn Menschenaffen sich gegenseitig nichts beibringen können, aber trotzdem fähig sind, sozial – durch Nachahmung – zu lernen, deutet allein das auf komplexe kognitive Fähigkeiten hin. Imitation setzt voraus, dass ein Individuum nicht nur begreifen kann, wie die Handlungen eines anderen Individuums zusammenhängen, sondern auch in der Lage ist, sich vorzustellen, wie es wäre, diese Handlung selbst auszuführen. Um nachzuahmen, ist es notwendig, sich in ein anderes Individuum hineinversetzen zu können.
Der Psychologe Bennett Galef, der die Untersuchungen aus Japan analysiert hat, weist darauf hin, dass sich unter den Makkaken das beobachte Waschverhalten nur sehr langsam verbreitete. Wäre es ein Fall von Nachahmung, würde man eine schnelle Ausbreitung erwarten.[9] Eine sehr kleine Gruppe von Individuen benötigte an die zehn Jahre, um das neue Verhalten aufzunehmen. Verglichen mit der menschlichen Fähigkeit, nicht nur kleine Kniffe, sondern völlig neuartige Denkweisen und komplexe Techniken zu erlernen, die unser Leben grundlegend verändern können, ist das wenig beeindruckend.
Sichtet man die Literatur über Primaten, so stellt man fest, dass die Forscher sich nicht einig sind, ob Menschenaffen auch die einfachste Form sozialen Lernens – die Nachahmung – beherrschen.[10] Eine andere Möglichkeit wäre, dass sie der so genannten Reizverstärkung folgen. Für Vögel hat man beispielsweise nachgewiesen, dass die Reizverstärkung eines Futterplatzes dadurch erfolgen kann, dass Vogel A sieht, dass Vogel B dort Futter findet. Anders gesagt: Die Aufmerksamkeit eines Individuums wird auf einen Reiz gelenkt, ohne dass es wüsste oder begreifen könnte, was dieser Reiz bedeutet oder wie er mit dem Ort zusammenhängt.

Andere Forscher gehen davon aus, dass Tiere etwas über die positiven oder negativen Konsequenzen einer Handlung lernen können, ohne die Sache selbst auszuprobieren, indem sie beobachten, wie andere Individuen auf diese Konsequenzen reagieren. Auch dies ist eine Form des Assoziationslernens und hat mit Einsicht und Verständnis nichts zu tun.
Michael Tomasello ist überzeugt, dass die Art, wie Menschen lernen, einzigartig ist. Im Unterschied zu Tieren können Menschen begreifen, dass ihre Mitmenschen zielgerichtet handeln. Außerdem erkennen sie, dass die physikalischen Dinge um sie herum der Kausalität unterliegen.[11] Wir reagieren nicht einfach aufs Geratewohl auf unsere Mitmenschen, sondern wir versuchen, zumindest ansatzweise, ihre Motive zu analysieren. Und wir können Werkzeuge wirksam einsetzen, weil wir ihren Sinn verstehen. Es sind diese Fähigkeiten, die uns sozial lern- und lehrfähig machen. Unsere Kinder beginnen damit gegen Ende ihres ersten Lebensjahrs. Die anderen Primaten sind nicht in der Lage, intentionale oder kausale Abläufe nachzuvollziehen – weshalb sie auch nicht wie wir lernen können.
Schimpansen benötigen – sofern es ihnen überhaupt gelingt – bis zu vier Jahre, bis sie die Technik, eine Nuss mit einem Stein zu knacken, halbwegs beherrschen. Das deutet darauf hin, dass sie nicht zu wirklichem Imitationslernen fähig sind und sich gegenseitig nichts beibringen können.

Affensprache?

Haben Affen eine Sprache? Untersuchungen, die Robert Seyfarth und Dorothy Cheney in den 80er-Jahren bei wild lebenden Meerkatzen durchführten, ergaben, dass die Töne, die sie ausstoßen, mehr sind als nur expressive Äußerungen von Angst oder Wut. Bestimmte Töne beziehen sich auf konkrete Objekte oder Ereignisse. Was die Untersuchung hingegen nicht belegen konnte, war, dass solche Lautäußerungen absichtsvoll erfolgen.

„Menschen diskutieren, konstruieren abstrakte Gedankengebäude und äußern sich sprachlich über Vergangenes. Sie können spekulieren und Argumente anderer begreifen und widerlegen. Von tierischen Warnrufen ist das Welten entfernt.“

Seyfarth und Cheney fanden keine Belege dafür, dass die Meerkatzen eine Einsicht in ihre Handlungen haben. Ihre Lautäußerungen können demnach auch durch Assoziationslernen erworben sein. In weiteren Untersuchungen wurde versucht herauszufinden, ob die Kommunikation absichtsvoll erfolgt. Absichtsvolle Kommunikation findet dann statt, wenn einem Individuum bewusst ist, dass andere Individuen eine Situation möglicherweise anders einschätzen, zum Beispiel ein herannahendes Raubtier nicht wahrnehmen. In diesem Fall hat die Kommunikation das Ziel, andere auf die eigene Sichtweise hinzuweisen, konkret: sie zu warnen.
Noch lassen sich diese Untersuchungen nicht endgültig bewerten. Bislang gibt es aber keinen Beleg dafür, dass Primaten auch nur in Ansätzen begreifen, was sie tun, wenn sie kommunizieren. Ausschließen kann man es wohl nicht. Klar ist aber, dass Primaten – wie alle anderen Tiere – nur über gegenwärtige und sichtbare Dinge kommunizieren. Ein Austausch über vergangene oder kommende Dinge findet nicht statt.
Die Kommunikation der Menschenaffen lässt sich folglich nicht auf die gleiche Stufe stellen wie menschliche Sprache. Menschen diskutieren, konstruieren abstrakte Gedankengebäude und äußern sich sprachlich über Vergangenes. Sie können spekulieren und Argumente anderer begreifen und widerlegen. Von bloßen Warnrufen ist das Welten entfernt.

Täuschung und die Theorie des Geistes

Man hat beobachtet, dass Menschenaffen andere Individuen täuschen können. Deutet das nicht auf eine gewisse Intelligenz hin?[12] Primatenforscher haben herausgefunden, dass wild lebende Affen gelegentlich Warnrufe ausstoßen, wenn keine Gefahr vorhanden ist – um so andere Affen von Nahrung oder möglichen Partnern abzulenken. Auch hier ist nicht klar, ob den Affen bewusst ist, was sie tun. Um jemanden absichtsvoll zu täuschen, muss man über eine „Theorie des Geistes“ verfügen, das heißt eine Vorstellung davon haben, was im Kopf des anderen vorgeht.
Manche Forscher wie Richard Byrne räumen zwar ein, dass große Menschenaffen selbst im Vergleich zu kleinen Kindern nur sehr beschränkte Fähigkeiten haben, aber dennoch in Ansätzen über eine „Theorie des Geistes“ verfügten. [13] Für den Neurowissenschaftler Marc Hauser lassen die Studien zum Täuschungsverhalten jedoch offen, ob dabei absichtsvolles Handeln vorliegt. [14] Der Archäologe Steven Mithen gibt zu bedenken, dass „selbst die scheinbar überzeugendsten Beispiele durch Assoziationslernen erklärt werden können, ohne dass Intentionalität höherer Ordnung ins Spiel käme“.[15]
Selbst wenn man beobachtet, dass Affen einander täuschen, heißt das nicht, dass sie wissen, dass sie einander täuschen. Es genügt, dass die Affen geschickt dieses und jenes ausprobieren und dann bei Methoden bleiben, die ihnen Nahrung oder Schutz oder Sex einbringen – ohne zu begreifen, wie ihre Handlungen mit dem Ergebnis zusammenhängen.

„Dass Menschenaffen sich im Spiegel erkennen können, heißt nicht, dass sie wie Menschen über Selbsterkenntnis verfügen. Über die Phase, die Kinder in ihrem zweiten Lebensjahr erreichen, kommen sie nie hinaus.“

Selbstbewusstsein

Auch wenn es keine Belege dafür gibt, dass Affen über eine „Theorie des Geistes“ verfügen, könnte es sein, dass sie über eine Vorstufe einer solchen Theorie verfügen – also über rudimentäre Selbsterkenntnis. Dafür spricht, dass Menschenaffen, vom Menschen abgesehen, die einzigen Lebewesen sind, die ihr Spiegelbild erkennen.
Die Entwicklung des Selbstbewusstseins ist ein komplexer Prozess; verschiedene Elemente entwickeln sich zu unterschiedlichen Zeiten. Beim Menschen ist das Erkennen des eigenen Spiegelbilds nur ein Vorläufer der sich fortlaufend entwickelnden Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Selbsteinschätzung. Bei kleinen Kindern beschränkt sich die Selbsterkenntnis anfangs auf körperliche Merkmale. Im Laufe des Reifungsprozesses treten zunehmend auch psychologische Facetten hinzu. Wenn man kleine Kinder fragt, wer sie sind, werden sie sich äußerlich beschreiben – über ihre Haarfarbe oder das Geschlecht. Ältere Kinder ergänzen dies um innere Qualitäten, beispielsweise Gefühle oder Fähigkeiten.
Dass Menschenaffen sich im Spiegel erkennen können, heißt nicht, dass sie wie Menschen über Selbsterkenntnis verfügen. Über die Phase, die Kinder in ihrem zweiten Lebensjahr erreichen, kommen sie nie hinaus.

Wie Kinder sprechen und denken lernen

Der heutige Stand der Forschung liefert kein eindeutiges Bild der Fähigkeiten der Menschenaffen. Es spricht jedoch nichts dafür, dass Menschenaffen absichtsvoll handeln können. Wären sie dazu in der Lage, müssten sie schneller und vielseitiger lernen. Wie gering die Ansätze von so etwas wie Verständnis und Intelligenz bei Menschenaffen sind (so es sie überhaupt gibt), wird deutlich, wenn man vergleicht, wie sich das Denken bei Kindern entwickelt.
Peter Hobson, Professor für Entwicklungspsychologie und Verfasser von Wie wir denken lernen. Gehirnentwicklung und die Rolle der Gefühle, beschreibt es so: „Es ist stets schwierig, Dinge im Abstrakten zu erwägen. Das gilt im Besonderen dann, wenn es um eine so schwer zu greifende Angelegenheit geht wie die Entwicklung des Denkens. Einer der Vorzüge, kleine Kinder zu beobachten, liegt darin, dass man verfolgen kann, wie sich das Denken, ausgedrückt im Verhalten des Kindes, entwickelt.“[16] Bei älteren Kindern und Erwachsenen läuft das Denken bereits mehr im Verborgenen ab, während es bei Kindern, die gerade beginnen zu sprechen, noch weitgehend offen liegt.
Hobson wertet zahlreiche klinische und experimentelle Studien aus, um nachzuzeichnen, wie sich Menschen im vorgedanklichen Stadium austauschen. Bereits sehr kleine Kinder sind in der Lage, auf die Gefühle anderer zu reagieren. Das deutet darauf hin, dass Menschen das angeborene Verlangen haben, mit anderen in Austausch zu treten. Im Laufe der weiteren Entwicklung wandelt sich dieses Verlangen jedoch in etwas qualitativ anderes.
Im Alter von ungefähr neun Monaten beginnen Kinder damit, die Eindrücke, die sie von Dingen haben, mit anderen zu teilen. Sie beobachten die Reaktionen von Erwachsenen und reagieren, wenn sie sich einer neuen Situation gegenübersehen, auf deren Gesichtsausdruck oder Stimmlage und handeln entsprechend freudig oder ängstlich. Mitte des zweiten Lebensjahres wandelt sich diese Form des Austauschs zu einer bewussteren Form, in der Gefühle, Sichtweisen oder Überzeugungen ausgedrückt werden.
Kinder erkennen, dass Menschen Dingen Bedeutungen beimessen und diesen Symbole zugeordnet werden können. Nun beginnen Denken und Sprechen. Hobson schreibt: „An diesem Punkt lässt das Kind das Säuglingsstadium hinter sich. Mittels der Sprache und anderer, symbolisch vermittelter Formen tritt es ein in das Reich der Kultur.“
Der russische Psychologe Lew Wygotski (1896-1934) wies als erster nach, dass ein entscheidender Moment in der Individualentwicklung eintritt, wenn Sprache und praktische Intelligenz zusammenfinden.[17] Die Verbindung von Sprechen und Denken führt das Kind auf ein neues Niveau und macht es erst wirklich menschlich. Mittels der Sprache gelingt es den Kindern, ihr Verhalten zunehmend zu steuern.
Wygotski wies darauf hin, dass kleine Kinder häufig vor sich hin reden, wenn sie bestimmte Aufgaben bewältigen. Dieses „egozentrische Sprechen“ verschwindet nicht, es wandelt sich allmählich zu innerem Sprechen – dem Denken. Wygotski und Luria schlossen daraus, dass die Verbindung von Sprechen und Denken ein, wenn nicht das, entscheidende Element der Individualentwicklung ist.[18] Menschenaffen erreichen diese Entwicklungsstufe nicht einmal in Ansätzen.
Die Entwicklung der Sprache verändert grundlegend die Selbsterkenntnis des Kindes und sein Verständnis der anderen. Im Alter von drei oder vier Jahren haben die meisten Kinder eine „Theorie des Geistes“ entwickelt. Als mein Neffe Stefan drei Jahre alt war, erzählte er mir aufgeregt: „Das ist meine rechte Hand“ und hob seine rechte Hand. Und: „Das ist meine linke Hand“ und hob seine linke Hand. „Aber heute morgen“, erklärte er, „habe ich Papa gesagt, dass das meine linke Hand ist“ (und er hob die rechte) „und das meine rechte Hand“ (und er hob die linke). Er fand es lustig, dass er rechts und links verwechselt hatte. Ganz deutlich war dabei: Er hatte ein Verständnis dafür entwickelt, dass Menschen Überzeugungen haben und dass diese Überzeugungen auch falsch sein können.

Menschenfeindlichkeit

Vor etwa sechs Millionen Jahren trennten sich die Entwicklungslinien von Menschenaffen und Menschen. Die Menschenaffen haben sich seitdem in ihrem Verhalten und ihrer Lebensweise kaum verändert. Die Menschen hingegen sind nicht nur biologisch zu ganz anderen Wesen geworden, sie haben auch eine Kultur entwickelt, die es ihnen möglich macht, Wissen von Generation zu Generation weiterzugeben.

„Was von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene unterscheidet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.“

Die Menschenaffen haben in sechs Millionen Jahren möglicherweise 39 nur lokal zu beobachtende Verhaltensmuster entwickelt, die Werkzeuggebrauch und Kommunikation betreffen. Ihre Lebensart hat sich dadurch nicht gewandelt. Im Vergleich ändert sich unser Leben – die Technologie, die wir benutzen, medizinische Methoden oder die Art, wie wir in Beziehungen leben – innerhalb nur weniger Jahre erheblich. Die Behauptung, Menschenaffen seien uns sehr ähnlich, ist grotesk.
Hinter der Aufwertung der Tiere, die sich heute großer Popularität erfreut, verbirgt sich die Abwertung menschlicher Fähigkeiten.
Diese weit verbreitete Abwertung des Menschen bringt Dr. Roger Fouts vom Chimpanzee and Human Communication Institute zum Ausdruck, wenn er sagt: „Die Intelligenz hat uns nicht nur unseren Körpern entfremdet, sondern auch von unseren Familien, Gemeinwesen und der Erde selbst. Es könnte für das langfristige Überleben unserer Spezies ein großer Fehler sein.“[19]
Den Unterschied zwischen den Fähigkeiten von Menschen und Tieren brachte Karl Marx deutlich auf den Punkt: „Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das bei Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.“[20]
Stephen Budianskys Buch Wenn ein Löwe sprechen könnte erklärt, wie Tiere Informationen mit jeweils ganz speziellen Fähigkeiten verarbeiten und auf sie reagieren können.[21] Budiansky zeigt jedoch auch, dass Tiere oft ausgesprochen „dumme“ Dinge selbst in Situationen tun, die solchen sehr ähneln, in denen sie großes Geschick beweisen. Das liegt daran, dass sie sich viele Kniffe rein zufällig angeeignet haben und das Verhalten der Tiere hoch spezialisiert ist. Ihre Lernfähigkeit ergibt sich nicht aus allgemeiner Denkfähigkeit, sondern aus „spezialisierten Mustern, die den festgelegten Verhaltensweisen des Tieres genau angepasst sind.“
Wenn wir menschliche Eigenschaften auf Tiere projizieren, sind wir bestenfalls faul und sentimental. Durch diese Projektion begreifen wir weder Tiere noch unsere Einzigartigkeit als Menschen. Es liegt eine bittere Ironie darin, dass wir trotz unserer Fähigkeit, uns selbst und unsere Ursprünge zu erforschen und zu begreifen, immer mehr dazu neigen, eben diese Sonderstellung zu verneinen.