10.06.2010

Warum Fußball?

Kommentar von Stefan Chatrath

Krise hin, Krise her: Jetzt regiert König Fußball. Vorausgesetzt, man setzt die Übertragungen aus Südafrika nicht aufgrund permanenter Krisenberichterstattung aus Berlin ab.

Krise hin, Krise her. Jetzt regiert König Fußball. Zumindest für die nächsten vier Wochen. Überall in Deutschland sind, wie 2006, Live-Übertragungen geplant, auf öffentlichen Plätzen, in Sportbars, Clubs, Kinos und Kneipen. Public Viewing ist „in“. Nicht nur alle vier Jahre, sondern mittlerweile auch zwischendurch: 2,7 Millionen schauen Wochenende für Wochenende die Live-Übertragungen der Fußball-Bundesliga außer Haus – die meisten bei ihren Freunden oder in einer Kneipe. Mehr als jemals zuvor.

Was ist so faszinierend daran, Fußballspiele mit anderen zusammen zu schauen? Wie so vieles im Leben, ist die Begründung nicht monokausal. Als einer der wichtigsten Gründe, ein Fußballspiel zu verfolgen, gilt das Bedürfnis nach emotionaler Anregung und Stimulation. Der Fußball zieht seine Anziehungskraft vor allem aus der Spannung des sportlichen Wettkampfs sowie aus dem größeren Rahmen, in den der sportliche Wettkampf eingebettet ist. Ein Freundschaftsspiel interessiert somit eigentlich niemanden. Es muss um „etwas“ gehen. Insofern ist eine WM also das höchste der Gefühle.

Weil für den Zuschauenden für gewöhnlich nichts auf dem Spiel steht, nimmt er die Spannung als einen vergleichsweise angenehmen „Thrill“ wahr und kann sich so von den Problemen des Alltags ablenken. Tatsächlich ist das für viele ein Grund, in die Welt des Sports einzutauchen: Sie wollen bewusst zeitlich begrenzt mit der Alltagswelt brechen. So bietet der Besuch eines Spiels der Fußballbundesliga dem Zuschauer die Möglichkeit, Affekte öffentlich auszuleben („echte“ Gefühle). Das „Fansein“ vor Ort ist in der letzten Zeit allerdings immer stärker reguliert worden: Das Ausleben „echter“ Gefühle wird, wie es scheint, von den Verantwortlichen vor allem als Sicherheitsrisiko wahrgenommen. So ist mittlerweile eigentlich alles, was irgendwie zur Stimmung beitragen könnte, entweder verboten (Beispiel: Pyrotechnik) oder bis ins Kleinste („kaputt“) geregelt (Beispiel: Fahnenstocklänge, die gerade noch zulässig ist). Kein Wunder, dass das der Stimmung vor Ort nicht unbedingt förderlich ist. Viele „echte“ Fans sprechen gar davon, dass die Stätten professionellen Fußballs heute „klinisch rein“ seien. Vermutlich ist das einer der wichtigsten Gründe dafür, dass mittlerweile so viele von ihnen das „Public Viewing“ vorziehen.

Ein weiterer Grund, der Fußball-WM als „Public Viewer“ zu folgen, kann die „besondere“ Atmosphäre sein, die dadurch entsteht, dass das Spiel in einer Gruppe gesehen wird. Das gemeinsame Zuschauen befriedigt einerseits das Anschluss-Intimitäts-Motiv und damit den Wunsch des Einzelnen nach sozialen Kontakten mit seiner Umwelt. Zudem entsteht andererseits häufig so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den „Public Viewern“ – ein positives Erleben von Gemeinschaft, wie es öffentlich in größeren Gruppen heute eigentlich nur noch selten vorkommt. Anders jedoch als z.B. in einer politischen Partei oder Gewerkschaft ist hier das „Zusammenkommen“ Selbstzweck, es wird eben „nur“ versucht, das Anschluss-Intimitäts-Motiv zu befriedigen und nicht mehr. Es ist somit vor allem eigentlich ein „Gefühl“, das die Menschen zusammenbringt, der Wunsch nach Nähe und sozialer Wärme, und nicht ihr „Kopf“.

Fußballfans haben zudem die Angewohnheit, die Erfolge der von ihnen favorisierten Mannschaft, Verein oder Nationalteam, als ihren „eigenen“ Erfolg wahrzunehmen. Dieses Triumpherlebnis, das Gefühl, (durch die Unterstützung anderer selbst) etwas „Besonderes“ geleistet zu haben, auch als „basking-in-reflected-glory“ (BIRG) bezeichnet, kann dazu beitragen, das Selbstwertgefühl des Einzelnen zu steigern. Das Selbstwert-Motiv als Grund für ein generelles Interesse am Fußball ist letztlich auf das Bedürfnis nach Zufriedenheit mit dem Selbstbild sowie dem Streben nach Identität und sozialer Anerkennung zurückzuführen. Der Einzelne versucht, Selbstwertschätzung zu erlangen, indem er Mitglied in einer Gruppe wird, mit der er sich positiv identifizieren kann, d.h., deren spezifisch soziale Vorstellungen er als attraktiv für die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit wahrnimmt.

Der Profifußball nimmt hier heute einen großen Stellenwert ein: 34,5 Millionen der Deutschen bezeichnen sich als Fan einer Profifußball-Mannschaft – mehr als jemals zuvor. Energien, die früher für die Mitarbeit in Gewerkschaften, Politik, Kirche usw. „geströmt“ wären, fließen somit heute mehr denn je in einen der wenigen scheinbar noch funktionierenden und greifbaren Bereiche des öffentlichen Lebens: den Profifußball. So schrieb z.B. schon 2004 der Freiburger Soziologe Klaus Theweleit in „Tor zur Welt“: „… mit dem Einreißen der Berliner Mauer und dem Untergang der alten Ostblockgesellschaften [wurde] vielen Menschen hier ein geistiges Betätigungsfeld genommen …, das … durch eine ungeheure Menge öffentlichen Fußballs ersetzt wird. Fußball hier, Fußball da. Im Fernsehen wie in den Stadien. Er stopft offenbar gewisse Löcher. … Kannten sich die Leute vor drei Jahrzehnten noch bestens in den diversen chinesischen Wegen zur deutschen Revolution aus, kommentieren sie heute versiert die Verschiebungen der fußballerischen Gemengelagen.“

Das große Interesse am Fußball lässt somit nur bedingt aus der Sportart selbst erklären. Es sind immer auch Entwicklungen aus anderen Teilbereichen der Gesellschaft, die wirken. Fakt ist: Es gibt wohl keine andere Sportart, in der so viele Kinder sozialisiert werden – und somit von klein auf, wie Ökonomen sagen, „Konsumkapitel“ aufbauen, d.h. Wissen über die Sportart, das beim Zuschauen hilft, das Gesehene zu interpretieren, und die Grundlage dafür bildet, es überhaupt wertschätzen zu können.

Ganz gleich wo, mit viel anderen und aus welchen Gründen Sie die Fußball-WM 2010 verfolgen werden: Ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei! Ach ja… das hätte ich beinahe vergessen: Auch der Wunsch, seine Freizeit mit einer Spaß und Freude bereitenden Tätigkeit zu verbringen, ist ein Grund für viele, ein Fußballspiel live zu verfolgen. Wie konnte ich das nur vergessen? Wohl, weil ich als Berliner und Hertha-Fan in der letzten Zeit so wenig Spaß daran hatte. Aber das Trauern ist jetzt vorbei, jetzt ist WM!