11.03.2022

Warum die TERF-Debatte frauenfeindlich ist

Von Hel Eichhorn

Titelbild

Foto: KylaBorg via Flickr / CC BY 2.0

Frauen, die Transfrauen z.B. darauf hinweisen, dass nur biologische Frauen menstruieren können, werden Opfer der Cancel Culture. Der Feminismus bleibt bei der Transideologie auf der Strecke.

Seit vielen Jahrhunderten, gar Jahrtausenden herrscht eine verbreitete Frauenverachtung. Während all dieser Zeit wurden sie unterdrückt und versklavt und all dies aufgrund ihres biologischen Geschlechts. Lange Zeit ertrugen die Frauen dies meist stumm und stoisch und fügten sich in ihr Schicksal. Um überleben zu können, passten sie sich ihrem männlich dominanten Umfeld an, blieben unsichtbare Helfer und Bewahrer des Lebens. Auch ihren Charakter passten sie an diese sozialen Gegebenheiten, wodurch, so kann man vermuten, internalisierte Misogynie (die sogenannte Stutenbissigkeit) entstand.

Da sie nicht mit Männern konkurrieren durften, sie von Männern abhängig waren, versuchten sie Konkurrentinnen auszustechen, die ihnen ins Gehege kamen. Auch ihr Gemüt bekam einen besonderen Stempel verpasst. Hartnäckig hält sich etwa die Annahme, Frauen seien generell zu emotional und nicht in der Lage, logisch zu denken. Aber auch wenn wir uns in der westlichen Welt für besonders emanzipiert halten, so kann man doch feststellen, dass man Frauen nicht immer ernst nimmt, und dass ihnen das leicht zum Verhängnis werden kann.  Eine empörte Frau wird in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch anders beurteilt, als ein wütender Mann. Mehr noch, sie kann dafür sogar hart bestraft werden, wenn sie versucht zu ihrem Recht zu kommen, selbst wenn sie sich dabei um Transparenz und Verständnis bemüht.

Ein Versuch an der University of Arizona gibt darüber Aufschluss:

„Wissenschaftler stellten dazu in einem Experiment mit 210 Studenten Gerichtsverhandlungen nach. Beide Geschlechter benutzten exakt dieselben Argumente. Wenn die Frau diese Argumente wütend vortrug, wurde sie als emotional eingestuft: Die Zuhörer glaubten ihr nicht, übrigens unabhängig davon, welches Geschlecht sie selbst hatten. Beim Mann war es genau umgekehrt: Wütende Männer wurden als glaubwürdiger wahrgenommen als nicht wütende Männer. Ein Indiz dafür, dass sich gezeigte Wut für Frauen nicht lohnt, denn sie bekommen dadurch keine Bestätigung von anderen.“

Wann ist eine Frau eine Frau?

Ich denke, dass dieser Umstand maßgeblich zu der Debatte beiträgt, wovon hier die Rede sein soll. Meiner Ansicht nach, geht es um eine neue Form der Misogynie, die sich seit einiger Zeit in verschiedenen Medien beobachten lässt. Dabei werden einige Frauen verbal angegriffen, gesellschaftlich niedergemacht und es wird sogar die Forderung erhoben, das Wort Frau ganz zu tilgen, da es „Menschen mit Uterus [gebe], die keine Frauen sind“  Als veraltetes Konzept, das ausgedient hätte.

Aber es gibt sehr wohl Frauen, die weiterhin Frau genannt werden wollen. Eben jene Frauen, die dafür eintreten, weiterhin Frau sein zu dürfen und auch nicht damit einverstanden sind, dass das Konzept Frau überholt und für überflüssig erklärt wird, stehen derzeit am Pranger der (un)sozialen Medien.

„Studien zur Genetik haben herausgefunden, dass sich laut aktuellem Stand rund 6500 Gene bei den Geschlechtern unterscheiden.“

Es geht um dabei um „woke Aktivisten“, die im Namen einer Trans- und queeren Community gegen sogenannte TERFs („Trans-Exclusionary Radical Feminists“) vorgehen. Der Begriff TERF soll radikale Feministinnen bezeichnen, die transgeschlechtliche Personen in Frage stellen oder sie diskriminieren, indem sie deren Existenz nicht akzeptieren oder gar leugnen. Er wird dazu verwendet, eine Person zu brandmarken und sie damit im besten Fall zum Verstummen zu bringen, so sollte es beispielsweise im Falle von Professorin Kathleen Stock und der Schriftstellerin J. K. Rowling geschehen.

Auslöser war ein Tweet von J. K. Rowling, die sich mit Maya Forstater solidarisierte, welche aufgrund einer angeblich transphoben Äußerung „Männer können keine Frauen werden.“ gefeuert wurde. Danach ging der Shitstorm und die Beschimpfung der Autorin als TERF los, wodurch dieser Begriff aus einschlägigen Kreisen in den Mainstream schwappte und seine Tragweite erhöhte. Es begann eine Debatte um sogenannte Transfeindlichkeit und darum, ob der Begriff der Frau ausgedient habe und somit eine Alternative dafür gefunden werden müsse.

In einem NZZ-Artikel heißt es dazu:

„Befürworter des Begriffs ‚menstruierende Person‘ fordern kompromisslose politische und inklusive Korrektheit im Hinblick auf die Trans-Community, zum Schutz der Individualität und der Gefühle des Einzelnen. Weil es aber biologische Gegebenheiten gibt, um die man nicht herumkommt, bleibt der Frau am Ende nur noch die Menstruation als Kennzeichen ihrer Identität.“

Die Periode als einziges Merkmal einer Frau. Ist dem so? Und ist dieser Begriff wirklich so gewählt, dass sich niemand diskriminiert und verletzt fühlt? Es gibt biologische Frauen, die die diese Begrifflichkeit als „feindselig und entfremdend“ empfinden. Zumal es berechtigte Zweifel daran gibt, dass die Periode wirklich das einzige Merkmal ist, welches eine biologische Frau von einer „definierten“ Frau unterscheidet. Studien zur Genetik haben herausgefunden, dass sich laut aktuellem Stand rund 6500 Gene bei den Geschlechtern unterscheiden. Beispielweise ist die Mutationsanfälligkeit von Zellen bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen. Aber auch das Herz, die Muskulatur und das Gehirn weisen genetische Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf.

„Es sind Frauen, denen ihr Geschlecht abgesprochen werden soll, dabei wollen jene, die die Streichung des Wortes Frau fordern, eben dieses weibliche Geschlecht für sich beanspruchen.“

Neben den biologischen Besonderheiten kommen die Erziehung und der soziale Umgang, die ein Individuum in entscheidender Weise geschlechtlich prägen. Und auch wenn das persönlich empfundene Geschlecht im Gegensatz zum biologischen Geschlecht steht, so behandelt einen die Umwelt doch oft nach dem äußerlich sichtbaren Geschlecht. Heißt im Klartext, eine Transfrau wird sozial erst wirklich zur Frau, wenn sie äußerlich eindeutig als Frau wahrgenommen werden kann.

Diese Fragen kann man natürlich ausblenden, aber sie lassen sich nicht einfach wegwischen und den Personen in die Schuhe schieben, die auf sie aufmerksam machen. Ebenso wenig sollten Menschen dafür verurteilt werden, ihre Fragen öffentlich zu stellen oder Bedenken zu äußern.

Doch genau dies hat sich zu einer großen Debatte und zu einer Art „Medien-Krieg“ ausgeweitet. Dabei ist die effektivste Waffe der Begriff TERF. Eine Person, die man mit diesem Begriff belegt, ist also in jedem Fall eine transausschließende radikale Feministin, was eine böswillige Unterstellung ist, wenn nicht sogar einer Diffamierung gleichkommt. Nicht jeder Kritiker einer Sache schließt die Sache als solches aus. Die Frage ist auch, warum trifft diese Bezeichnung Feministinnen? Warum werden Frauen hier zum Feindbild deklariert? Es sind Frauen, denen ihr Geschlecht abgesprochen werden soll, dabei wollen jene, die die Streichung des Wortes Frau fordern, eben dieses weibliche Geschlecht für sich beanspruchen. Eine paradoxe Forderung, an welcher Kritik völlig legitim sein sollte.

Wenn man aber einer Person einen medialen Stempel aufdrücken möchte, um gegen sie Stimmung zu machen und andere einfacher von der eigenen Ideologie zu überzeugen, so eignet sich nichts besser, als diese Person mit einem knackigen Kampfbegriff zu belegen. So fällt es leichter, sich gegen diese Person zu richten, denn man richtet sich nicht mehr gegen ein Individuum mit Fehlern und Schwächen, sondern gegen ein Etikett, einen gemeinsamen „Feind“.

Canceln als Frauenhass

J. K. Rowling begab sich mit einer vergleichsweise winzigen Äußerung via Twitter auf ein Schlachtfeld besonderer Güte, als die Frage stellte, ob es nicht einen gängigen Begriff für „Menschen, die menstruieren“ gebe. War dies der Tropfen, den es benötigte, um das TERF-Fass zum Überlaufen zu bringen? Denn TERF-verdächtig hatte sie sich ja bereits vorher gemacht, indem sie sich mit einer anderen als TERF gebrandmarkten Frau solidarisierte. Auch die Versuche, ihre Sichtweise zu erklären, dem Ganzen das Schwarz-Weiße zu nehmen, endeten nur in noch mehr Shitstorms gegen sie.

Die Cancel Culture hat allen Ernstes solche Wellen geschlagen, dass viele Menschen dazu aufgerufen haben, die Harry-Potter-Bücher und sonstige Werke J. K. Rowlings zu verbrennen. Ein Schulflügel, der nach ihr benannt werden sollte, erhält nun doch einen anderen Namen. Ebenso soll das Quidditch-Spiel, welches den Harry-Potter-Büchern nachempfunden ist, umbenannt werden, um sich von der „transfeindlichen“ Autorin zu distanzieren. Zum 20. Jahrestag des Erscheinens des ersten Harry-Potter-Films startete die Streamingplattform HBO Max ein Special mit vielen Mitwirkenden. Die Schöpferin selbst kommt dort nur noch als Randnotiz mit alten Aufnahmen von ihr vor. Neue Aufnahmen mit Rowling würden aufgrund ihrer Äußerungen zu besagtem Fall nicht mehr gedreht.

„Genau genommen geht es hierbei auch um eine Bevormundung von Frauen durch biologische Männer, die Frauen ihre Geschlechtlichkeit streitig machen wollen.“

Es ist nicht bei einigen wenigen geblieben, die sich über die Worte Rowlings echauffieren, sondern es haben sich zwei Lager gebildet. Jene für und jene gegen sie, wobei jene für sie prinzipiell verdächtig sind. Denn sie stellen sich gegen die Moralinstanz, welche die alleinige Wahrheit für sich beansprucht und von allen anderen verlanget, der gleichen Meinung wie sie zu sein.

Diese Moral trägt faschistische Züge. So hat die Professorin Kathleen Stock ihren Lehrstuhl an der University of Sussex aufgegeben, da sie die Anfeindungen gegen sie nicht mehr ertrug. Ihre Ansichten über die Bezeichnung des Wortes „Frau“ stießen manchen so übel auf, dass sie sie als sogenannte TERF brandmarkten und sie somit zu einer Art medial „vogelfreien“ Person geworden ist, die man anfeinden und fertig machen darf und vielleicht auch sollte. Denn wie ist es sonst zu erklären, dass sie ihren Posten aufgrund des hohen Drucks räumte? Man kann das als „moderne Hexenjagd auf als Frau geborene Frauen, die sich exklusiv ‚Frauen‘ nennen möchten“, verstehen. Zwei Sichtweisen prallen hier aufeinander, die im Gegenüber einen Angreifer sehen. Gibt es diesen Angreifer wirklich, oder hätte es nicht auch geholfen, sich gegenseitig einmal zuzuhören?

Geht es um „transausschließende“ Sichtweisen, so werden dafür hauptsächlich Frauen angefeindet. Dies geht aber nicht nur von Menschen aus, die persönlich betroffen sind, sondern auch von woken Aktivisten, die die Position vertreten, dass Geschlecht nicht von der biologischen Seite betrachtet werden darf. Die daraus resultierende moralische Vorstellung ist nicht mehr einfach nur eine Idee, sondern wird zum sozialen Imperativ, der für alle gelten soll.

Meiner Meinung nach entsteht vor unseren Augen eine neue Form des Frauenhasses. Denn es sind biologische Frauen, die dafür verantwortlich gemacht werden, dass Transfrauen nicht in das Frau-Sein inkludiert würden. Aber ist dem wirklich so? Und wie fair ist das den Frauen gegenüber, die man als TERF angefeindet? Ist die Gesellschaft es bereits so gewohnt, dass Frauen beiseitetreten, wenn man sie anfeindet und ihnen ihre Ansichten streitig machen will, dass man völlig aus der Haut fährt, wenn manche Frauen sich eben nicht den Mund verbieten lassen, sondern für ihre Ansichten eintreten? Genau genommen geht es hierbei auch um eine Bevormundung von Frauen durch biologische Männer, die Frauen ihre Geschlechtlichkeit streitig machen wollen, und diese Geschlechtlichkeit zugleich für sich selbst beanspruchen möchten.

Transfrauen verdrängen Frauen

Interessant ist auch der Fall Tessa Ganserer. Ganserer outete sich 2018 als Frau, ist aber physisch nach wie vor männlich. Nach ihrer Aussage sei ein Penis nicht per se ein männliches Geschlechtsorgan. 2021 kandidierte Ganserer für die Grünen im Bundestag und zwar auf einem Frauenquotenplatz. Die Grünen lassen eine Eigendefinition des Geschlechts zu, allerdings wurde dieser Umstand dann ohne Wenn und Aber von der Bundestagsverwaltung übernommen. Wäre hier ein kritisches Hinterfragen nicht richtig und wichtig gewesen? Die feministische Zeitschrift Emma berichtete über diesen Fall und wird dafür angegriffen, transfeindlich zu sein. 

Die Gesellschaft erwartet von Frauen, ausgeglichener zu sein, damit sie in gleicher Weise wahrgenommen werden wie Männer. Männer haben es nicht nur wesentlich leichter, ihre Meinung zu äußern, sie werden auch besser verstanden und gehört. Wäre es da verwunderlich, dass als Männer aufgewachsene Transfrauen eher gewillt und in der Lage sind, sich lautstark gegen etwas zu äußern, was ihnen nicht passt oder was sie verletzt? Man könnte sogar die These aufstellen, dass sie auch besser in ihrem Unmut verstanden werden, denn egal, wie sehr sie im Inneren eine Frau sein mögen, so werden sie von der Außenwelt doch oft (noch) als männlich wahrgenommen. Daher haben sie gegenüber Frauen den Vorteil, sich Gehör zu verschaffen und in ihrem Unmut wahrgenommen und verstanden zu werden, ohne dass es ihnen falsch ausgelegt würde.

„Der öffentliche Diskurs verfällt in genau die angestaubten Klischees, die viele schon lange überwunden glaubten.“

In diesem Zusammenhang ist die Dynamik der Debatte wenig überraschend, denn die Rechtfertigungen der als TERF angeklagten Frauen, klangen für deren Gegner wie Schuldeingeständnisse. Jedes weitere Wort, das den Streit schlichten sollte, ist wie Öl, welches die Beschuldigten selbst ins Feuer schütteten. Das Mittel, was jedoch geholfen hat, war der Rückzug aus der Öffentlichkeit, denn genau das sollte anscheinend erreicht werden. Wieder einmal sollten Frauen sich zurückziehen und das Recht der anderen Seite lassen, ohne dass sie wirklich dazu gekommen wären, eine ernsthafte Diskussion zu führen oder ernst genommen zu werden.

Dramatisch dabei ist, dass es in dieser Debatte eben darum gehen sollte, alte Rollenbilder aufzureißen und neu zu belegen. Und dennoch verfällt der öffentliche Diskurs in genau die angestaubten Klischees, die viele schon lange überwunden glaubten. Aber es scheint nicht aufzufallen und so sind wieder die Frauen die Leidtragenden, die erneut mit Spott, Hohn und Demütigung umgehen müssen, obwohl sie nur auch das möchten, was ihnen zusteht: eine Frau sein zu dürfen und darauf stolz sein zu können.

Ihnen das abzusprechen, es erneut mit etwas Negativem zu belegen, würde also nicht „zum Schutz der Individualität und der Gefühle der Einzelnen“ beitragen, sondern dazu führen, dass die Hälfte der Gesellschaft ihre Identifikation verlöre. Die Fortschritte in der Gleichberechtigung würden zurückgeworfen in eine Zeit, die längst überwunden gewesen schien.